Anschlussdenkmal Oberschützen

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Das Anschlussdenkmal in Oberschützen 1939

Das „Anschlussdenkmal“ Oberschützen wurde nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938/39 im südburgenländischen Oberschützen errichtet. Es gilt als das größte derartige nationalsozialistische Bauwerk auf österreichischem Boden.[1] Damit sollte ein anderes in Oberschützen errichtetes Erinnerungszeichen „abgelöst“ werden, das ebenfalls als „Anschlussdenkmal“ bezeichnet wurde: das „kleine Anschlussdenkmal“ aus dem Jahr 1931 – ein „altgermanischer Opferstein“, der anlässlich der zehnjährigen Zugehörigkeit des ehemals ungarischen Gebietes zu Österreich errichtet worden war.[2]

Errichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Anschlussdenkmal in Oberschützen 2019

Der Spatenstich zum Bau der Anlage erfolgte am 7. Oktober 1938 durch den Oberwarter Kreisleiter Eduard Nicka (1911–1972)[3] in Anwesenheit des Gauleiterstellvertreters der Steiermark, Tobias Portschy (1906–1996),[4] der die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen hatte. Der Bau des heute am Sonnleitenweg gelegenen NS-Denkmals wurde von der NSDAP-Ortsgruppe Oberschützen und den lokalen Schulanstalten forciert. Es wurde nach Plänen des Grazer Architekten Rudolf Hofer (1894–1956), der auch schon am „kleinen Anschlussdenkmal“ mitgewirkt hatte, und unter Mitarbeit der Bevölkerung, insbesondere der Jugend, errichtet. Bei der feierlichen Einweihung im Mai 1939 waren auch zahlreiche hohe NS-Funktionäre anwesend. Angelehnt an das deutsche „Tannenberg-Denkmal“, hatte Hofer einen viereckigen, weiträumigen Säulenhof konzipiert. Im Inneren fanden sich acht Pylonen mit Feuerschalen; in der Mitte thronte ein vergoldeter steinerner Hoheitsadler auf einem Sockel mit der Inschrift „Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer!“ Das Baumaterial stammte aus Steinbrüchen im Ortsteil Sulzriegel der Gemeinde Bad Tatzmannsdorf.

Namensgebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den verschiedenen in der NS-Zeit verwendeten Bezeichnungen („Grenzlandmal“, „Ehrenmal“, „Mahnmal“, „Anschlussdenkmal“, „Weihestätte“, „Anschlussweihestätte“ u. a.)[5] setzte sich der Begriff „Anschlussdenkmal“ durch, unter welchem das Denkmal bis heute bekannt ist.

Das „Anschlussdenkmal“ nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenktafel am Anschlussdenkmal, 1997
Gedenktafel am Anschlussdenkmal, 1997
Das „kleine Anschlussdenkmal“ in Oberschützen 1931

Nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft wurden Teile des Denkmals (Inschrift, Feuerschalen, vergoldeter Adler) entfernt bzw. zerstört. Immer wieder wurde diskutiert, das Denkmal abzureißen, was jedoch nie geschah. Konkrete Planungen waren schwierig, weil das Grundstück aus mehreren Parzellen bestand und somit verschiedene private Eigentümer zuständig waren. Der Bau wurde in der Folgezeit unterschiedlich genutzt (z. B. für Lagerfeuer, Sonnwendfeuer, Akt-Fotoshootings), blieb jedoch lange in Bezug auf seine Entstehungsgeschichte tabuisiert.[6] Dem versuchten ab den 1980er Jahren engagierte Bürger, vornehmlich aus dem Schul-[7] bzw. künstlerischen Bereich, vor allem der Autor Peter Wagner[8] entgegenzuwirken, indem sie öffentlichkeitswirksam eine Auseinandersetzung mit dem Denkmal einforderten. 1997 erfolgte durch die Gemeinde eine Umdeutung des Denkmals in ein „Mahnmal gegen Gewalt und Rassismus“, wozu eine Tafel am Denkmal angebracht wurde. Die Inschrift lautet:

„Errichtet 1939 als Denkmal für den Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Möge uns diese Stätte heute und in Zukunft ein Mahnmal sein: gegen Diktatur, gegen Gewalt, gegen Rassismus – für Demokratie, für Frieden und für die Wahrung der Menschenrechte! Gemeinde Oberschützen, 1997“

2016: Pacht des „Anschlussdenkmals“ durch die Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Umgang mit dem „Anschlussdenkmal“ blieb umstritten; Veranstaltungen zum Thema stießen jedoch auf großes Interesse. 2016 gelang es der Gemeinde Oberschützen, dank der Vermittlung engagierter Bürger, die Parzellen, auf denen sich das Denkmal befindet, für 30 Jahre zu pachten. Das Bauwerk wurde unter Denkmalschutz gestellt und 2018/19 in Kooperation mit dem Bundesdenkmalamt saniert. 2018 wurde in der Gemeinde eine „Arbeitsgruppe Denkmäler“ eingerichtet.

Projekt: „Anschlussdenkmal“ als Denk-, Erinnerungs- und Informationsort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wurde ein umfassendes Projekt entwickelt, das u. a. mit EU-LEADER-Mitteln umgesetzt wird.[9] Es zielt darauf ab, dass das „Anschlussdenkmal“ Teil des kulturellen Erbes der Region ist, so wie die Geschichte des Nationalsozialismus Teil der Geschichte der Region ist. Der bislang am Bau fehlende Verweis auf die Geschichte des Denkmals soll im Zuge des Projektes gut wahrnehmbar ergänzt werden.[10] Das Projekt bindet die Bevölkerung ein und soll Bewusstsein für die Widersprüchlichkeit von kulturellem Erbe in der Region schaffen. So soll dieses „Erbe, das prägt“ trotz bzw. gerade wegen seiner NS-Vergangenheit zukunftsfähig gestaltet werden. Das Projekt soll die (gesicherten) Informationen zum „Anschlussdenkmal“ auf verschiedenen Ebenen zugänglich machen (vor Ort, QR-Code, online, Unterrichtsmaterialien, Informationsbroschüren etc.) sowie das kulturelle Erbe nachhaltig durch den Aufbau eines Gemeindearchivs sichern und allgemein zugänglich machen. Dabei sollen verschiedene Aspekte Berücksichtigung finden: von wissenschaftlich fundierter Darstellung historischer Entwicklungen und Fakten über die Gestaltung des Ortes als Denk-, Erinnerungs- und Informationsort bis zur Möglichkeit künstlerischer Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Bau und seiner Geschichte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Krug: Last der Erinnerung. NS-Denkmalskult am Beispiel Oberschützen. Edition lex liszt 12, Oberwart 1998, ISBN 3-901757-07-4.
    Das „kleine Anschlussdenkmal“ in Oberschützen 2019

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Anschlussdenkmal Oberschützen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bundesdenkmalamt: 80 Jahre Anschluss vom Grenzlandmal zum Mahnmal. Abgerufen am 2. September 2019.
  2. Wolfgang Krug: Last der Erinnerung. NS-Denkmalskult am Beispiel Oberschützen. Edition lex liszt 12, Oberwart 1998, S. 31–52.
  3. Susanne Uslu-Pauer, Eva Holpfer: Vor dem Volksgericht. Verfahren gegen burgenländische NS-Täter 1945–1955. Burgenländische Forschungen Band 96. Eisenstadt 2008, S. 54–61.
  4. Ursula Mindler: Tobias Portschy. Biographie eines Nationalsozialisten. Die Jahre bis 1945. In: Burgenländische Forschungen. Band 96. Eisenstadt 2006.
  5. Wolfgang Krug: Last der Erinnerung. NS-Denkmalskult am Beispiel Oberschützen. Edition lex liszt 12, Oberwart 1998, ISBN 3-901757-07-4, S. 147–197.
  6. Wolfgang Krug: Last der Erinnerung: NS-Denkmalskult am Beispiel Oberschützen. Edition lex liszt 12, Oberwart 1998, ISBN 3-901757-07-4.
  7. Wilhelm Hutter, Dieter Posch (Hrsg.): 140 Jahre BG und BRG Oberschützen. Oberwart 1985.
  8. Peter Wagner: Black Box. Abgerufen am 2. September 2019.
  9. Ursula Mindler-Steiner: Projekt „Anschlussdenkmal“ Oberschützen. Abgerufen am 2. September 2019.
  10. Ursula Mindler-Steiner: Das nationalsozialistische „Anschlussdenkmal“ in Oberschützen. Abgerufen am 9. September 2019.

Koordinaten: 47° 20′ 36,14″ N, 16° 12′ 44,77″ O