Anthony Eden

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Anthony Eden als Außenminister im Kriegskabinett Churchill (1942)

Robert Anthony Eden, 1. Earl of Avon, KG (* 12. Juni 1897 in Windlestone, Durham; † 14. Januar 1977 in Salisbury, Wiltshire) war ein britischer Politiker (Conservative Party).

Von 1935 bis 1938, 1940 bis 1945 und 1951 bis 1955 war er britischer Außenminister und von April 1955 bis Januar 1957 Premierminister des Vereinigten Königreichs. Nach der Sueskrise trat er aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit von diesem Amt zurück; Harold Macmillan wurde sein Nachfolger.

Leben[Bearbeiten]

Frühe Lebensjahre[Bearbeiten]

Eden wurde als zweiter von drei Söhnen in Windlestone Hall in Durham geboren, wo seine Familie bereits seit vielen Generationen als Grundbesitzer lebte. Sein Vater war Sir William Eden. Seine Mutter, Sybil Grey, war Mitglied der berühmten Grey-Familie aus Northumberland.

Christ Church College, Oxford

Anthony Eden besuchte zunächst die Sandroyd School (eine Vorbereitungsschule) von 1907 bis 1910, bevor er nach Eton wechselte. Dort brillierte er in mehreren Sportarten (vor allem Cricket und Rudern) und gewann einen Preis in Theologie.[1] Im Ersten Weltkrieg fiel sein älterer Bruder Jack in der Ersten Ypernschlacht. Sobald er das 18. Lebensjahr erreichte, meldete sich Eden freiwillig zum Kriegsdienst und diente im 21st Battalion des King's Royal Rifle Corps. Nach einer militärischen Ausbildung wurde seine Einheit im Mai 1916 nach Nordfrankreich verlegt; im gleichen Monat wurde sein ihm nahestehender jüngerer Bruder Nicholas in der Schlacht von Jütland getötet.[2] Drei Monate später wurde Eden das Military Cross verliehen; nachdem er mit einem Spähtrupp im Niemandsland auf Erkundungsmission gewesen war und bei seiner Rückkehr entdeckte, dass einer seiner Soldaten fehlte, kehrte er um und rettete diesen.[3] Im Verlauf des Krieges erlangte Eden den Rang eines Captains. Nach dem Krieg studierte er in Oxford am Christ Church College, wo er 1923 seinen Abschluss in orientalischen Sprachen (Arabisch und Persisch) machte.

Im gleichen Jahr heiratete er Beatrice Beckett (1905–1957), die Tochter des Landbesitzers Sir William Gervase Beckett aus Yorkshire, der auch Besitzer der Zeitung The Yorkshire Post war. Gemeinsam hatten sie drei Söhne, von denen der mittlere Sohn schon im Kindbett verstarb: Simon Gascoigne Eden (1924–1945), Robert Eden (1928–1928) und Nicholas Eden (1930–1985). Die Ehe war jedoch nicht glücklich; Beatrice hegte eine ausgesprochene Abneigung gegen die Politik, während Eden aufgrund seiner Verpflichtungen regelmäßig abwesend war. In den 1930er Jahren begannen Eden und seine Frau jeweils zahlreiche Affären. Beide kamen überein, die Ehe nur mehr auf dem Papier weiterzuführen.[4]

Noch während er am Christ Church College seinen Abschluss machte, gewann Eden dank der Unterstützung Lord Londonderrys die Kandidatur für den Wahlkreis Durham/Spennymoor. Er verlor bei den Britischen Unterhauswahlen 1922 jedoch klar.[5] Nach seinem erfolgreichen Abschluss verwarf Eden die Möglichkeit, den Weg einer Diplomatenkarriere zu beschreiten und beschloss stattdessen, sich ganz auf eine politische Laufbahn zu konzentrieren.[6] Er kandidierte als Abgeordneter der Konservativen Partei für Warwick und Leamington Spa, ein sicherer Wahlkreis der Konservativen, und wurde 1923 ins Unterhaus gewählt. Innerhalb der Tories stand er Premierminister Stanley Baldwin nahe, dessen behutsame Handhabung während des Generalstreiks von 1926 er bewunderte.[7] Nachdem er zu Beginn im Unterhaus kampfeslustig aufgetreten war, adaptierte er nach dem Vorbild Baldwins schnell ein maßvolles Auftreten, welches mehr konsensorientiert war.[8] Sein ganzes politisches Interesse galt von Beginn an der Außenpolitik und 1926 wurde Eden 'Parliamentary Private Secretary' für den damaligen Außenminister Austen Chamberlain. 1931 wurde er mit seinem ersten Ministerialposten betraut und in Ramsay MacDonalds Regierung Staatssekretär mit spezifischer Verantwortung für Belange des Völkerbunds.[9] Nachdem Stanley Baldwin 1934 seine dritte Regierung bildete, wurde er zum Lordsiegelbewahrer ernannt und in Baldwins Regierung Minister für den Völkerbund.

Wie viele Menschen seiner Generation, die den Ersten Weltkrieg erlebt hatten, bemühte sich Eden, mit Hilfe des Völkerbundes den europäischen Frieden zu bewahren. Er gehörte gleichwohl zu den ersten, die erkannten, dass der Frieden nicht allein durch eine Appeasement-Politik aufrechterhalten werden konnte. 1934/1935 lernte er nacheinander die großen Diktatoren kennen. Dabei gewann er zunächst von Reichskanzler Hitler einen positiven Eindruck und glaubte, man könne dem Wort Hitlers Vertrauen schenken.[10] Mit Mussolini verband ihn dagegen sofort eine (gegenseitige) Abneigung. Nach seinem Treffen mit dem Duce betitelte er diesen als einen „kompletten Gangster“, dessen Wort nichts bedeute.[11] Während der Abessinienkriegs nahm Eden auch deshalb eine unnachgiebige Haltung ein und warb für einen Konfrontationskurs, was zu einem Zerwürfnis mit Unterstaatssekretär Robert Vansittart führte. Dieser hielt Deutschland für die größte Bedrohung und trat deshalb für eine nachgiebige Haltung gegenüber Italien ein, um es als Verbündeten gegen Hitler zu gewinnen.[12] Eden sah hierdurch das System der Kollektiven Sicherheit auf Basis des Völkerbunds kompromittiert. Obwohl er im Unterhaus die Außenpolitik der Regierung verteidigte, kritisierte er im privaten Kreis wiederholt die Politik des Außenministers Sir Samuel Hoare.[13] Als Hoare nach dem Scheitern des anglofranzösischen Hoare-Laval-Pakts schließlich zurücktrat, wurde Eden sein Nachfolger als Außenminister.

Außenminister & Rücktritt[Bearbeiten]

Chamberlain und Mussolini

Eden übernahm das Amt zu einer Zeit, in der Großbritannien seine Außenpolitik an den Aufstieg der faschistischen Mächte anpassen musste und sich gleichzeitig im Fernen Osten mit einem militaristischen Japan konfrontiert sah, das zunehmend aggressiv auftrat.[14] Er unterstützte die Politik der Nichteinmischung in den Spanischen Bürgerkrieg. Auch unterstützte er zunächst Arthur Neville Chamberlain in seinen Bemühungen, den Frieden durch vertretbare Zugeständnisse an Hitler-Deutschland zu bewahren. Während seiner Amtszeit als britischer Außenminister war Eden weiterhin ein aktiver Mitarbeiter am Völkerbund und arbeitete dabei eng mit seinem niederländischen Amtskollegen Andries Cornelis Dirk de Graeff zusammen, welcher sein Land zum Eintritt in den Völkerbund bewegen konnte. Eden protestierte nicht, als Großbritannien und Frankreich 1936 die Wiederbesetzung des Rheinlandes hinnahmen, allerdings kam es bald zu erheblichen Differenzen zwischen Eden und Premierminister Chamberlain. Mehrfach fühlte Eden sich von Chamberlain übergangen und musste feststellen, dass dieser – ohne das Foreign Office oder das gesamte Kabinett einzubeziehen – bald eine eigenständige Außenpolitik betrieb. Eden konzentrierte sich bei seiner Kritik an Chamberlains Vorgehen dabei weniger auf Sachfragen, sondern argumentierte vor allem auf konstitutioneller Basis; Initiativen ohne vorherige Konsultation des Kabinetts lehnte er ab. Eine Friedensinitiative des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt im Januar 1938 hieß Eden sofort willkommen. Chamberlain dagegen lehnte Roosevelts Initiative ohne vorherige Absprache ab, um, zunächst hinter Edens Rücken, im Februar 1938 geheime Verhandlungen mit Italien aufzunehmen.[15]. Während Chamberlain sich bald für offizielle Verhandlungen mit Italien aussprach, opponierte Eden in zwei eilig zusammenberufenen Kabinettssitzungen, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Am 20. Februar 1938 trat Eden deshalb zurück.

Das machte ihn indirekt zu einem Verbündeten Winston Churchills, der damals ein rebellischer Hinterbänkler der Konservativen und führender Kritiker der Appeasement-Politik war. Viele glaubten, dass Eden zum Sammelpunkt all der verschiedenen Gegner Chamberlains werden würde, aber er hielt sich bedeckt. Obwohl er gegen das Münchener Abkommen war, vermied er eine offene Konfrontation. Daher nahm sein Ansehen unter Politikern stark ab, während er im Land allgemein populär blieb.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Potsdamer Konferenz, die Außenminister der drei Großmächte: Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow, James F. Byrnes und Anthony Eden in einer Tagungspause, Juli 1945.

Bei Ausbruch des Krieges im September 1939 kehrte Eden in Chamberlains Regierung als Minister für die Dominions (ehemalige Kolonien) zurück, war aber nicht Mitglied des Kriegskabinetts. Als Chamberlain im Mai 1940 nach der deutschen Invasion Frankreichs zurücktrat, wurde Churchill Premierminister. Er machte Eden zum Kriegsminister- Außenminister blieb zunächst Lord Halifax, um innerhalb der Regierung Geschlossenheit zu demonstrieren. Später im Jahr 1940 entledigte sich Churchill jedoch Halifax', indem er ihn auf den Posten des Botschafters in Washington, D.C. abschob. Eden kehrte nun ins Außenministerium zurück und wurde in dieser Eigenschaft 1941 Mitglied der Political Warfare Executive, einer geheimen Propaganda-Behörde. Obwohl er einer von Churchills engsten Vertrauten war und eine große Arbeitslast trug, war sein Einfluss während des Krieges begrenzt, da Churchill die wichtigsten Verhandlungen mit Roosevelt und Stalin selbst führte. Hitler diffamierte Eden nun als „der geldhungrige und eitle Geck Eden“ und behauptete, Eden habe als einer der Hintermänner Churchills den britischen Kriegseintritt „mitverschuldet“.[16]

Während Churchill nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor für drei Wochen nach Washington, D.C. reiste, entsandte er Eden parallel dazu nach Moskau.[17] Churchills Anweisungen folgend, vereinbarte Eden mit Josef Stalin eine gemeinsame Deklaration, lehnte jedoch den sowjetischen Vorschlag eines förmlichen Vertrages ab, der bereits die Nachkriegsordnung umreißen sollte.[18] Eden und sein enger Mitarbeiter Oliver Harvey griffen auch den Vorschlag des Foreign Office-Analysten Orme Sargent auf, gemeinsam mit Moskau eine sogenannte "Wolga-Charta" auszuarbeiten, die die Atlantik-Charta komplementieren sollte. Eine solche "Wolga-Charta" sollte als Gegengewicht zu Roosevelt dienen, „einem eigensinnigen Mann, der zwar meint, das Rampenlicht eines Friedens monopolisieren zu können, dessen politische Ideen aber immer noch die von vor 20 Jahren sind.“ Die Atlantik-Charta sei „ein furchtbar schwammiges Dokument, voll von den alten Klischees der Periode des Völkerbundes.“[19]

1942 wurde Eden zusätzlich zu seinen bestehende Aufgaben noch die Aufgabe als Führer des Unterhauses übertragen; Churchill empfahl zudem König George VI. Eden als seinen Nachfolger für den Fall seines eigenen Todes.[20] Im Jahr 1943 traf Eden zweimal den polnischen Widerstandskämpfer Jan Karski, der ihn unter anderem über die verzweifelte Lage der Juden in Polen unterrichtete.[21] In Bezug auf das Nachkriegsdeutschland opponierte Eden stark gegen den Morgenthau-Plan. Im Oktober 1944 stimmte Eden bei Verhandlungen in Moskau zu, sowjetische Staatsbürger, die von britischen Truppen befreit werden würden, „ohne Rücksicht auf deren Wünsche“ der Sowjetunion zu überstellen, obwohl er wusste, dass Rotarmisten, die in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten waren, aufgrund von Stalins Befehl Nr. 270 vom 18. August 1941 als „Hochverräter“ galten und ihnen das Todesurteil drohte. Großbritannien, so Eden, „könne sich Sentimentalität nicht leisten“.[22] Diese Zwangsrepatriierungen sorgten in späteren Jahrzehnten für heftige Kontroversen in der britischen Öffentlichkeit.

Churchills "Kronprinz"[Bearbeiten]

Als die Labour Party die Wahlen am 5. Juli 1945 gewann (Clement Attlee wurde Premierminister und blieb es bis zum Oktober 1951), ging Eden als stellvertretender Führer der Konservativen in die Opposition. Eden genoss eine hohe Popularität in der Bevölkerung und viele Leute waren der Meinung, dass Churchill sich aus der Politik zurückziehen und Eden das Feld überlassen sollte. Eden versuchte im Frühling 1946 zum ersten Mal, Churchill einen Rücktritt nahezulegen.[23] Churchill lehnte Edens Vorstoß jedoch rundweg ab. Trotz gegenseitiger Wertschätzung hatten beide, bis zu Churchills endgültigem Verzicht 1955, mehrere heftige Auseinandersetzungen sowohl über den Zeitpunkt von Churchills Rücktritt als auch verschiedene politische Sachfragen. Zusätzlich deprimiert war Eden in dieser Zeit wegen des Scheiterns seiner ersten Ehe und wegen des Todes seines älteren Sohnes, Simon Eden, der im Juli 1945 als 'RAF Sergeant' in Burma kämpfte und dort seit 8. Juli als 'missing in action' galt.[24] Sein Nachfolger als Außenminister, Ernest Bevin, suchte gelegentlich Edens Rat.[25] Wie die meisten führenden Tories suchte Eden, die Konservativen nun eher als eine progressive denn eine reaktionäre Kraft zu porträtieren. Im Herbst 1946 lancierte er deshalb den Begriff der “property-owning democracy“ (besitzenden Demokratie), der in den 1920ern von einer progressiven Gruppe innerhalb der Tories geprägt worden war.[26]

Letzte Plenarsitzung der Indochinakonferenz am 21. Juli 1954; dritter von rechts Anthony Eden

1951 kamen die Konservativen wieder an die Regierung und Eden wurde zum dritten Mal Außenminister. Eden hatte zum ersten Mal wirksame Kontrolle über die Außenpolitik zu einer Zeit, als der Kalte Krieg an Intensität zunahm. Er bewältigte die verschiedenen Krisen dieser Periode, wenn auch Großbritannien nicht mehr die Weltmacht war wie vor dem Krieg. 1950 wurde seine Ehe mit Beatrice Eden schließlich geschieden. 1952 heiratete er Churchills Nichte, Clarissa Spencer-Churchill; diese Ehe war wesentlich glücklicher als seine erste. Die Idee einer Europäischen Einigung und eines föderalen Europas sah er in positivem Licht, gleichwohl erwarb er sich in den 1950er Jahren eine Reputation dafür, antieuropäisch eingestellt zu sein. Sowohl dem Pleven-Plan für eine europäische Armee als auch dem Schuman-Plan, der schließlich zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl führte, verweigerte er die aktive britische Beteiligung.[27] Die Außenpolitik der USA sah er in einem zunehmend kritischen Licht und entwickelte in der Folge eine tiefgehende persönliche Abneigung gegenüber John Foster Dulles.[28][29] Eden verkannte die zunehmende Dominanz der Amerikaner im westlichen Bündnis und versuchte weiterhin, diese anzuleiten. 1953 äußerte er, sein Ziel sei es „die Amerikaner zu überzeugen, die tatsächlichen Belastungen zu übernehmen und gleichzeitig so viel Kontrolle - und damit auch Prestige und Einfluss - für uns zu bewahren.“[30]

1954 konnte er eine Reihe von wichtigen Verhandlungserfolgen für sich verbuchen und wurde zum Ritter des Hosenbandordens geschlagen. Der erfolgreiche Abschluss der Indochinakonferenz wird als Eden größtes Verdienst in seiner dritten Amtszeit als Außenminister angesehen.[31] Im Juli 1954, als beide auf der RMS Queen Elizabeth von einem Besuch in Washington, D.C. zurückkehrten, hatten Eden und Churchill eine erneute heftige Konfrontation: Eden lehnte Churchills Idee einer Reise nach Moskau ab, wo Churchill Gespräche mit Georgi Malenkow führen wollte.[32] Wiederum stand auch die Frage der Nachfolge im Raum.[33] Eden beurteilte Churchills Versuche, erneute Gipfelkonferenzen der ehemaligen Alliierten zu organisieren, durchweg negativ. Im Oktober des gleichen Jahres gelang es Eden, einen Kompromiss zwischen Italien und Jugoslawien auszuhandeln; beide Länder hatten einen seit 1945 andauernden Streit um die Hafenstadt Triest ausgetragen.[34]

Premierminister[Bearbeiten]

Anthony Eden bei einem Besuch in Kanada 1954

Im April 1955 trat Churchill schließlich zurück und Eden wurde sein Nachfolger. Aufgrund seiner langen Regierungstätigkeit und auch wegen seines berühmten guten Aussehens und seines Charmes war Eden zunächst sehr populär. Nach seinem Amtsantritt setzte er unverzüglich Neuwahlen an, die am 26. Mai 1955 stattfanden. Der Wahlkampf der Konservativen gründete sich inhaltlich vor allem auf Ideen des One Nation Konservatismus, denen auch Eden sich verpflichtet[35] fühlte und Edens Reputation als Staatsmann. Aus den Wahlen gingen die Konservativen mit einer gestärkten Mehrheit - 54 statt vorher 17 Sitze Mehrheit - hervor. Sir Anthony hatte nie ein innenpolitisches Amt bekleidet und wenig Erfahrung in Wirtschaftsfragen; zudem beschränkte sich seine Kenntnis des bürokratischen Apparats in Whitehall weitgehend auf das Foreign Office. Deshalb überließ er diese Bereiche weitgehend seinen Kabinettskollegen wie Rab Butler und Harold Macmillan; Edens persönliches Hauptanliegen in diesem Bereich war es, die Staatsausgaben zu senken.[36] Ansonsten konzentrierte er sich weiterhin auf die Außenpolitik. Als Premier übernahm Eden nun Churchills inhaltliche Position und bemühte sich (erfolglos), mit Hilfe einer Viermächtekonferenz die bestehenden Spannungen zwischen der Sowjetunion und den westlichen Großmächten zu lösen. Dagegen ignorierte er die Einladung an Großbritannien zur Konferenz von Messina, die das Vorspiel zu den Römischen Verträgen und der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft bildete.[37]

Eden geriet in der Presse bald unter Kritik und erwarb sich den Ruf eines Zauderers und schwachen Premiers.[38] Zu den Schwierigkeiten kamen ökonomische Probleme hinzu. Neben einer Währungskrise hatte das Land mit einer steigenden Inflation zu kämpfen. Hatte Schatzkanzler Butler im Jahr zuvor noch Steuersenkungen vorgenommen, sah sich die Regierung nun gezwungen, diese wieder zu erhöhen. Nachdem er bei Amtsantritt und nach dem Wahlsieg der Tories überraschend jeweils auf eine Kabinettsumbildung verzichtet hatte, nahm er diese kurz vor Weihnachten 1955 vor. Um weiterhin wirksam in das Foreign Office hineinwirken zu können, suchte er seinen langjährigen Untergebenen Selwyn Lloyd als Außenminister zu installieren. Den amtierenden Außenminister Harold Macmillan überzeugte er nur durch mehrere Zusagen und das Versprechen, ihn als den unumstrittenen Leiter der "Heimatfront" zu behandeln, das Amt des Schatzkanzlers zu übernehmen.[39] Dieser setzte -unter Androhung seines Rücktritts- im Februar 1956 seinen Willen durch, als er gegen Edens Willen die bestehenden Subventionen für Brot und Milch strich.[40] Bei seinen Kabinettskollegen und Untergebenen war Eden bald unbeliebt, da er sie stark beaufsichtigte; Eden zeigte sich unfähig, zu delegieren und versuchte oft, auch kleinere Angelegenheiten des täglichen politischen Betriebs zu steuern.[41][42]

Auf den 10. September 1956 fällt ein Angebot des französischen Premiers Guy Mollet Frankreich unter Königin Elisabeth als Staatsoberhaupt mit dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland zusammenzuschließen. Der britische Premier lehnte diesen Wunsch jedoch ebenso wie Mollets Antrag zum Beitritt Frankreichs zum Commonwealth ab.[43]

Die sogenannte Special relationship mit den USA erwies sich in der Sueskrise als illusorisch, als Sir Anthony 1956 zusammen mit Frankreich versuchte, den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser von der Nationalisierung des Sueskanals abzuhalten. Der Kanal, seit dem 19. Jahrhundert Eigentum von britischen und französischen Aktionären der Suez Canal Company, wurde von Nasser im Juli 1956 verstaatlicht. Großbritannien sah hierin eine klare Verletzung des bilateralen Suez-Abkommens; Entsprechend seinen Erfahrungen in den 1930ern glaubte Eden in Nasser einen neuen Mussolini zu erkennen. Er hielt beide Männer für aggressive nationale Sozialisten, entschlossen, in andere Länder einzufallen, während andere glaubten, dass Nasser aus legitimen patriotischen Motiven handele.

Nach monatelangen erfolglosen Verhandlungen und Schlichtungsversuchen fielen im Oktober 1956 Briten und Franzosen zusammen mit Israel in Ägypten ein und besetzten die Sueskanalzone. Der amerikanische Präsident Eisenhower protestierte unverzüglich und scharf gegen die Invasion, und zwar aus mehreren Gründen:

  • Eisenhower war ein Verfechter der Entkolonialisierung, weil dadurch neue Staaten entstehen und amerikanische Interessen gestärkt würden.
  • Man erhoffte sich in Washington das Wohlwollen der arabischen und afrikanischen Führer (siehe auch Containment-Politik).
  • am 23. Oktober 1956 begann in Ungarn der ungarische Volksaufstand. Am 4. November fiel die Sowjetunion in Ungarn ein, um ihn blutig niederzuschlagen. Mit der Invasion der Briten und Franzosen entstand in vielen Teilen der Welt der Eindruck „der Westen ist auch nicht besser“.

Eden hatte ignoriert, dass Großbritannien als Folge des Zweiten Weltkriegs von den USA finanziell abhängig war. So musste er sich dem amerikanischen Druck zum Rückzug beugen. Die Sueskrise wird heute gemeinhin als das Ereignis angesehen, welches Großbritanniens und Frankreichs Ende als Weltmächte ersten Ranges markiert.

Britische Panzer in Port Said, November 1956

Das Sues-Fiasko beschädigte Edens Ruf als Staatsmann und führte zu einem gesundheitlichen Zusammenbruch. Er sah sich zu einem Erholungsurlaub gezwungen und überließ die Amtsgeschäfte kommissarisch Rab Butler. Im November zog er sich nach Jamaika zurück, wohin er von Ian Fleming eingeladen worden war. Ein angedachtes Treffen mit Eisenhower, um die bestehenden Differenzen zu lösen, kam nicht zustande.[44]

Parlamentsmitglieder quer durch die Fraktionen kritisierten Edens verfrühtes Drängen auf einen Waffenstillstand. Von Oppositionsführer Hugh Gaitskell konfrontiert, gab Eden am 20. Dezember 1956 wahrheitswidrig im Unterhaus an, es habe keine vorherige Kenntnis über den israelischen Angriff gegeben. Am 9. Januar 1957 informierte er das Kabinett von seinem Entschluss, zurücktreten und zitierte als Grund seine Ärzte, die ihn informiert hätten, dass sein Leben unter der Belastung des Amts in Gefahr sei.[45] Sein Schatzkanzler Harold Macmillan, einer der Architekten der Invasion, wurde im Januar 1957 sein Nachfolger.[46]

Ruhestand[Bearbeiten]

Edens Grabstätte in Alvediston.

Edens persönliche Popularität blieb bestehen, und 1961 wurde er zum Earl of Avon ernannt. Er führte in Wiltshire ein ruhiges Leben mit seiner zweiten Frau, verfasste seine viel gelobten persönlichen Memoiren, „Another World“, sowie etliche Bände mit politischen Memoiren. Von 1945 bis 1973 war er Kanzler der Universität von Birmingham. 1977 starb der Earl of Avon in Salisbury. Er wurde auf dem St Mary's Friedhof in Alvediston beerdigt.

Edens überlebender Sohn, Nicholas Eden (1930–1985), war auch Politiker und Minister in der Regierung Thatcher, bis er frühzeitig an AIDS verstarb.

Erinnerung[Bearbeiten]

Die Sueskrise ruinierte Sir Anthony Edens Ruf als Staatsmann, die auch seine hoch gelobte Autobiographie nicht wiederherstellen konnte. Zwei wohlwollende Biographien (erschienen 1986 und 2003) konnten zumindest teilweise einen Meinungswandel herbeiführen. Trotzdem belegte Eden in einer Umfrage des BBC Newsnight-Programms im September 2008, bei der die Abstimmenden den besten Premierminister nach 1945 wählen sollten, den vorletzten Rang; lediglich der gerade neu ins Amt gekommene Gordon Brown rangierte hinter ihm.[47] Bei einer gleichlautenden Umfrage der University of Leeds belegte Eden den letzten Rang; die Umfrage war unter 106 Akademikern abgehalten worden, die sich auf britische Geschichte und britische Politik spezialisiert haben.[48]

Eigene Werke und Schriften[Bearbeiten]

  • Another World. Allen Lane, London 1976 ISBN 978-0-7139-1003-2
  • The Eden Memoirs : Facing the Dictators. Cassell & Co, London 1962 (englischsprachig)
deutsche Version: Angesichts der Diktatoren. Memoiren 1923-1938 Kiepenheuer & Witsch, Köln 1964
deutsche Version: Angesichts der Diktatoren. Memoiren 1945-1957 Kiepenheuer & Witsch, Köln 1964

Literatur über Anthony Eden[Bearbeiten]

  • Peter G. Boyle: The Eden-Eisenhower Correspondence, 1955-1957. The University of North Carolina Press, 2012, ISBN 978-08078--8296-2 (englischsprachig).
  • Alan Campbell Johanson: Anthony Eden. Hesperides Press, 2008, ISBN 978-1-4437-2574-3 (englischsprachige Biografie).
  • David Dutton: Anthony Eden: A Life & Reputation. Oxford University Press, London 1997, ISBN 978-0-340-69139-7 (englischsprachige Biografie).
  • Thomas Freiberger: Allianzpolitik in der Suezkrise 1956. V&R Unipress, Bonn 2012, ISBN 978-3-84710031-7 (eingehende Analyse der Sueskrise).
  • Peter Hennessy: Having It So Good: Britain In The Fifties. Penguin Books, 2006, ISBN 978-0-14-100409-9 (englischsprachig).
  • Yvonne Kipp: Eden, Adenauer und die deutsche Frage. Schöningh, Paderborn 2002, ISBN 978-3-506-77525-2.
  • Keith Kyle: Suez: Britain's End of Empire in the Middle East. IB Tauris, London 2011, ISBN 978-1-84885-533-5. (englischsprachig, über die Sueskrise).
  • Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, ISBN 978-0-07-032285-1 (englischsprachige Biografie).
  • D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897-1977. Chatto & Windus, London 2003, ISBN 978-0-7126-6505-6 (englischsprachige Biografie).
  • Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, ISBN 978-1-904950-65-3 (englischsprachige Kurzbiografie).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Anthony Eden – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Anthony Eden – Zitate (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alan Campbell-Johanson, Eden: The Making of a Statesman, Read Books, 2007, S. 9
  2. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 295.
  3. D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897-1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 37
  4. The Sunday Times: Clarissa Brings Happiness At Last, Ausgabe vom 31. August 1986
  5. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 6
  6. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 296.
  7. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 296.
  8. Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 624
  9. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 300.
  10. D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897-1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 128
  11. D.R. Thorpe: Eden: The Life and Times of Anthony Eden, First Earl of Avon, 1897-1977. Chatto & Windus, London 2003, S. 132f.
  12. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 21
  13. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 301.
  14. Paul Kennedy: Aufstieg und Fall der großen Mächte. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2000, S. 504ff.
  15. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 291f.
  16. Werner Jochmann: Monologe im Führerhauptquartier, Knaus Albrecht, München 1980, S. 93.
  17. Frank Costigliola: Roosevelt's Lost Alliances. How Personal Politics helped start the Cold War. Princeton University Press, Princeton 2012. S. 142
  18. Frank Costigliola: Roosevelt's Lost Alliances. How Personal Politics helped start the Cold War. Princeton University Press, Princeton 2012. S. 155f.
  19. Frank Costigliola: Roosevelt's Lost Alliances. How Personal Politics helped start the Cold War. Princeton University Press, Princeton 2012. S. 146
  20. Thomas Freiberger: Allianzpolitik in der Suezkrise 1956. V&R Unipress, 2012, S. 96.
  21. E. Thomas Wood, Stanislaw M. Jankowski: Jan Karski – Einer gegen den Holocaust, 2. Auflage 1997, Bleicher Verlag, ISBN 3-88350-042-9
  22. Karl-Peter Schwarz: Eine schändliche Operation.. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Juni 2015, S. 6.
  23. Charles Williams: Harold Macmillan. Weidenfeld & Nicolson, London 2009, S. 183.
  24. Zeitstrahl zur Kriegshistorie
  25. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 69
  26. Simon Ball: The Guardsmen: Harold Macmillan, Three Friends and the World They Made. Harper Perennial, London 2004, S. 285.
  27. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 77f.
  28. Thomas Freiberger: Allianzpolitik in der Suezkrise 1956. V&R Unipress, 2012, S. 109.
  29. David Dutton: Anthony Eden: A Life & Reputation Oxford University Press, London 1997, S. 333.
  30. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 76
  31. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 356f.
  32. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 350.
  33. Peter Hennessy: Having It So Good: Britain In The Fifties. Penguin Books, 2006, S. 346ff.
  34. Douglas Hurd: Choose your Weapons. Weidenfeld & Nicolson, London 2010, S. 353.
  35. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 7
  36. Thomas Freiberger: Allianzpolitik in der Suezkrise 1956. V&R Unipress, 2012, S. 113.
  37. Charles Williams: Harold Macmillan. Weidenfeld & Nicolson, London 2009, S. 229.
  38. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 89
  39. Charles Williams: Harold Macmillan. Weidenfeld & Nicolson, London 2009, S. 233
  40. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 91
  41. Thomas Freiberger: Allianzpolitik in der Suezkrise 1956. V&R Unipress, 2012, S. 98f.
  42. Peter Wilby: Eden (20 British Prime Ministers of the 20th Century). Haus Publishing Ltd, London 2006, S. 90
  43. When Britain and France nearly married. BBC online, 15. Januar 2007, abgerufen am 29. Juni 2015.
  44. Keith Kyle: Suez: Britain's End of Empire in the Middle East. IB Tauris, London 2011, S. 489
  45. Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 595
  46. Robert Rhodes James: Anthony Eden: A Biography. McGraw-Hill, London 1987, S. 599f
  47. Churchill tops PM choice. BBC, 1. Oktober 2008, abgerufen am 3. Mai 2015.
  48. Gordon Brown 'third worst PM since 1945', poll of historians finds. Daily Telegraph, 3. August 2010, abgerufen am 4. Mai 2015.
Vorgänger Amt Nachfolger
Titel neu geschaffen Earl of Avon
1961–1977
Nicholas Eden