Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten

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Die Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten (AvS) ist eine Arbeitsgemeinschaft von Parteimitgliedern innerhalb der SPD, die während der Zeit des Nationalsozialismus oder in der DDR wegen ihrer Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie verfolgt worden sind.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Ende des Nationalsozialismus bildeten sozialdemokratische ehemalige Widerstandskämpfer und Konzentrationslagerinsassen eine informelle Gruppe. Zunächst wirkten viele ehemals NS-verfolgte Sozialdemokraten in der gesamtdeutschen, an und für sich überparteilichen Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) mit. In der Sowjetischen Besatzungszone, wo vereinigungsunwillige Sozialdemokraten keine eigenständige Partei bilden durften und auch verfolgt wurden, geriet die VVN im Zuge der Stalinisierung zunehmend ins Fahrwasser der SED. Während der Berlin-Blockade verschärften sich die Spannungen in der VVN, die Einheit des Verbandes konnte aber noch gewahrt werden.[1]

Trennung von der VVN[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Düsseldorfer Parteitag (12.–14. September 1948) fassten die delegierten Sozialdemokraten schließlich einen Unvereinbarkeitsbeschluss für die gleichzeitige Mitgliedschaft in der SPD und der VVN.[2] Begründung: die VVN sei „kommunistisch unterwandert“. 2010 wurde der Beschluss aufgehoben. Auf Anregung der SPD-Führung um Kurt Schumacher wurde Ende 1948 die AvS gegründet und sozialdemokratische ehemalige VVN-Mitglieder traten ihr bei.[2] Auch in Bezug auf eine gleichzeitige Mitgliedschaft in SPD und Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) erging ein Unvereinbarkeitsbeschluss und zwar am 9. Mai 1953 auf Vorschlag des SPD-Parteivorstands.[3] Eberhard Brünen meinte in einem Brief an Hermann Runge, der BVN trage eindeutig politischen Charakter und habe sich – wie die VVN – zu einem üblen politischen Gebilde entwickelt.[4]

Ziel der Arbeitsgemeinschaft war von Anfang an die Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus und ab den 1980er Jahren auch der Kampf gegen das Erstarken der Neuen Rechten. Oft stellte die AvS Zeitzeugen für die NS-Zeit für Veranstaltungen verschiedener Organisationen. Anders als der konkurrierenden VVN gelang es der AvS nicht, kontinuierlich eigenständige Aktivitäten zu entfalten.[5]

Zusammenarbeit und Fusion mit SED-Opfern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1997 beschloss die AvS, auch mit durch die SED verfolgten Sozialdemokraten zusammenzuarbeiten (Sozialdemokratischer Arbeitskreis ehemaliger politischer Häftlinge). In der Folgezeit wurden gemeinsame Seminare und Veranstaltungen abgehalten.[6] Die Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten und der Arbeitskreis der politischen Häftlinge in der SBZ/DDR haben sich zusammengeschlossen. Die Fusion zum Arbeitskreis ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten (AvS) hat der Parteivorstand während seiner Klausurtagung am 17. Januar 2016 einstimmig bestätigt.[7]

Struktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die AvS hat heute nur noch sehr wenige, hochbetagte Mitglieder aus dem Widerstand gegen das Dritte Reich. Sechsmal jährlich gibt die AvS einen Informationsdienst heraus und beteiligt sich mit Referenten an Seminaren und Zeitzeugen an Veranstaltungen (z. B. in Schulen) zu den Themen Extremismus und Nationalsozialismus. Der Bundesvorsitz war seit dem Tod von Susanne Miller am 1. Juli 2008 bis Ende Oktober 2016 vakant. Bei der Vorstandswahl am 29. Oktober 2016 wurde Wolfgang Kopitzsch zum Vorsitzenden und Holger Martens zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Der Beisitzer Lothar Tautz kommt aus dem Kreis der SED-Opfer. Der Sitz der AvS ist in Berlin, in den SPD-Bezirken ist sie mit Gedenkstättenbeauftragten und Bundesausschuss-Delegierten vertreten.

Vorstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bundesvorstand besteht aus folgenden Personen:

Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Man wolle „die Traditionen des Widerstandes gegen das NS-Regime und die kommunistische Diktatur in der SPD wach […] halten“ und die daraus gewonnenen Erfahrungen und Erkenntnisse auch in die heutige Politik einbringen.
  • Der Bevölkerung solle der Widerstand als „unverzichtbarer Bestandteil demokratischer Kultur“ bewusst werden. In der Gesellschaft solle die „Anerkennung des Widerstandes und der Leiden der Opfer“ gefestigt werden.
  • Man hat sich zum Ziel gesetzt „neonazistische, extremistische, antisemitische und rassistische Organisationen und Bestrebungen“ mit Nachdruck zu bekämpfen, sowie sich um Erinnerungsstätten zu kümmern.

Außerdem sind dem AvS der Schutz von Minderheiten und Verfolgten wichtig, Anliegen von ehemaligen Opfern Nachdruck zu verleihen und mit Organisationen auf nationaler und internationaler Ebene zusammenzuarbeiten, die ähnliche Interessen verfolgen. Nicht zuletzt bemüht man sich darum, Dokumente über den Widerstand nach einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Öffentlichkeit publik zu machen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Rieke (Hg.): Sozialdemokraten als Opfer im Kampf gegen die rote Diktatur. Arbeitsmaterialien zur politischen Bildung, Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1994 pdf-online

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Günter Beaugrand, „Zeitzeuge am Redaktionstisch: Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) und der Bund der Verfolgten des Naziregimes (BVN) im Spiegel ihrer Presseorgane“, in: Historisch-Politische Mitteilungen, Bd. 4, Heft 1 (Oktober 1997), S. 261–281, hier S. 263.
  2. a b Kristina Meyer, „Verfolgung, Verdrängung, Vermittlung: Die SPD und ihre NS-Verfolgten“, in: Die Praxis der Wiedergutmachung: Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel, Norbert Frei, José Brunner und Constantin Goschler (Hgg.), Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2010, (=Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung; Bd. 1033), S. 159–202, hier S. 169. ISBN 978-3-8389-0033-9.
  3. Kristina Meyer, „Verfolgung, Verdrängung, Vermittlung: Die SPD und ihre NS-Verfolgten“, in: Die Praxis der Wiedergutmachung: Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel, Norbert Frei, José Brunner und Constantin Goschler (Hgg.), Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2010, (=Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung; Bd. 1033), S. 159–202, hier S. 171. ISBN 978-3-8389-0033-9.
  4. Kristina Meyer, „Verfolgung, Verdrängung, Vermittlung: Die SPD und ihre NS-Verfolgten“, in: Die Praxis der Wiedergutmachung: Geschichte, Erfahrung und Wirkung in Deutschland und Israel, Norbert Frei, José Brunner und Constantin Goschler (Hgg.), Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2010, (=Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung; Bd. 1033), S. 159–202, hier S. 170. ISBN 978-3-8389-0033-9.
  5. Richard Stöss: Die extreme Rechte in der Bundesrepublik: Entwicklung — Ursachen - Gegenmaßnahmen, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1989, S. 245.
  6. Susanne Miller: So würde ich noch einmal leben, S. 197–203. Zum Zeitpunkt der Integration von in der DDR verfolgten Sozialdemokraten siehe die Dokumentation Eine Zwischenbilanz der Aufarbeitung der SBZ/DDR-Diktatur 1989–1999. X. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung, Büro Leipzig, 7. und 8. Mai 1999, S. 14 (Grußwort von S. Miller). Friedrich-Ebert-Stiftung (PDF, 390 kB)
  7. https://avs.spd.de/aktuelles/

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]