Antje Vollmer

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Antje Vollmer, 2013

Antje Vollmer (* 31. Mai 1943 in Lübbecke, Westfalen) ist eine deutsche evangelische Theologin, Politikerin von Bündnis 90/Die Grünen und freie Autorin. Von 1994 bis 2005 war sie Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages.

Ausbildung und Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Abitur 1962 am Wittekind-Gymnasium Lübbecke (NRW) absolvierte Antje Vollmer ein Studium der Evangelischen Theologie in Berlin, Heidelberg, Tübingen und Paris, das sie 1968 mit dem Ersten und 1971 mit dem Zweiten theologischen Examen beendete. 1973 erfolgte die Promotion zur Dr. phil. Sie war Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes.[1]

Von 1969 bis 1971 war sie wissenschaftliche Assistentin an der Kirchlichen Hochschule in Berlin. Von 1971 bis 1974 arbeitete sie als Vikarin im Berliner Bezirk Wedding. Ebenfalls 1971 begann sie ein postgraduales Studium der Erwachsenenbildung, das sie 1975 mit dem Diplom abschloss. Von 1976 bis 1982 war sie als Dozentin in der ländlichen Bildungsarbeit an der Evangelischen Heimvolkshochschule bei den Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in Bielefeld tätig. Im Jahre 2009 übernahm Vollmer eine Gastprofessur für Politikmanagement der Stiftung Mercator an der NRW School of Governance der Universität Duisburg-Essen.[2]

Partei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1970er Jahren betätigte sich Antje Vollmer politisch in der „Liga gegen den Imperialismus“ im Umfeld der maoistischen KPD/AO,[3] trat der Partei aber nicht bei. Seit 1985 ist sie Mitglied der Partei Die Grünen.

Im Jahre 2018 sprach sie sich in einem Gastbeitrag im Spiegel für Sahra Wagenknechts Sammlungsbewegung „Aufstehen“ aus. In einem Artikel für die Berliner Zeitung (16. März 2019) begründete sie mit anderen, warum sie diese Bewegung für gescheitert ansah und erklärte ihren Austritt. Sie beteiligte sich an der Gründung der Gruppe Neubeginn, der auch Peter Brandt, Michael Brie, Daniela Dahn, Dieter Klein, Ingo Schulze und Gabi Zimmer angehören.

Abgeordnete[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1983 kam sie über die offene Liste der Partei Die Grünen als Abgeordnete in den Deutschen Bundestag und gehörte damit der ersten Grünen-Bundestagsfraktion an. Im Jahre 1984 war sie als Mitglied des Feminats Sprecherin (Vorsitzende) ihrer Grünen-Bundestagsfraktion. Zum ersten Mal bestand damit die Leitung einer Fraktion im Deutschen Bundestag nur aus Frauen. Da bei den Grünen das Rotationsprinzip galt, schied sie im April 1985 aus dem Bundestag aus. Weil Die Grünen zu dieser Zeit zwischen Fundis und Realos zerstritten waren, versuchte sie mit der Gruppe Grüner Aufbruch das Auseinanderbrechen der Partei mit einer Basisabstimmung über den Kurs der Partei erfolgreich zu verhindern. Im Jahre 1987 wurde sie erneut in den Bundestag gewählt und gehörte diesem auch bis zum Ende der Legislaturperiode 1990 an. Von Januar 1989 bis Dezember 1990 war sie erneut Fraktionssprecherin. Bei der Bundestagswahl 1990 scheiterten die westdeutschen Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde. Vollmer arbeitete in dieser Zeit in Bethel und als freie Autorin für taz, Stern, Spiegel u. a. Ein Jahr war sie Fellow im Wissenschaftskolleg in Berlin. Von 1994 bis 2005 war sie wieder Mitglied des Bundestages und bekleidete seit November 1994 als erste Vertreterin der Grünen das Amt der Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Parallel war sie kulturpolitische Sprecherin ihrer Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Auf sie gingen viele kulturpolitische Initiativen zurück, u. a. die Übernahme des Gartenreiches Dessau-Wörlitz und des Bergparks Kassel-Wilhelmshöhe auf die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO. Antje Vollmer zog 1983 und 1987 über die Landesliste Nordrhein-Westfalen und 1994, 1998 sowie 2002 über die Landesliste Hessen in den Deutschen Bundestag ein.

Ihr Vorschlag eines Dialogs mit den inhaftierten Mitgliedern der RAF (1985/1987) zur Beendigung terroristischer Gewalt war öffentlich heftig umstritten, wurde dann aber von Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Helmut Gollwitzer, Martin Walser, Ernst Käsemann und Kurt Scharf unterstützt. Er bewirkte Hafterleichterungen und Begnadigungen. Erfolgreich war ihr Engagement für eine deutsch-tschechische Versöhnung. Im Jahre 1998 wurde die Deutsch-tschechische Erklärung im Bundestag verabschiedet. Nach dem 11. September 2001 widersprach sie allen Theorieansätzen, die vorgeben, das Terrorismusproblem militärisch lösen zu können. Als Pazifistin kritisierte sie wiederholt militärische Interventionen, wandte sich 1999 gegen den NATO-Krieg gegen Jugoslawien und engagierte sich für eine gewaltfreie Bewegung im Kosovo. Sie sprach sich entschieden gegen den Afghanistan- und Irakkrieg aus. Angesichts der dadurch ausgelösten vielfachen Konflikte verzichtete sie schließlich auf ein weiteres politisches Mandat für ihre Partei und trat bei den Bundestagswahlen 2005 nicht mehr an. Im Vorfeld der Olympischen Spiele in Beijing versuchte sie, eine politische Lösung der Tibetfrage zu erarbeiten und dabei zu vermitteln.

Im Jahre 2004 sprach sich Vollmer gegen die von der rot-grünen Koalition verabschiedete Regelung der Stiefkindadoption im Lebenspartnerschaftsgesetz aus, so in einem Leitartikel der Berliner Zeitung Der Tagesspiegel oder in einer persönlichen Erklärung im Protokoll des Deutschen Bundestags, stimmte schließlich aber mit der Mehrheit ihrer Partei für die Maßnahme.[4][5] Sie ist Mitglied des Kuratorium 20. Juli und hat 2020 zusammen mit Philipp von Schulthess, dem Enkel von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, die Rede zur Gedenkveranstaltung zum 20. Juli verfasst.

Runder Tisch Heimerziehung (RTH)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vollmer war Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung in den 1950er und 1960er Jahren, der im Frühjahr 2009 von der Bundesregierung auf Empfehlung des Bundestages eingerichtet wurde und bis 2010 die Geschehnisse in der Heimerziehung im westlichen Nachkriegsdeutschland aufarbeiten sollte.[6] Sie erreichte nach heftigen Debatten die Neueinrichtung eines Fonds zur Unterstützung von Betroffenen in Höhe von zunächst 160 Mio. Euro.

Marian Krüger schrieb in der Zeitung Neues Deutschland am 8. Mai 2010 zur Rolle und der damit verbundenen Aufarbeitungsaufgabe von Frau Vollmer unter dem Titel „Die Rebellion von Glückstadt“: „Antje Vollmer, die Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung, führt die Zustände in den Heimen auf falsche Erziehungsvorstellungen, das Versagen von Behörden und die »Fehlleistungen« Einzelner zurück. Entschädigungsforderungen wegen Zwangsarbeit weist [auch] sie zurück.“[7]

Politische Initiativen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • seit 1984: Initiative für eine Entschädigung für Zwangsarbeiter, NS- und Euthanasieopfer, Homosexuelle, Wehrdienstverweigerer
  • 1985: Beginn eines Dialoges mit Terroristen der RAF bis zu deren Selbstauflösung im Jahr 1998
  • 1995 bis 1999: für eine Reform des Stiftungsrechtes
  • 1995 bis 1997: für eine deutsch-tschechische Versöhnungserklärung
  • seit 1995: Versuch eines Dialoges zwischen der chinesischen Regierung und dem Dalai Lama mit dem Ziel seiner Rückkehr nach Tibet
  • 1998: Mitinitiatorin der Einrichtung eines Kulturausschusses der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages und der Forderung nach einem besonderen Kulturministerium
  • 1999: für das Jugendprojekt „Straßenfußball für Toleranz“
  • seit 2002: öffentliche Anhörungen zur Zukunft der deutschen Theater
  • 2004: für eine Sendequote für deutschsprachige oder hier produzierte Musik
  • 2013: Erstunterzeichnerin (mit Ingo Schulze, Roger Willemsen u. A.) eines Aufrufs „Wider die große Koalition“
  • 2014: Initiatorin – zusammen mit Horst Teltschik und Walter Stützle – und Mitunterzeichnerin eines Aufrufs anlässlich der Ukraine-Krise: „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“, siehe Appell für eine andere Russlandpolitik
  • 2018: Unterstützerin der Sammlungsbewegung Aufstehen.[8]; 2019 Erklärung des Austritts aus der Bewegung
  • 2020 Mitbegründerin der Gruppe Neubeginn[9]

Im April 2022 gehörte Antje Vollmer zu den Unterzeichnern eines offenen Briefes, in welchem Bundeskanzler Olaf Scholz aufgefordert wurde, im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine der Ukraine keine Waffen zu liefern sowie die Regierung in Kiew zu ermutigen, den militärischen Widerstand zu beenden.[10]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Neuwerkbewegung 1919–1935. Ein Beitrag zur Geschichte der Jugendbewegung, des Religiösen Sozialismus und der Arbeiterbildung. Blasaditsch, Augsburg 1973. (Inaugural-Dissertation, Berlin 1973)
  • Clara Zetkin und die proletarische Frauenbewegung. Berlin 1978 (alias Karin Bauer).[11]
  • …und wehret Euch täglich. Ein grünes Tagebuch. 1984.
  • Kein Wunderland für Alice. Frauenutopien. 1986.
  • Die schöne Macht der Vernunft: Auskünfte über eine Generation. 1991.
  • Heißer Frieden. Über Gewalt, Macht und das Geheimnis der Zivilisation. 1995, ISBN 3-462-02417-5.
  • (mit Friedrich Hechelmann): Orpheus und Eurydike. Weitbrecht, Stuttgart 1996, ISBN 3-522-72190-X.
  • Eingewandert ins eigene Land. Was von Rot-Grün bleibt. Antje Vollmer im Gespräch mit Hans Werner Kilz. Pantheon, München 2006, ISBN 3-570-55015-X.
  • Gott im Kommen? Gegen die Unruhestifter im Namen Gottes. Kösel, München 2007, ISBN 978-3-466-36776-4.
  • Doppelleben: Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und von Ribbentrop. Eichborn, Frankfurt am Main 2010, Reihe Die Andere Bibliothek, ISBN 978-3-8218-4773-3.
  • Stauffenbergs Gefährten (Autoren: Antje Vollmer, Lars-Broder Keil; Hanser Verlag Berlin 2013).
  • Hinter den Bildern die Welt. Die untergegangene Bundesrepublik in den Filmen von Rainer Werner Fassbinder – Ein Briefwechsel. Matrosenblau Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-941155-44-2 (Briefwechsel zwischen Antje Vollmer und Hans-Eckardt Wenzel).
  • Ökumene in Zeiten des Terrors. Streitschrift für die Einheit der Christen, von Klaus Mertes (Autor), Antje Vollmer (Autor)/ Ein Briefwechsel zwischen Antje Vollmer und Klaus Mertes. Konkrete Schritte hin zur Ökumene / Verlag Herder 2016.
  • Die Neuwerkbewegung: Zwischen Jugendbewegung und religiösem Sozialismus, von Antje Vollmer (Autor) Spannende Dokumentation protestantischer Kirchengeschichte. Mit einzigartigen Originalzitaten und Fotografien / Verlag Herder 2016.
  • zusammen mit Hans-Eckhart Wenzel: Konrad Wolf. Chronist im Jahrhundert der Extreme. Die Andere Bibliothek, Berlin 2019, ISBN 978-3-8477-0416-4.
  • zusammen mit Daniela Dahn et al.: Neubeginn. Aufbegehren gegen Krise und Krieg. Eine Flugschrift. VSA Verlag, Hamburg 2022, ISBN 978-3-96488-138-0.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Reimar Oltmanns: Frauen an der Macht – Marie Schlei – Renate Schmidt – Irmgard Adam-Schwaetzer – Rita Süssmuth – Antje Vollmer; Protokolle einer Aufbruchsära. athenäums programm by anton hain, Frankfurt a. M. 1990, ISBN 3-445-08551-X.

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Antje Vollmer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 90 Jahre, 90 Köpfe. (PDF) In: Eine Porträtserie zum 90-jährigen Bestehen der Studienstiftung des deutschen Volkes. 1. Dezember 2018, abgerufen am 11. April 2020.
  2. Gastprofessorin an der NRW School of Governance: Dr. Antje Vollmer kommt. Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen, 31. März 2009.
  3. Andreas Kühn: Stalins Enkel, Maos Söhne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre, Campus-Verlag 2005, S. 230
  4. „Eine erste große Etappe geschafft“: Claudia Roth über die nächsten Ziele der Grünen. (Memento vom 30. Dezember 2006 im Internet Archive) (PDF-Datei; 1,22 MB) Interview in der LSVD-Mitgliederzeitschrift respekt! September 2005, S. 13.
  5. PDF bei dip21.bundestag.de
  6. Informationsseite des Fonds Heimerziehung (Memento vom 21. Oktober 2018 im Internet Archive)
  7. Die Rebellion von Glückstadt
  8. Der Tagesspiegel,"Sektiererisches Anhimmeln von Sahra" vom 25. März 2019
  9. Brief an die Jugend. Wir brauchen ein Bewusstsein für das Verbindende. In: Berliner Zeitung 18. Juni 2020.
  10. Offener Brief fordert von Scholz Stopp der Waffenlieferungen an die Ukraine. In: Berliner Zeitung. 22. April 2022, abgerufen am 22. April 2022.
  11. Pascal Beucker: Mythen in Tüten. In: konkret, Heft 1/96.
  12. Evangelisch in Westfalen Kurzbiographie (Memento vom 10. Oktober 2014 im Internet Archive)
  13. Der Westen, Hans-Ehrenberg-Preis für Antje Vollmer
  14. Neues Kuratorium gewählt. In: deutsch-russisches-forum.de. Abgerufen am 5. Mai 2022.