Archenhold-Sternwarte

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Archenhold-Sternwarte, 2004

Die Archenhold-Sternwarte ist eine Ende des 19. Jahrhunderts eingerichtete Volkssternwarte im Treptower Park im Berliner Ortsteil Alt-Treptow, Adresse Alt Treptow 1. Sie beherbergt den Großen Refraktor, das längste bewegliche Fernrohr der Welt, auch Himmelskanone genannt, das eng mit ihrer Geschichte verknüpft ist. Die Einrichtung erhielt 1946 ihren Namen nach Friedrich Simon Archenhold, ihrem ersten Direktor. Sie gilt als älteste und größte Volkssternwarte in Deutschland.

Die geografischen Koordinaten der Volkssternwarte betragen 52° 29′ 9″ N, 13° 28′ 35″ OKoordinaten: 52° 29′ 9″ N, 13° 28′ 35″ O nördliche Breite, die Höhe 41 m über NN.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Berliner Gewerbeausstellung von 1896 entsteht eine Sternwarte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Riesenfernrohr auf der Berliner Gewerbeausstellung 1896

Die Archenhold-Sternwarte entstand aus einer vorübergehenden Installation zur Berliner Gewerbeausstellung 1896, die aus Anlass des 25-jährigen Jahrestags der Erhebung Berlins zur Reichshauptstadt stattfand. Die Einrichtung sollte auf Betreiben von Wilhelm Foerster und Max Wilhelm Meyer wissenschaftliche und astronomische Erkenntnisse für die Bevölkerung vermitteln. So wurden die Planungen für ein großes Forschungs-Fernrohr, die Friedrich Simon Archenhold ab 1893 ausgearbeitet hatte, hinzugezogen. Die Größe und die technische Auslegung des Instruments waren stark umstritten. Auf der Gewerbeausstellung sollte es dazu dienen, durch Eintrittsgelder die Herstellungs- und Aufstellungskosten sowie die geplante Verlagerung des Instrumentes nach der Gewerbeausstellung finanzieren zu können. Das Fernrohr wurde im Treptower Park auf einem erschütterungsfreien Postament errichtet und mit einem hufeisenförmigen Holzgebäude umgeben, das über Ausstellungsräume und einen Vortragssaal verfügte. Der Holzbau hatte historisierende Formen und trug eine durch Zinnen abgeschlossene Plattform. Die am 1. Mai 1896 eröffnete Gewerbeausstellung zeigte zwar das Riesenteleskop, das jedoch erst im September des gleichen Jahres funktionsfähig war. Dieses Linsenfernrohr besitzt eine Öffnungsweite von 68 Zentimetern und eine Brennweite von 21 Metern. Das Gesamtgewicht betrug 130 Tonnen und war durch seine Konstruktion in jeder Richtung und Höhe frei beweglich.[1]

Durch die verspätete Fertigstellung fehlten die Einnahmen, um das Instrument wie vereinbart nach der Ausstellung abzubauen. Ende 1896 entschied die Stadtverordnetenversammlung auf Antrag, dass das für die Gewerbeausstellung installierte Ensemble weiter dort stehen bleiben dürfe. Archenhold erhielt für seine Forschungen im Treptower Park keinerlei staatliche oder kommunale Zuwendungen, lediglich Spenden halfen ihm, u. a. von Gewerkschaft. So machte er aus der Not eine Tugend und betrieb das Institut als Volkssternwarte. Im Jahr 1896, mit der Eröffnung der Sternwarte, hatte sich der Verein Treptow-Sternwarte e. V. gegründet. Er übernahm unter dem Vorsitz von Archenhold die Führung der Sternwarte und der zugehörigen Ausstellungen und organisierte Vortragsveranstaltungen. Die erste Ausstellung bestand aus den Themenbereichen Geschichte der Astronomie, Erde und Mond, Sonne und Planeten, Kometen und Sternschnuppen, Sterne und Sternhaufen, Instrumentenkunde und Optik. Beobachtungen von Standardobjekten, Mondfinsternissen, Kometen oder der Nova Cygni von 1903 wurden durchgeführt. Im Jahr 1897 kamen etwa 23.000 Besucher und bis 1899 stieg die Zahl der Besucher auf über 60.000. Diese Anzahl blieb bis Mitte der 1930er Jahre in etwa gleich.

Umbau und Weiterbetrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1908 wurde das nur für die Gewerbeausstellung gedachte Holzgebäude durch einen Neubau ersetzt, den die Architekten Konrad Reimer und Friedrich Körte geplant hatten. Die Eröffnung des neuen Gebäudes, im Stil des Klassizismus und ebenfalls mit einem hufeisenförmigen Grundriss und einer Besucherterrasse,[1] fand am 4. April 1909 statt. Am 2. Juni 1915 hielt Albert Einstein in der Sternwarte seinen ersten öffentlichen Vortrag über die Allgemeine Relativitätstheorie. 1931 trat Friedrich Simon Archenhold als Direktor der Sternwarte zurück, und sein Sohn Günter Archenhold übernahm die weitere Leitung. Wegen seiner jüdischen Abstammung musste Günter Archenhold auf Druck der Nationalsozialisten Ende 1936 sein Amt niederlegen. Schließlich gab die Familie Archenhold ihr Lebenswerk, die Sternwarte in Treptow, auf und emigrierte. Einige Angehörige kamen auch in Konzentrationslager. Die Verwaltungs-Leitung der Sternwarte wurde einem astronomisch unkundigen Beamten übertragen und die Einrichtung der Hauptschulverwaltung Berlins angegliedert. Die wissenschaftliche Leitung übernahm Richard Sommer. In diesen Jahren kamen die Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Sonnenforschung (DARGESO) und die Berliner Astronomische Vereinigung (BAV) an die Sternwarte, die sich schließlich zur Himmelskundlichen Arbeitsgemeinschaft zusammenschlossen.[2] Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erhielt die Sternwarte einen Bombentreffer im Südwestflügel, wobei das Riesenfernrohr ohne schwere Beschädigungen blieb.

Schon am 1. Juli 1945 zur Sonnenfinsternis fanden wieder Beobachtungen statt. Edgar Mädlow (1921–2012) leitete kommissarisch die Sternwarte unter Mithilfe von Herbert Pfaffe.

Die Sternwarte erhält 1946 den Namen ihres Begründers[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teilnehmer der III. Weltfestspiele besichtigen im August 1951 die Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow.

Aufgrund des Vorschlags des Stadtrats für Volksbildung, Otto Winzer, erhielt die Sternwarte am 17. August 1946 den Namen Archenhold-Sternwarte.[2] Die Kriegsschäden am Gebäude wurden bis 1948 beseitigt, wobei einige bauliche Vereinfachungen vorgenommen wurden.[1] Zum 1. Juni 1948 berief der Berliner Magistrat als Eigentümer der Sternwarte Diedrich Wattenberg, der schon mit Archenhold zusammengearbeitet hatte, zum Direktor. Die Besucherzahlen stiegen von 1946 jährlich um etwa 8.000 und erreichten 1949 25.000 Personen. Im Jahr 1958 wurde der große Refraktor wegen technischer Defekte stillgelegt, blieb aber als technisches Denkmal erhalten. Ab 1959 diente die Sternwarte verstärkt Unterrichtszwecken in Physik und Astronomie, wozu in den 1960er Jahren weitere zwei Kuppelbauten für Refraktoren und Teleskope auf dem Gelände entstanden. Auch ein Hörsaal mit 48 Plätzen, das Sonnenphysikalische Kabinett mit der Möglichkeit der Projektion eines Sonnenabbildes von 80 Zentimeter Durchmesser und eines Sonnenspektrums von drei Meter Länge wurde 1966 eingerichtet.

Archenhold-Büste

Im Jahr 1961 wurde vor dem Eingang zur Sternwarte eine vom Bildhauer Theo Balden aus Granit geschlagene Archenhold-Büste aufgestellt. An den Auftritt von Albert Einstein erinnert eine von Jenny Mucchi-Wiegmann geschaffene Bronze-Büste, die im Garten der Anlage ihren Platz erhielt.[1]

Am 1. November 1976 schied nach 28 Jahren Diedrich Wattenberg als Direktor aus und auf seinen Vorschlag wurde Dieter B. Herrmann zum neuen Direktor der Sternwarte berufen. Am 12. März 1982 erhielt die Sternwarte ein Kleinplanetarium mit nunmehr 90 statt 60 Sitzplätzen. Das 1958 außer Betrieb genommene Riesenfernrohr konnte ab 1977 rekonstruiert werden und war ab 1983 wieder einsetzbar. In den 1980er Jahren betrug die jährliche Besucherzahl etwa 70.000. Im Jahr 1987 wurde ein, schon von Archenhold angeregtes, Zeiss-Großplanetarium errichtet. Aus politischen Gründen kam es jedoch nicht in den Treptower Park, sondern in den Ernst-Thälmann-Park in Berlin-Prenzlauer Berg. Es bildete bis 2013 eine gemeinsame Einrichtung mit der Archenhold-Sternwarte.

Die Einrichtung im wiedervereinigten Berlin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teleskop im Gebäudeumfeld

Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten und dem Zusammenwachsen der Berliner Verwaltungen 1990 gelangte die Sternwarte in die städtische Schulverwaltung. Am Großen Refraktor wurden 1989/1990 1995 erhebliche Reparaturen notwendig und unverzüglich ausgeführt. Das Instrument ist seither wieder funktionsfähig und steht zu nächtlichen Beobachtungen zur Verfügung (Stand Januar 2019). Die gesamte Sternwarte mit ihren Bauten wurde 1995/1996 grundsaniert. Auch die Ausstellungen wurden völlig neu gestaltet.

Von Mitte 2002 bis Juni 2016 war die Sternwarte dem Deutschen Technikmuseum Berlin zugeordnet. Der langjährige Direktor Dieter B. Herrmann ging 2005 in den Ruhestand. Die Leitung übernahm für einige Zeit der Leiter der Abteilung Astronomie des Deutschen Technikmuseums Klaus Staubermann. Seit 2009 ist Felix Lühning Direktor der Archenhold-Sternwarte.

Seit dem 1. Juli 2016 gehört die Archenhold-Sternwarte, neben dem Zeiss-Großplanetarium und dem Planetarium am Insulaner mit der Wilhelm-Foerster-Sternwarte zur Stiftung Planetarium Berlin. Seitdem gehören die Archenhold-Sternwarte und die übrigen Einrichtungen der Stiftung in den Verantwortunghsbereich der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie.[3]

Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großer Refraktor der Archenhold-Sternwarte
Videoaufnahme des Großen Refraktors

Großer Refraktor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Große Refraktor wurde 1896 für die Berliner Gewerbeausstellung gebaut. Mit einer Objektöffnung von 68 Zentimetern, einer Brennweite von 21 Metern und einer beweglichen Masse von 130 Tonnen ist er eine technische Meisterleistung. Die Linsen fertigte die Firma C. A. Steinheil & Söhne aus München. Der Refraktor steht seit 1967 unter Denkmalschutz.

Zeiss-Kleinplanetarium[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kleinplanetarium befindet sich in einer acht Meter großen Kuppel und bietet 38 Sitzplätze. Es wurde 1959 als das erste Zeiss-Kleinplanetarium der DDR eröffnet. 1982 wurde es durch das modernere Zeiss-Kleinplanetarium vom Typ ZKP-2 ersetzt. 1994 wurde der Planetariumsraum neu gestaltet.

Sonnenphysikalisches Kabinett[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Freigelände der Sternwarte steht das Sonnenphysikalische Kabinett. Es wurde 1965 von Diedrich Wattenberg und Edwin Rolf konzipiert und fertiggestellt. Ein Jensch-Coelostat fängt das Licht der Sonne ein und lenkt es in das Gebäude. Dort zerlegen vier 60°-Prismen das Sonnenlicht in seine Spektralfarben. Mittels des H-alpha-Filters lassen sich auch Protuberanzen und aktive Zonen der Sonne beobachten.

Weitere Teleskope[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 1962 auf dem Freigelände nördlich des Hauptgebäudes eröffneten zwei Beobachtungskuppeln mit fünf und drei Metern Durchmesser sind mit einem Cassegrain-Teleskop von Zeiss (500 mm Öffnung, 7500 mm Brennweite) sowie einem Coudé-Refraktor (150 mm Öffnung, 2250 mm Brennweite) ausgestattet. Zwei weitere Kuppeln am Dach des Hauptgebäudes beherbergen einen Astrografen (120 mm Öffnung, 600 mm Brennweite) sowie den historischen Urania-Refraktor von 1888, der aus der Berliner Urania umgesetzt wurde. Weiterhin befinden sich in je einer Rolldachhütte auf dem Hauptgebäude ein Kometensucher (Öffnung 250 mm, Brennweite 1620 mm) sowie ein Newton-Teleskop (Öffnung 250 mm, Brennweite 1970 mm).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Diedrich Wattenberg: Die Archenhold Sternwarte Berlin-Treptow. Berlin 1956.
  • Diedrich Wattenberg: 75 Jahre Archenhold-Sternwarte. Festgabe. Berlin-Treptow 1971 (Archenhold-Sternwarte Berlin-Treptow. Vorträge und Schriften, 41).
  • Dieter B. Herrmann: 100 Jahre Archenhold-Sternwarte. 2. Auflage, paetec Gesellschaft für Bildung und Technik, Berlin 1996, ISBN 3-89517-314-2.
  • Dieter B. Herrmann: Sterne über Treptow – Geschichte der Archenhold-Sternwarte. (herausgegeben vom Rat des Stadtbezirks Berlin-Treptow, Abteilung Kultur) Heimatgeschichtliches Kabinett, Berlin 1986.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Archenhold-Sternwarte – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Institut für Denkmalpflege (Hrsg.): Die Bau- und Kunstdenkmale der DDR. Hauptstadt Berlin-II. Henschelverlag, Berlin 1984, S. 368/369.
  2. a b Chronik Berlin vom 17. August 1946 auf landesarchiv-berlin; abgerufen am 23. Nov. 2014.
  3. Threeme Distribution: Home. Abgerufen am 27. April 2018.