Anonyme Bestattung

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Grabplatte für einen unbekannten KZ-Häftling auf dem Friedhof Scheppau

Anonyme Bestattung steht für namenlose Bestattung. Bei einer anonymen Bestattung wird an der Beisetzungsstelle auf jeglichen Namenshinweis verzichtet. Eine anonyme Bestattung ist meist eine wirtschaftlich günstige Form der Bestattung.[1]

Meist wird eine Feuerbestattung vorausgesetzt, so ist Anonymität der Seeurnenbestattung immanent, exklusiv gilt dies für eine Urnenbestattung auf Friedhöfen. Auf vereinzelten Friedhöfen ist eine anonyme Ganzkörperbeerdigung möglich. Da die individuelle Gestaltung des Grabes ausgeschlossen ist, entfällt die Verpflichtung zur Pflege des Grabs. Anonyme Grabfelder auf Friedhöfen bieten üblicherweise eine zentrale Ablagestelle für Blumen und Grabutensilien.

Der Begriff anonyme Bestattung bezeichnet im öffentlichen Gebrauch oft eine Bestattung, bei der weder Ort noch Zeitpunkt der Bestattung öffentlich bekannt sind.

Gründe für die Wahl einer anonymen Bestattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bestattungen auf gesonderten Flächen sind bereits geraume Zeit in Umsetzung des Wunschs der Verstorbenen üblich geworden. Mit steigenden Bestattungskosten sind insbesondere Menschen der unteren Einkommensschicht genötigt, eine anonyme Bestattung in Anspruch zu nehmen. Wirtschaftliche Erwägungen wie beim Wegfall des Sterbegeldes in Deutschland im Jahre 2004 verstärkten die ökonomischen Ursachen. In der Bestattungsvorsorge durch den noch Lebenden wird häufiger der Wunsch nach einer anonymen Bestattung geäußert, was weniger von ökonomischen Gründen als vom Wunsch „niemandem“ zur Last zu fallen abhängt.

In den 1970er-Jahren begann ein Wandel des Totenkults mit dem verstärkten Trend zu anonymen Bestattungen. Die Ansichten zum Umgang mit dem Tod ändern sich fließend und die Vorstellungen von Körper und Natur beeinflussen diesen Übergang. Die Entscheidung zur Form der Bestattung und des Grabes wird von unterschiedlichen Faktoren, wie soziale Lage, sexuelle Identität, religiöse Überzeugungen und lokaler Gemeinschaft, bestimmt.

Weitere Gründe können sein

  • Nichtidentifizierbarkeit des Verstorbenen. Beispielsweise bei Verstümmelung oder bei Kriegs- oder Katastrophenopfern (Grabmal des unbekannten Soldaten, Massengrab, Genozid).[2]
  • Wissenschaftliches Anschauungsobjekt. Beispielsweise Lehrleichen der Anatomie oder Pathologie oder Schulskelette.[3]
  • Schutz vor Grabraub oder Leichendiebstahl.
  • Schutz der Stätte vor Zugriff der Öffentlichkeit. Wenn beispielsweise verhindert werden soll, dass eine Grabstätte unerwünscht zur Pilgerstätte wird, so beispielsweise bei Osama bin Laden (Seebestattung an geheimem Ort), der unbekannten Grabstätte von John Lennon oder Grabstätten von Verbrechern des Nationalsozialistischen Regimes. Oder um einer Grabschändung vorzubeugen, wenn es sich bei dem Toten um eine gesellschaftlich geächtete Person handelte (z.B. Amokläufer oder terroristische Attentäter) oder die Person aus anderen Gründen mit feindschaftlichen Aktionen zu rechnen hatte (beispielsweise Grabschändung jüdischer Gräber durch Neonazis, oder bei politisch umstrittenen Personen).
  • Schutz von Hinterbliebenen und Angehörigen. Oft sind Angehörige der oben genannten Personengruppen Anfeindungen ausgesetzt. Eine anonyme Beerdigung und ein anonymes Grab können verhindern helfen, dass Angehörige während der Beisetzung oder bei späteren Besuchen der Grabstätte mit solchen Anfeindungen direkt konfrontiert werden.

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit galt Selbstmord als schweres Vergehen. Selbstmörder wurden post mortem wie Kriminelle gerichtlich verurteilt, oft zu einer unehrenhaften Beisetzung ohne Grabstein oder ganz ohne Grabstätte durch Verfüttern oder Verstreuen der Körperteile oder Asche des Leichnams, das sogenannte Eselsbegräbnis.

Kritik an der anonymen Bestattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Totenkult wird zwangsläufig von Lebenden getragen und Bedenken zur anonymen Form der Bestattung sind vorzugsweise darin begründet, dass ein fester Ort zum Abschiednehmen und Trauern nötig sei. Anonymität der Totenasche entzieht diese dem friedhofskulturellen Gedenken.

Anonym bestattete Persönlichkeiten (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Traute Helmers: Anonym unter grünem Rasen. Eine kulturwissenschaftliche Studie zu neuen Formen von Begräbnis- und Erinnerungspraxis auf Friedhöfen. Dissertation. Online-Publikation 2005 (Kurzfassung).
  • Norbert Fischer: Auf dem Weg zum anonymen Grab. In: Norbert Stefenelli (Hrsg.): Körper ohne Leben. Begegnung und Umgang mit Toten. Böhlau, Wien 1998, S. 261–268.
  • Sven Friedrich Cordes: Bestattungsvorsorge: Gründe für die Wahl anonymer Bestattungen. In: Sven Friedrich Cordes: „Ich will ja niemandem zur Last fallen!“ Sozialwissenschaftliche Perspektiven auf die Ökonomisierung im Bestattungswesen. Grin, München 2012 (online).
  • Dominic Akyel: Die Ökonomisierung der Pietät. Der Wandel des Bestattungsmarkts in Deutschland. Campus, Frankfurt/New York, 2013, ISBN 9783593398785.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kosten der anonymen Bestattung. In: Bestattungsplanung.de. Abgerufen am 13. August 2016.
  2. Grabstätte unbekannter KZ-Häftlinge. In: Alemannia Judaica. Abgerufen am 13. August 2016.
  3. Schüler organisieren anonyme Beerdigung für Schul-Skelett. In: Stern (Zeitschrift). Abgerufen am 13. August 2016.