Armee-Aufklärungsdetachement 10

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Armee-Aufklärungsdetachement 10
(AAD 10)
Abzeichen des AAD 10
Aktiv 2004 bis heute
Land Schweiz
Streitkräfte Schweizer Armee
Typ Spezialeinheit[1]
Stärke Geheim (~40-100)
Unterstellung Kommando Spezialkräfte (KSK)
Fallschirm-Spezialisten

Das Armee-Aufklärungsdetachement 10, kurz AAD 10 (Französisch: Détachement de reconnaissance de l'armée 10, kurz DRA 10; Italienisch: Distaccamento d'esplorazione dell'esercito 10, kurz DEE 10) ist eine 2004 gegründete Spezialeinheit der Schweizer Armee mit einer Stärke von rund 90 Soldaten. Die Elite-Einheit ist als Berufsformation eine Kern-Komponente des Kommando Spezialkräfte (KSK).[2][1]

Auftrag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Einheit hat folgende Einsatzprofile:

  • Beschaffung von Schlüsselinformationen
  • Schutz von Truppen, Personen und Einrichtungen bei erhöhter Gefährdungslage
  • Rückführung von Schweizer Bürgern aus Krisenlagen im Ausland
  • Offensive Aktionen im Rahmen der Raumsicherung und Verteidigung

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das kompaniestarke AAD 10 gliedert sich in vier Spezialisten-Züge:

  • Zug 1: Spezialisten für Einsätze im Gebirge
  • Zug 2: Spezialisten für amphibische Einsätze
  • Zug 3: Fallschirm-Spezialisten
  • Zug 4: Spezialisten für den Einsatz motorisierter Mittel

Rekrutierung, Ausbildung und Einsatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erfüllung der oben genannten Aufträge erfordert von den Angehörigen des Armee-Aufklärungsdetachements eine überdurchschnittliche physische und psychische Leistungsfähigkeit. Deshalb werden die zukünftigen Angehörigen des AAD einem strengen und mehrstufigen Auswahlverfahren unterworfen. Die Kandidaten werden dabei detailliert auf ihre physische, psychische und intellektuelle Leistungsfähigkeit geprüft.

Vorauswahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hier hat der Anwärter einen zweitägigen Sporttest zu bestehen, und zwar in folgenden Disziplinen, die alle sehr detailliert bestimmt sind.

Folgende Leistungen sind das Minimum (B-Klassifizierung):

  • Liegestütze: Der Anwärter muss innerhalb von 2 Minuten 50 Liegestütze ohne Unterbruch durchführen.
  • Rumpfbeugen: Der Anwärter muss innerhalb von 2 Minuten 60 Rumpfbeugen ohne Unterbruch durchführen.
  • Klimmzüge (Ristgriff): Der Anwärter muss innerhalb von 2 Minuten 10 Klimmzüge ohne Unterbruch durchführen.
  • 5 km-Geländelauf: Der Anwärter muss innerhalb von 24 Minuten in Sportkleidung eine Distanz von 5 km zurücklegen.
  • 8 km-Eilmarsch: Der Anwärter muss innerhalb von 58 Minuten in Tarnanzug, Kampfstiefeln und mit 15 kg Gepäck eine Distanz von 8 km zurücklegen.
  • 25 km-Eilmarsch: Der Anwärter muss innerhalb von 3,5 Stunden in Tarnanzug, Kampfstiefeln und mit 25 kg Gepäck eine Distanz von 25 km zurücklegen.
  • Schwimmen: Der Anwärter muss innerhalb von 10 Minuten eine Distanz von 300 m schwimmen.

Diese Disziplinen werden nach drei Kategorien bewertet: A = Erfüllt die Grundanforderungen nicht. B = Erfüllt die Grundanforderungen. C = Übertrifft die Grundanforderungen klar.

Auswahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch wenn der Anwärter diese Prüfungen gut oder überdurchschnittlich meistert, heisst das noch nicht, dass er im AAD 10 aufgenommen ist. Nach 3–4 Monaten folgt ein 3-wöchiger Auswahlkurs (engere Auswahl) in welchem die Kandidaten intensiv in allen Leistungsbereichen geprüft werden (körperlich, Persönlichkeit, Motivation u. v. a.). Sollte der Anwärter auch diese Auswahl bestehen, kann er nun einen Vertrag unterschreiben, mit welchem er offiziell Angehöriger des Armee-Aufklärungsdetachements 10 wird.

Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Ausbildung zum Armee-Aufklärer dauert insgesamt ca. 18 Monate, wobei die Grundausbildung nach ca. 40 Wochen abgeschlossen ist. Die Spezialisten- und Zugsausbildung wird nach der Grundausbildung gemäss den operationellen Bedürfnissen und Eignungen der jeweiligen Angehörigen des Armee-Aufklärungsdetachements durchgeführt.

Nebst der praktischen Ausbildung in den verschiedensten Einsatztechniken wird auch ein grosser Wert auf Weiterbildung im Bereich der Sprach-, Taktik-, Kommunikations- sowie Rechtskenntnisse etc. gelegt.

Die Ausbildung findet auch in Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern statt. Entsprechende Verträge bestehen mit Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Grossbritannien, Italien, Norwegen, Österreich, Schweden und der Ukraine.[3]

Mit amerikanischen Streitkräften finde jedoch keine bilaterale Ausbildung statt.[3] Es gibt jedoch Hinweise (die genauen Trainingspläne sind als GEHEIM klassiert), dass einzelne Trainingseinheiten von ausländischen Spezialeinheiten Ausbildnern der US Navy Seals, US Special Forces und des UK Special Air Service (SAS) geleitet werden.[4]

Ausrüstung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Standard-Ausrüstung des AAD 10 gehören das Sturmgewehr SIG SG 553 mit verschiedenen taktischen Visieren, das Scharfschützengewehr Sako TRG-42 mit dem Zielfernrohr 3-12x50 PMII, die Maschinenpistole MP5SD3, die Pistolen Glock 17, Glock 26 oder SIG P220, Knieschutz, Kevlar-Helm, Splitterschutzweste, unterwassertaugliche Rechner und Übermittlungsgeräte, leistungsfähige Aufklärungsmittel und das Einsatzfahrzeug AGF SERVAL.

Einsatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Teil des Kommando Spezialkräfte (KSK), der strategischen Einsatzkräfte des Bundesrates für Krisen im Ausland, ist das AAD 10 auf Einsätze im Ausland in einem Umfeld ohne staatliche Strukturen ausgerichtet.[1] Zu seinen Aufgaben gehören: Nachrichtenbeschaffung; Schutz von Personen, Sachen und Objekten; Rettung, Befreiung und Rückführung von Personen; Sicherheitsberatung und militärische Assistenz.

Die Auslandeinsätze, die der politischen Kontrolle der Sicherheitspolitischen[5] und der Aussenpolitischen[6] Kommissionen der Bundesversammlung unterstehen[1] und über die in der Regel aus Sicherheitsgründen nicht öffentlich informiert wird, haben in den Medien auch schon zu Spekulationen geführt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Spezialeinheit wurde im Bericht über die Konzeption der Armee XXI vom 24. Oktober 2001 (Armeeleitbild XXI[7]) vorgesehen und gemäss der Verordnung über den Truppeneinsatz zum Schutz von Personen und Sachen im Ausland[8] im Jahr 2004 unter dem Kommando von Major Daniel Stoll nach dem Vorbild des britischen Special Air Service (SAS) formiert.[9]

Der Bundesrat hatte seine Spezialeinheit öfters zu rechtfertigen.[10][11][12]

Der rechte Teil des politischen Spektrums sah durch die Auslandeinsätze das Prinzip der Neutralität der Schweiz und/oder durch die vermeintliche Zusammenarbeit mit der NATO deren Unabhängigkeit in Gefahr.[4] In der linken Parteienlandschaft keimte die Besorgnis auf, dass das AAD 10 (im Inland) gegen politisch unliebsame (linke) Zeitgenossen eingesetzt werden könnte.[13] Politisch sogenannte "unheilige Allianzen"[A 1] von Beiden im Parlament endeten regelmässig in Grundsatzdebatten und verhinderten ab und an einen Einsatz, für den das AAD 10 eigentlich hervorragend geeignet und bereit gewesen wäre. Auch gab es Medien, die der Versuchung, aus der nachvollziehbaren Geheimhaltung seiner Tätigkeit Kapital zu schlagen, nur schwer widerstehen konnten.

Bereits 2006 argwöhnte das Schweizer Wochenmagazin Die Weltwoche, eine Befürchtung die vom VBS nicht geteilt wurde, auf Grund der Ausbildungszusammenarbeit mit ausländischen Vertragspartnern (siehe oben): [4]

weitere[n] heimliche[n] Schritt[e] auf dem Weg in die totale Kooperation mit ausländischen Armeen.“

Für den Einsatz der Spezialisten des AAD 10 mit 30 Mann zum Botschaftschutz in Teheran 2006[14][15] wurde der Bundesrat vom Parlament gerügt, weil es nicht rechtzeitig informiert worden sei.[16]

Das Armee-Aufklärungsdetachement 10 (AAS 10) war am 16. August 2007 offiziell einsatzbereit[17] und nahm im gleichen Jahr im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden (Schweiz ist Mitglied seit 1996) an der multinationalen NATO-Übung "Cold Response 2007" in Norwegen teil.[18]

2009 waren alternative Pläne des AAD 10 zur Befreiung der Geisel Max Göldi aus seiner libyschen Gefangenschaft weit fortgeschritten, wurden aber vom Bundesrat nicht in Kraft gesetzt.[19]

Im gleichen Jahr fand die Absicht des Bundesrates, das AAD 10 gegen somalische Piraten einzusetzen, keine parlamentarische Mehrheit.[20][21]

2010 fasste das Parlament alle taktischen und strategischen Mittel des Bundesrates für Krisen im Ausland unter dem Kommando Spezialkräfte (KSK) zusammen.[1]

Ein Jahr später hatte das AAD 10 seinen Sollbestand von 91 Elite-Soldaten erreicht.[22]

2012 löste ein Detachement der AAD 10 die umstrittene private Söldnerfirma Aegis bei der Bewachung der Schweizer Botschaft bis 2014 in Tripolis ab.[23] Ein analoger Einsatz im Kosovo wurde vom Bundesrat nicht dementiert.

Ein Jahr später glaubten die Nationalräte Lukas Reimann (via das Boulevardblatt Blick)[24] und Geri Müller (in der Fragestunde des Nationalrates)[25] über Informationen über einen nicht parlamentarisch genehmigten militärischen Einsatz des AAD 10 in Mali zu verfügen. Der Bundesrat verneinte die Präsenz des AAD 10 in Mali in beiden Fällen.

Während einer Cyberattacke, die der Russischen Föderation zugerechnet wurde, drangen Ende 2014 Unbekannte in Computer der RUAG ein. Sie erlangten dabei Zugriff auf Daten des Verteidigungsdepartements und verschafften sich geheime Unterlagen zur AAD 10, vermutlich auch die Identitäten der Soldaten der Einheit.[26][27]

2018 wurde die Elite-Einheit auf Grund der angespannteren internationalen Lage um 11 Mann aufgestockt.[28] Der Experte Bruno Lezzi ging von einem höheren Personalbedarf beim Schutz von Schweizer Botschaften im Ausland aus.[29]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sören Sünkler: Elite- und Spezialeinheiten Europas. Motorbuch-Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-613-02853-1

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. formal oder informal abgestimmtes, gemeinsames Stimmverhalten von politisch unterschiedlichen Fraktionen mit normalerweise stark von einander abweichenden Positionen bei Abstimmungen des Parlamentes, die sie einzeln allein nicht für sich entscheiden können.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Oberst i Gst Christoph Fehr: Kommando Spezialkräfte, Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift, Ausgabe 06, 2018.
  2. Der Bundesrat: Kommando Spezialkräfte, Publikation der Schweizer Armee. Eingesehen: 20. Mai 2019.
  3. a b Artikel : AAD 10 - Licht ins Dunkel : die Grundlagen des Aufklärungsdetachements der Armee sind bekannt, Schweizer Soldat, Band 81, Heft 11, 2006.
  4. a b c Urs Paul Engeler, Heinrich L. Wirz: Los Rambolinos, Die Weltwoche, Ausgabe Nr. 35.06, Seite 8 ff, MP3 Podcast (Memento vom 13. August 2011 im Internet Archive)
  5. Sicherheitpolitische Kommissionen SIK der Bundesversammlung, Eingesehen: 19. Mai 2019.
  6. Aussenpolitische Kommissionen APK der Bundesversammlung, Eingesehen: 19. Mai 2919.
  7. Die Bundesversammlung: Konzeption der Armee XXI (Armeeleitbild XXI), Bericht vom 24. Oktober 2001.
  8. Der Bundesrat: Verordnung über den Truppeneinsatz zum Schutz von Personen und Sachen im Ausland, 1. Juni 2006.
  9. Rambos sind nicht gefragt. Elitetruppe der Schweizer Armee vor allem in den Schlagzeilen präsent. In: NZZ. 24. Juni 2010, abgerufen am 26. August 2014.
  10. Eric Gujer: Abschaffung der Armee-Elitetruppe ist kein Thema, Neue Zürcher Zeitung, 24. Juni 2010.
  11. Peter Forster: Einblick in eine Elite: Ehrenhaft, bescheiden, einig, Gruppe Giardino, 22. März 2012.
  12. Die Bundesversammlung: Kommission nimmt Änderungen vor, Medienmitteilung vom 13. Oktober 2010.
  13. Artikel: «Armee-Aufklärungsdetachement 10», Wochenzeitung Zeit-Fragen, 17. Januar 2009.
  14. Meldung: Verstärkter Schutz für Schweizer Botschaft in Teheran, swissinfo.ch, 8. Oktober 2006.
  15. Artikel: Morddrohungen vor Schweizer Botschaft, Basellandschaftliche Zeitung, 13. September 2010.
  16. Peter Siegenthaler: Schweizer Elitesoldaten vor Einsatz in Tripolis, Meldung SWI swissinfo.ch, 11. Januar 2012.
  17. SRG SSR: Neue Elitetruppe der Armee im Einsatz, Meldung SWI swissinfo.ch, 22. November 2007.
  18. Der Bundesrat: Schweizer Armeeangehörige an der multinationalen Übung "Cold Response 07", Medienmitteilung, 5. März 2007.
  19. Heidi Gmür: Schweizer Militär in Zivil in Libyen, Neue Zürcher Zeitung, 19. September 2010.
  20. Kurzer Prozess mit «Atalanta», Meldung Neue Zürcher Zeitung, 22. September 2009.
  21. Carlos Hanimann: Keine Klimmzüge für Calmy Rey, WOZ Die Wochenzeitung, 27. August 2009.
  22. Das Armee-Aufklärungsdetachement 10 ist einsatzbereit. (Nicht mehr online verfügbar.) 16. August 2007, archiviert vom Original am 6. Dezember 2014; abgerufen am 26. August 2014.
  23. Die Bundesversammlung: Armee-Einsatz zum Schutz der Schweizer Botschaft in Tripolis, Interpellation der Schweizerischen Volkspartei, 16. März 2012.
  24. Martin Sturzenegger: «Ich habe Bilder von diesem Einsatz gesehen». Wie SVP-Nationalrat Lukas Reimann aus «sicherer Quelle» erfahren haben will, leistete die Schweizer Eliteeinheit AAD 10 einen Einsatz in Mali. Das VBS streitet dies vehement ab. In: TagesAnzeiger. 6. März 2013, abgerufen am 26. Januar 2014.
  25. Philipp Loser: geheimer Einsatz in Mali – Maurer dementiert. In einem knappen Satz hat Bundesrat Ueli Maurer in der Fragestunde des Nationalrats einen Einsatz der Schweizer Armee in Mali dementiert. In: TagesWoche. 11. März 2013, abgerufen am 26. Januar 2014.
  26. teletext News Inland: Trifft Datenklau bei Ruag auch AAD 10?, Admeira, 8. Mai 2016.
  27. Stefan Bühler, Andreas Schmid: Russische Hacker enttarnen geheime Schweizer Elitetruppe, NZZ vom 8. Mai 2016.
  28. Dominik Meier: Elitetruppe AAD 10 - Verstärkung für Spezialeinheit, Beitrag Schweizer Radio und Fernsehen, 17. Dezember 2018.
  29. Bruno Lezzi: Ausbau der Eliteeinheit AAD 10 - Nur schon in die nähere Auswahl zu kommen, ist schwierig, Interview von Schweizer Radio und Fernsehen, 17. Dezember 2018.