Anschlag in Ankara 2015

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Die Bombenexplosion ereignete sich vor dem Hauptbahnhof von Ankara

Am 10. Oktober 2015 wurden zwei Selbstmordattentate in der türkischen Hauptstadt Ankara verübt. Bei der Explosion von zwei Sprengsätzen starben 102 Menschen[1] und mehr als 500 wurden verletzt.[2] Es handelt sich um den schwersten Terroranschlag in der Geschichte der Türkei.[3] Der Anschlag wurde durch die Terrororganisation Islamischer Staat verübt. Es gab aber kein Bekenntnis der Terrororganisation.

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Bündnis linker Parteien und Gewerkschaften hatte zu einer Friedensdemonstration am 10. Oktober in Ankara aufgerufen. Hauptorganisatoren waren die kurdische Dachorganisation Demokratische Partei der Völker (HDP) und die Gewerkschaft Konföderation der im öffentlichen Dienst beschäftigten Arbeiter (KESK), die für ein Ende des Konflikts zwischen der türkischen Regierung und der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK werben wollten. Ziel des sich formierenden Demonstrationszuges war der Sihhiye-Platz in Ankara. Gegen 10 Uhr Ortszeit explodierten während der Demonstration zwei Sprengsätze.[4]

Hintergrund und Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Türkei ist durch ihre geografische Lage als Frontstaat an der Grenze zu Syrien, wo seit Jahren ein Bürgerkrieg zwischen dem Regime von Präsident Baschar al-Assad und verschiedenen Oppositionsgruppen herrscht, starken Belastungen ausgesetzt. In der Nähe der Südostgrenze der Türkei hat sich besonders die Terrororganisation „Islamischer Staat“ ausgebreitet. In der Türkei leben etwa 2,5 Millionen syrische Flüchtlinge, viele von ihnen aus der vom IS verwüsteten kurdischen Region Rojava. Der Kampf um Kobanê endete Anfang 2015 mit einem Rückzug des IS.

Bei der Parlamentswahl im Juni 2015 war der HDP mit 13,1 Prozent als erster kurdischer Partei die Überwindung der 10-Prozent-Sperrklausel und der Einzug ins nationale Parlament gelungen. Auch nicht-kurdische Türken hatten die Partei gewählt, da sie sich gegen Erdoğans Pläne zur Einführung eines Präsidialregimes einsetzte.[5][6]

Die amtierende Regierung stufte den Angriff als Terrorakt ein und ordnete nach dem Anschlag eine dreitägige Staatstrauer an.[7] In einer Stellungnahme sprach Ministerpräsident Davutoğlu davon, dass es sich dabei um zwei Selbstmordattentate handle, bei denen einer der Attentäter fast identifiziert wurde.[8][9] Angesichts der von Teilen der Veranstalter der Demonstration gegen seine Regierung erhobenen Vorwürfe warf er diesen vor, das Volk gegen den Staat aufhetzen zu wollen, und nannte die Vorwürfe eine „Provokation“.[10] Laut Medienberichten verdächtigen die Ermittler die Terrororganisation Islamischer Staat (IS), da einer der Attentäter kurz davor „Allahu akbar“ (Gott ist groß) rief und die Sprengsätze große Ähnlichkeiten mit den Sprengsätzen vom Anschlag in Suruç haben.[11] [12] [13]

Nach Einschätzungen der HDP war sie selbst Ziel des Doppelanschlags, so seien die Bomben inmitten von HDP-Anhängern detoniert. Laut HDP hätten Augenzeugen berichtet, es habe sich um zwei Selbstmordattentäter gehandelt. [14] Der Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtaş, sprach von einem Massaker. Der Vorfall ähnele den Anschlägen in Diyarbakır und Suruç: Mitglieder seiner Partei wollten an einer Kundgebung teilnehmen und wurden dann zum Opfer eines Anschlages. Die Demonstranten machten die Regierung und den mutmaßlich mit ihr assoziierten sogenannten „Tiefen Staat“ für die Anschläge verantwortlich.[6]

Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 14. Oktober 2015 wurden die Namen der Selbstmordattentäter von der türkischen Regierung veröffentlicht. Einer der Selbstmordattentäter war gleichzeitig der Bruder des Attentäters vom Anschlag in Suruç. Beide Brüder kämpften für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS).[15] Die Presse nannte neben den Namen der zwei mutmaßlichen Attentäter auch ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe aus dem mehrheitlich kurdisch bewohnten Adıyaman, die nach einem ihrer führenden Köpfe, Mustafa Dokumacı, die Dokumacı-Gruppe genannt wird. Die Gruppe wird auch für den Anschlag in Suruç sowie ein Bombenattentat auf eine Wahlveranstaltung in Diyarbakır kurz vor der Parlamentswahl in der Türkei Juni 2015 verantwortlich gemacht.[16]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zahl der Ankara-Anschlagsopfer steigt auf 102. Handelsblatt, 16. Oktober 2015, abgerufen am 18. Oktober 2015.
  2. nachrichten.at/apa: Zahl der Todesopfer von Anschlag in Ankara auf 99 gestiegen. In: nachrichten.at. 15. Oktober 2015, abgerufen am 15. Oktober 2015.
  3. Deniz Yücel: Anschlag in Ankara schürt Verschwörungstheorien. In: welt.de. 10. Oktober 2015, abgerufen am 16. Oktober 2015.
  4. Deutsche Welle/djo/stu (afp, dpa, rtr): Mindestens 97 Tote bei Anschlag in türkischer Hauptstadt Ankara – Aktuell Europa – DW.COM – 10.10.2015. In: dw.com. 10. Oktober 2015, abgerufen am 10. Oktober 2015.
  5. Hasnain Kazim: Terror in der Türkei: Verheerender Anschlag in Ankara - Dutzende Tote. In: Spiegel Online. 10. Oktober 2015, abgerufen am 10. Oktober 2015.
  6. a b Türkei: Anschlag auf Friedensdemonstration in Ankara. In: zeit.de. 10. Oktober 2015, abgerufen am 10. Oktober 2015.
  7. Ankara: Ministerpräsident benennt erste Verdächtige. In: zeit.de. 11. Oktober 2015, abgerufen am 12. Oktober 2015.
  8. Davutoğlu: Ankara'daki Saldırıda Bir İsme Çok Yaklaşıldı. In: haberler.com. 12. Oktober 2015, abgerufen am 12. Oktober 2015 (türkisch).
  9. Selbstmordattentäter offenbar identifiziert. In: stuttgarter-nachrichten.de. 12. Oktober 2015, abgerufen am 12. Oktober 2015.
  10. Angespannte Lage in der Türkei: Tausende demonstrieren gegen Erdogan. tagesschau.de, 10. Oktober 2015, archiviert vom Original am 11. Oktober 2015, abgerufen am 10. Oktober 2015.
  11. +++ Türkei-Krise im News-Ticker +++ Attentäter von Ankara rief „Gott ist groß“ – Ermittler gehen von IS-Attacke aus. In: Focus Online. 11. Oktober 2015, abgerufen am 12. Oktober 2015.
  12. Deniz Yücel, Adiyaman: Türkei gibt Namen der Attentäter bekannt. In: welt.de. 14. Oktober 2015, abgerufen am 15. Oktober 2015.
  13. Michael Rubin: Update on Ankara Bombing Investigation. In: Commentary Magazine. 21. Oktober 2015, abgerufen am 7. April 2016.
  14. n-tv Nachrichtenfernsehen: Blutbad in Ankara: Türkische Regierung macht Verdächtige aus - n-tv.de. In: n-tv.de. 10. Oktober 2015, abgerufen am 10. Oktober 2015.
  15. Inga Rogg: Die Selbstmordattentäter sind identifiziert. In: nzz.ch. 14. Oktober 2015, abgerufen am 15. Oktober 2015.
  16. Der IS in der Türkei - Eine Stadt kämpft um ihren Ruf (Memento vom 28. November 2015 auf WebCite), nzz.ch, 8. November 2015, von Inga Rogg.

Koordinaten: 39° 56′ 11″ N, 32° 50′ 37,7″ O