Aram Radomski

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Aram Radomski (* 19. Februar 1963 in Neubrandenburg) ist ein deutscher Fotograf und Designer. Er gehörte in den 1980er-Jahren zur Opposition in der DDR. Bekannt wurde er dadurch, dass er während der Friedlichen Revolution von der entscheidenden Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig gemeinsam mit Siegbert Schefke heimlich Filmaufnahmen machte, die von bundesdeutschen Medien ausgestrahlt wurden und damit auch die Bevölkerung der DDR erreichten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aram Radomski verbrachte seine Kindheit in Groß Nemerow am Tollensesee. Als er drei Monate alt war, heirateten seine Eltern. Aram hieß nun Neumann. Seine Großmutter, die SED-nahe Schriftstellerin Margarete Neumann, stammte aus Ostpreußen. Sein Vater, der spätere regimekritische Schriftsteller Gert Neumann, ging 1967 wegen eines Studiums am Institut für Literatur „Johannes R. Becher“ nach Leipzig und wurde hier ansässig.[1] Als dieser 1979 beabsichtigte, sein erstes Buch im bundesdeutschen Fischer-Taschenbuch-Verlag zu veröffentlichen – in der DDR durfte Gert Neumann, der 1969 aus politischen Gründen exmatrikuliert und aus dem Schriftstellerband ausgeschlossen worden war, nie publizieren – wurde sein minderjähriger Sohn vom Staatssicherheitsdienst verhört. Aram Neumann sollte seinen Vater bespitzeln, was der 15-Jährige ablehnte.[2]

Nach einer Ausbildung zum Agrotechniker arbeitete Aram Neumann zunächst als Hilfsarbeiter im Krankenhaus von Neubrandenburg, dann in Plauen als Handwerker an der dortigen Fachschule für Ökonomie.[3][4]

Haft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Februar 1983 wurde er bei einer Faschingsveranstaltung in einem Plauener Jugendclub zusammengeschlagen.[4] Er wusste nicht, dass es sich bei den Schlägern um Stasi-Mitarbeiter handelte, wurde als Täter verhaftet und vom Kreisgericht Plauen wegen staatsfeindlicher Hetze zunächst zu dreizehn, in der Berufungsverhandlung zu sechs Monaten Haft verurteilt.[5] Die Verhaftung und das die Tatsachen verdrehende Urteil waren Teil eines Stasi-Zersetzungsplans gegen seinen Vater, den Schriftsteller Gert Neumann, der zum Verlassen der DDR genötigt werden sollte.[6] Im Gefängnis Zeithain traf er viele Jugendliche an, die aus politischen Gründen verurteilt worden waren – und er beschloss, gegen das SED-Regime aktiv zu werden. Seine Freundin, eine mongolische Gaststudentin, war während seiner Haftzeit gezwungen worden, die DDR zu verlassen. Er sah sie nie wieder.[5][4]

Oppositionelles Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aram Neumann siedelte nun nach Leipzig um. Hier erhielt er einen neuen Personalausweis – allerdings wurde in diesen sein erster Geburtsname eingetragen: Radomski. Er absolvierte eine zweite Lehre – als Fotograf. 1984 zog er nach Ost-Berlin und arbeitete als freier Fotograf, stellte Postkarten, Aufkleber und Plakate für Veranstaltungen her und druckte oft ohne die vorgeschriebene Druckgenehmigung einzuholen.[3] 1985 begann er hier, im Theater o.N. (Zinnober) mitzuarbeiten.

In der Umwelt-Bibliothek lernte er 1987 Siegbert Schefke kennen, mit dem er die Umweltzerstörung, den Verfall der historischen Städte und den sich formierenden Widerstand in der DDR dokumentierte. Beide stellten ihre Fotos und Video-Reportagen verschiedenen bundesdeutschen Fernsehmagazinen (Kontraste, Kennzeichen D) und Zeitungen zur Verfügung.[7] Dies konnte im SED-Staat mit hohen Haftstrafen geahndet werden, zumal der 1983 aus der DDR ausgebürgerte Dissident Roland Jahn die Videoausrüstung nach Ost-Berlin hatte schmuggeln lassen und die Medienkontakte hergestellt hatte.[8] Schefke und Radomski gaben vor, für kirchliche Einrichtungen tätig zu sein.

Häufig besuchten sie in journalistischer Absicht auch die Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche. Am 9. Oktober 1989 lieferte Radomski zusammen mit Siegbert Schefke die ersten Filmaufnahmen von den seit September stattfindenden Montagsdemonstrationen gegen die SED-Diktatur, die am folgenden Tag in den Tagesthemen mit der Schutzbehauptung gezeigt wurden, sie seien von einem italienischen Kamerateam gedreht worden.[9][10][11] Auch die folgenden großen Leipziger Demonstrationen wurden von Radomski und Schefke dokumentiert, was zur weiteren Mobilisierung der mit der SED-Politik unzufriedenen Bevölkerung beitrug.[12]

Nach der Friedlichen Revolution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Friedlichen Revolution war er als freier Mitarbeiter bei verschiedenen Fernsehsendern und Zeitungen beschäftigt. 1995 absolvierte Radomski eine Ausbildung zum Multimediamanager und war nun als Fotograf und Grafiker für Theaterprojekte tätig. 2002 gründete er die Berlintapete GmbH, als deren Geschäftsführer er bis heute tätig ist.

In Hans-Christoph Blumenbergs Doku-Drama Deutschlandspiel (2000) wurde Radomski von Fabian Busch dargestellt.[13]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1991 erhielt er den Siebenpfeiffer-Preis, mit dem journalistisches Engagement für Freiheit und Demokratie, das keine Rücksichten auf berufliche Karriere oder finanzielle Vorteile kennt, gewürdigt wird.[14] 2004 wurde er mit dem iF communication design award ausgezeichnet und für den Designpreis 2006 der Bundesrepublik Deutschland nominiert.[15] Am 26. November 2009 wurde er gemeinsam mit Siegbert Schefke und dem Leipziger Pfarrer Christoph Wonneberger mit dem Bambi in der Kategorie „Stille Helden“ gewürdigt.[16] Die Jury erklärte zur Preisverleihung an die Initiatoren der Friedlichen Revolution: „Ihre Aufnahmen gehören zu den wertvollsten Bilddokumentationen der deutschen Geschichte.“[17]

2014 wurde Radomski zusammen mit Christoph Wonneberger, Siegbert Schefke und Roland Jahn mit dem Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien ausgezeichnet[18].

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 1999 Gert Neumann. In: Uwe-Johnson-Preis.de. Abgerufen am 4. Juli 2014.
  2. Interview mit Aram Radomski auf jugendopposition.de (Bundeszentrale für politische Bildung / Robert-Havemann-Gesellschaft e.V.), gesichtet am 6. März 2017.
  3. a b Aram Radomski Kurzbiografie auf jugendopposition.de, gesichtet am 6. März 2017.
  4. a b c Frank Junghänel: In der Zeitschleife. Siegbert Schefke und Aram Radomski filmten die Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989, in: Berliner Zeitung vom 9. Oktober 2009, gesichtet am 17. August 2010.
  5. a b Karl-Heinz Baum: Aram Radomski. In: Ilko-Sascha Kowalczuk & Tom Sello (Hrsg.): Für ein freies Land mit freien Menschen. Opposition und Widerstand in Biographien und Fotos. Robert-Havemann-Gesellschaft in Verbindung mit der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin 2006, ISBN 3-938857-02-1, S. 380–383, hier S. 380. Artikel im Netz
  6. Aram Radomski über die Haftumstände auf jugendopposition.de, gesichtet am 6. März 2017.
  7. Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58357-5, S. 364.
  8. Roland Jahn soll Birthler-Nachfolger werden Super Illu, 29. Oktober 2010
  9. Zeitzeuge Aram Radomski über den Herbst 1989 auf jugendopposition.de, gesichtet am 6. März 2017.
  10. Jens Bauszus: Wunder von Leipzig. Die Macht der Fernsehbilder, Focus vom 9. Oktober 2009, gesichtet am 17. August 2010.
  11. Torben Waleczek: Umsturzhelfer?, in: Der Tagesspiegel vom 1. Februar 2008, gesichtet am 17. August 2010.
  12. Ilko-Sascha Kowalczuk: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. C.H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58357-5, S. 403, 420.
  13. Deutschlandspiel in der IMDb, gesichtet am 17. August 2010.
  14. Siebenpfeiffer-Preisträger, gesichtet am 17. August 2010.
  15. Berlintapete Profile, gesichtet am 17. August 2010.
  16. Bericht von der Bambi-Verleihung Hollywood-Glanz und Erinnerung an Mauerfall, FAZ vom 27. November 2009, gesichtet am 17. August 2010.
  17. Bambi-Verleihung im Deutschlandradio, Kulturnachrichten vom 9. November 2009, gesichtet am 17. August 2010.
  18. Medienstiftung der Sparkasse Leipzig » Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien: Preisträger 2014: Aram Radomski, Siegbert Schefke, Roland Jahn und Christoph Wonneberger «  Medienstiftung der Sparkasse Leipzig. In: www.leipziger-medienstiftung.de. Abgerufen am 9. November 2016.