Arbeitslager Workuta

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Der Glockenturm

Das Arbeitslager Workuta (russisch Воркутинский исправительно-трудовой лагерь, Kurzform Воркутлаг, deutsch Workutaer Besserungsarbeitslager, auch Workuta-Internierungslager oder Gulag Workuta), war ein Besserungsarbeitslager für politisch Verfolgte und Kriegsgefangene in der Sowjetunion. Das Lager befand sich nahe der Stadt Workuta im Norden der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Komi.

Das Workuta-Internierungslager in der Sowjetunion (siehe auch Gulag) bestand offiziell vom 10. Mai 1938 bis mindestens 1960. Bereits vor 1938 existierte allerdings in dem Gebiet ein Zwangsarbeiterlager. Begleitet von Mitgliedern der GPU wurden schon im Juni 1929 Expeditionen – bestehend aus Geologen, die aus anderen Konzentrationslagern stammten und ihre Freilassung versprochen bekamen – in die nördlichen Regionen des Urals, der ASSR der Komi, ausgesandt, um herauszufinden, ob die bereits seit zaristischen Zeiten vermutete große Menge an Bodenschätzen dort vorzufinden sei. Spätestens nach Probebohrungen im Jahr 1931 wurden diese enormen Rohstoffvorkommen auch nachgewiesen und Schätzungen von 1937 zufolge war in der Region um Workuta mit etwa 37,5 Milliarden Tonnen Steinkohle (neben Erdgas, Erdöl u. a.) zu rechnen. Aufgrund des hohen Bedarfs an Kohle im Zuge der forcierten Industrialisierung der Sowjetunion wurde daher 1929 in der unwirtlichen Gegend von Workuta, die kaum ein Arbeiter freiwillig betreten hätte, eine Siedlung durch die etwa 9.000 dahin verschleppten Zwangsarbeiter errichtet, um die Rohstoffe abzubauen.[1]

Im Arbeitslager Workuta waren gleichzeitig bis zu 73.000 Personen inhaftiert.[2] Insgesamt waren es weit über eine Million Männer und Frauen verschiedener Nationalitäten, die nach Workuta verschleppt wurden. Davon kamen etwa 250.000 auf unterschiedlichste Art und Weise ums Leben.[3] Die genaue Anzahl deutscher Gefangener ist unklar. Karl Wilhelm Fricke geht davon aus, dass etwa 40.000–50.000 Deutsche aus der SBZ/DDR von 1945–1955 durch sowjetische Militärtribunale verurteilt und davon 20.000–25.000 in die Sowjetunion verschleppt wurden.[4] Andere Zahlen sprechen von nur 5.000 Verschleppten, wovon etwa ein Drittel nach Workuta gekommen sein soll.[5] Hinzu kommen noch etliche Russlanddeutsche, die vor dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion lebten und nach dem deutschen Angriff 1941 inhaftiert wurden, sowie die in der Sowjetunion inhaftierten Kriegsgefangenen. Aus den letztgenannten Gruppen kamen allerdings nicht alle Gefangenen auch nach Workuta, weswegen die genaue Zahl schwer zu ermitteln ist (von den 370.000 Wolgadeutschen waren es beispielsweise etwa 13.000[6]). Fest steht aber, dass das Zwangsarbeitslager in Workuta zum Hauptzielort für deutsche Gefangene in der Nachkriegszeit wurde.[7]

Gründe für Inhaftierung, Verurteilung und Verschleppung[Bearbeiten]

Waren Ende der 1930er Jahre noch fast ausschließlich Sowjetbürger inhaftiert – insbesondere Ukrainer – die hauptsächlich wegen ihrer politischen Ansichten verfolgt und eingesperrt wurden, so änderte sich das Bild der Zusammensetzung des Lagers im Laufe des Zweiten Weltkriegs und der folgenden Zeit. Nun kamen auch völlig unabhängig von Alter, Geschlecht oder Beruf vermehrt deutsche Kriegsgefangene und andere deutsche Bürger, die vermeintliche oder tatsächliche Mitglieder oder Helfer der NSDAP oder generell „potentiell gefährliche Deutsche“ (zum Beispiel Sozialdemokraten) waren, nach Workuta.[8] Hinzu kamen darüber hinaus angebliche Kollaborateure aus den osteuropäischen Ländern wie ehemalige Angehörige der sowjetischen Armee, die sich selbst zuvor in deutscher Kriegsgefangenschaft befanden und des Vaterlandsverrats bezichtigt wurden sowie weitere Ostmitteleuropäer, die sich nicht den neuen kommunistischen Machthabern unterwerfen wollten. Entweder wurden die Gefangenen gleich zur Todesstrafe oder aber zu mehreren Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Nach dem Krieg Verurteilte wurden zumeist nach Artikel 58 des sowjetischen Strafgesetzbuches, der dehnbare Begründungen wie „antisowjetische Agitation und Propaganda“, „konterrevolutionäre Aktivitäten“ und „Bandenbildung“ beinhaltete, belangt.[9] Die Geständnisse wurden meist nach stundenlanger Folter erpresst. Mitunter war auch reine Willkür der Grund für die Verhaftung, wie das Beispiel eines Rumänen zeigt, der als ein gewisser „Pedru“ verhaftet und verschleppt wurde, aber weder so hieß, noch jemanden kannte, der diesen Namen trug.[10]

Unumstritten ist, dass die Verhaftung, Verurteilung und Deportation so vieler Menschen auch durch wirtschaftliche Beweggründe motiviert war. Fest steht überdies, dass sich Lawrenti Pawlowitsch Beria in seinem Amt als Volkskommissar für Innere Angelegenheiten und damit als höchster Verantwortlicher über das gesamte Gulag-System stets darüber beklagte, dass in den Lagern zu wenige Arbeitskräfte vorhanden waren, um den Bedarf des Staates zu decken. Dabei war es Beria auch selbst, der die zu erreichenden Fördermengen an Ressourcen immer wieder nach oben korrigierte. So legte er zum Beispiel 1941 fest, dass sich der Ertrag des Kohleabbaus in den Jahren 1942–1948 zu verzehnfachen habe. Durch diese Planvorgaben erhöhte sich auch der Bedarf an Zwangsarbeitern weiter.[11]

Haftbedingungen[Bearbeiten]

Bereits beim Transport von Gefangenen, beispielsweise aus der SBZ/DDR, herrschten katastrophale Bedingungen. So kam es etwa vor, dass drei Personen in Ein-Mann-Zellen eines als Postwaggon getarnten, unbeheizten Zuges gesperrt wurden, sodass immer nur einer sitzen konnte, während die anderen standen, bis sie irgendwann vor Erschöpfung zusammenbrachen. Die Verpflegung war völlig unzureichend. Tagesration war lediglich eine Hand voll gesalzener Heringe, 300 g Brot und ein Becher Wasser.[12] Transporte aus Europa legten einen Halt im belorussischen Brest ein, da die Gleisspurweite Mitteleuropas nicht identisch war mit der sowjetischen und die Züge dementsprechend umgerüstet werden mussten. Dieser Prozess dauerte drei bis fünf Tage, in denen die Gefangenen in der Zeit des Aufenthalts in einem heruntergekommenen Gefängnis untergebracht wurden. Kälte, Betten aus Eisen und ohne Matratzen oder Decken und „Myriaden“ von Wanzen machten den Gefangenen zu schaffen.[13] Ähnliche Zustände herrschten auch in anderen Zwischenstationen.

Je nach Grund der Verurteilung kamen die Gefangenen in unterschiedliche Lager, entweder in das Workutlag oder das Flusslag. Das Flusslag existierte als untergeordnete Struktureinheit des Workutlag jedoch nur vom 27. Januar 1948 bis zum 26. Mai 1954. In ihm kamen hauptsächlich die Schwerverbrecher unter, während im Workutlag vor allem Gefangene wegen politischer Vergehen und kleinerer Straftaten untergebracht wurden.[14]

Am Zielort waren die Gefangenen sofort der bitteren Kälte des Nordpolarkreises ausgesetzt. Temperaturen von bis zu −56 °C und die von September bis Mai stürmende Poorga setzten den meist unzureichend bekleideten Deportierten erheblich zu. Lediglich im Sommer waren die Temperaturen erträglich. Auch die primitiven Baracken aus Holz, in denen die Gefangenen ebenso mit Unmengen von Wanzen und anderem Ungeziefer zu kämpfen hatten, konnten der Kälte nur wenig entgegensetzen. Auch den sowjetischen Machthabern war klar, dass das Arbeiten bei solchen Temperaturen nur schwer möglich war, weshalb im Freien nur dann gearbeitet werden musste, wenn die Temperatur über −36 °C lag. Lag die Temperatur darunter, musste zumindest nicht draußen gearbeitet werden. Der typische Alltag war in 10-Stunden-Schichten eingeteilt, wobei der Arbeitsablauf immer wieder durch Leibesvisitationen und Vollzähligkeitskontrollen unterbrochen wurde – obwohl die Fluchtwahrscheinlichkeit relativ gering war, schließlich tendierten die Chancen gegen null, nach einer erfolgreichen Flucht in der Ödnis des Nordpolarkreises zu überleben.[15]

Neuankömmlinge im Lager wurden häufig bereits in den ersten Stunden Opfer von Raubüberfällen der ebenfalls internierten Schwerkriminellen, die sich zu regelrechten Banden zusammenrotteten. Dies wollte die Lagerleitung eigentlich verhindern, indem sie alle drei bis sechs Monate die Zusammensetzung der Lager und Arbeitsgruppen mit dem Ziel änderte, es nicht zu Verbrüderungen und Gruppenbildungen kommen zu lassen. Da allerdings einige der Wärter mit Gefangenen zusammenarbeiteten, wurden die Raubzüge oftmals toleriert.[16] Zusätzlich überwachten noch Spitzel des NKWD die Insassen und achteten darauf, dass sich keine verschwörerischen Gruppen zusammen fanden. Je Lagerabteilung gab es etwa zwei bis drei Spitzel [17], die aber auch oft entlarvt und dann durch Lynchjustiz abgestraft wurden. Das anschließende Geständnis brachte den „Tätern“ meist weitere 25 Jahre Zwangsarbeit ein.[18]

Körperliche Hygiene war in Workuta nur eingeschränkt möglich. Zahnbürsten und Zahnpasta gab es jahrelang gar nicht; Seife wurde nur in kleinen Portionen einmal pro Woche ausgegeben. Duschen war zwar täglich möglich, wurde aber nur gestattet, wenn man untertage gearbeitet hatte. Unzureichend war auch die medizinische Versorgung – Medikamente und Narkosemittel gab es kaum. So mussten die ebenfalls inhaftierten Ärzte, die sich zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung mitunter noch im Studium befunden hatten, beispielsweise einem Gefangenen ohne Betäubung den Zeh amputieren[19] oder anderen den Blinddarm oder Nierensteine ohne Narkose entfernen.[20] Neben häufig selbst verursachten Verletzungen, um der anstrengenden Arbeit wenigstens für eine Weile zu entgehen, litten die Gefangenen zumeist an Mangelerkrankungen, da die Nahrung keinerlei oder kaum Vitamin- oder Eiweißbestandteile besaß, teilweise gefroren oder verdorben oder durch das nahe gelegene atomare Versuchsgebiet Nowaja Semlja radioaktiv kontaminiert war.[21]

Nach dem Zweiten Weltkrieg sahen die Rationen für die Gefangenen bei 100 % Normerfüllung etwa so aus: 600 g (sehr wässriges) Brot, 40 g Fisch oder Fleisch, 150–250 g Kaschabrei (aus Haferflocken, Hirse, Buchweizen, Gersten-, Roggen- oder Weizengraupen oder selten auch Grieß), 5 g Öl und 750 g Kohl-, Sauerkraut-, Sauerampfer- oder Graupensuppe. Die Rationen waren in den ersten Jahren die einzige Art der Bezahlung für die Arbeiter und waren an die Erfüllung der Arbeitsnormen gebunden. Wer das Tagessoll nicht erreichte, bekam weniger Nahrung und musste mit weniger Kraft am nächsten Tag versuchen, der Arbeitsnorm zu genügen. Bei Erfüllung oder Übererfüllung des Solls konnten den Gefangenen mehr Nahrung beziehungsweise auch seltenere Nahrungsmittel wie Zitronen oder Konfekt angeboten werden. Ab dem 1. Januar 1952 wurde das System der Bezahlung modifiziert, da die Arbeiter nun neben den Rationen auch tatsächlich einen geringen Verdienst ausgezahlt bekamen, den sie in der Kantine selbstständig in zusätzliche Nahrungsmittel investieren oder aber für später aufsparen konnten.[22]

Von Vorteil war es, als Häftling Russisch oder eine andere osteuropäische Sprache zu sprechen, um mit den anderen Gefangenen oder den Wärtern zu kommunizieren, was allerdings besonders unter den Deutschen nicht sehr verbreitet war. Konnte man Russisch, so war es möglich, sich zwischen dem Abendessen und Barackenschluss in die Kulturbaracke zu begeben und Klassiker der russischen Literatur zu lesen oder wenigstens ein wenig von der Welt zu erfahren, indem man die Parteizeitung Prawda las. Mit der Zeit schafften es die Gefangenen auch, hinter die propagandistischen Texte der Prawda zu schauen. Gelegentlich fanden auch Kulturabende mit Konzerten, Theateraufführungen oder Filmen statt. Offiziell war es auch möglich, seinen Angehörigen Briefe zu schreiben. Jedoch mussten Ausländer dafür ein spezielles Formular ausfüllen, das nie vorrätig war. Hätte man allerdings deswegen behauptet, es war generell nicht möglich, seinen Angehörigen zu schreiben, so wäre das eine strafbare Verleumdung der Sowjetunion gewesen.[23]

Aufgaben der Häftlinge[Bearbeiten]

Die ersten nach Workuta verschleppten Häftlinge fanden in der Gegend noch keine Lagerstrukturen vor, nicht einmal wirksames Werkzeug war vorhanden. Bis sie sich ihre Baracken selbst fertig gebaut hatten, mussten sie in selbst gegrabenen Erdhöhlen hausen. Nach dem 1939 erfolgten Beschluss der forcierten Erschließung des Gebietes und damit des massiven Abbaus der Ressourcen, begannen die Häftlinge auch mit dem Bau einer Eisenbahnstrecke nach Kirow. Unter großen Verlusten gelang dieses Vorhaben bis 1942. Vor der Fertigstellung der Strecke wurden die Zwangsarbeiter noch über Flüsse nach Workuta transportiert und die Kohle auf demselben Weg zurück. Bis heute gibt es keine ausreichende Straßenanbindung.[24]

Neulinge in Workuta wurden zunächst in Quarantäne gesteckt und mussten nur leichtere Arbeiten verrichten, wie etwa Kartoffeln schälen oder das Ausladen von Nahrungsmitteln. Die Gewöhnung an die Umgebung und die Verhältnisse stand erst einmal im Vordergrund. Nach der kurzen Eingewöhnungsphase mussten die Häftlinge schnell zu körperlich anstrengenderer Arbeit übergehen, wie etwa dem ständigen Bau neuer Baracken oder Arbeiten, bei denen der zugefrorene Boden mit unzureichenden Arbeitsgeräten aufgerissen werden musste. Die meist völlig entkräfteten Männer und Frauen waren dazu jedoch meist gar nicht mehr in der Lage. Andere schwere Arbeiten neben dem Erdaushub waren Betonmischen per Hand, losen Zement verladen, Kohlenwaggons entladen und das Schneeräumen nur mit einem Spaten.[25] Die körperlich schwersten Arbeiten hatte insbesondere seit 1941 die immer größer werdende Gruppe deutscher Kriegsgefangener zu verrichten, was die erhöhte Sterblichkeitsrate unter ihnen verdeutlicht.[26] Wer schwächelte und keinen hatte, der die körperlich anstrengende Arbeit wenigstens für einen Moment übernahm, wurde beschimpft, geschlagen und als Arbeitsverweigerer hingestellt, was wiederum Karzerhaft zur Folge hatte.[27]

„Für den Gefangenen gab es nichts als die ewige Mühle: Essen – schlafen – arbeiten – schlafen – arbeiten – tagaus, tagein. Es gab keinen Sonntag oder Feiertag, sondern lediglich die Einrichtung des sogenannten ‚Wychotneu‘, das heißt, daß man jede siebte Schicht in der Baracke bleiben konnte, wenn die Brigade zur Arbeit angetrieben wurde. Man konnte dann eine Schicht zusätzlich schlafen. ‚Wychotneu‘ bedeutet so viel wie ‚Ausgang‘ – ein Zynismus.“

Der ehemalige Häftling Hans-Dieter Scharf[28]

Streik und Aufstand im Sommer 1953[Bearbeiten]

Das Jahr 1953 brachte viele Ereignisse im kommunistischen Machtbereich mit sich, die auch gravierende Folgen für die Lagerinsassen in Workuta hatten. Zunächst starb am 5. März 1953 Josef Wissarionowitsch Stalin, was zu Verwirrung bei den Wärtern ob der veränderten Machtkonstellation führte, wodurch das Lagerregime etwas gelockert wurde. Bereits zu dieser Zeit kam bei den Häftlingen die Hoffnung auf Freilassung auf, die noch dadurch verstärkt wurde, dass tatsächlich einige Deutsche in die Oblast Kaliningrad geschickt wurden.[29] Im Juni berichtete die Prawda über den Aufstand des 17. Juni in der DDR, was die Freiheitshoffnungen der Inhaftierten weitere schürte. Ebenso kamen erste Gedanken an einen Streik oder Aufstand auf, sollte sich die Lage zukünftig nicht wirklich ändern. Auch nichtdeutsche Gefangene beeindruckte der Volksaufstand in der DDR. So wurde selbstironisch darüber gespottet, dass die Deutschen schon nach acht Jahren den Kommunismus satt und ihn bereits so schnell als Unrechtssystem erkannt hätten, während sowjetische Bürger dieses System schon 35 Jahre dulden würden und bisher noch nichts dagegen getan hatten.[30] Spätestens nach der Verhaftung von Lawrenti Pawlowitsch Beria wegen angeblicher Spionagetätigkeiten (26. Juni 1953), wurden Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen, besserer Verpflegung und Versorgung und nach Rehabilitationen offen vorgetragenen. Sowjetische Offiziere stellten ebenfalls Verbesserungen in Aussicht, allerdings nicht in dem Maße, wie es sich die Lagerinsassen wünschten, was wiederum zu einer massiven Unzufriedenheit führte.

Auslöser des Streiks waren letztendlich Deportierte aus einem Lager bei Qaraghandy (Karaganda) in Kasachstan, die Mitte Juni in Workuta ankamen. Diese hatten sich freiwillig für die Arbeit in der ASSR Komi gemeldet, da ihnen bessere Arbeitsbedingungen als in Kasachstan und eine freie Ansiedlung versprochen wurden. Die Versprechungen wurden jedoch nicht verwirklicht, als sie im Schacht 7 ihre Arbeit aufnehmen sollten. Tatsächlich waren die Arbeitsbedingungen sogar erheblich schlechter, und von einer freien Ansiedlung war auch keine Rede mehr. In der Folge verweigerten die Arbeiter des Schachtes, die sich den Neuankömmlingen gegenüber solidarisch erklärten, die Arbeit und produzierten nur noch eine Tonne Kohle pro Tag anstatt der normalerweise geförderten Menge von eintausend Tonnen.[31] Gerüchte um einen Streik in Schacht 7 breiteten sich schnell aus. Auch andere Lager und Schächte traten in den Streik, was allerdings je nach vorgetragener Forderung verschiedene Folgen nach sich zog. Während zum Beispiel die Arbeiter des Schachtes 40 einen relativ ruhigen „freien“ Sommer erlebten und ihr erarbeitetes Geld bis auf den letzten Rubel ausgeben konnten, um dann im September wieder die Arbeit aufnehmen zu müssen[32], eskalierte die Lage an anderer Stelle. Denn im Gegensatz zu den Arbeitern des Schachtes 40, die nicht aggressiv auftraten und auch nur wenige Forderungen hatten, übernahmen im Lager 10 des Schachtes 29 die Insassen die Leitung des Lagers, entwaffneten das Wachpersonal und internierten es. Der Chef der gesamten Lagerleitung in Workuta, General Andrej Afanasjewitsch Derewjanko, war allerdings nicht gewillt, den Forderungen nach Revisionsverfahren nachzugeben.[33] Aus Moskau angereiste hohe Offizielle traten mit den Gefangenen in Verhandlungen, obwohl der von den Inhaftierten geforderte Verhandlungspartner Sergei Nikiforowitsch Kruglow (Innenminister der Sowjetunion) der Delegation nicht angehörte. Dieser hielt sich aber zumindest gerüchteweise in Workuta auf. Da die Sowjetunion aber strikt Revisionen der Urteile und damit Freilassungen ablehnte, kam es nicht wirklich zu Verhandlungen. Vielmehr wurde den Gefangenen gedroht, zum Beispiel seitens des Generalstaatsanwalts Roman Andrejewitsch Rudenko, der in den Nürnberger Prozessen noch energisch gegen führende Nationalsozialisten und ihr Unrechtssystem Anklage erhob. Doch weder Rudenkos Drohungen, noch die von anderen angereisten Politikern und hohen Militärangehörigen (zum Beispiel der General der Armee Iwan Iwanowitsch Maslennikow) schüchterten die Gefangenen ein.[34] Infolgedessen ließen am Morgen des 1. August 1953 die sowjetischen Befehlshaber Truppen aufmarschieren, die das Lager umstellten. Nach einem kurzen Gespräch zwischen MWD-Offizieren und den Anführern des Streiks am Lagertor schoss einer der Offiziere einem der Häftlinge in den Kopf. Die Truppen des MWD eröffneten daraufhin das Feuer auf die anderen Insassen, es kam zu einem Massaker.[35] Die Niederschlagung des Aufstandes kostete etwa 64 Menschen das Leben und weitere 120 wurden schwer verletzt. Viele Personen wurden danach aus dem Lager entfernt, wahrscheinlich weil sie als Anführer denunziert wurden. Die Schwerverletzten, die im Lager blieben, mussten nach einer nur kurzen Regenerationsphase wieder mit der Arbeit beginnen.[36]

Der Streik von 1953 war allerdings nicht der einzige, denn schon im Vorfeld kam es immer wieder zu Protesten der Zwangsarbeiter. Beispielsweise traten sie aufgrund der unerträglichen Arbeitsbedingungen vom Oktober 1936 bis zum Februar 1937 in den Hungerstreik, ohne dadurch allerdings Erfolge zu erzielen. Nachdem eine Moskauer Kommission die Ereignisse in Workuta untersucht hatte, wurden 2901 an dem Hungerstreik beteiligte Personen hingerichtet.[11] Ähnlich erging es Streikenden aus dem Jahr 1941, die sich 15 Tage der Arbeit verweigerten, nachdem die Rationen für die Zwangsarbeiter wegen Lebensmittelknappheit, aufgrund des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion, verringert wurden. Auch hier kam es zur Erschießung der Rädelsführer und zur Annullierung der bereits abgebüßten Strafzeiten.[31] Im Gegensatz zu den Streiks von 1953 ist die Informationslage zu früheren Vorkommnissen in Workuta aber sehr viel dürftiger.

Folgen des Streiks und Freilassung der Gefangenen[Bearbeiten]

Trotz der blutigen Niederschlagung des Streiks verbesserte sich die Lage für die Gefangenen zunehmend. Ende 1953 war es möglich, seinen Angehörigen einen Brief zu schreiben; die nötigen Formulare waren nun vorhanden. Außerdem gab es bereits einige Freilassungen von Häftlingen, die in Deutschland vom Schicksal ihrer noch inhaftierten Freunde berichteten. Seit Anfang 1954 war es ebenso möglich, sich Päckchen schicken zu lassen, die vom Roten Kreuz ausgeliefert wurden. Dies bedeutete dringend benötigte warme Kleidung für die Inhaftierten und eine gewisse Steigerung der Lebensqualität.[37] Über die Freilassung aller deutschen Häftlinge wurde im September 1955 entschieden, als Bundeskanzler Konrad Adenauer auf Einladung der Sowjetunion nach Moskau kam (Heimkehr der Zehntausend).

Mit dem Abtransport aus Workuta waren die Gefangenen zwar noch längst nicht frei, aber die Lage hatte sich für sie deutlich entspannt. Zunächst wurden die meisten über Gorki in ein anderes Lager in Ostmitteleuropa gebracht, wo sie verhältnismäßig ungestört leben konnten. Die Arbeitsverweigerungen wurden nicht mehr bestraft und zur allgemeinen Verwunderung unter den Insassen akzeptierte das sowjetische Wachpersonal sogar, dass die Häftlinge sich einen Fußballplatz bauten und sich sportlich betätigten. Es kam auch zu Spielen gegen die Wachmannschaft, wobei die nötigen Materialien für das Fußballspielen – Bälle, Trikots etc. – von Spielern des 1. FC Kaiserslautern kamen. Zusammen mit der Wachmannschaft lauschten die Inhaftierten auch einem Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft, die nur ein Jahr zuvor Weltmeister geworden war, gegen die Sowjetunion in Moskau. Alles in allem warteten die Inhaftierten nur noch darauf, endlich freizukommen. In welchen der beiden deutschen Staaten sie freigelassen wurden, hatten die Häftlinge sogar mehr oder weniger selbst in der Hand. In Verhören mit Offizieren gaben einige, die eigentlich in der DDR ihre Heimat hatten, Adressen in Westdeutschland an, in der Hoffnung, in die Bundesrepublik entlassen zu werden, was auch tatsächlich geschah.[38]

Inhaftierte aus anderen Nationen kamen ebenso nach und nach frei. So gab es zum Beispiel am 19. September 1955 einen Erlass des Obersten Sowjet, der alle Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion amnestierte, denen zuvor die Kollaboration mit den Deutschen vorgeworfen wurde. Auch Schwerverbrecher kamen mit der Zeit frei, wobei diese sich oftmals in Workuta ansiedelten, da sie hier eine Arbeit in den Bergwerken und eine Art Heimat hatten. Die am längsten inhaftierte Gruppe waren die Häftlinge, die aufgrund nationalistischer Straftaten verurteilt worden waren. Diese kamen erst mit der Schließung des Arbeiterlagers wieder frei.[39]

Bekannte Häftlinge[Bearbeiten]

Umgang mit Workuta nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion[Bearbeiten]

Infolge des Zusammenbruches der Sowjetunion wurde das Kapitel Zwangsarbeit auch justiziell durch das im Oktober 1991 in Russland in Kraft getretene Gesetz „Über die Rehabilitierung von Opfern politischer Repressalien“ zum Thema.[40] Dieses Gesetz ermöglicht es ehemaligen Gefangenen (oder, falls der ehemalige Häftling bereits verstorben ist, deren Angehörigen/Freunden/Mithäftlingen) einen Antrag auf Rehabilitation zu stellen und dadurch auch offiziell bestätigt zu bekommen, dass sie Opfer eines repressiven Systems waren. Insbesondere die Anerkennung des erlittenen Unrechts war den Zwangsarbeitern von Workuta wichtig, da sie, was zum Beispiel Renten- und Pensionsansprüche angeht, anders behandelt werden als etwa ehemalige Häftlinge in deutschen Arbeitslagern während der nationalsozialistischen Diktatur. Dadurch entstand das Gefühl, zu Opfern „zweiter Klasse“ degradiert zu werden.[41] Es wird auch immer wieder von Seiten der Betroffenen betont, dass es nicht um das Geld gehe, sondern um den fehlenden Respekt, den man den Opfern entgegenbringt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Horst Bienek: Workuta. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Michael Krüger. Wallstein-Verlag, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8353-1230-2.
  • Roland Bude: Workuta. Strafe für politische Opposition in der SBZ/DDR (= Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Bd. 30). Der Berliner Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Berlin 2010, ISBN 978-3-934085-32-9.
  • Peter Erler: Zehn Jahre Sowjetische Militärgerichtsbarkeit in Deutschland. In: Michael Borchard, Peter Erler, Leonid P. Kopalin: Kriegsgefangene – Politische Häftlinge – Rehabilitation (= Zukunftsforum Politik. Nr. 11, ZDB-ID 2059128-7). Konrad-Adenauer-Stiftung, St. Augustin 2000, S. 7–22.
  • Annelise Fleck: Workuta überlebt! Als Frau in Stalins Straflager. Bechtermünz, Augsburg 2001, ISBN 3-8289-0417-3.
  • Jan Foitzik, Horst Hennig (Hrsg.): Begegnungen in Workuta. Erinnerungen, Zeugnisse, Dokumente. 2., durchgesehene Auflage. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2003, ISBN 3-936522-26-X.
  • Klaus-Peter Graffius, Horst Hennig (Hrsg.): Zwischen Bautzen und Workuta. Totalitäre Gewaltherrschaft und Haftfolgen. 2., erweiterte Auflage, mit einer Bewertung aus russischer historisch-juristischer Sicht. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2004, ISBN 3-937209-76-X.
  • Wladislaw Hedeler, Horst Hennig (Hrsg.): Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953. Eine dokumentierte Chronik. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 2007, ISBN 978-3-86583-177-4.
  • Leonid Pawlowitsch Kopalin: Die Rehabilitierung deutscher Opfer sowjetischer politischer Verfolgung (= Gesprächskreis Geschichte. Heft 10). Forschungsinstitut Friedrich-Ebert-Stiftung – Historisches Forschungszentrum, Bonn 1995, ISBN 3-86077-390-9.
  • Sergej Lochthofen: Schwarzes Eis. Der Lebensroman meines Vaters. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2012, ISBN 978-3-498-03940-0.
  • Günther Rehbein. Gulag und Genossen. Aufzeichnungen eines Überlebenden. Verlag Neue Literatur, Jena u. a. 2008, ISBN 978-3-938157-87-9.
  • Hans-Dieter Scharf: Von Leipzig nach Workuta und zurück. Ein Schicksalsbericht aus den frühen Jahren des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates 1950–1954 (= Lebenszeugnisse – Leidenswege. Heft 2). Bearbeitet und eingeleitet von Klaus-Dieter Müller. Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer Politischer Gewaltherrschaft, Dresden 1996, ISBN 3-9805527-1-3.
  • Joseph Scholmer: Arzt in Workuta. Bericht aus einem sowjetischen Straflager. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1963.
  • Joseph Scholmer: Die Toten kehren zurück. Bericht eines Arztes aus Workuta. Kiepenheuer & Witsch, Köln u. a. 1954.
  • Horst Schüler: Workuta. Erinnerungen ohne Angst. Herbig, München 1993, ISBN 3-7766-1821-3.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Hedeler, Wladislaw und Hennig, Horst (Hg.): Schwarze Pyramiden, rote Sklaven. Der Streik in Workuta im Sommer 1953, Leipzig 2007, S. 26–28.
  2. Workuta-Petschora-ITL im Internetportal GULAG des MEMORIAL Deutschland e. V.
  3. Vgl. Hedeler, S. 31.
  4. Vgl. Müller-Hellwig, Mike: Workuta – Symbol sowjetischer Barbarei und deutschen Widerstands, in: Foitzik, Jan und Hennig, Horst (Hg.): Begegnungen in Workuta. Erinnerungen, Zeugnisse, Dokumente, 2., durchgelesene Auflage, Leipzig 2003, S. 89.
  5. Vgl. Hedeler, S. 40.
  6. Vgl. Kopalin, Leonid Pawlowitsch: Die Rehabilitierung deutscher Opfer sowjetischer politischer Verfolgung (= Reihe Gesprächskreis Geschichte, Heft 10), Bonn 1995, S. 15.
  7. Vgl. Erler, Peter: Zehn Jahre Sowjetische Militärgerichtsbarkeit in Deutschland, in: Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. (Hg.): Kriegsgefangene – Politische Häftlinge – Rehabilitation (= Zukunftsforum Politik, Nr. 11), St. Augustin 2000, S. 17f.
  8. Vgl. Kopalin, S. 19.
  9. Vgl. Hedeler, S. 35–37.
  10. Vgl. Fritsche, Heinrich Paul: Workuta 1953. Die Terrormaschine, in: Foitzik, Jan und Hennig, Horst (Hg.): Begegnungen in Workuta. Erinnerungen, Zeugnisse, Dokumente, 2., durchgelesene Auflage, Leipzig 2003, S. 147.
  11. a b Vgl. Hedeler, S. 29.
  12. Vgl. Bude, Roland: Workuta. Strafe für politische Opposition in der SBZ/DDR (=Schriftenreihe des Berliner Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Band 30), Berlin 2010, S. 56.
  13. Vgl. Müller-Hellwig, S. 95.
  14. Vgl. Hedeler, S. 36f.
  15. Vgl. Bude, S. 57–64.
  16. Vgl. Bude, S. 57–59.
  17. Vgl. Hedeler, S. 49.
  18. Vgl. Bude, S. 72f.
  19. Vgl. Müller-Hellwig, S. 103f.
  20. Vgl. Bude, S. 60.
  21. Vgl. Müller- Hellwig, S. 104.
  22. Vgl. Bude, S. 64–66.
  23. Vgl. ebd.,S. 67f.
  24. Vgl. Müller-Hellwig, S. 80f.
  25. Vgl. Bude, S. 63f
  26. Vgl. Müller-Hellweg, S. 82.
  27. Vgl. Fritsche, S. 130.
  28. Scharf, Hans-Dieter: Von Leipzig nach Workuta und zurück. Ein Schicksalsbericht aus den frühen Jahren des ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaates 1950–1954, Dresden 1996, S. 83.
  29. Vgl. Bude, S. 74f.
  30. Vgl. Hedeler, S. 55.
  31. a b Vgl. Müller-Hellwig, S. 112.
  32. Vgl. Bude, S. 76.
  33. Vgl. Müller Hellwig, S. 114.
  34. Vgl. Fritsche, S. 144f.
  35. Vgl. Müller-Hellwig, S. 115.
  36. Vgl. Fritsche, S. 153f.
  37. Vgl. Bude, S. 69f.
  38. Vgl. Bude, S. 77–79.
  39. Vgl. Hedeler, S. 58.
  40. Vgl. Kopalin, S. 9.
  41. Vgl. Müller-Hellwig, S. 124.

67.514073464.083795Koordinaten: 67° 30′ 51″ N, 64° 5′ 2″ O