Armenier in der Türkei

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Die Armenier in der Türkei (türkisch Türkiye Ermenileri, armenisch Թուրքահայեր, auch Թրքահայեր, beides bedeutet Türkische Armenier) sind zum größten Teil die Überlebenden des osmanischen Völkermords an den christlichen Armeniern 1915–1917. Gezählt werden Armenier, die seit der Gründung des türkischen Staates 1923 durch Mustafa Kemal Atatürk im Land leben.

Während sie vor dem Völkermord in ganz Anatolien verteilt lebten, leben heute nur noch geschätzt 45.000 Angehörige in Istanbul (ungefähr 75 % der türkisch-armenischen Bevölkerung),[1] sowie vereinzelt in anderen Städten. Von der ursprünglich starken armenischen Besiedlung auf dem Land sind nur noch einzelne Reste verblieben, etwa nahe Antakya (das Dorf Vakif, wo die Überlebenden des Musa Dagh verblieben) und, weiter nördlich, um die Stadt Van, eine der spirituellen Zentren des historischen Armenien (Kirche von Aghtamar). In der Vergangenheit lebten über 1,5 Millionen Armenier auf dem Gebiet der heutigen Türkei, vor allem im Osten des Landes, heute beträgt ihre Zahl insgesamt etwa 60.000.[1] Landesweit stehen nur noch 22 Geistliche zur Verfügung. Diese Zahl schließt nicht die Hemşinli mit ein – Armenier, welche zum Islam übertraten und heute muslimisch leben.

Die Armenier von Anatolien im Jahre 1910, in blau.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das armenische Volk hatte sich bereits vor Jahrtausenden im Osten der Halbinsel Kleinasien (das armenische Hochland) sowie im Süden (Kilikien) angesiedelt. Allerdings ließen sich im 11. Jahrhundert die Türken, einfallend aus Zentralasien und Sibirien in der Region nieder, und gründeten mit der Zeit das Osmanische Reich. Nach den Islamisierungswellen wurden die Armenier zu einer Minderheit und mit der Zeit auch Opfer von Diskriminierungen. Im späten 19. Jahrhundert kam es erstmals zu den großflächig organisierten Hamidianischen Massakern unter Abdülhamid II. Auch nach seinem Sturz kam es nochmal 1908 zum Massaker von Adana, das sich als Adanayi voghperk in das kollektive Gedächtnis der armenischen Gemeinden auf der ganzen Welt einbrannte.

Während des Ersten Weltkrieges, wurde der größte Teil der Armenier im osmanischen Reich Zielscheibe einer Politik von brutaler Massakern und blutigen Deportationen, welche durch die osmanische Regierung der Jungtürken organisiert und als Völkermord an den Armeniern bekannt wurden. Am Ende des Krieges wurde das osmanische Reich von den Alliierten besiegt und die moderne Türkei gegründet. Überlebende Armenier mussten sich im Ausland ansiedeln und bildeten dort eine armenische Diaspora. Andere blieben und verleugneten ihre Herkunft als „heimliche Armenier“ (Gizli Ermeniler) oder sogenannte „Kryptoarmenier(Kripto Ermeniler).

Während und auch weit nach der osmanischen Zeit kam es weiterhin zur Vernichtung von armenischen Kulturgütern wie Kirchen und Schulen sowie zu einer Politik der Türkisierung - vor allem in den früheren sechs armenischen Vilâyets. Jegliche armenischen und nichtmuslimischen Ortsnamen wurden in Türkische Namen abgeändert. Auch nach dem Völkermord wurden über die Jahrzehnte armenische Kulturgüter und Ländereien enteignet, etwa 1942 durch die Vermögenssteuer Varlık Vergisi. Besonders von 1950 bis 1980 haben weitere zehntausende Armenier die Türkei wegen der wachsenden Islamisierung verlassen. Noch heute wird den Gemeinden der Armenier und anderer christlicher Minderheiten in der Türkei durch bürokratische Schikanen und Anschläge von Nationalisten das Leben erschwert.[2][3]

Armenier in Istanbul[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Armenier in Istanbul

Die armenische Gemeinde von Istanbul, beziffert mit 45.000 Personen (knapp 75 % der türkisch-armenischen Bevölkerung),[1] besitzt heute 33 apostolische, 12 katholische und 3 protestantische Kirchen; 2 Krankenhäuser (Surp Pirgitsch und Surp Agop), 2 Waisenhäuser und 19 Schulen. Es erscheinen 3 Zeitungen in armenischer Sprache, darunter Marmara, Agos und Jamanak (gegründet um 1908), welche gleichzeitig die älteste Tageszeitung der Türkei ist.

Das Armenisches Surp-Pırgiç-Krankenhaus in Istanbul zählt zu den besten des Landes.

Sprachsituation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die armenische Sprache in ihrer westlichen Form wird von nur noch einem kleinen Prozentsatz der Armenier in der Türkei gesprochen. Während die Armenier zu 82 Prozent untereinander und zuhause ausschließlich Türkisch als Muttersprache sprechen, ist das Armenische nur noch bei 18 Prozent unter der allgemeinen Bevölkerung vorherrschend. Unter den jungen Menschen ist der Anteil sogar noch geringer: Während 92 Prozent Türkisch als Muttersprache sprechen, beherrschen nur noch 8 Prozent das Armenische.[4] Das Türkische nimmt zunehmend den Platz des Armenischen ein und es wird angenommen, dass die einst vorherrschende armenische Sprache in der Türkei mit der Zeit endgültig ausstirbt. In der Türkei wird das Armenische als Sprache in deutlicher Gefahr definiert und damit als vor dem Aussterben bedroht betrachtet.[5]

In allen größeren Städten der Türkei hatten die Armenier eigene Stadtviertel, wie hier das Ermeni Mahallesi in Bursa

Der Dialekt des von den Hemsinli gesprochenen Armenischen ist das Hamschen.

Bekannte türkische Armenier[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bibliografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Béatrice Kasbarian-Bricout: Les Arméniens au XXe siècle. L’Harmattan, Paris 1984, ISBN 2-85802-383-X.
  • Sibylle Thelen: Die Armenierfrage in der Türkei. Klaus Wagenbach, 2011, ISBN 978-3-8031-2629-0.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c “Foreign Ministry: 89,000 minorities live in Turkey”. Todayszaman.com, 29. September 2008, abgerufen am 14. Dezember 2010 (englisch).
  2. Radio Vatikan: Religionsfreiheit in der Türkei-Zur Situation der christlichen Minderheiten in der Türkei 5.-7. September 2004
  3. Der Spiegel: PAPST IN DER TÜRKEI-Besuch bei der 0,4-Promille-Gemeinde 28. November 2006
  4. Ruben Melkonyan: “Review of Istanbul’s Armenian community history”. Panorama.am, 29. September 2010, abgerufen am 14. Dezember 2010 (englisch).
  5. Tolga Korkut: UNESCO: 15 Languages Endangered in Turkey. Bianet.org, 22. Februar 2009, abgerufen am 31. Oktober 2009.