Anwaltschaft in der Schweiz

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Rechtsanwalt, Anwalt, Advokat, Fürsprecher oder Fürsprech (französisch Avocat, italienisch Avvocato, rätoromanisch Advocat) ist in der Schweiz die Berufsbezeichnung für Juristen mit Anwaltspatent, das heisst für Juristen, die zur Ausübung des Anwaltsberufes befugt sind.

Standesbezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Kantonen Basel-Stadt[1] und Basel-Landschaft[2] ist gemäss kantonalem Recht die offizielle Titulatur oder Standesbezeichnung Advokat oder Advokatin erlaubt. In den Kantonen Aargau,[3] Bern[4] und Solothurn[5] lautet die Bezeichnung Fürsprecher, im letzteren auch Fürsprech.

Anwaltsrecht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechtsgrundlagen für den Anwaltsberuf in der Schweiz sind das Bundesgesetz vom 23. Juni 2000 über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (Anwaltsgesetz, BGFA)[6] sowie die kantonalen Anwaltsgesetze.[7] Das BGFA wurde im Rahmen der Bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU eingeführt. Es regelt einerseits die Bedingungen für Tätigkeitz von ausländischen Rechtsanwälten in der Schweiz und gewährleistet andererseits die Freizügigkeit von Rechtsanwälten innerhalb der Schweiz.

Die Ausübung des Anwaltsberufes in der Schweiz ist an zahlreiche Voraussetzungen geknüpft. Insbesondere muss ein kantonales Anwaltspatent erlangt werden. Gemäss BGFA sind dafür ein juristischer Studienabschluss, ein mindestens einjähriges Praktikum in der Schweiz und eine theoretisch-praktische Fähigkeitsprüfung nötig. Für die Tätigkeit als Rechtsanwalt ist darüber hinaus eine Berufshaftpflichtversicherung notwendig. Je nach Tätigkeit ist auch der Eintrag in das jeweilige kantonale Anwaltsregister beziehungsweise die kantonale Anwaltsliste erforderlich. Für die Tätigkeit im Anwaltsmonopol ist der Eintrag im Anwaltsregister zwingend.

Die Voraussetzungen des BGFA werden durch die verschiedenen kantonalen Gesetze unterschiedlich umgesetzt. So werden zum Beispiel an die juristischen Praktika unterschiedliche Anforderungen gestellt: Im Kanton Zürich müssen beispielsweise zwölf Monate netto praktiziert werden, das heisst mit den üblichen Ferien 13 bis 14 Monate. in anderen Kantonen wird die Anstellung brutto, also mit Ferienzeit, gemessen. Auch die Anwaltsexamen sind unterschiedlich; so besteht die Anwaltsprüfung im Kanton Zürich beispielsweise aus einer zehnstündigen schriftlichen Prüfung und einer mehrstündigen mündlichen Prüfung.

Fachanwalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2006 vergibt der Schweizerische Anwaltsverband (SAV) in verschiedenen Rechtsgebieten Fachanwaltstitel. Heute gibt es in der Schweiz Fachanwälte für die Bereiche Arbeitsrecht, Bau- und Immobilienrecht, Erbrecht, Familienrecht, Haftpflicht- und Versicherungsrecht sowie Strafrecht. Voraussetzung für die Zulassung zur Ausbildung ist unter anderem mindestens fünf Jahre Berufspraxis im entsprechenden Rechtsgebiet.[8]

Der erste Kurs für den Fachanwalt Familienrecht fand 2007/2008 statt. Die Fachausbildung dauerte ein Jahr. Der Stoff wurde in mehreren Modulen vermittelt.

Anwaltskanzleien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Schweizer Rechtsanwälte sind allein tätig oder bilden mit einigen wenigen anderen Rechtsanwälten eine Unkostengemeinschaft (Partnerschaft). Anwälte dürfen sich laut Bundesgericht zur Berufsausübung zu einer Kapitalgesellschaft wie einer AG oder GmbH zusammenschliessen. Allerdings muss dabei ihre Unabhängigkeit sichergestellt sein.[9] Der Anteil der in solchen Kapitalgesellschaften angestellten Anwälten ist steigend (2003: 0 %, 2012: 14 %, 2019: 31 %).[10]

Seit Anfang der 1990er-Jahre gibt es (wie auch in anderen Ländern) eine Entwicklung hin zu grösseren und spezialisierten Anwaltskanzleien, speziell im Bereich des Wirtschaftsrechts. Namhafte grössere Kanzleien sind beispielsweise (führende Kanzleien in fett):[11]

Mit Ausnahme von Baker & McKenzie hat keine grosse ausländische Anwaltskanzlei die marktführenden Schweizer Kanzleien bedrängen können.[12][13] Gewisse ausländische Kanzleien wie die deutsche Heuking Kühn Lüer Wojtek[14] oder die holländische Loyens & Loeff[15] haben jedoch Büros in Zürich. Zudem sind auf dem Genfer bzw. Lausanner Anwaltsplatz verschiedene auf Schiedsgerichtsbarkeit spezialisierte ausländische Kanzleien vertreten, wie z. B. Akin Gump Strauss Hauer & Feld[16], King & Spalding[17] oder Sidley Austin[18].

Vereinzelte Schweizer Anwaltskanzleien haben wiederum Niederlassungen im Ausland, z. B. Schellenberg Wittmer (Singapur)[19], Prager Dreifuss (Brüssel)[20], Python (Brüssel und Doha)[21], Froriep (London und Madrid)[22] und LALIVE (London)[23].

Aufsicht über Rechtsanwälte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die SonntagsZeitung schrieb im April 2013 im Zuge von Offshore-Leaks:

«Die Aufsicht über die Anwälte in der Schweiz ist lax. Sie unterstehen nicht den Geldwäschereibestimmungen, wenn sie Offshore-Firmen gründen und verwalten, sondern nur, wenn sie selbst Gelder verwalten. In anderen Ländern sind die Bestimmungen strenger. Die Schweizer Anwälte sind deshalb im Offshore-Geschäft geschätzt.[24]»

Sie zitierte Beat von Rechenberg, zwischen 2011 und 2013 Präsident des Schweizerischen Anwaltsverbandes,[25][26] mit den Worten:

«für Anwälte, die systematisch steuerverkürzende Offshore-Konstruktionen für Ausländer errichtet haben, besteht ein erhebliches Risiko, und es findet deshalb derzeit ein ähnlicher Paradigmenwechsel statt wie bei den Bankern. Unversteuertes Geld zu verwalten, ist kein Geschäftsmodell mehr.»

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. § 10 Advokaturgesetz
  2. §§ 10, 10a Anwaltsgesetz
  3. § 17 EG BGFA
  4. Art. 1, 44, 45 https://www.belex.sites.be.ch/frontend/versions/1052
  5. § 17 AnwG
  6. Bundesgesetz vom 23. Juni 2000 über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (Anwaltsgesetz, BGFA) in der Systematischen Sammlung des Bundesrechts (SR)
  7. Im Kanton Zürich beispielsweise das Anwaltsgesetz (AnwG) vom 17. November 2003 (PDF; 63 kB)
  8. Informationen zum Fachanwaltstitel auf der Websites des Schweizerischen Anwaltsverbandes (SAV)
  9. BGer 2C_237/2011, Urteil vom 7. September 2012.
  10. Heiko Bergmann, Lucca Nietlispach: Zentrale Ergebnisse der SAV-Studie Praxiskosten. In: Anwaltsrevue - das Praxismagazin des Schweizerischen Anwaltsverbands. Nr. 6/7/2019, ISSN 1422-5778, S. 293 ff. (sav-fsa.ch [PDF]).
  11. Zoé Baches: Schweizer Anwälte strotzen vor Selbstsicherheit | NZZ. In: Neue Zürcher Zeitung. 12. Dezember 2017, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 7. Juli 2018]).
  12. NZZ, 27. Februar 2014, Viel Arbeit dank dem Steuerstreit
  13. Blick, 28. April 2013, [1]
  14. HEUKING KÜHN LÜER WOJTEK: Wirtschaftskanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek | Rechtsanwälte und Steuerberater in Zürich. 31. Juli 2015, abgerufen am 13. April 2020.
  15. Zurich office | Loyens & Loeff. Abgerufen am 13. April 2020 (englisch).
  16. Geneva. Abgerufen am 13. April 2020 (englisch).
  17. Geneva. Abgerufen am 13. April 2020 (englisch).
  18. Geneva. Abgerufen am 13. April 2020 (englisch).
  19. Schellenberg Wittmer | Contact. Abgerufen am 13. April 2020 (englisch).
  20. Kontakt. Abgerufen am 13. April 2020 (deutsch).
  21. Contact - Our offices. Abgerufen am 13. April 2020 (englisch).
  22. FRORIEP: FRORIEP | Standorte. Abgerufen am 13. April 2020.
  23. International Law Firm - Contact Us. In: LALIVE. Abgerufen am 13. April 2020.
  24. Die Flucht des Geldes ins Paradies
  25. www.sav-fsa.ch (Memento vom 26. Dezember 2012 im Internet Archive)
  26. Traueranzeigen von Beat von Rechenberg | trauer.nzz.ch. Abgerufen am 13. April 2020 (deutsch).