Arnold Brecht

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Arnold Brecht

Arnold Walter Rudolf Brecht (* 26. Januar 1884 in Lübeck; † 11. September 1977 in Eutin) war ein deutsch-amerikanischer Jurist und Politikwissenschaftler. Er war führender Beamter in der Weimarer Republik. Er gehörte zu den wenigen demokratisch gesinnten Spitzenbeamten, die aktiv für die Bewahrung der Weimarer Republik eintraten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Brechts Eltern waren Walther Brecht, Direktor der Lübeck-Büchener Eisenbahn und Mitglied der Lübecker Bürgerschaft, und dessen Ehefrau Regina Erdmuthe Marie (* 9. Juni 1856 in Weißenfels; † 8. März 1928 in Berlin), eine Tochter Theodor Weishaupts.[1] Er hatte zwei Brüder, darunter Gustav Brecht, der in der Braunkohlewirtschaft tätig war,[2] und zwei Schwestern: Editha (1878–1957) heiratete den Verwaltungsjuristen Martin Richter; Gertrud (geb. 1885) war mit dem jüdischen Violinisten Ossip Schnirlin verheiratet. Mit ihm nahm sie sich im Sommer 1939 das Leben.[3] Seit 1915 war Arnold Brecht verheiratet mit Clara Berg (1876–1970). Beide erwarben 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.

Nach dem Abitur am Katharineum zu Lübeck Ostern 1902[4] begann Brecht an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Rechtswissenschaft zu studieren. Er wurde Mitglied der AMV Makaria Bonn, einer musikalischen Studentenverbindung im Sondershäuser Verband.[5][6] Er wechselte an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, die Georg-August-Universität Göttingen[7] und die Universität Leipzig. 1906 wurde er in Leipzig zum Dr. iur. promoviert.[8] Im Freistaat Preußen war er 1918–1933 zunächst Reichsbeamter und – nach seiner politisch motivierten Entlassung aus dem Reichsdienst – als Ministerialdirektor und „hauptamtliches stellvertretendes Mitglied“ Stimmführer der Stimmen des Preußischen Staatsministeriums im Reichsrat.[9]

In der Verfassungsklage Preußen contra Reich vertrat Brecht 1932 das Kabinett Braun III vor dem Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich. Nachdem durch das Urteil des Staatsgerichtshofs[10] das Recht der Regierung Braun/Severing, Preußen weiterhin im Reichsrat zu vertreten, bestätigt worden war, nahm Brecht die Stimmführung der Stimmen des Preußischen Staatsministeriums wieder auf. In dieser Funktion antwortete er auf die Antrittsrede Adolf Hitlers im Reichsrat am 2. Februar 1933. Er forderte Hitler zur Achtung von Recht und Gesetz auf. Im Anschluss an die Rede verließ Hitler – offensichtlich ungehalten – die Sitzung. Der Vorgang führte zu einem wütenden Kommentar des NS-Parteiorgans Völkischer Beobachter.[11] Bereits wenige Tage danach wurde er aus dem Staatsdienst entlassen. Die „Hoheitsregierung“ Braun/Severing, deren Belange Brecht im Reichsrat zu vertreten hatte, konnte dies nicht verhindern, da die Personalhoheit aufgrund des „Preußenschlags“ durch die von der Reichsregierung eingesetzte „Kommissariatsregierung“ ausgeübt wurde.

Im November 1933 emigrierte Arnold Brecht in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er in New York an der Graduate Faculty der New School for Social Research bis zu seiner Emeritierung 1954 als Professor of Political Science, Jurisprudence, and Public Finance lehrte und forschte. 1946 wurde er auf dem 41. Annual Meeting der American Political Science Association (APSA) zu deren Third Vice President and Member of Research Committee gewählt.

Noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges war Arnold Brecht ein gefragter Berater in der amerikanischen Außenpolitik und zu Beginn der 1950er Jahre Mitbegründer der Politikwissenschaft in Deutschland. Brecht wirkte beratend bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland mit. Er wurde 1953 rückwirkend zum Staatssekretär a. D. ernannt. 1959 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.[7] Diese Ehrung wurde ihm mit Else Staudinger, ihrem Ehemann Hans Staudinger und Hans Simons zuteil; alle drei waren Exilierte in New York.[12] 1964 wurde ihm der Stern zum Bundesverdienstkreuz verliehen.

An seinem letzten Elternhaus in der Moislinger Allee 22 zu Lübeck wurde am 18. Januar 2016 eine Gedenktafel für ihn enthüllt.

Arnold Brecht als Namensgeber[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das von ihm als Gesetz der progressiven Parallelität von Ausgaben und Bevölkerungsmassierung bezeichnete heute als Brechtsches Gesetz bekannte Gesetz besagt, dass im Finanzausgleich größere Gemeinden überproportional viel Geld im Verhältnis zur Bevölkerung erhalten. Dies bedeutet, dass mit steigender Bevölkerungsdichte die öffentlichen Pro-Kopf-Ausgaben steigen. Das Gesetz steht damit in engem Zusammenhang zum Begriff der veredelten Einwohnerzahl nach dem Stadtstaatenprivileg.

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • System der Vertragshaftung (Unmöglichkeit der Leistung, positive Vertragsverletzung und Verzug) (= Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts. Band 53). 1908, S. 213 ff.
  • mit Gerhart Hauptmann, Wilhelm Marx, Edwin Redslob: Gedenken an Walther Rathenau. Feier der Walther-Rathenau-Stiftung zum 60. Geburtstage am 29. September 1927. Dresden 1928.
  • Internationaler Vergleich der öffentlichen Ausgaben. Teubner, Leipzig 1932.
  • Preußen contra Reich vor dem Staatsgerichtshof. Stenographischer Bericht der Verhandlungen vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig vom 10. bis 14. und vom 17. Oktober 1932. Mit einem Vorwort von Arnold Brecht. J. H. W. Dietz, Berlin 1932.
  • Prelude to Silence. The End of the German Republic. Oxford University Press, New York 1944.
  • Federalism and Regionalism in Germany. The Division of Prussia. Oxford University Press, New York 1945.
  • Vorspiel zum Schweigen. Das Ende der deutschen Republik. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1948.
  • Föderalismus, Regionalismus und die Teilung Preußens. Dümmler, Bonn 1949.
  • Walther Rathenau und das deutsche Volk. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1950.
  • Die Auflösung der Weimarer Republik und die politische Wissenschaft. In: Zeitschrift für Politik. NF, Jg. 2, Heft 4, Dezember 1955, S. 291 ff.
  • Political Theory, The Foundations of Twentieth-Century Political Thought. Princeton University Press, Princeton N.J. 1959.
    • Politische Theorie. Die Grundlagen politischen Denkens im 20. Jahrhundert. Stellenweise revidierte und ergänzte deutsche Ausgabe, übersetzt von Irmgard Kutscher und dem Verfasser. Mohr, Tübingen 1961.
    • 2., durchgesehene Auflage: Politische Theorie. Mohr, Tübingen 1976.
  • Aus nächster Nähe. Lebenserinnerungen 1884–1927 (= Lebenserinnerungen. Band 1), Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1966.
  • Mit der Kraft des Geistes. Lebenserinnerungen 1927–1967 (= Lebenserinnerungen. Band 2), Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1967.
  • Lyrisches Vermächtnis. Reichert, Kornwestheim 1974.
  • Kann die Demokratie überleben? Die Herausforderungen der Zukunft und die Regierungsformen der Gegenwart. Stuttgart 1978.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hannah Bethke: Das politische Denken Arnold Brechts. Eine transatlantische Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts (= Beiträge zur Politischen Wissenschaft. Band 178). Duncker & Humblot, Berlin 2013, ISBN 978-3-428-13998-9.
  • Hannah Bethke: Arnold Brecht. In: Rüdiger Voigt, Ulrich Weiß (Hrsg.): Handbuch Staatsdenker. Steiner, Stuttgart 2010, S. 64–66.
  • Volker Depkat: Lebenswenden und Zeitenwenden. Deutsche Politiker und die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. München 2007, ISBN 978-3-486-57970-3 (= Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit. Band 18).
  • Morris D. Forkorsch (Hrsg.): The Political Philosophy of Arnold Brecht. Essays, presented to Arnold Brecht by His Former and Present Students to Commemorate the Completion of Twenty Years of Devoted Service at the Graduate Faculty of the New School for Social Research. Exposition Press, New York 1954.
  • Claus-Dieter Krohn: Wissenschaft im Exil. Deutsche Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler in den USA und die New School for Social Research. Campus Verlag, Frankfurt/New York 1987, ISBN 3-593-33820-3, S. 78–79, 84, 106–107, 139, 141, 164–165, 187, 197, 202–204, 207–210.
  • Claus-Dieter Krohn, Corinna R. Unger (Hrsg.): Arnold Brecht 1884–1977. Demokratischer Beamter und politischer Wissenschaftler in Berlin und New York. Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-515-08883-1 (= Transatlantische Historische Studien des GHI Washington. Band 27).
  • Joachim Lilla: Der Reichsrat – Vertretung der deutschen Länder bei der Gesetzgebung und Verwaltung des Reichs 1919–1934. Droste, Düsseldorf 2006, ISBN 978-3-7700-5279-0.
  • Siegfried Mielke (Hrsg.) unter Mitarbeit von Marion Goers, Stefan Heinz, Matthias Oden, Sebastian Bödecker: Einzigartig – Dozenten, Studierende und Repräsentanten der Deutschen Hochschule für Politik (1920–1933) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Berlin 2008, ISBN 978-3-86732-032-0, S. 353.
  • Michael Ruck: Patriotischer Institutionalismus und bürokratische Modernisierung. Arnold Brecht als Verwaltungsreformer in der Weimarer Republik. In: Eberhard Laux, Karl Teppe (Hrsg.): Der neuzeitliche Staat und seine Verwaltung. Beiträge zur Entwicklungsgeschichte seit 1700. Steiner, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07168-7, S. 177–202 (= Nassauer Gespräche der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft. Band 5).
  • Michael Ruck: Arnold Brecht und die Verfassungsentwicklung in Westdeutschland. In: Claus-Dieter Krohn, Martin Schumacher (Hrsg.): Exil und Neuordnung. Der Einfluss von Emigranten auf die verfassungspolitische Entwicklung im Nachkriegsdeutschland. Droste, Düsseldorf 2000, ISBN 3-7700-5230-7, S. 207–229.
  • Michael Ruck: Wider den ”unvollkommenen Alternativismus”. Arnold Brechts Empfehlungen zur Deutschland- und Entspannungspolitik nach 1945. In: Claus-Dieter Krohn, Corinna R. Unger (Hrsg.): Arnold Brecht, 1884-1977. Demokratischer Beamter und politischer Wissenschaftler in Berlin und New York. Steiner, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-515-08883-1, S. 151–195 (= Transatlantische Historische Studien des GHI Washington. Band 27).
  • Michael Ruck: Deutsch-amerikanische Perspektiven. Der politische Intellektuelle Arnold Brecht als transatlantischer Mittler im Kalten Krieg. In: Alexander Gallus, Axel Schildt (Hrsg.): Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen um 1950 und um 1930. Göttingen 2011, ISBN 978-3-8353-0871-8.
  • Michael Ruck: Brecht, Arnold Walter Rudolf. 1884–1977. Jurist, Politikwissenschaftler. In: NDB-online, veröffentlicht am 23. März 2022, URL: https://www.deutsche-biographie.de/118673645.html#dbocontent.
  • Ernst C. Stiefel, Frank Mecklenburg: Deutsche Juristen im amerikanischen Exil (1933–1950). Tübingen 1991, ISBN 3-16-145688-2, S. 87–88.
  • Corinna R. Unger: Vom Beamtenrecht zur politischen Kultur. Die Vorschläge Brechts zur Reform des öffentlichen Dienstes der Bundesrepublik. In: Kritische Justiz. Band 36, 2003, ISSN 0023-4834, S. 82–94.
  • Klaus D. Weber: Brecht, Arnold. In: Manfred Asendorf, Rolf von Bockel (Hrsg.): Demokratische Wege. Deutsche Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten. Stuttgart/Weimar 1997, ISBN 3-476-01244-1, S. 95–97.
  • Jürgen Wirtz: Das Brecht'sche Gesetz. Entstehung und Nachweis unter besonderer Berücksichtigung des Agglomerationsprozesses in der Bundesrepublik Deutschland. Dissertation, Freiburg (Schweiz) 1975.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Arnold Brecht – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karsten Blöcker: Vor achtzig Jahren: Arnold Brecht belehrt Hitler. In: Lübeckische Blätter 178 (2013), S. 33, https://www.die-gemeinnuetzige.de/fileadmin/media/luebeckische-blaetter/2013/03_LB178.pdf.
  2. Hedwig Seebacher: Brecht, Walther. In: Biographisches Lexikon für Schleswig-Holstein und Lübeck, Bd. 7. Wachholtz Verlag, Neumünster 1985, S. 32.
  3. Claus-Dieter Krohn, Corinna R. Unger (Hrsg.): Arnold Brecht, 1884–1977: demokratischer Beamter und politischer Wissenschaftler in Berlin und New York (2006).
  4. Hermann Genzken: Die Abiturienten des Katharineums zu Lübeck (Gymnasium und Realgymnasium) von Ostern 1807 bis 1907. Borchers, Lübeck 1907. (Beilage zum Schulprogramm 1907) (Digitalisat, Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf), Nr. 1164.
  5. Harald Lönnecker: „... den Kern dieses ganzen Wesens hochzuhalten und ... zu lieben“. Theodor Litt und die studentischen Verbindungen. In: Dieter Schulz, Heinz-Werner Wollersheim (Hrsg.): Theodor-Litt-Jahrbuch, Jg. 4 (2005), S. 189–263.
  6. Verband Alter SVer (VASV): Anschriftenbuch. Mitgliederverzeichnis sämtlicher Alten Herren. Stand vom 1. Oktober 1937. Hannover 1937, S. 26.
  7. a b Arnold Brecht im Stadtarchiv Göttingen.
  8. Dissertation: Vom Verkauf einer fremden Sache.
  9. Pressemeldung der Stadt Lübeck.
  10. Urteil vom 25. Oktober 1932 – StGH 15, 16, 17 u. 19/32 – RGZ 138, Anh. S. 1.
  11. Heiko Holste: Zwischen Reichsreform und „Preußenschlag“. Ministerialbeamter im Dienst der Republik. In: Claus-Dieter Krohn, Corinna R. Unger (Hrsg.): Arnold Brecht 1884–1977. Demokratischer Beamter und politischer Wissenschaftler in Berlin und New York. Stuttgart 2006, S. 55–82, hier S. 79–80.
  12. Theodor Heuss ehrte diese Emigranten aus Anlass seines 75. Geburtstages. Siehe Wolfram Werner: Emigranten im Parlamentarischen Rat. In: Claus-Dieter Krohn, Martin Schumacher (Hrsg.): Exil und Neuordnung. Beiträge zur verfassungspolitischen Entwicklung in Deutschland nach 1945 (= Dokumente und Texte. Hrsg. von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Zusammenarbeit mit der Herbert-und-Elsbeth-Weichmann-Stiftung. Band 6), S. 161–174, hier S. 173 f.