Annie Ernaux

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Annie Ernaux, 2016

Annie Ernaux, geborene Duchesne, (geb. 1. September 1940 in Lillebonne, Seine-Maritime) ist eine französische Schriftstellerin. Ihr literarisches Werk ist im Wesentlichen autobiographisch.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernaux verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Yvetot in der Normandie. Sie wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihre Eltern waren zunächst Arbeiter und betrieben später ein kleines Ladengeschäft mit Café. Ernaux studierte an der Universität Rouen und in Bordeaux. Sie unterrichtete am Gymnasium in Bonneville[1], am Collège d’Évire in Annecy-le-Vieux, in Pontoise und am Centre national d'enseignement à distance (CNED)[2].

Literarische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ernaux publizierte 1974 ihren ersten autobiographischen Roman Les Armoires vides. 1984 erhielt sie für La Place den Prix Renaudot.

Der 2008 publizierte Roman Les Années wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Ebenfalls 2008 erhielt sie den Prix de la langue française für ihr Gesamtwerk[3].

2011 publizierte sie L'Autre Fille, einen Brief an ihre Schwester. Diese war mit sechs Jahren verstorben, zwei Jahre vor der Geburt Erneaux'. [4] Ebenfalls 2011 erschien L'Atelier noir, eine Sammlung von Notizen, Plänen und Gedanken zu ihrem Werk. Die Anthologie Écrire la vie erschien ebenfalls 2011 in «Quarto». Darin enthalten sind neben den meisten ihrer autobiographischen Werke zusätzlich Fotografien und Tagebuchausschnitte.

Im April 2016 publizierte sie ein weiteres autobiographisches Werk, Mémoire de fille, in welchem sie sich mit dem Sommer 1958 beschäftigt.[5] In diesem Sommer war sie 18 Jahre alt und machte in einer Ferienkolonie ihre erste sexuelle Erfahrung. Sie beschreibt dieses extrem brutale Erlebnis[6] als "Erinnerung der Scham":

„la grande mémoire de la honte, plus minutieuse, plus intraitable que n'importe quelle autre. Cette mémoire qui est en somme le don spécial de la honte“

Annie Ernaux: Mémoire de fille[7]

Ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt; die englischen Übersetzungen erscheinen in Seven Stories Press.[8]

Auf Deutsch kamen Erzählungen und die Romane Sich verlieren (2003, frz. 2001), Eine vollkommene Leidenschaft: die Geschichte einer erotischen Faszination (2004, frz, 1999), Gesichter einer Frau (2007, frz. 1989) und Die Jahre (2017, frz. 2008) heraus.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Annie Ernaux gilt als „eine der prägendsten Stimmen der Französischen Gegenwartsliteratur“.[9] Sie wird im universitären Umfeld positiv rezipiert und ihr Werk ist Gegenstand zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten.[10][11] In der Literaturkritik wird ihr Werk vorwiegend positiv rezipiert, von einzelnen Stimmen hingegen als „Zurschaustellen des Elends“ oder „banale und unglaubliche Anmassung“ beurteilt. Mémoire de fille wurde „ein Geruch nach Mottenkugeln“ attestiert, man habe „den Eindruck, dasselbe schon tausendmal“ von ihr gelesen zu haben.[12] Andere hingegen führen die grosse Popularität und die unmittelbare Verbundenheit zwischen Autorin und Leserchaft auf das grosse Talent von Ernaux zurück, die den schneidenden Stil ihrer ersten Romane zu einer klassischen Strenge weiterentwickelt habe.[13] Ihre trockene, minimalistische und kalt erscheinende écriture plate verberge vielleicht die Tränen: „cette froideur cache peut-être des larmes“[14] Nathalie Crom lobt Les Années als grosses und schönes Buch, in welchem ihre Meisterschaft zur Blüte komme.[15] Ernaux erhalte seither ausserordentliche Aufmerksamkeit durch Literaturkritik und Leserschaft; die Publikation von Les Années habe allgemeinen Beifall ausgelöst.[16] Nils Minkmar bewertete Die Jahre als „Meisterwerk“. Sie habe „eine Klasse, die vielen ihrer männlichen Kollegen fehlt“.[17]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen und Ehrung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Prix Renaudot 1984 für La Place
  • Prix Marguerite-Duras 2008 für Les Années
  • Prix François Mauriac für Les Années
  • Prix de la langue française 2008 für ihr Gesamtwerk
  • Doctor honoris causa durch die Université de Cergy-Pontoise 2014[20]
  • Premio Feronia-Città di Fiano 2014, Ehrung als eine fremdsprachige Autorin, für La Place
  • Premio Strega Europeo 2016 für Les Années und für die italienische Übersetzung durch Lorenzo Flabbi

Ernaux ist Namensgeberin des "Prix Annie-Ernaux", einem mit 1000 € dotierten Preis für nicht veröffentliche Texte zu vorgegebenen Themen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heike Ina Kuhl: "Du mauvais goût": Annie Ernauxs Bildungsaufstieg als literatur- und gesellschaftskritische Selbstzerstörung: eine Untersuchung ihres Werks mithilfe textlinguistischer, psychologischer und soziologischer Kriterien. Niemeyer, Tübingen 2001, ISBN 978-3-484-55035-3. Zugl. Diss. phil. Universität Freiburg im Breisgau 1997. Reprint de Gruyter, Berlin 2016, ISBN 9783110910254
  • Roswitha Böhm: Annie Ernaux. Von Glück und Entfremdung, in: Französische Literatur der Gegenwart. Ein Autorenlexikon. Hgg. Petra Metz, Dirk Naguschewski. C. H. Beck, München 2001, S. 86–89
  • Siobhan McIlvanney: Annie Ernaux. The return to origins. Liverpool University Press 2001
  • Karen Struve: "Les artistes de l'intime": erotische Körper im Spannungsfeld zwischen Intimität und Öffentlichkeit bei Christine Angot, Catherine Millet und Annie Ernaux. Lit, Münster 2005 ISBN 978-3-8258-8958-6 Zugl. Diss. phil. Universität Bremen. Prix Germaine de Staël 2008
  • Le vrai lieu. Interview mit Michelle Porte. Gallimard, Paris 2014 ISBN 978-2-07-014596-6
  • Robert Kahn, Laurence Macé, Françoise Simonet-Tenant (Hgg.): Annie Ernaux: l'intertextualité; mit Beiträgen von Michèle Bacholle-Bošković, Pierre-Louis Fort, Nathalie Froloff und 13 weiteren Autoren. Presses universitaires de Rouen et du Havre, Mont-Saint-Aignan 2015 ISBN 979-10-240-0464-8
  • Eva Kimminich: Macht und Magie der Worte. Zur Funktion des Schreibens im Werk Annie Ernaux'. In: Wolfgang Asholt, Hg.: Intertextualität und Subversivität. Studien zur Romanliteratur der achtziger Jahre in Frankreich. Reihe: Siegen, Beiträge zur Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaft, 120. Winter, Heidelberg 1994, S. 149-159
  • Eva Marlene Heubach: „Etre ethnologue de soi-même“. Realismus der Referenz und Annie Ernaux' „Les Années“ (2008), in Frankreich. Jahrbuch für europäische Ethnologie, 6. Hg. Heidrun Alzheimer u.a. Görres-Gesellschaft. Schöningh, Paderborn 2011 ISSN 0171-9904 S. 69 - 91

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Annie Ernaux – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Héloïse Kolebka: Annie Ernaux : "Je ne suis qu'histoire" (= L'Histoire. Nr. 332). Juni 2008, ISSN 0182-2411 (18 S., presse.fr)..
  2. Interview mit Annie Ernaux. Centre Gallimard de l'enseignement, abgerufen am 16. Oktober 2017.
  3. Annie Ernaux : prix de la langue française. Etat-critique.com, archiviert vom Original, abgerufen am 16. Oktober 2017.
  4. Bernard Desportes: Annie Ernaux et l'autre fille. Bibliobs, 7. März 2011, abgerufen am 16. Oktober 2017.
  5. Fiche de l'ouvrage Mémoire de fille, Gallimard.
  6. "Mémoire de fille" d'Annie Ernaux, récit de l'été douloureux de ses 18 ans. Radio Télévision Suisse, 1. Juni 2016, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  7. Mémoire de fille'Gallimard, 2016, S.18-19
  8. About Seven Stories Press. Seven Stories Press, abgerufen am 16. Oktober 2017.
  9. Annie Ernaux: Ein Werk am Puls der Zeit. Universität Freiburg, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  10. Annie Ernaux: Documentation critique. Auteurs contemporains: Discours critique sur les œuvres de littérature contemporaine, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  11. Grégoire Leménager: Annie Ernaux: “Je voulais venger ma race". L’Obs, 15. Dezember 2011, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  12. Marianne Grosjean: «Mémoire de fille» d'Annie Ernaux sent la naphtaline. Tribune de Genève, 15. April 2016, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  13. Marie-France Savéan: La Place et Une femme d'Annie Ernaux. Gallimard, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  14. Marie-France SAVEAN: La Place et Une Femme d’Annie Ernaux. Paris, Gallimard, 1994, S. 192. Zitiert nach Lucie Chytilová:« L’écriture plate » dans les œuvres La Place, Une Femme et La Honte d’Annie Ernaux. Brno 2011, S. 6
  15. Nathalie Crom: Les Années, Annie Ernaux. Telerama, 4. Februar 2008, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  16. Sergio Villani, « Éditorial », LittéRéalité, 2008
  17. Nils Minkmar: Weiblicher Proust. Spiegel Online, 26. August 2017, abgerufen am 18. Oktober 2017.
  18. Finck in der Übersetzer-Datenbank des VdÜ, 2017
  19. Auszug in Den gegenwärtigen Zustand der Dinge festhalten. Zeitgenössische Literatur aus Frankreich. die horen, 62, 267, Herbst 2017
  20. Annie Ernaux, docteur d’honneur de l’UCP communiqué de presse sur le site de l'université de Cergy-Pontoise, le 21 novembre 2014
  21. Der Titel bezieht sich auf das Massaker von Paris