Appell für freie Debattenräume

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Der Appell für freie Debattenräume ist ein von dem Schriftsteller und Youtuber Gunnar Kaiser und dem Journalisten Milosz Matuschek unter dem Hashtag #CancelCancelCulture auf Twitter initiierter Aufruf, der sich gegen die sogenannte Cancel Culture richtet. Der Appell wurde am 1. September 2020 im Internet auf der Seite Intellectual Deep Web Europe veröffentlicht.[1][2]

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den USA initiierte der Autor und Kulturkritiker der New York Times Thomas Chatterton Williams einen Offenen Brief („A Letter on Justice and Open Debate“), der die freie Rede verteidigte und für offene Debatten warb. Er kritisierte „Illiberalismus“ und „Cancel-Kultur“ und prangerte Präsident Donald Trump als Gefahr für die Demokratie an. 153 Schriftsteller, Journalisten und Intellektuelle unterschrieben den Brief, dazu gehörten Anne Applebaum, Margaret Atwood, Wynton Marsalis, Gloria Steinem, Bill T. Jones und Salman Rushdie. Seit Anfang Juli 2020 ist er auf der Interseite von Harper’s Magazine abrufbar[3] und wurde zeitgleich in deutscher Übersetzung in der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht.[4]

Daran angelehnt initiierten Kaiser und Matuschek ihren Appell zur Debattenkultur im deutschen Sprachraum. Ein Anlass war die Ausladung der österreichischen Kabarettistin Lisa Eckhart vom Hamburger Literaturfestival Harbour Front im August 2020.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Initiatoren behaupten, in Deutschland sei die Meinungsfreiheit bedroht. Sie fordern „das freie Denken aus dem Würgegriff“ zu befreien. Den Würgegriff sehen sie „in pauschalen Demonstrationsverboten, der Zensur von Karikaturisten, der Ausladung von Kabarettisten und Maßnahmen von Verlagen, die Bücher aus ihrem Sortiment genommen oder aus Bestsellerlisten entfernt haben“.[5] Sie wenden sich außerdem gegen das Phänomen der „Kontaktschuld“: Man werde nicht schon „mitschuldig“, wenn man mit einer Person, die für ihre Meinung in die Kritik geraten ist, auf einem Podium sitzt oder auf einer Unterschriftenliste steht.[6] Die Kulturredaktion des NDR zitierte aus dem Appell: „Wir erleben gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Nicht die besseren Argumente zählen, sondern zunehmend zur Schau gestellte Haltung und richtige Moral.“[7]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Süddeutschen Zeitung stellten die Journalisten Philipp Bovermann und Felix Stephan einen Unterschied zu dem US-Brief heraus, in dem Intellektuelle wie Anne Applebaum, Margaret Atwood und John Banville einen freien Gedankenaustausch angemahnt hatten, während die Urheber der deutschen Variante „bekannte Köpfe der rechtskonservativen Infosphäre“ seien, die „hinter jeder Ecke politische Korrektheit und Moralterror […] vermuten und sich umstellt […] fühlen von linksradikaler Gesinnungsinquisition“. Sie attestierten dem Appell eine „alarmistische Theatralik“. Dass sich „auch Liberale und Linke“ wie Ilija Trojanow oder Hartmut Esser für die Redefreiheit der Rechten einsetzten, schreiben die Autoren, sei „für die Initiatoren ein schöner Diskurserfolg“.[8]

Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des Philosophie Magazins, unterschrieb den Aufruf nicht, obwohl auch sie „Mut und Mündigkeit“ „in Gefahr“ sah. „Was ich beobachte, ist ein verengtes Denken“, erklärte sie auf rbbKultur, „da haben die Initiatoren durchaus Recht“. Allerdings werfe der Appell „zu viel zusammen“. Vor allem ginge der Aufruf zu weit, wenn er von „Stummgeschalteten“ spreche. Man solle nicht „den Fehler begehen, amerikanische Verhälnisse“ herbeizureden: „In den USA sind die Menschen inzwischen soweit, dass sie tatsächlich für Meinungen ihren Job verlieren können, aber das ist hier in dieser Form noch nicht der Fall“.[9]

In der Taz schrieb die Medienredakteurin Anne Fromm, unterzeichnet hätten Journalisten wie Harald Martenstein, Frank Lübberding oder Günter Wallraff, „alles Leute, die sehr wohl sehr viel sagen dürfen“. Wer sich öffentlich zu Wort melde, müsse auch Kritik ertragen: In einem offenen Debattenraum stehe eben keine „Kanzel, von der aus ein paar wenige predigen“.[10]

Gerhard Henschel bezweifelte in der Tageszeitung Junge Welt, dass es die von den Initiatoren kritisierte Cancel Culture überhaupt gebe: „Und welche Informationsinsel ist untergegangen, wenn man einmal von Gerhard Freys 2019 verblichener Nationalzeitung absieht? Fragen könnte man das Götz Aly, Norbert Bolz, Peter Hahne, Monika Maron, Dieter Nuhr, Boris Palmer, Wolfgang Sofsky, Cora Stephan und Günter Wallraff, die zu den Erstunterzeichnern des Appells gehören, doch sie würden einem die Antwort schuldig bleiben, denn es gibt sie schlichtweg nicht, die ominösen ‚Stummgeschalteten‘ und ‚unsichtbar Gewordenen‘. Darüber scheint sich jedoch keiner der Unterzeichner Gedanken gemacht zu haben.“[11]

Erstunterzeichner[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstunterzeichner des Appells waren unter anderem der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, die Schriftstellerin Monika Maron, der Satiriker Dieter Nuhr, der Historiker Götz Aly und die Journalisten Harald Martenstein, Alexander Kissler, Peter Hahne und Günter Wallraff.[12] Der Regisseur Alexander Kluge, der ursprünglich zu den Erstunterzeichnern des Appells gehörte, zog seine Unterschrift nach einem Anruf der Süddeutschen Zeitung wieder zurück. Der Appell sei ihm von einer Mitarbeiterin vorgelegt worden, mit der Bemerkung, es handele sich um eine gute Sache. Als er gehört habe, dass Margaret Atwood unter den Erstunterzeichnern sei, habe er seine Zustimmung gegeben. Atwood hatte jedoch den Appell nicht unterschrieben. Als sich der Irrtum herausstellte, annullierte Kluge seine Unterstützung.[8]

Ilja Trojanow erklärte per Mail an die Süddeutsche Zeitung, „dass allein das grelle Tageslicht eines offenen Diskurses gerade die abwegigen oder gar menschenverachtenden Positionen diskreditieren kann“. Hartmut Esser schrieb auf Anfrage, er sei schon auf Twitter darauf hingewiesen worden, „in welche ‚Gesellschaft‘ er sich mit seiner Unterschrift begeben habe – was aus seiner Sicht den Vorwurf des Appells bestätigt, dass inzwischen eine ‚Kontaktschuld‘ gelte“.[8]

Ralf Bönt begriff den Appell im Onlinemagazin Telepolis als „Aufruf gegen Konformismus“, der zugleich „den Wiedereinzug der Idee von Glaubensgemeinschaft in die Legowelten der saturierten, gelangweilten Gesellschaft“ adressiere.[13] Alexander Grau lobte im Cicero den Appell als Ausdruck „freien Denkens“ und sah in ihm eine angemessene Reaktion auf „die Unkultur des Niederschreiens, des Ausladens und Löschens“.[14] Grau und Bönt gehörten beide zu den Erstunterzeichnern des Appells.

Der Journalist Ben Krischke erklärte zu seiner Unterschrift, es ginge ihm nicht darum, sich etwa „mit den teils unsäglichen Thesen eines Sarrazins gemein zu machen“, sondern um den Einfluss, den „jede öffentliche Hexenjagd, zu der unter welchem Label auch immer geblasen wird, auf die freien Gedanken der Bevölkerung hat. Hier schließe ich Attacken wie jene, denen Dunja Hayali regelmäßig ausgesetzt ist, oder Morddrohungen gegen die taz-Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah ausdrücklich mit ein“. Gerade in seiner Offenheit liege die „Stärke des Appells“. Er sei kein „Blame-Game“, weil auf niemand Konkretes mit dem Finger gezeigt werde, auch nicht auf die Linken. Das lasse ausreichend Raum für die individuelle Motivation eines jeden Unterzeichners.[15]

Christian Illies stellte in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk klar, dass er den Appell unter anderem deswegen unterzeichnet habe, um auf ein Problem schwindender Meinungsfreiheit aufmerksam zu machen. Das legitime Anliegen, dass es nichts Wichtigeres gäbe als die Freiheit des Denkens und des Geistes, bewege heutzutage viele Menschen. Auch die Kontaktschuld, die er als „die Gefahr, sich mit jemandem zusammen zu stellen, der aus irgendwelchen Gründen in der Öffentlichkeit nicht gut geduldet ist“ bezeichnet, würde heute immer stärker zunehmen.[16]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ute Cohen: „Die neue Normalität wird als alternativlos dargestellt“. Interview mit Gunnar Kaiser und Milosz Matuschek. In: Die Welt. 7. September 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  2. Neue Aktion gegen politische Korrektheit: Der „Appell für freie Debattenräume“. Gespräch mit dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. In: rbb Kultur. 1. September 2020, abgerufen am 28. September 2020.
  3. A Letter on Justice and Open Debate, in: Harper’s Magazine, online 7. Juli 2020
  4. Widerstand darf kein Dogma werden, aus: DIE ZEIT Nr. 29/2020, 9. Juli 2020
  5. Bodo Pieroth: Bedrohte Meinungsfreiheit? In: FAZ.NET. 23. September 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  6. Beate Meierfrankenfeld: Warum Meinungsfreiheit nicht „Kontakt-Unschuld“ bedeutet. BR Kultur, 23. September 2020
  7. „Cancel Culture“ – Was ist das eigentlich? In: NDR Kultur. 3. September 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  8. a b c Philipp Bovermann, Felix Stephan: Toleranz für die Intoleranz? In: Süddeutsche Zeitung. 6. September 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  9. „Cancel Culture“ – Ein Gespräch mit Svenja Flaßpöhler. In: rbbKultur. 25. September 2020, abgerufen am 29. September 2020 (Audio).
  10. Anne Fromm: Appell von Rechten und Konservativen: Was denkt Lisa Eckhart? In: Die Tageszeitung. 21. September 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  11. Gerhard Henschel: Stummgeschaltet. In: Junge Welt. 7. September 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  12. Anne Fromm: Appell von Rechten und Konservativen: Was denkt Lisa Eckhart? taz.de, 21. September 2020, Zugriff am 13. Oktober 2020.
  13. Ralf Bönt: Cancel Culture ist unmodern! In: Telepolis. 16. September 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  14. Alexander Grau: Solidarität mit den Ausgeladenen. In: Cicero. 29. August 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  15. Ben Krischke: Warum ich den „Appell für freie Debattenräume“ unterzeichne. In: Meedia. 16. September 2020, abgerufen am 29. September 2020.
  16. Debatten in Deutschland: "Es gibt immer weniger Schutzräume". In: BR Kultur, 6. Oktober 2020, abgerufen am 25. Oktober 2020.