Anschlag auf den US-Stützpunkt in Beirut 1983

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Explosionswolke nach dem Anschlag

Der Anschlag auf den US-Stützpunkt in Beirut ereignete sich am 23. Oktober 1983 während des Libanesischen Bürgerkrieges. Die Explosionen zweier sprengstoffbeladener Lkw, gesteuert von Selbstmordattentätern, zerstörten Gebäude, in denen Soldaten des US Marine Corps und französische Fallschirmjäger der Multinationalen Streitkräfte im Libanon (MNF) untergebracht waren. FBI-Gutachter gaben später an, die Bombe habe mindestens 6000 Kilogramm Sprengstoff enthalten und damit „die gewaltigste nicht-atomare Explosion auf Erden seit dem Zweiten Weltkrieg“ ausgelöst.[1] Dabei wurden insgesamt 299 Soldaten und 6 Zivilisten getötet, darunter 241 US-Soldaten. Eine Gruppe namens Islamischer Dschihad in Palästina übernahm die Verantwortung für das Attentat und nannte als Ziel die Vertreibung der MNF aus dem Libanon. Der Anschlag hatte den Abzug der internationalen Friedenstruppen aus dem Libanon zur Folge. Sie waren seit dem Libanonkrieg 1982 dort stationiert gewesen.

Ablauf des Anschlags[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gebäude der US-Marines
Ablauf des Anschlags

Am 23. Oktober 1983 gegen 06:20 Uhr fuhr ein gelber Mercedes-Benz-Lieferwagen zum Flughafen Beirut, wo sich das Hauptquartier des 1. Bataillons des 8. Marineregiments der 2. US-Marineinfanteriedivision befand. Der Lieferwagen nahm eine Zufahrtsstraße zum eingezäunten Gelände der US-Marines und drehte auf einem Parkplatz. Dann beschleunigte der Fahrer und rammte den Stacheldrahtzaun, der den Parkplatz umschloss, brach zwischen zwei Wachposten durch ein Tor und raste in die Eingangshalle des Hauptquartiers. Die Wachposten trugen ihre Waffen zum Zeitpunkt des Angriffs gemäß den Rules of Engagement zwar geladen, aber gesichert über der Schulter und konnten daher nicht schnell genug reagieren.

Der Selbstmordattentäter zündete die Ladung mit der Sprengkraft von ca. 5.400 kg TNT. Die Wucht der Explosion ließ das vierstöckige Schlackenbetongebäude in sich zusammenbrechen und begrub dabei viele Soldaten unter sich. Ungefähr 20 Sekunden später ereignete sich ein identischer Anschlag auf das Gebäude „Drakkar“, in dem die 3. Kompanie des 1. Fallschirmjägerregiments der 11. Fallschirmbrigade (11ème Brigade Parachutiste) der französischen Armee einquartiert war. Der zweite Attentäter fuhr seinen Lieferwagen über eine Rampe in die Tiefgarage des Gebäudes, zündete seine Bombe und machte das Gebäude „Drakkar“ damit dem Erdboden gleich.

Direkte Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bergungs- und Aufräumarbeiten zogen sich über Tage hin. Dabei waren die Rettungskräfte durch Störfeuer von Heckenschützen bedroht. Einige Überlebende barg man aus den Trümmern und flog sie in Krankenhäuser auf der Basis Akrotiri der Royal Air Force auf Zypern sowie in amerikanische und deutsche Krankenhäuser in der Bundesrepublik Deutschland aus.[2]

Bei den Anschlägen wurden 241 US-Soldaten getötet, davon 220 US-Marines, 18 Matrosen der US Navy und 3 Angehörige des Heeres. Beim zweiten Anschlag auf die französischen Streitkräfte starben 58 Fallschirmjäger, 15 überlebten verletzt. Zudem kamen ein älterer libanesischer Wächter des Gebäudes der US-Marines sowie die Frau und die vier Kinder eines libanesischen Hausmeisters des französischen Gebäudes ums Leben.[3] Die US-Streitkräfte hatten seit dem ersten Tag der Tet-Offensive 1968 mit 243 Toten keine derart hohen Verluste an einem Tag erlitten; für das US Marine Corps war der 23. Oktober 1983 der schwärzeste Tag seit Iwojima im Zweiten Weltkrieg (1945). Dort waren an einem Tag 2.500 Marines gefallen. Die französische Armee hatte seit dem Algerienkrieg nicht mehr soviel Soldaten an einem einzigen Tag verloren.[4]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

US-Präsident Ronald Reagan nannte den Anschlag eine „verabscheuungswürdige Tat“ (despicable act) und versprach die militärische Präsenz im Libanon aufrechtzuerhalten. US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger sagte, dass es keine Änderung der US-Strategie für den Libanon geben werde. Am 24. Oktober 1983 besuchte der französische Präsident François Mitterrand den französischen Ort des Anschlags. Es war kein offizieller Besuch und er blieb auch nur ein paar Stunden.[5] Zwei Tage später, am 26. Oktober, besuchte der US-Vizepräsident George H. W. Bush den Ort, an dem das Gebäude der Marines gestanden hatte, und sagte, dass „sich die Vereinigten Staaten nicht von Terroristen einschüchtern lassen würden“ (would not be cowed by terrorists).

Was eine direkte militärische Antwort betraf, blieb die US-Regierung zunächst unentschlossen. Versuche, Israel für eine Offensive gegen Syrien als vermuteten Drahtzieher des Anschlags zu gewinnen, scheiterten. Schließlich wurde die US-Marinepräsenz vor der libanesischen Küste bis Mitte November zu einer Flugzeugträgerkampfgruppe verstärkt. Von See gestartete Kampfflugzeuge flogen im November und Dezember Aufklärungsmissionen im Bekaa-Tal und wurden von der dort stationierten und durch sowjetische Berater verstärkten syrischen Luftabwehr beschossen. Allerdings erfolgte dies meist mit Rohrwaffen. Bis zu diesem Zeitpunkt richtete keine der Bemühungen der syrischen Truppen Schäden an einem US-Flugzeug an.[6]

Als Antwort auf die Anschläge führten die Franzosen einen Luftschlag auf die Bekaa-Ebene gegen Positionen der Iranischen Revolutionsgarde aus. US-Präsident Reagan plante mit seinem Nationalen Sicherheitsrat einen Angriff auf die Scheich-Abdullah-Kaserne in Baalbek im Libanon, von der vermutet wurde, dass die Iranische Revolutionsgarde hier Hisbollah-Kämpfer ausbilden würde.[7] Diese Operation war für den 14. November terminiert, wurde jedoch wieder abgesagt. Die Gründe dafür bleiben bis heute unklar.[6]

Am 3. Dezember wurden in der Bekaa-Ebene nach Rohrwaffenbeschuss zehn Luftabwehrraketen gegen ein US-Flugzeug auf Aufklärungsmission gestartet. Der Nationale Sicherheitsrat der USA beschloss für den 5. Dezember einen Luftangriff auf die syrischen Stellungen. Wegen wechselnder Befehlslage flog das dafür vorgesehene Geschwader mehrere Warterunden über der See. Als die Flugzeuge erneut Kurs nahmen, waren die syrisch-sowjetischen Truppen auf den Anflug vorbereitet und schossen zwei Flugzeuge ab. Ein Pilot kam dabei ums Leben. Sein Navigator wurde von den Syrern gefangen genommen und Anfang 1984 nach persönlichen Verhandlungen von Jesse Jackson mit der syrischen Regierung freigelassen.[6]

Die Truppen des US Marine Corps wurden auf See stationiert, wo sie nicht angegriffen werden konnten. Am 7. Februar 1984 befahl US-Präsident Reagan den Abzug der US-Marines aus dem Libanon, welcher bis zum 26. Februar abgeschlossen war. Der Rest der multinationalen Streitkräfte wurde bis zum April abgezogen.

US-Präsident Reagan beauftragte den pensionierten Admiral Robert L. J. Long mit der Untersuchung des Anschlags. Dieser stellte in seinem Bericht einerseits fest, dass gravierende Sicherheitsmängel vorgelegen hatten – der Zugang zum Gebäude war durch einfachen Stacheldraht versperrt gewesen, andererseits war die Mehrheit der US-Offiziere der Auffassung, dass ein direkter Zusammenhang zwischen dem Beschuss der muslimischen Seite im Bürgerkrieg durch die amerikanische Marine und dem Anschlag bestand.[8]

Beurteilung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oberst Timothy J. Geraghty, Kommandeur der US-Marines in Beirut sagte später zum Anschlag: „Es ist zu erwähnen, dass die USA die libanesische Armee mit direkter militärischer Hilfe unterstützte – was ich eine Woche lang heftig kritisierte – das Dorf Suq-al-Garb wurde am 19. September beschossen. Die Franzosen führten einen Luftschlag am 23. September gegen das Bekaa-Tal durch. Die amerikanische Unterstützung zerstörte jeden Glauben an unsere Neutralität und ich sagte meinem Stab, dass wir mit Blut für diese Entscheidung zahlen müssen.“[9] Colin Powell, der zum damaligen Zeitpunkt für den US-Verteidigungsminister Caspar Weinberger arbeitete, schrieb „nachdem die USA die Schiiten beschossen hatten, hatten diese den Eindruck, der Schiedsrichter USA hätte sich auf eine Seite geschlagen.“[10]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

US-Präsident Ronald Reagan und Ehefrau Nancy begrüßen im Libanon und auf Grenada verwundete US-Soldaten, 4. November 1983

Es ist bis heute nicht klar, wer für den Anschlag verantwortlich ist. Jedoch haben verschiedene militante schiitische Gruppen die Verantwortung übernommen. Eine davon, die Freie Islamische Revolutionsbewegung, identifizierte die Attentäter als Abu Mazen und Abu Sijaan.[11] Eine andere Möglichkeit der Verantwortlichkeit sind die militanten Gruppen, die sich später zur Hisbollah, unterstützt vom Iran und Syrien, zusammenschlossen, als Urheber der Anschläge.[12] Die Hisbollah, Iran und Syrien bestreiten aber bis heute jegliche Beteiligung, vor einem US-Gericht wurde der Iran jedoch 2007 zur Zahlung von 2,65 Milliarden US-Dollar an die Hinterbliebenen verurteilt.[13]

In der amerikanischen Öffentlichkeit war die Stationierung von Truppen in dem unübersichtlichen Bürgerkrieg im Libanon von ihrem Anfang im Sommer 1982 an umstritten gewesen. Befürchtet wurde ein Hineingezogenwerden in den Konflikt nach Vorbild des Vietnamkriegs. Diese öffentliche Stimmung war neben der Lage im Libanon ein Grund für den Abzug der US-Truppen.[6]

Der beschriebene Anschlag und ein früherer Anschlag auf die US-Botschaft in Beirut im April 1983 brachten den Inman Report, eine Neubewertung der Sicherheitslage von US-Einrichtungen auf der ganzen Welt durch das US-Außenministerium, hervor.

In seinem Buch „Der Mossad“[14] behauptete der ehemalige Katsa Victor Ostrovsky, dass der Mossad von den Anschlagsplänen wusste, die US-Nachrichtendienste jedoch nicht informierte. Als Grund vermutete er, dass Israel die US- und französischen Truppen aus dem Libanon haben wollte, um frei operieren zu können.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Anschlag auf den US-Stützpunkt in Beirut 1983 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Robin Wright: Die Schiiten – Allahs fanatische Krieger. SPIEGEL-Buch, Hamburg 1985, S. 70.
  2. Bericht des US-Verteidigungsministeriums (englisch)
  3. French Troops Heard Blast at Marine Headquarters, Then … (The Associated Press vom 30. Oktober 1983)
  4. Robin Wright: Sacred Rage. Simon and Schuster, 2001, S. 72.
  5. http://www.ina.fr/video/CAB01019515/index-video.html
  6. a b c d Magnus Seland Andersson, Hilde Henriksen Waage: Stew in Their Own Juice: Reagan, Syria and Lebanon, 1981–1984. In: Diplomatic History. Band 44, Nr. 4, September 2020, S. 664–691, doi:10.1093/dh/dhaa036.
  7. Anne Dammarell et al. v. Islamic Republic of Iran (Memento vom 26. September 2003 im Internet Archive) (United States District Court for the District of Columbia; PDF; englisch)
  8. http://www.lewrockwell.com/orig4/bovard1.html
  9. http://www.usni.org/magazines/proceedings/story.asp?STORY_ID=1616
  10. Colin L. Powell and Joseph Persico: My American Journey. Ballantine Books, ISBN 0-345-40728-8.
  11. 1983: Beirut blasts kill US and French troops (BBC; englisch)
  12. What Is Hezbollah? (The Washington Post vom 17. Juli 2006; englisch)
  13. flf/AFP: US-Gericht: Milliardenstrafe gegen Iran verhängt. In: Focus Online. 8. September 2007, abgerufen am 14. Oktober 2018.
  14. Victor Ostrovsky (mit Claire Hoy:) Der Mossad. Ein Ex-Agent enthüllt Aktionen und Methoden des israelischen Geheimdienstes. Bertelsmann, 1991, Buch-Nr. 04880 1 („By Way of Deception“, Toronto, 1990). ISBN 3-442-15066-3 (Goldmann Sachbuch als TB: ISBN 3-426-77022-9).

Koordinaten: 33° 49′ 45″ N, 35° 29′ 41″ O