Mord an Samuel Paty

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Am Nachmittag des 16. Oktober 2020 wurde der französische Lehrer Samuel Paty in der Nähe seiner im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine gelegenen Mittelschule auf offener Straße enthauptet. Täter des Mordanschlags war ein islamistisch motivierter 18-Jähriger tschetschenischer Herkunft. Polizisten erschossen den bewaffneten Täter bei dem Versuch, ihn festzunehmen.[1] Es war das fünfte islamistische Attentat in Frankreich im Jahr 2020.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Geschichts- und Geografielehrer Samuel Paty, ein 47-jähriger Familienvater,[2][3] hatte an seiner Schule, dem Collège du Bois-d’Aulne in Conflans-Sainte-Honorine, am Montag, 5. und Dienstag, 6. Oktober 2020,[4] wie im Lehrplan vorgesehen,[5] in zwei verschiedenen Klassen der gleichen Jahrgangsstufe zum Recht auf Meinungsfreiheit unterrichtet. Dabei nutzte er bereits seit einigen Jahren jeweils auch die aus der Satirezeitschrift Charlie Hebdo bekannten Mohammed-Karikaturen.[6] Bevor er den Schülern die Karikaturen zeigte, darunter eine, die den Propheten Mohammed mit nacktem Hintern zeigt,[7] stellte Paty allen Anwesenden frei, das Klassenzimmer zu verlassen (Montag), bzw. den Blick abzuwenden (Dienstag)[8], falls die Karikaturen sie beleidigen könnten.[9][10][11]

Eine 13-jährige Schülerin, die im Unterricht Patys in ihrer Klasse am 6. Oktober aufgrund Krankheit fehlte,[12][4][9][13] berichtete ihrem Vater Brahim C. von Patys Unterrichtsstunde.[14] Brahim C. verbreitete daraufhin ab dem Abend des 7. Oktober[4] in sozialen Netzwerken, Paty habe die islamischen Schüler aufgefordert, die Hand zu heben, das Klassenzimmer zu verlassen und dann das Bild eines Nackten gezeigt, der der Prophet sei. Brahim C. werde diese Schande nicht durchgehen lassen, der Lehrer müsse entlassen werden. Brahim C. rief seine "Brüder und Schwestern" dazu auf, "an die Schule zu schreiben, an das CCIF [eine französische Organisation gegen Islamophobie], an die Schulaufsicht, den Bildungsminister oder den Präsidenten"[15]. Er werde morgen bei der Schulleitung vorstellig werden, da seine Tochter für zwei Tage von der Schule ausgeschlossen worden sei[16]. Weiter veröffentlichte er ein Video zu dem Thema, in dessen Kommentaren später die Namen der Schule und des Lehrers erschienen[16]. Paty selbst bestritt bei seiner Vernehmung durch die Polizei am 12. Oktober ausdrücklich, muslimischen Schülern das Verlassen des Klassenraums nahegelegt zu haben.[9] Der zweitägige Schulverweis stand nicht im Zusammenhang mit den Ereignissen, sondern war aufgrund von Problemen im Verhalten und des wiederholten Zuspätkommens der Schülerin ausgesprochen worden[17].

Brahim C. wurde bei seiner Kampagne von Abdelhakim Sefrioui unterstützt, einem seit Ende der 1980er-Jahre in der Pariser Region aktiven, den Sicherheitsbehörden bekannten Islamisten. Dieser veröffentlichte am 11. Oktober ein aufhetzerisches Video gegen Paty in den sozialen Medien.[4][18]

Am 8. Oktober kam Brahim C., begleitet von Abdelhakim Sefrioui, zur Schule, um sich zu beschweren. Die Schulleiterin bezeichnete am 9. Oktober in einer Email an das gesamte Kollegium Patys vorgebliche Segregation zwischen muslimischen und nichtmuslimischen Schülern als „Ungeschicklichkeit“ und unbeabsichtigte Diskriminierung. Am Folgetag distanzierten sich zwei Lehrer von Patys Verhalten, da es die Vertrauensbeziehung zu den Familien der Schüler unterbrochen habe. Ein anderer Kollege schrieb, Paty habe der Meinungsfreiheit einen schlechten Dienst erwiesen, gegen die Laizität gearbeitet und Schüler aufgrund ihrer Religion oder Herkunft diskriminiert. Paty antwortete, ihm mache die Hetzkampagne in den sozialen Medien zu schaffen; er werde die Untersuchung durch die Schulaufsicht abwarten und im nächsten Schuljahr das Thema Meinungsfreiheit anhand eines anderen Beispiels unterrichten[19].

Nachdem Brahim C. Strafanzeige gegen Paty wegen des Zeigens von Pornographie vor Minderjährigen[10][20] gestellt hatte, wurde dieser für den 12. Oktober 2020 auf die Polizeiwache von Conflans-Sainte-Honorine zur Vernehmung bestellt.[9] Er selbst erstattete als Reaktion auf C.s Strafanzeige seinerseits eine Anzeige wegen Verleumdung und übler Nachrede.[21]

Medienschaffende sehen den Mord an Samuel Paty im Kontext einer zunehmenden Einflussnahme eines politisierten Islams im Klassenzimmer. Lehrer, unter anderem in Frankreich, erklären in Medien, dass sie sich oft selbst zensieren, weil einige Themen im Unterricht nicht mehr behandelt werden könnten. Im Biologieunterricht ist es zum Beispiel die Evolutionstheorie, die auf Widerstand stößt. Im Französischunterricht sind es Religionskritiker wie Voltaire oder weibliche Freigeister wie die Hauptfigur aus Madame Bovary, die abgelehnt werden.[22] Der Generalinspektor Jean-Pierre Obin, der Verfasser des Obin-Berichts, bestätigte in seinem Rapport für das französische Bildungsministerium aus dem Jahre 2004, dass der Islamismus eine Herausforderung für Lehrende darstelle; er nannte unter anderem Selbstzensur als ein Hauptproblem.[23] Der Bildungsminister Jean-Michel Blanquer hat der in der französischen Lehrerschaft stark verbreiteten linksgerichteten Ansicht, die Muslime seien prinzipiell als Opfer von Diskriminierung und sozialer Benachteiligung anzusehen und deshalb mit Rücksicht zu behandeln (sog. „Islamogauchisme“), den Kampf angesagt.[19]

Der spätere Attentäter Abdulach Ansorow hatte vor dem Mord bereits drei mögliche Opfer ins Visier genommen, war jedoch daran gescheitert, ihre Adressen herauszufinden. Dann stieß er im Internet auf das Video von Brahim C. und kontaktierte diesen per Telefongespräch sowie über den Onlinedienst WhatsApp.[13][14] Die Schwester von Brahim C. war 2014 nach Syrien gereist, um sich dem „Islamischen Staat“ anzuschließen.[10]

Tathergang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Ermittlungen zufolge ließ sich der islamistisch motivierte Täter Abdulach Abujesidowitsch Ansorow am 16. Oktober 2020, dem letzten Schultag vor den zweiwöchigen Herbstferien, von einem Freund per Auto von seinem Wohnort in Évreux nach Conflans-Sainte-Honorine bringen und am frühen Nachmittag in der Nähe der Schule, an der Samuel Paty unterrichtete, absetzen.[24] Gegen 14 Uhr befragte Ansorow vor der Schule mehrere Schüler nach Aussehen sowie Gewohnheiten von Paty. Ansorow zahlte ihnen für Auskünfte bzw. Hilfe bei der Identifizierung insgesamt 300 Euro.[25] Er sagte ihnen, er wolle Paty filmen, ihm eine Entschuldigung abverlangen, ihn demütigen und schlagen.[26] Er erfuhr so, dass Paty die Schule zu Fuß verlasse und dabei eine nahe gelegene Grünanlage durchquere.[10][27] Nach mehr als zwei Stunden Wartezeit identifizierten zwei Schüler Paty, als er das Schulgebäude verließ.[26]

Gegen 16:30 Uhr stach Ansorow mehrmals auf den Bauch und die Arme seines Opfers ein und enthauptete es schließlich mit einem 35 cm langen Messer[1][28] an der Rue du Buisson Moineau, einer Straße im Nachbarort Éragny-sur-Oise,[29] 500 m von der Schule entfernt. Er rief dabei mehrmals „Allahu akbar“. Zwischen 16:38 und 16:59 Uhr schilderte Ansorow über den Onlinedienst Instagram seine Tat einem russischsprachigen Kontakt im syrischen Idlib.[30][31] Um 16:57 Uhr veröffentlichte Ansorow auf Twitter ein Foto des Kopfs seines Opfers mit dem vor der Tat erstellten Text „[..] An Macron, Herrscher der Ungläubigen, ich habe einen deiner Höllenhunde exekutiert, der es gewagt hat, Mohammed zu erniedrigen. [..]“[10][32] Einen Screenshot des Tweets sowie eine Audio-Nachricht mit dem Inhalt „Meine Brüder, betet dafür, dass Allah mich als Märtyrer aufnimmt“ sandte Ansorow danach seinem Kontakt in Idlib. Dieser antwortete „Allahu akbar“.[33]

Ansorow wurde von Polizisten 300 m vom Tatort entfernt gestellt.[34] Nach Polizeiangaben versuchte er, die Beamten anzugreifen, und schoss mit einer Softairwaffe fünfmal auf die Polizisten. Er habe sich geweigert, seine Waffe fallen zu lassen. Drei Polizisten erwiderten das Feuer und brachten Ansorow zu Fall. Als er versuchte, wieder aufzustehen, um mit einem dolchartigen Messer erneut anzugreifen, erschossen die Polizisten ihn um 17:07 Uhr.[1][35] Sein Körper wies neun Schusswunden auf.[1] Um einen Sprengstoffgürtel an Ansorows Körper ausschließen zu können, untersuchten zunächst Sprengstoffexperten seine Leiche, fanden aber keine explosiven Materialien.[20]

Täter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Täter Abdulach Abujesidowitsch Ansorow (russisch Абдулах Абуезидович Анзоров, wiss. Transliteration Abdulakh Abuezidovich Anzorov) wurde nach Angaben des Generalstaatsanwaltes der Antiterrorstaatsanwaltschaft am 12. März 2002 in Moskau geboren. Seine Familie stammt aus Tschetschenien.[1] Ansorow und seine Familie hatten Russland im Juni 2007 verlassen und beantragten in der Folgezeit Asyl in Frankreich. Nach einem längeren Anhörungsverfahren wurde dieser Antrag schließlich am 19. November 2010 von der zuständigen Behörde, dem Office français de protection des réfugiés et apatrides (Ofpra), abgelehnt, da die Schilderungen des Vaters der Familie über die Verfolgungsgründe als nicht überzeugend und stereotyp eingestuft wurden. Dieser Ablehnungsbescheid wurde erst nach einer Klage vor der Berufungsinstitution für Asylangelegenheiten, dem Cour nationale du droit d’asile (CNDA), am 25. März 2011 aufgehoben, was den weiteren Aufenthalt in Frankreich ermöglichte.[36][37] Ansorow verfügte über einen am 4. März 2020 erteilten Aufenthaltstitel mit einer Gültigkeit von zehn Jahren. Er war wegen Beschädigung öffentlichen Eigentums sowie gemeinschaftlich begangener Gewalttaten polizeibekannt. Für diese Taten, die Ansorow noch als Minderjähriger begangen hatte, war es zu keinen Verurteilungen gekommen.[1] Ansorow lebte in Évreux, rund 80 km vom Tatort entfernt. Er hatte keinerlei Verbindungen zu seinem Opfer.[38] Vor seiner Tat hatte er versucht, über soziale Medien Kontakt mit den Urhebern der Hasskampagne gegen Samuel Paty, Brahim C. und Abdelhakim Sefrioui, aufzunehmen.[39]

Ansorow war in keiner Gefährderdatei der französischen Behörden verzeichnet, und es lag insbesondere über ihn keine Fiche S vor.[1] Nach dem Anschlag wurde jedoch bekannt, dass spätestens seit Juli 2020 mehrere Beiträge Ansorows in sozialen Medien als illegale Hassrede gemeldet und gelöscht worden waren, darunter auch ein Beitrag auf Twitter sechs Tage vor dem Attentat. Die entsprechende Meldeplattform Pharos der französischen Ermittlungsbehörden erhält jede Woche im Mittel etwa 4500 Meldungen. Mitte September 2020 hatte Ansorow nach einem Bericht der Zeitung Le Parisien zudem über den Onlinedienst Instagram Kontakt zu einer Person in der von Dschihadisten gehaltenen Stadt Idlib in Syrien.[40] Am 4. Oktober teilte er zwei Personen über Snapchat mit: „Es gibt keinen Zweifel, dass in Idlib ein wahrer Dschihad stattfindet [...], und die Gruppe, der man sich zur Zeit am besten anschließen sollte, ist Haiʾat Tahrir asch-Scham.“[41]

Familienmitglieder Ansorows erklärten den Ermittlungsbehörden, er habe sich spätestens ein halbes Jahr vor dem Anschlag radikalisiert; andere Bekannte gaben an, dies sei bereits mehr als ein Jahr vor dem Verbrechen geschehen. Auf seinem Mobiltelefon wurde ein Foto vom 30. Juli 2020 gefunden, auf dem er in der Pose eines islamischen Märtyrers zu sehen ist, mit einem Finger dem Himmel entgegengestreckt.[41]

Strafrechtliche Ermittlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die französische nationale Antiterrorstaatsanwaltschaft PNAT (Parquet national antiterroriste) übernahm noch am Tattag die Ermittlungen.[42] Die Polizei nahm mehrere Personen vorläufig fest. Neben vier Familienangehörigen des Täters gehörte dazu auch der Vater der Schülerin, die sich dem Vernehmen nach über die Besprechung der Mohammed-Karikaturen im Unterricht beschwert hatte, und Abdelhakim Sefrioui, der den Vater beim Aufwiegeln der Stimmung gegen Paty unterstützt hatte.[18] Die Ermittlungen bestätigten, dass, wie Paty selbst bereits bei seiner Einvernahme durch die Polizei am 12. Oktober 2020 angegeben hatte, das Mädchen, dessen Vater gegen ihn Strafanzeige erstattet hatte, am fraglichen Tag gar nicht am Unterricht teilgenommen hatte.[9]

Die französischen Behörden leiteten bis zum 19. Oktober 2020 nach Angaben des Innenministers über 80 Ermittlungsverfahren gegen Personen ein, die öffentlich – zum Beispiel in sozialen Medien – dem Lehrer eine Mitschuld an seiner Ermordung zugeschrieben hatten. Die beigeordnete Ministerin Marlène Schiappa bestellte für den folgenden Tag Vertreter von Internetkonzernen zu sich, um über die Bekämpfung des Cyber-Islamismus zu beraten.[43]

Auf einer Pressekonferenz am 21. Oktober 2020 gab Antiterrorismus-Staatsanwalt Jean-François Ricard bekannt, dass von 16 im direkten Zusammenhang mit der Tat zunächst festgenommenen Personen neun inzwischen wieder entlassen worden seien. Sieben Festgenommene seien dem Haftrichter vorgeführt worden wegen „Beihilfe zum Mord im Zusammenhang mit einem terroristischen Vorhaben“, „Beihilfe zum Mord an einer Amtsperson im Zusammenhang mit einem terroristischen Vorhaben“ und „Bildung einer terroristischen Vereinigung mit dem Ziel, Verbrechen gegen Personen zu begehen“.[44] Darunter befanden sich zwei 14- bzw. 15-jährige Schüler, die im Verdacht stehen, gegen eine Geldsumme von 300 bis 350 Euro dem Mörder, der zwar Patys Namen kannte, nicht jedoch sein Aussehen, dessen designiertes Opfer identifiziert zu haben. Bei den fünf Erwachsenen handelte es sich um Brahim C. und Abdelhakim Sefrioui sowie um drei Freunde des Täters aus Évreux, die sich nach dem Attentat noch an demselben Tag selbst bei der Polizei gemeldet hatten. Ihnen wurde vorgeworfen, dem Täter bei der Vorbereitung behilflich gewesen zu sein.[45] Die Ermittlungen wurden einem Untersuchungsrichter übertragen. Ricard betonte, die Ermittlungen zeigten eine direkte Kausalität zwischen den Handlungen Brahim C.s und Abdelhakim Sefriouis und der Ermordung Patys. Diese stehe im Kontext einer Reihe von Aufrufen zum Mord, die es seit Anfang September 2020 gegeben habe, als aus Anlass des Prozessbeginns gegen mutmaßliche Komplizen der Pariser Attentate vom Januar 2015 die Mohammed-Karikaturen erneut veröffentlicht worden waren.[4]

Ende November 2020 wurden Ermittlungsverfahren gegen vier weitere Schüler eröffnet. Drei von wird Beihilfe zu dem Mord mit Terrorhintergrund vorgeworfen, da sie den Lehrer Paty für den Attentäter identifiziert haben sollen. Gegen die vierte Person werde wegen verleumderischer Denunziation ermittelt. Damit ermittelte die Französische Justiz sechs Wochen nach dem Anschlag gegen insgesamt 14 Menschen, darunter auch Minderjährige.[46][47]

Reaktionen im Inland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkveranstaltung am 18. Oktober 2020 auf der Place de la République in Paris

Staatspräsident Emmanuel Macron besuchte den Tatort und bezeichnete die Tat als „islamistischen Terroranschlag“. Paty sei ermordet worden, weil er Meinungsfreiheit gelehrt habe.[48] Innenminister Gérald Darmanin kehrte vorzeitig von einer Dienstreise aus Marokko zurück und berief einen Krisenstab mit Präsident Macron und Premierminister Castex ein.

An den Tagen nach der Tat gedachten trotz strenger Regelungen aufgrund der COVID-19-Pandemie mehrere zehntausend Menschen des Opfers. Sie versammelten sich in der Stadt Conflans-Sainte-Honorine an der Schule des ermordeten Lehrers, in Paris und im ganzen Land. Am 21. Oktober 2020 wurde eine nationale Gedenkfeier an der Sorbonne in Paris abgehalten, bei der Präsident Macron den Ermordeten, der postum in die Ehrenlegion und den Ordre des Palmes Académiques aufgenommen worden war, vor dem aufgebahrten Sarg als Helden und nationales Vorbild würdigte.[49][50]

Zahlreiche Vertreter des Islam in Frankreich traten an die Öffentlichkeit, um die Tat aufs Schärfste zu verurteilen. Der Imam der Großen Moschee von Bordeaux, Tareq Oubrou, sprach im Radio von „einer unbeschreiblichen Tat“. Der Vorsitzende des französischen Islamrats, Mohammed Moussaoui, beklagte in einem Beitrag in der Zeitung L’Opinion vom 18. Oktober 2020 den „Terrorismus im Namen des Islam, eine weltweite, schonungslose ‚Pandemie‘“, und erklärte, die Muslime in Frankreich seien entsetzt über dieses schändliche Verbrechen.[51] Geistliche aus über 30 Moscheen des Départements Rhône veröffentlichten ein Kommuniqué, in dem sie den „blinden Hass“ und den „Amoklauf“ (folie meurtrière) verurteilten. Sie erklärten, dass die Religion, die der Täter für sich in Anspruch nehme, sich nicht in ihm wiedererkenne, und dass sie sich „nicht vom Blut Unschuldiger ernährt“. Die Unterzeichner erklärten auch, sie würden die ideologischen Grundlagen extremistischer Haltungen fortan noch stärker untersuchen und den Kampf gegen jene verstärken, die Extremismus nährten und finanzierten. Eine weitere Gruppe von etwa 30 Imamen aus ganz Frankreich verurteilte die Tat ebenso rückhaltlos und rief die „muslimische Jugend dazu auf, sich bei ihrer spirituellen Suche an qualifizierte Imame und Theologen zu wenden, um nicht dem Obskurantismus anheimzufallen“.[52]

Innenminister Gérald Darmanin (LREM) ordnete am 20. Oktober 2020 die Schließung einer Moschee im Pariser Vorort Pantin an und begründete dies damit, die Moschee habe beim Online-Dienst Facebook ein Video geteilt, in dem der Unterricht des getöteten Lehrers angeprangert worden sei. Ebenso gab es an dem Tag laut Innenministerium 34 Polizei-Operationen gegen dem Islamismus nahe stehende Personen und Vereinigungen. Sie stünden nicht in unmittelbarer Verbindung mit dem Mord; vielmehr sollten die Einsätze „eine Botschaft vermitteln: nicht eine Minute Aufschub für die Feinde der Republik“.[53]

Internationale Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Reaktion von Staatspräsident Macron auf den Anschlag, der den Willen zur Verteidigung der säkularen Werte Frankreichs gegen den radikalen Islam bekräftigt hatte, wurde von Recep Tayyip Erdoğan, dem Präsidenten der Türkei, zum Anlass genommen, schon bestehende Spannungen mit Frankreich zu verschärfen. Nach beleidigenden Äußerungen Erdoğans über Macron rief Frankreich seinen Botschafter aus Ankara zurück;[54] daraufhin rief Erdoğan die Türken zu einem Boykott französischer Waren auf.[55] Auch die Staatsführungen von Saudi-Arabien, Iran und Pakistan gaben ihren Protest gegen Frankreich zu Protokoll. In mehreren arabischen Ländern nahmen Händler französische Waren aus ihren Filialen.[56][57] Mehrere Dutzend französische Websites, unter anderem von Unternehmen und kleineren Orten, wurden durch Hackerangriffe mit islamistischer Propaganda überzogen. In einer Bildmontage wurde dabei Frankreichs Präsident Macron als Schwein gezeigt.[58]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Anschlag in Conflans-Sainte-Honorine – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g Prof d'histoire décapité : l'assaillant, Abdoullakh Anzorov, était un Russe tchétchène de 18 ans. In: Paris Match. 17. Oktober 2020, abgerufen am 18. Oktober 2020 (französisch).
  2. Eric Turpin: Professeur tué dans les Yvelines : Samuel Paty était "très investi et apprécié". In: FranceBleu.fr. 17. Oktober 2020, abgerufen am 25. Oktober 2020.
  3. Samuel Paty, le professeur décapité à Conflans, avait un petit garçon de cinq ans. In: LaDepeche.fr. 17. Oktober 2020, abgerufen am 25. Oktober 2020.
  4. a b c d e Assassinat de Samuel Paty : ce qu'il faut retenir de la conférence de presse du procureur antiterroriste. In: francetvinfo.fr. 21. Oktober 2020, abgerufen am 21. Oktober 2020 (französisch).
  5. Annika Joeres: Die Schule der Republik. In: Die Zeit. 21. Oktober 2020, abgerufen am 20. November 2020.
  6. RÉCIT. Assassinat de Samuel Paty : d’un cours d’éducation civique à la mort, l’engrenage de la haine. In: Ouest-France. 20. Oktober 2020, abgerufen am 20. November 2020 (französisch).
  7. Annika Joeres: Die Schule der Republik. In: Die Zeit. 21. Oktober 2020, abgerufen am 20. November 2020.
  8. Emma Donada: Conflans: la fille de Brahim C. a-t-elle assisté au cours de Samuel Paty sur les caricatures ? In: Libération. 21. Oktober 2020, abgerufen am 21. November 2020.
  9. a b c d e Attentat de Conflans : ce qu'avait dit Samuel Paty aux policiers. In: francetvinfo.fr. 21. Oktober 2020, abgerufen am 21. Oktober 2020 (französisch).
  10. a b c d e Michaela Wiegel: Terroranschlag auf Lehrer: Eine Hinrichtung mit Ansage. In: faz.net. 18. Oktober 2020, abgerufen am 18. Oktober 2020.
  11. Michael Vosatka: Ein Anschlag auf die Grundwerte der Aufklärung. In: derstandard.at. 18. Oktober 2020, abgerufen am 18. Oktober 2020.
  12. Emma Donada: Conflans: la fille de Brahim C. a-t-elle assisté au cours de Samuel Paty sur les caricatures ? In: Libération. 21. Oktober 2020, abgerufen am 21. November 2020.
  13. a b Jürg Altwegg: Wer wäscht seine Hände in Unschuld? FAZ, 24. Oktober 2020, abgerufen am 25. Oktober 2020.
  14. a b Albrecht Meier: In Frankreich brechen alte Wunden wieder auf. Der Tagesspiegel, 21. Oktober 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020.
  15. Après l’attentat de Conflans, Gérald Darmanin veut dissoudre le Collectif contre l’islamophobie en France. In: Le Monde. 19. Oktober 2020, abgerufen am 21. November 2020 (französisch).
  16. a b Assassinat de Samuel Paty: un parent d'élève au coeur d'un engrenage islamiste ? In: LCI. 18. Oktober 2020, abgerufen am 21. November 2020 (französisch).
  17. Emma Donada: Conflans: la fille de Brahim C. a-t-elle assisté au cours de Samuel Paty sur les caricatures ? In: Libération. 21. Oktober 2020, abgerufen am 21. November 2020.
  18. a b Attentat de Conflans : ce que l’on sait de l’enquête après le meurtre brutal de Samuel Paty. In: Le Monde. 17. Oktober 2020, abgerufen am 19. Oktober 2020 (französisch).
  19. a b Michaela Wiegel: Alleingelassenes Opfer einer Hetzkampagne. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 19. November 2020.
  20. a b Terrorattacke nahe Paris: Staatsanwaltschaft gibt Details zum Täter bekannt. In: spiegel.de. 17. Oktober 2020, abgerufen am 18. Oktober 2020.
  21. D’un cours sur la liberté d’expression à un assassinat: les 10 jours qui ont précédé l’attentat de Conflans. BFM TV, 17. Oktober 2020, abgerufen am 25. Oktober 2020 (französisch).
  22. Muss erst ein Lehrer ermordet werden? In: emma.de. Abgerufen am 29. Oktober 2020.
  23. Jürg Altwegg: Islamistischer Mord an Lehrer: Die Angst regiert. In: faz.net. 19. Oktober 2020, abgerufen am 29. Oktober 2020.
  24. Des échanges entre l’un des pères de famille et le terroriste. Abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  25. Des échanges entre l’un des pères de famille et le terroriste. Abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  26. a b Caroline Politi: Attentat à Conflans : Samuel Paty a été « désigné comme une cible », selon le procureur national antiterroriste. In: 20minutes.fr. 21. Oktober 2020, abgerufen am 25. Oktober 2020 (französisch).
  27. Albrecht Meier: Minister prangert „Islam-Linksextremismus“ an. In: tagesspiegel.de. 22. Oktober 2020, abgerufen am 22. Oktober 2020.
  28. Justine Chevalier: Assassinat de Samuel Paty: où en est l'enquête? In: BFM TV. 19. Oktober 2020, abgerufen am 26. Oktober 2020 (französisch).
  29. 12/13 : Journal national - Édition du samedi 17 octobre 2020. In: france.tv. 17. Oktober 2020, abgerufen am 26. Oktober 2020.
  30. Attentat de Conflans : les dernières révélations sur les liens du terroriste avec la Syrie. In: lexpress.fr. 23. Oktober 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  31. Professeur décapité: comment Abdoullakh Anzorov a basculé dans le terrorisme. In: BFMTV. 22. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020.
  32. Professeur décapité: comment Abdoullakh Anzorov a basculé dans le terrorisme. In: BFMTV. 22. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020.
  33. Professeur décapité: comment Abdoullakh Anzorov a basculé dans le terrorisme. In: BFMTV. 22. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020.
  34. 12/13 : Journal national - Édition du samedi 17 octobre 2020. In: france.tv. 17. Oktober 2020, abgerufen am 26. Oktober 2020.
  35. Homme décapité dans les Yvelines: que s'est-il passé ? In: Twitter. BFM TV, 16. Oktober 2020, abgerufen am 18. Oktober 2020 (französisch).
  36. Jean Chichizola: Décapitation de Samuel Paty: le dossier de la famille Anzorov n’avait pas convaincu l’Office de protection des réfugiés. In: Le Figaro. 18. Oktober 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  37. Jean-Marc Leclerc: Assassinat de Samuel Paty: la famille Anzorov d’abord déboutée de l’asile à cause d’un «récit stéréotypé». In: Le Figaro. 19. Oktober 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  38. France teacher attack: Suspect ‘asked pupils to point Samuel Paty out’. In: BBC News. 17. Oktober 2020, abgerufen am 17. Oktober 2020.
  39. Sarah-Lou Cohen, Ambre Lepoivre: Professeur décapité: le terroriste avait contacté les auteurs des vidéos se plaignant de Samuel Paty pour se renseigner. In: bfmtv.com. 19. Oktober 2020, abgerufen am 19. Oktober 2020 (französisch).
  40. Professeur décapité: un tweet de l’assaillant avait été signalé au ministère de l’Intérieur quelques jours avant. In: lunion.fr. 23. Oktober 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  41. a b Alexandra Gonzalez: Professeur décapité: comment Abdoullakh Anzorov a basculé dans le terrorisme. In: bfmtv.com. 22. Oktober 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  42. Alexandra Gonzalez, Cécile Ollivier, Clarisse Martin: Val-d'Oise: pourquoi le parquet antiterroriste s'est-il saisi aussi rapidement? In: BFM TV. 16. Oktober 2020, abgerufen am 18. Oktober 2020 (französisch).
  43. "Attentat de Conflans : quinze personnes en garde à vue, hommage à Samuel Paty mercredi à la Sorbonne" lemonde.fr vom 19. Oktober 2020
  44. Attentat de Conflans : le meurtrier a dit avoir "vengé le prophète" dans un message audio en russe. In: lci.fr. 21. Oktober 2020, abgerufen am 21. Oktober 2020 (französisch).
  45. Alexandra Gonzalez, Ambre Lepoivre: Assassinat de Samuel Paty: qui sont les cinq adultes et les deux mineurs mis en examen? In: bfmtv.com. 21. Oktober 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  46. tagesschau.de: Nach Mord an Lehrer: Französische Justiz ermittelt gegen weitere Verdächtige. Abgerufen am 26. November 2020.
  47. FAZ.net, Michaela Wiegel: Drei weitere Schüler im Mordfall Paty angeklagt
  48. Terror inquiry after teacher beheaded near Paris. In: BBC News. 16. Oktober 2020, abgerufen am 17. Oktober 2020 (englisch).
  49. « J’ai pris conscience qu’on peut mourir d’enseigner » : des milliers de personnes rassemblées en France en hommage à Samuel Paty. In: Le Monde. 18. Oktober 2020, abgerufen am 19. Oktober 2020 (französisch).
  50. Abschied von einem „Helden der Republik“. In: faz.net. 22. Oktober 2020, abgerufen am 22. Oktober 2020.
  51. «Ensemble, nous vaincrons l’obscurantisme». La tribune de Mohammed Moussaoui (CFCM). In: L’Opinion. 18. Oktober 2020, abgerufen am 23. Oktober 2020 (französisch).
  52. Louise Couvelaire: Après l’attentat de Conflans, de nombreux imams condamnent l’assassinat de Samuel Paty. In: lemonde.fr. 19. Oktober 2020, abgerufen am 21. Oktober 2020 (französisch).
  53. Frankreichs Innenminister lässt Moschee schließen. In: tagesschau.de. 20. Oktober 2020, abgerufen am 20. Oktober 2020.
  54. Lehrer-Mord in Frankreich: Emmanuel Macron zieht im Streit mit Erdoğan Botschafter aus Türkei ab. In: zeit.de. 24. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020.
  55. Türkische Lira fällt auf Rekordtief. In: spiegel.de. 26. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020.
  56. Streit um Mohamed-Karikaturen: Iran und Saudi-Arabien erhöhen Druck auf Frankreich. In: handelsblatt.com. 27. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020.
  57. Frankreich warnt seine Bürger im muslimischen Ausland. In: tagesschau.de. 27. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020.
  58. Frankreich: Hacker greifen Dutzende französische Websites an. In: spiegel.de. 27. Oktober 2020, abgerufen am 27. Oktober 2020.

Koordinaten: 49° 0′ 51″ N, 2° 6′ 44,8″ O