Araber in Deutschland

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Als Araber in Deutschland werden Menschen bezeichnet, die oder deren Vorfahren aus arabischsprachigen Ländern stammen und in der Bundesrepublik Deutschland ihren Wohnsitz haben. Nicht zu den Arabern in Deutschland gezählt werden Angehörige ethnischer Minderheiten in ihrem Herkunftsland, wie etwa die Kurden. Strittig ist, ob jemand, der die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hat oder gar von Geburt an besitzt, wegen seiner ethnischen Herkunft als Araber gelten soll.

Geschichte[Bearbeiten]

Arabische Studenten an der Technischen Universität in Dresden, 1958

Die ersten Araber, fast ausschließlich Männer, kamen nach dem Zweiten Weltkrieg als Studenten in die Bundesrepublik Deutschland, die nach dem Studium verblieben sind. Unter ihnen sind viele binationale Ehen entstanden, meist mit deutschen Frauen. Im Jahre 1966 wurde die Deutsch-Arabische Gesellschaft (DAG) gegründet, die zum Ziel hat, die deutsch-arabischen Beziehungen sowohl in politischer und wirtschaftlicher als auch in kultureller Hinsicht auszubauen und zu verbessern.

Während der Wirtschaftswunderzeit in den 1950er und 1960er Jahren wurden in Deutschland dringend Arbeiter gesucht. Nach Anwerbeabkommen mit Italien, Griechenland, dem ehemaligen Jugoslawien, Portugal, Spanien und der Türkei schloss die Bundesrepublik entsprechende Verträge mit den arabischen Staaten Marokko 1963 und Tunesien 1965. Zunächst war nicht daran gedacht, dass die als Gastarbeiter bezeichneten Arbeitskräfte dauerhaft in Deutschland bleiben sollten. Sie arbeiteten hauptsächlich in der Eisen- und Stahlindustrie sowie in der Bauwirtschaft. Im Laufe der folgenden Jahre, nach dem Anwerbestopp 1973, zogen Frauen und Kinder nach. Inzwischen gibt es Urenkel der ersten Migrantengeneration, die marokkanische oder tunesische Staatsbürger sind, obwohl bereits ihre Eltern in Deutschland geboren wurden.

Die Bürgerkriegsflüchtlinge stellen die größte Gruppe unter den Arabern. Sie kamen vor allem nach 1975 während des Libanonkrieges 1982 sowie nach den Übergriffen des Regimes Saddam Hussein im Irak als Asylbewerber in die Bundesrepublik Deutschland. In den Statistiken wurden auch verfolgte Kurden als „Staatsbürger des Irak“ erfasst, so dass sich aus ihnen nicht ergibt, wie viele Araber aus dem Irak flohen. In den 90er-Jahren nach der Verschärfung des Guerillakampfes zwischen der PLO und Israel im Süd-Libanon kamen weitere Flüchtlinge nach Deutschland. Auch Algerier kamen in den 1990er-Jahren als Asylbewerber nach Deutschland infolge des Bürgerkriegs zwischen algerischer Armee und radikalen Islamisten (u.a. von FIS und GIA).

Migrationssituation[Bearbeiten]

Staatsbürger arabischer Länder in Deutschland

Stand: 31. März 2008

Herkunftsland Personen
Irak 73.247
Marokko 67.394
Libanon 38.422
Syrien 28.245
Tunesien 23.139
Algerien 13.170
Ägypten 11.330
Jordanien 7.792
Somalia 4.941
Libyen 3.449
Sudan 2.670
Jemen 2.268
andere arabische Länder 4.192
gesamt 280.259

Die Zahl der in Deutschland lebenden Staatsbürger arabischer Länder beträgt 280.259[1]. Insgesamt 400.000[2] bis 500.000[3] Menschen mit Migrationshintergrund haben ihre familiären Wurzeln in den arabischen Staaten.

So leben etwa in Berlin ca. 64.000 Berliner mit einem arabischen Migrationshintergrund. Davon sind ca. 33.585 Deutsche und 30.492 besitzen die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedslands der Arabischen Liga. Wiederum die Hälfte von ihnen haben palästinensische Wurzeln und sind zumeist als Flüchtlinge aus dem Libanon nach Berlin gekommen.[4] Exakte Zahlen für die immerhin größte Gruppe arabischer Zuwanderer sind allerdings schwer zu ermitteln. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 30.000 Palästinenser unterschiedlicher Staatsangehörigkeit in Berlin leben, etwa aus dem Libanon, Syrien, Jordanien sowie eine große Zahl Staatenloser und Personen mit ungeklärtem Status und die vielen inzwischen eingebürgerten Personen mit palästinensischen Wurzeln.[5][6] In den West-Berliner Bezirken befindet sich auch seit den 1980er-Jahren die größte arabische Gemeinde Deutschlands; dort bestehen 12 Kultur-[7] und 13 Moscheevereine[8] sowie zahlreiche arabische Restaurants und Geschäfte.

Weitere bedeutende arabische Gemeinden gibt es in München mit über 13.000 Staatsangehörigen aus arabischen Ländern[9], in Frankfurt am Main mit fast 8.500 Staatsangehörigen[10], in Köln mit über 7.400 Staatsangehörigen[11], in Düsseldorf mit ebenfalls über 7.000 Staatsangehörigen[11], in Essen mit mehr als 5.500 Staatsangehörigen[11], in Dortmund mit ca. 5.300 Staatsangehörigen[11], in Bonn mit fast 5.000 Staatsangehörigen[11] und in Hannover mit über 3.500 Staatsangehörigen[12].

Die Araber in Deutschland stellen keine homogene Gruppe dar, da sie aus unterschiedlichen Nationen aus den arabischen Ländern stammen, bringen sie auch unterschiedliche Kulturen mit und sprechen unterschiedliche arabische Dialekte. Dabei ist zu beachten, dass die Migranten aus dem Maghreb, vor allem aus Marokko und Algerien, auch teilweise berberische Muttersprachler sind. Streng genommen dürfte man Abkömmlinge indigener Völker nur dann als „Araber“ bezeichnen, wenn sie sich vor der Migration hinreichend an die sie umgebende arabische Kultur assimiliert haben.

Religion[Bearbeiten]

Die arabische und türkische Umar-Ibn-Al-Khattab-Moschee in Berlin-Kreuzberg

Etwas mehr als 90 % der Araber in Deutschland gelten als religiös.[13] Anhänger der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam bilden die Mehrheit der Araber, aber auch Anhänger der schiitischen Glaubensrichtung sind vertreten. Eine Moschee besuchen 29 % bis 32 % der muslimischen Araber regelmäßig.[13] Daneben finden sich einige Christen verschiedener Kirchen, auch Drusen und Nusairier.

Integration[Bearbeiten]

Die arabischstämmige Bevölkerung in Deutschland ist inzwischen so heterogen, dass die Erstellung einer Integrationsbilanz für die Gruppe der Araber fast unmöglich ist. An deutschen Universitäten studierten im Wintersemester 2006/07 1.767 Staatsangehörige aus arabischen Ländern (Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga ohne Dschibuti, Komoren, Somalia und Palästina) mit einer in Deutschland erworbenen Hochschulzugangsberechtigung (so genannte Bildungsinländer). Die größte Gruppe nicht-deutscher Bildungsinländer bilden die Türken mit 14.910 Studierenden. In demselben Semester haben 15.733 Studierende in Deutschland aus arabischen Ländern ihre Hochschulzugangsberechtigung im Ausland erworben (so genannte Bildungsausländer). Im Wintersemester 2011/12 kamen 15.727 Bildungsausländer und 1.834 Bildungsinländer aus den Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga (einschließlich Dschibuti, Komoren, Somalia und Palästina).[14]

Medien[Bearbeiten]

Arabische Rundfunkredaktion der Deutschen Welle, 1960

Seitdem Migranten nach Deutschland gekommen sind, etablierten sich relativ zügig Medien, die die Bedürfnisse der jeweiligen Gruppe bedienten. Dabei hat sich die Anzahl und Rolle der Medien stark geändert. Am Anfang bestanden die Angebote der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und der ersten arabischen Printmedien wie Al-Hayat. Seit Ende der achtziger Jahre konnten sich im Zuge der Kabel- und Satellitentechnik Privatsender aus den arabischen Ländern etablieren, mit einem reichen Angebot an Nachrichten- und Talksendungen, Serien und arabischen Filmen. Gerade die dritte Generation greift verstärkt auf das Internet zurück.[15]

Bekannte Araber in Deutschland und Deutsche arabischer Herkunft[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Frank Gesemann, Gerhard Höpp, Haroun Sweis: Araber in Berlin. Miteinander leben in Berlin, Berlin 2002, ISBN 3-7896-0664-2
  • Ralph Ghadban: Die Libanon-Flüchtlinge in Berlin. Zur Integration ethnischer Minderheiten. Das Arabische Buch, Berlin 2000, ISBN 3-86093-293-4
  • Beatrix Pfleiderer-Becker: Tunesische Arbeitnehmer in Deutschland. Eine ethnologische Feldstudie über die Beziehungen zwischen sozialem Wandel in Tunesien und der Auslandstätigkeit tunesischer Arbeitnehmer. Verlag für Entwicklungspolitik, Saarbrücken 1978, ISBN 3-8815-6105-6
  • Renate Plücken-Opolka: Zur sozialen Lage marokkanischer Familien in der Bundesrepublik Deutschland. Eine Dokumentation des Ausländerreferats des Kreisverbandes Düsseldorf der Arbeiterwohlfahrt. EXpress Edition, Berlin 1985, ISBN 3-8854-8356-4
  • Al-Maqam - Zeitschrift für arabische Kunst und Kultur, Heft 2, 2008: Arabisches in Deutschland, ISSN 1431-7974

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ausländer nach Staatsangehörigkeit aus Nicht-EU-Mitgliedstaaten Stand: 31. März 2008
  2. Araber in Deutschland
  3. Flüchtlinge in Deutschland: Arabische Christen in Deutschland
  4. DER SCHWIERIGE WEG PALÄSTINENSISCHER FLÜCHTLINGE IN DIE BERLINER GESELLSCHAFT (PDF; 726 kB) BERLIN INTERNATIONAL November 2010, Nr. 74
  5. Sanem Kleff, Eberhard Seidel: Stadt der Vielfalt. Das Entstehen des neuen Berlin durch Migration. Der Beauftragte des Berliner Senats für Integration und Migration, Berlin 2009, ISBN 978-3-938352-38-0, Seite 86, Online-Version (PDF; 968 kB)
  6. Das arabische Branchenbuch für Berlin - Brandenburg
  7. Arabische Vereine
  8. Arabische Moscheen
  9. Statistisches Amt München: Die ausländische Bevölkerung nach der Staatsangehörigkeit
  10. Statistisches Jahrbuch Frankfurt am Main: Bevölkerung 2008 (PDF; 519 kB)
  11. a b c d e LDS NRW: Ausländische Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen (PDF; 293 kB)
  12. Stadt Hannover: Ausgewählte Daten zur Struktur der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in der Landeshauptstadt Hannover
  13. a b Udo Steinbach: Muslimisches Leben der persischen und arabischen Sprachgruppe (PDF; 132 kB), Seite 1
  14. Deutscher Akademischer Austausch Dienst (DAAD) / Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (vormals Hochschul-Informations-System): Wissenschaft weltoffen
  15. Zahi Alawi: Mediennutzung der Araber in Deutschland. Eine Analyse der Nutzungswirkung der Medien auf eine ethnische Minderheit in Deutschland. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2007, ISBN 3-8364-5208-1