Anton Reiser

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Dieser Artikel beschreibt den Roman. Für den lutherischen Theologen (1628–1686) siehe Anton Reiser (Theologe), für den Bürgermeister von Sigmaringen und Oberamtmann siehe Anton Reiser (Oberamtmann).

Anton Reiser ist ein psychologischer Roman von Karl Philipp Moritz, wovon die ersten drei Teile in den Jahren von 1785 bis 1786 in Berlin erschienen. Der vierte und letzte Teil erschien 1790 ebenda.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieser psychologische Roman ist von Moritz als Biografie eines begabten, sehr um Anerkennung bemühten Jugendlichen geschrieben, der als Lehrling eines Hutmachers die Aufmerksamkeit seiner Umgebung erregt. Die Handlung spielt überwiegend in Pyrmont, Braunschweig und Hannover. Dort ist Reiser, gegen den Willen seines Vaters, als Schüler einer Lateinschule und des Gymnasiums als Stipendiat bemüht, die kleinbürgerliche, vom Quietismus der französischen Mystikerin Madame Guyon geprägte Welt des Vaters zu überwinden.

Das Leben als Stipendiat wird jedoch von Reiser als ebenso erniedrigend erlebt wie zuvor das Leben im Haus seiner Eltern und während seiner Lehre. Gleichzeitig wird er jedoch durch den dringenden Wunsch nach Erfolg motiviert und sucht diesen in der Dichtung und im Leben am Theater. Von seinem Mitschüler Iffland bestärkt, verlässt er schließlich die Schule und sucht um ein Engagement in der Theatertruppe Eckhofs in Gotha nach. Als diese Pläne scheitern, eröffnet sich ihm die Möglichkeit eines Studiums in Erfurt, doch auch diese Chance nutzt er nicht, diesmal um sich einer Gruppe von Schauspielern in Leipzig anzuschließen. Auch dieser Versuch bleibt aber erfolglos, da die Truppe vor dem Aus steht, nachdem der Direktor die Theaterkasse gestohlen hat.

Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Philipp Moritz inszeniert ein Spannungsfeld zwischen der beengenden Herkunft des Protagonisten und seinem Bestreben, um Erfolg und Anerkennung zu kämpfen. So will der Autor in der Tradition des Entwicklungsromans die Entwicklung eines Jugendlichen beschreiben – zwischen Ehrgeiz, sozialer Not und moralischem Verfall auf der einen Seite und sozialen Klischees und individuellen Hoffnungen auf der anderen. Probleme und Misserfolge werden hier nicht als Ergebnis der Herkunft dargestellt, sondern vielmehr als Folge der Fehlentscheidungen Anton Reisers und der Borniertheit und des Eigennutzes seiner Erzieher und Lehrherren. In diesem Sinne fungiert dieser Entwicklungsroman, der einen begabten jungen Menschen zum Protagonisten beschreibt, erstens als Zerrbild überkommener pädagogischer Konzepte, zweitens aber auch als Beispiel überzogener Empfindsamkeit eines Zöglings, die sich vor allem in dessen Neigung zur Hypochondrie und der Überempfindlichkeit gegenüber seiner Umwelt zeigt. Das Theater wird für Reiser zur Bühne der Selbstdarstellung, aber auch zum Schauplatz einer Empfindsamkeit, die von Moritz in der Tradition von Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werthers beschrieben wird. Die psychologischen Anteile des Romans werden genretypisch nach dem Vorbild pietistischer Selbsterforschung gestaltet, die in einer Verdammnis der eigenen Person endet und einen Vorläufer in Edward Youngs The Complaint, or Night Thoughts von 1742 bis 1744 (dt. 1751 u. 1844) hat. Auch Jean-Jacques Rousseaus Les Confessions von 1765 bis 1770 sind Vorbild in ihrer spezifischen Ausprägung der Empfindsamkeit, der Selbstbetrachtung und -erforschung, aber auch in der angeblich autobiographischen Inszenierung der Thematik.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörbuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Adaptationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jutta Eckle: "Er ist wie ein jüngerer Bruder von mir". Studien zu Johann Wolfgang von Goethes "Wilhelm Meisters theatralische Sendung" und Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser". Königshausen u. Neumann, Würzburg 2003, ISBN 3-8260-2458-3.
  • Hee-Ju, Kim: Ich-Theater. Zur Identitätsrecherche in Karl Philipp Moritz' "Anton Reiser". Carl Winter, Heidelberg 2005, ISBN 3-8253-5026-6.
  • Lothar Müller: Die kranke Seele und das Licht der Erkenntnis. K. Ph. Moritz' "Anton Reiser". Athenäum, München 1987, ISBN 3-610-08913-X.
  • Norbert W. Schlinkert: Das sich selbst erhellende Bewußtsein als poetisches Ich. Von Adam Bernd zu Karl Philipp Moritz, von Jean Paul zu Sören Kierkegaard. Eine hermeneutisch-phänomenologische Untersuchung. Wehrhahn, Hannover 2011, ISBN 978-3-86525-152-7, darin: Kapitel 3.2. Der Quietismus im Pietismus und die Prägung des Anton Reiser, S.105–108, Kapitel 3.5. Die fortgesetzten Leiden des jungen Anton Reiser als die innere Geschichte des Menschen schlechthin, S.131–143.
  • Christof Wingertszahn: Anton Reiser und die »Michelein«. Neue Funde zum Quietismus im 18. Jahrhundert. Wehrhahn, Laatzen 2002, ISBN 3-932324-59-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Koketter Terrorist in: FAZ vom 10. Oktober 2011, Seite 36