Anschlag in Masar-e Scharif 2016

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Der Anschlag in Masar-e Scharif 2016 war ein Sprengstoffanschlag von Taliban auf das deutsche Generalkonsulat in Masar-e Scharif in Afghanistan am 10. November 2016. Dabei starben mindestens sechs Menschen. Mindestens 128 Personen, darunter 19 Frauen und 38 Kinder, wurden verletzt.[1][2] Laut Taliban sind die Anschläge Reaktion auf die Bombardierung der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus im Oktober 2015.

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Donnerstag, 10. November 2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Donnerstagabend des 10. November 2016 griff ein Selbstmordattentäter mit seinem LKW das Gelände des deutschen Generalkonsulats in Masar-e Scharif an. Er steuerte seinen mit Sprengstoff beladenen Lkw vor die Mauer und das Tor des Konsulats, wo das Fahrzeug gegen 23:10 Uhr Ortszeit explodierte.[3] Nach Angaben eines örtlichen Krankenhauses starben unmittelbar mindestens fünf Menschen und 120 wurden verletzt. Nach der Explosion wurde das Generalkonsulat nach Berichten der Afghanischen Behörden von schwer bewaffneten Terroristen angegriffen. Erst nach längeren Schusswechsel und Kämpfen im Gebäude und auf dem Gelände des Generalkonsulats konnten die Angreifer zurückgeschlagen werden. Bei der Abwehraktion waren das eigene Sicherheitspersonal, afghanische Sicherheitskräfte sowie Sondereinsatzkräfte der Mission Resolute Support aus Belgien, Deutschland, Georgien und Lettland beteiligt.[4] Das Gebäude des Konsulats wurde bei dem Anschlag schwer beschädigt.[5] Wie die Bild am Sonntag / BamS am 20.11.16 nachberichtete, sei aus Diplomatenkreisen bekannt geworden, dass weitaus mehr deutsche Bundeswehrsoldaten bei der Rettung und Rückführungsoperation beteiligt waren als bislang bekannt. Demnach seien kurz nach der Lkw-Detonation deutsche Kampfretter der Luftwaffe und Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) beim Generalkonsulat vor Ort gewesen. Die deutschen Einheiten seien die ersten Kräfte gewesen, die es zu den eingeschlossenen Diplomaten schafften. Während die Kampfretter die Diplomaten schützten und sicherten, durchsuchten die KSK-Soldaten das Gebäude. Anschließend so berichtet die Bild am Sonntag, habe sich die gesamte Gruppe, unterstützt durch amerikanische Kampfhubschrauber und eine Überwachungsdrohne (Mikado) der Bundeswehr, nach draußen vorgearbeitet. Für die Kampfretter sei dies der erste Rettungseinsatz dieser Art gewesen.

Freitag, 11. November 2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Aussage des Polizeichefs Saied Sadat wurde am 11. November 2016 gegen 06:00 Uhr ein zweiter Attentäter festgenommen. Bisher ist noch ungeklärt, wie viele Talibankämpfer an dem Angriff beteiligt waren.[6]

Am Freitagmorgen des 11. November 2016 gegen 06:10 Uhr Ortszeit kam es dann zu einem weiteren Zwischenfall. Drei Motorradfahrer näherten sich mit hoher Geschwindigkeit dem deutschen Generalkonsulat. Trotz Signalmunition und Warnschüssen verlangsamten diese ihre Geschwindigkeit nicht, Soldaten der Bundeswehr eröffneten das Feuer. Alle drei Angreifer wurden verwundet, zwei von ihnen tödlich.[5][7]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Taliban verlautbarten durch ihren Sprecher Sabiullah Mudschahid, die Verantwortung für den Anschlag und begründeten diesen als eine Vergeltung an Deutschland.[8][9] Nach Aussage des Talibansprechers trage Deutschland eine Mitschuld an einem US-Angriff während der Schlacht auf Kundus, wo unter anderem am 3. Oktober 2015 bei der Bombardierung der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus 30 Personen getötet wurden.[10][11]

Auch nach dem Selbstmordanschlag am Samstagmorgen bekannte sich die radikal-islamistische Taliban zu dem Anschlag. Der Talibansprecher Sabihullah Madschahid erklärte, es habe sich um einen Selbstmordanschlag gehandelt, in Reaktion auf die Bombardierung der Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Kundus.

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier verurteilte den Anschlag auf schärfste und kündigte Konsequenzen an. Inwieweit dies auf das weitere deutsche Engagement in Masar-e Scharif auswirkt, soll in einen Gremium besprochen werden. Gleichzeitig wurde im Auswärtigen Amt ein Krisenstab einberufen.[4]

Die Flüchtlingsorganisation Pro Asyl forderte, die Abschiebung von Asylbewerbern nach Afghanistan zu stoppen; das Land sei nicht sicher.[12]

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 25. November wurde bekannt dass das Auswärtige Amt das Generalkonsulat ins Camp Marmal der Bundeswehr außerhalb der Stadt verlegt. Das Gebäude des Generalkonsulat war beim Sprengstoffanschlag und den anschließenden Gefechten so sehr zerstört worden, dass eine Reparatur sinnlos sei. Zudem könne das Gebäude an einer belebten Straße in der Innenstadt von Masar-i-Scharif nicht wirksam geschützt werden. Bereits direkt nach dem Anschlag nahmen die Mitarbeiter des Generalkonsulat ihre Arbeit im Camp Marmal auf. Bei Vernehmungen des einzigen überlebende Angreifers hat dieser ausgesagt, dass der mit Sprengstoff beladenen Lastwagen mit Hilfe eines geringen Bestechungsgeldes durch mehrere Checkpoints rings um die Stadt geschleust wurde.[13]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Taliban greifen deutsches Generalkonsulat in Afghanistan an. Handelsblatt, 11. November 2016, abgerufen am 12. November 2016.
  2. Steinmeier verurteilt Anschlag auf deutsches Konsulat in Masar-i-Scharif. In: Süddeutsche Zeitung. 11. November 2016, abgerufen am 12. November 2016.
  3. Masar-i-Scharif: Taliban greifen deutsches Konsulat in Afghanistan an. In: Die Zeit. 11. November 2016, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 11. November 2016]).
  4. a b Steinmeier - Sechs Tote bei Anschlag auf deutsches Konsulat. In: reuters.com. Reuters, 11. November 2016, abgerufen am 11. November 2016.
  5. a b Afghanistan: Anschlag auf das deutsche Generalkonsulat in Masar-i Scharif und Einsatz deutscher Soldaten, Presse- und Informationsstab BMVg, 11. November 2016.
  6. Masar-i-Scharif: Taliban greifen deutsches Konsulat in Afghanistan an. In: Die Zeit. 11. November 2016, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 11. November 2016]).
  7. Afghanistan: Bundeswehr erschießt nach Anschlag zwei Motorradfahrer - WELT. In: DIE WELT. Abgerufen am 11. November 2016.
  8. Taliban bekennen sich zu Anschlag auf deutsches Konsulat. In: faz.net. FAZ, 11. November 2016, abgerufen am 11. November 2016.
  9. SPIEGEL ONLINE, Hamburg Germany: Begründung für Anschlag auf Konsulat: Taliban geben Deutschland Mitschuld an US-Luftangriff. In: SPIEGEL ONLINE. Abgerufen am 11. November 2016.
  10. Aghanistan: Death toll from the MSF hospital attack in Kunduz still rising. In: Médecins Sans Frontières International. 23.10.2015, abgerufen am 3. November 2015.
  11. Sascha Pommrenke: Das (zweite) Massaker von Kundus. In: Telepolis. 2. November 2015, abgerufen am 3. November 2015.
  12. Bundeswehr erschießt nach Anschlag zwei Motorradfahrer, WeltN24, 11. November 2016.
  13. Deutschland gibt Generalkonsulat in Masar-i-Scharif aufRP Online vom 25. November 2016