Aokigahara

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Waldweg, der in den Aokigahara führt

Aokigahara (jap. 青木ヶ原; dt. „Platz der blauen Bäume“), auch Aokigahara-jukai (jap. 青木ヶ原樹海; dt. „Aokigahara-Baummeer“) und/oder Fuji no jukei (jap. 富士の樹海; dt. „Fuji-Baummeer“) genannt, ist ein weitläufiger und dichter Wald in Japan.

Der Aokigahara ist Teil eines Naturschutzgebietes und beherbergt zwei Naturdenkmäler. Der Wald ist daher ein beliebtes Ausflugs- und Reiseziel.[1] Außerdem leben dort seltene Fledermaus- und Schmetterlingsarten. In der breiten Öffentlichkeit ist der Aokigahara als „Selbstmord-Wald von Japan“ bekannt, weil hier jährlich viele Menschen Suizid begehen. In modernen urbanen Legenden wird wiederholt behauptet, in dem Wald spuke es und der Ort sei verflucht.[2]

Geografie und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eingang zur Narusawa-Eishöhle
Eingang zur Fugaku-Windhöhle

Der Aokigahara befindet sich am Fuß des Fuji an dessen Nordseite, westlich vom Saiko-See und nordöstlich vom Shoji-See zwischen den Gemeinden Fujikawaguchiko im Osten und Narusawa im Westen in der Präfektur Yamanashi. Er erstreckt sich über etwa 30 km² und gedeiht bis in Höhen um 2300 m.[3] Er entstand um 864 n. Chr., nachdem der Fuji zehn Tage lang kontinuierlich ausbrach, breite Lavaströme die Nordflanke hinabflossen und ein breites, poröses Feld aus Lavageröll und Tuffgestein bildeten. Auf dieser Ebene entstand der Aokigahara und breitete sich rasch aus. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet ist der Wald mit seinen etwa 1200 Jahren recht jung. Die ältesten Bäume sind schätzungsweise 200 Jahre alt.[4]

Im Inneren des Aokigahara liegen die Narusawa-Eishöhle und die Fugaku-Windhöhle, beide sind seit 1929 als Naturdenkmäler registriert. Die Höhlen entstanden durch unterirdische Lavaströme, die nach ihrem Versiegen Hohlräume und Tunnel hinterließen. Am westlichen Rand des Aokigahara befindet sich die Narusawa-Fledermaushöhle.[3] Der Aokigahara selbst ist seit dem 24. Februar 1926 Hauptbereich eines vielbesuchten Naturschutzgebietes.[3] Dieses wiederum gehört seit 1950 dem Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark an, der nunmehr auch den Aokigahara vollständig mit einschließt.[1]

Wegen der beiden Vulkanhöhlen, der Fledermaushöhle und wegen seiner außerordentlichen Stille gilt der Aokigahara offiziell als Erholungs- und Wandergebiet, sowie als beliebtes Reise- und Ausflugsziel. Daher spielt der Wald eine nicht unerhebliche Rolle in der Tourismusbranche. Weil der Wald seit 1950 dem Fuji-Hakone-Izu-Nationalpark angehört, steht auch er unter besonderem Natur- und Denkmalschutz.[1] Einen weiteren Reiz bietet der Aokigahara Naturfreunden, die hier seltene, zum Teil endemische Fledermaus- und Insektenarten vorfinden.[5]

Flora und Fauna[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die lokale Tierwelt des Aokigahara umfasst verschiedene Fledermaus-, Mäuse- und Vogelarten. Einige von ihnen sind sehr selten.[5] In dem Wald leben außerdem der scheue Kragenbär (Ursus thibetanus)[6] und die seltene, in Nordjapan endemische Maulwurf-Art Mogera imaizumii.[7] Der Wald beherbergt des Weiteren zahlreiche Käfer- und Schmetterlingsarten, auch hierunter finden sich zahlreiche Raritäten.[8]

Der Aokigahara als Wald setzt sich überwiegend aus Hemlock-Tanne und Hinoki-Scheinzypresse zusammen. Daneben dominieren verschiedene Stechpalmen-Arten sowie Mongolische Eiche, Japanische Blütenkirsche und Japanischer Ahorn das Unterholz.[5] Weiters kommen vor: Chamaecyparis obtusa, Cryptomeria japonica, Pinus densiflora, Pinus parviflora, Tsuga sieboldii, Acer distylum, Acer micranthum, Acer sieboldianum, Acer tschonoskii, Betula grossa, Chengiopanax sciadophylloides, Clethra barbinervis, Enkianthus campanulatus, Euonymus macropterus, Pieris japonica, Prunus jamasakura, Rhododendron dilatatum, Skimmia japonica f. repens, Sorbus commixta und Toxicodendron trichocarpum. Zu den zahlreichen Blütenpflanzen zählen unter Anderem: Artemisia princeps, Corydalis incisa, Maianthemum dilatatum, Oplismenus undulatifolius und Polygonum cuspidatum.[8]

Besonders der bodennahe Bereich sowie der Waldgrund selbst sind dicht und üppig mit Moosen und Farnen überwuchert, an vielen Stellen hängen die Moose wie Bärte herab und verleihen dem Waldesinneren ein verwildertes Aussehen.[5] Aufgrund des porösen und stark geröllhaltigen Vulkanbodens wurzeln Bäume und Sträucher nur sehr flach. Zusammen mit den trügerischen Moosdecken erschwert das Wurzelwerk eine sichere Besteigung der Nordflanke des Fuji.[3]

Suizidanten und Vermisste[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rastplatz im Aokigahara

In der Moderne ist der Aokigahara durch die erschreckend hohe Anzahl von Leichenfunden bekannt. Bei den Toten handelt es sich fast ausnahmslos um Suizidanten, die eigens tief in den Wald eindringen, geeignete Verstecke aufsuchen und sich schließlich das Leben nehmen (meist durch Erhängen oder Vergiften). Dass ausgerechnet der Aokigahara als Selbstmordstätte gewählt wird, soll auf zwei Romane des japanischen Schriftstellers Matsumoto Seichō zurückgehen. Der erste Roman erschien 1957 unter dem Titel Nami no tō (jap. 波の塔; dt. „Wellenturm“ oder „Turm der Wellen“) und erzählt von einer jungen Frau namens Yuriko, die sich aufgrund verschmähter Liebe in den Aokigahara zurückzieht und dort Selbstmord begeht. Der zweite Roman erschien 1960 unter dem Titel Kuroi jukai (jap. 黒い樹海; dt. „Schwarzes Meer aus Bäumen“) und behandelt ebenfalls Selbstmorde im Aokigahara.[9]

Angeblich sollen die Romane die Selbstmordwelle ausgelöst haben. Dies entspricht jedoch nicht den historischen Tatsachen: bereits im 19. Jahrhundert wurde es unter verarmten Familien in der Region zur Mode, Kleinkinder und pflegebedürftige Senioren während Hungersnöten in Wäldern wie dem Aokigahara auszusetzen und zurückzulassen. Diese Praxis war als ubasute bekannt.[4] Erste, erfassbare Berichte über tot aufgefundene Suizidanten stammen aus den frühen 50er Jahren, also lange vor Seichōs Romanen.[1]

Seit 1971 durchkämmen jedes Jahr Bereitschaftskräfte von Polizei und Feuerwehr ebenso wie Freiwillige den Wald auf der Suche nach Leichen. Im Jahr 2002 wurden insgesamt 78 Tote gezählt, die bis dahin höchste Zahl. Im Jahre 2003 wurde diese Zahl mit 105 Toten noch übertroffen. Es wird außerdem befürchtet, dass es noch mehr Leichen gibt, diese aber wegen der Dichte des Unterholzes nicht gefunden wurden. Polizeiaufzeichnungen deuten darauf hin, dass es 2010 geschätzt 247 Selbstmordversuche gab, wovon 54 leider erfolgreich waren.[2] Patrouillen und auch Freiwillige durchstreifen den Wald, um Selbstmordgefährdete aufzuspüren und wenn möglich vom Suizid abzuhalten. An den offiziellen Wanderwegen, nahe den Waldeingängen, finden sich Beschilderung mit Hinweisen auf die Angebote der Telefonseelsorge, sowie Gebete und Mahnrufe. Sie sollen potentielle Suizidanten zur Umkehr bewegen und dadurch ein weiteres Ansteigen der Selbsttötungen verhindern.[10]

Aufgrund der Dichte und Eintönigkeit des Unterholzes können Personen, welche die offiziellen Wege verlassen, schnell die Orientierung verlieren und sich im Wald verirren. Der Aokigahara ist deshalb auch für seine hohe Anzahl an vermissten Personen bekannt. Die Meisten von ihnen werden schnell wieder aufgefunden.[1] Sowohl Touristen als auch Journalisten und Ranger markieren deshalb Wanderwege und Trampelpfade mit bunten Schleifen und Plastikbändern, um wieder aus dem Wald hinaus zu finden.[2] Dieses als Vorsichtsmaßnahme gedachte Verhalten hat zu Debatten und Kritik unter Naturschützern geführt, welche eine Vermüllung des Waldes befürchten.[1]

Moderne Rezeptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der hohen Anzahl an Leichenfunden gilt der Aokigahara in der breiten Öffentlichkeit als „verflucht“, außerdem soll es dort gehäuft zu Spukerscheinungen kommen.[2] Angeblich sollen Geister und Yōkai in dem Wald hausen und Besucher wie Wanderer in die Irre führen oder gar in den Selbstmord treiben. Diese urbanen Legenden, wie auch die Möglichkeit, Leichen vorzufinden, hat in den letzten Jahren zu einer bedenklichen Art von „Nevernkitzel-Tourismus“ geführt.[1] Auf dem Videokanal Youtube mehren sich private Aufnahmen und Dokumentationen aus dem Inneren des Aokigahara.[11]

Der Ruf des Aokigahara als „Selbstmord-Wald“ hat zahlreiche Horrorfilme und Computerspiele inspiriert. Das US-amerikanische Drama The Sea Of Trees von 2015 spielt teilweise im Aokigahara.[12] In dem US-amerikanischen Horrorfilm The Forest, der 2016 in die Kinos kam, ist der Wald der Haupt-Handlungsort.[13] Der Film The People Garden spielt ebenfalls im Aokigahara.[14] Die vorgenannten Horrorfilme vermischen dabei das Übernatürliche mit der realen, hohen Selbstmordrate im Aokigahara. In dem Videospiel Tokyo Dark ist der Wald ebenfalls ein wichtiger Schauplatz.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Francesca Di Marco: Suicide in Twentieth-Century Japan. Routledge, London (UK) 2016, ISBN 1317384288.
  • Robert B. Durham: Modern Folklore. Lulu.com, Raleigh (North Carolina) 2015, ISBN 9781312909694.
  • Kuniyasu Mokudai, Mahito Watanabe u.a.: Natural Heritage of Japan: Geological, Geomorphological, and Ecological Aspects. Springer International Publishing, Cham 2017, ISBN 3319618962.
  • Loren Coleman: The Copycat Effect: How the Media and Popular Culture Trigger the Mayhem in Tomorrow's Headlines. Pocket Books, New York 2014, ISBN 1416505547.
  • Peter Robinson, Sine Heitmann, Peter Dieke: Research Themes for Tourism. CABI, Wallingford 2011, ISBN 1845936981.
  • Damien Rudd: Sad Topographies. Simon & Schuster, London (UK) 2017, ISBN 978-1-4711-6929-8.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g Peter Robinson, Sine Heitmann, Peter Dieke: Research Themes for Tourism. Seite 172.
  2. a b c d Robert B. Durham: Modern Folklore. Seite 18.
  3. a b c d Kuniyasu Mokudai, Mahito Watanabe u.a.: Natural Heritage of Japan. Seite 170.
  4. a b Damien Rudd: Sad Topographies. Seite 206.
  5. a b c d Yamanashi Kankou: The nature found in the Aokigahara "sea of trees" auf yamanshi-kankou.com. Zuletzt aufgerufen am 2. Dezember 2017.
  6. Shinsuke Koike, Toshihiro Hazumi: Notes on Asiatic black bears denning habits in the Misaka Mountains, central Japan. In: Ursus, 19. Ausgabe 1. Quartal 2008, Seite 80–84. (PDF-Datei; englisch), zuletzt aufgerufen am 2. Dezember 2017.
  7. Kimiyuki Tsuchiya, Hitochi Suzuki, Akio Shinohara u.a.: Molecular phyllogeny of East Asian moles inferred from the sequence variation of the mitochondrial cytochrome b-gene. In: Genes Genetic Systems, 75. Ausgabe vom 18. Januar 2000, Seite 17–24. (PDF-Datei; englisch), zuletzt aufgerufen am 2. Dezember 2017.
  8. a b Masahiko Kitahara: Diversity and rarity hotspots and conservation of butterfly communities in and around the Aokigahara woodland of Mount Fuji central Japan. In: Ecological Research, 18. Ausgabe September 2003, Springer-Verlag, ISSN 0912-3814, Seite 503–522.
  9. Francesca Di Marco: Suicide in Twentieth-Century Japan. Seite 119–121.
  10. Loren Coleman: The Copycat Effect. Seite 244.
  11. Japan’s Suicide Forest: Aokigahara Forest Profiled In VICE Documentary (VIDEO). Internetartikel der Huffington Post vom 10. Mai 2012 auf huffingtonpost.com (englisch); zuletzt aufgerufen am 4. Dezember 2017.
  12. The Sea of Trees in der Internet Movie Database auf imdb.com. (englisch); zuletzt aufgerufen am 2. Dezember 2017.
  13. The Forest in der Internet Movie Database auf imdb.com. (englisch); zuletzt aufgerufen am 2. Dezember 2017.
  14. The People Garden in der Internet Movie Database auf imdb.com. (englisch); zuletzt aufgerufen am 2. Dezember 2017.
  15. Homepage des Spiels auf tokyodark.com; (englisch); zuletzt aufgerufen am 2. Dezember 2017.

Koordinaten: 35° 28′ 12″ N, 138° 37′ 11″ O