Arthur James Balfour, 1. Earl of Balfour

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Arthur Balfour)
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Arthur James Balfour

Arthur James Balfour, 1. Earl of Balfour (/ˈbalfə/), KG OM PC (* 25. Juli 1848 in Whittingehame, East Lothian, Großbritannien; † 19. März 1930 in Fisher’s Hill nahe Woking, Surrey, Großbritannien) war ein britischer Politiker und Premierminister.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arthur James Balfour um 1920. Porträtstudie von James Guthrie für Statesmen of World War I.

Er war der älteste Sohn des Politikers James Maitland Balfour (1820–1856) aus dessen Ehe mit Lady Blanche Mary Harriet Gascoyne-Cecil († 1872). Sein Vater entstammte einer Familie der schottischen Gentry. Seine Mutter entstammte der einflussreichen englischen Politikerfamilie Gascoyne-Cecil of Salisbury. Er besuchte das Eton College und studierte am Trinity College der Universität Cambridge. 1874 wurde er erstmals für die Conservative Party ins britische Unterhaus gewählt. Von 1878 bis 1880 war er Privatsekretär seines Onkels Robert Gascoyne-Cecil, 3. Marquess of Salisbury, den er unter anderem 1878 zum Berliner Kongress begleitete.

In den frühen 1880er Jahren tat Balfour sich als Mitglied des Kreises junger querdenkender Konservativer hervor, der sich um Randolph Churchill innerhalb der Konservativen Partei herausbildete („Fourth Party“). Nachdem er sich im Konflikt zwischen Churchill und seinem Onkel unzweideutig für letzteren entschied, wurde Balfour 1887 Chief Secretary for Ireland in dessen Kabinett und kam so bereits früh in seiner Karriere mit dem drängendsten Problem der britischen Politik dieser Epoche in Kontakt: mit der irischen Forderung nach Home Rule. Die Reputation, die er in dieser Auseinandersetzung erworben hatte, führte dazu, dass Balfour 1891/92 und von 1895 bis 1905 zum Leader of the House of Commons gewählt wurde. Im House of Commons war er von 1874 bis 1885 Abgeordneter für den Wahlkreis Hertford und von 1885 bis 1906 für Manchester East.

Seine politische Karriere erreichte 1902 einen Höhepunkt, als er in der Nachfolge seines Onkels britischer Premierminister wurde. Dieses Amt hatte er bis 1905 inne, als er aufgrund parteiinterner Unstimmigkeiten als bislang letzter Premierminister die Regierungsgeschäfte freiwillig an die Opposition übergab. Wichtigstes politisches Ereignis dieser Epoche war die Abkehr von der Splendid isolation Großbritanniens durch die Entente cordiale mit Frankreich. Von 1902 bis 1911 war Balfour zudem Vorsitzender der Tories. Es gelang ihm aber nicht, die Spaltung der Partei angesichts der Schutzzollpolitik des Unionisten Joseph Chamberlain zu verhindern. Nicht zuletzt diese Uneinigkeit führte Anfang 1906 zu einer schweren Wahlniederlage der Konservativen. Balfours selbst verlor seinen Parlamentssitz, zog jedoch durch eine Nachwahl in einem anderen Wahlkreis (City of London), der bis 1922 sein angestammter Wahlkreis blieb, schnell wieder ins Unterhaus ein.

Ungeachtet dessen blieb Balfour einer der einflussreichsten Männer der britischen Politik. Die konservative Mehrheit im Oberhaus (House of Lords) blockierte die meisten Gesetze, die die Liberalen im Unterhaus durchbrachten. Das Oberhaus wurde vom Liberalen David Lloyd George deshalb als „Balfours Pudel“ verspottet. Durch die Blockade im Oberhaus kam es zu einer Verfassungskrise, was 1910 (zweimal) zu Neuwahlen führte. Beide verloren Balfours Konservative; obwohl sie einige Parlamentssitze hinzugewinnen konnten, reichte es nicht zu einer Regierungsbildung, da die Liberalen durch die Labour Party und die irischen Nationalisten unterstützt wurden. Nach drei Wahlniederlagen in Folge sah sich Balfour heftigen Angriffen ausgesetzt.[1] Eine Gruppe um Lord Halsbury opponierte gegen Balfours Führung; auch namhafte Tories wie F. E. Smith und Edward Carson zählten zu Balfours Gegnern. Zudem schlossen sich mit Lord Hugh Cecil und Lord Robert Cecil zwei Angehörige von Balfours eigener Familie dieser Gruppe an.[2] Durch die andauernde parteiinterne Kritik angeschlagen, gab Balfour am 8. November 1911 schließlich bei einem Auftritt in seinem Wahlkreis, der Londoner City, seinen Rücktritt bekannt.[3] Beim wenige Tage später anberaumten Carlton-Club-Treffen wurde Andrew Bonar Law als sein Nachfolger gewählt.

In der während des Ersten Weltkriegs gebildeten Koalitionsregierung von Herbert Henry Asquith bekleidete Balfour von 1915 bis 1916 als Nachfolger Winston Churchills das Amt des Ersten Lords der Admiralität (Marineminister). Nach dem Rücktritt Asquiths erklärte sich Balfour bereit, in einer neuen Koalitionsregierung unter David Lloyd George zu dienen, was mit ein entscheidender Faktor für das Zustandekommen der neuen Regierung war.[4] Nach der Regierungsübernahme durch Lloyd George wurde er Außenminister. In dieser Funktion ging er mit seiner Balfour-Deklaration (2. November 1917) in die Geschichte ein. Darin sicherte er Walter Rothschild, 2. Baron Rothschild zu, die britische Regierung werde die Zionisten bei der Errichtung einer „nationalen Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina unterstützen. Damit wurde er zum Wegbereiter des UN-Teilungsplans von 1947, auf welchen 1948 die Staatsgründung Israels folgte. Balfour war selber vom christlichen Zionismus geprägt.[5]

Von 1919 bis 1922 und noch einmal von 1925 bis 1929 saß Balfour als Lord President of the Council im Kabinett. In dieser Eigenschaft veröffentlichte er am 1. August 1922 die Balfour-Note zum Zusammenhang zwischen Reparationen und Interalliierten Kriegsschulden: Bei der Fundierung beider Schuldenarten gelte es im Interesse einer raschen Stabilisierung der Weltwirtschaft größtmögliche Mäßigung walten zu lassen. Die britische Regierung verzichte auf alle politischen Schuldenzahlungen, sowohl was deutsche Reparationen als auch, was Kriegsschulden betraf, die über die von den USA geforderten Schuldendienste hinausgingen.[6][7] Am 5. Mai 1922 wurde er als Earl of Balfour und Viscount Traprain zum erblichen Peer erhoben,[8] wodurch er Mitglied des House of Lords wurde. Da Balfour unverheiratet und kinderlos war, erfolgte die Verleihung mit dem besonderen Zusatz, dass die Titel in Ermangelung eigener männlicher Nachkommen auch an seine Brüder und deren männliche Nachkommen vererbbar sei.

Eine wichtige Rolle spielte er auch beim Transformationsprozess des Britischen Empires zum Commonwealth of Nations. Seinen Namen trägt der 1926 unter seinem Vorsitz erarbeitete Balfour-Bericht, dessen Kern die Formulierung der vollständigen Souveränität der Dominions vom britischen Mutterland bildet.

1883 war Arthur Balfour Präsident der Society for Psychical Research. Auch gehörte er dem renommierten Londoner Travellers Club an und war auch (um 1912) Ehrenvizepräsident der Eugenics Education Society. 1902 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. 1925 wurde er Fellow der Royal Society of Edinburgh.[9]

Balfour im Urteil der Zeitgenossen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Winston Churchill bemerkte nach dem Zweiten Weltkrieg zu seinem Leibarzt, Lord Moran, dass Balfour zu den fünf Personen gehören würde, von denen er sich gewünscht hätte, dass sie seinen späten Lebenstriumph als Führer der britischen Nation im Krieg noch miterlebt hätten.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Arthur Balfour, 1st Earl of Balfour – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. R. J. Q. Adams: Bonar Law. Stanford University Press, 1999, S. 54.
  2. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 71 f.
  3. E. T. Raymond: A Life of Arthur James Balfour. Little, Brown and Company, London 1920. S. 197.
  4. Robert Blake: The Unknown Prime Minister: The Life and Times of Andrew Bonar Law, 1858–1923. Eyre and Spottiswoode, London 1955. S. 339 f.
  5. Marina Klimchuk: Evangelikale Christen werben für Israel: Armageddon für Trump, taz.de, 26. Oktober 2020.
  6. The Balfour Note Of August 1, 1922 (Memento vom 25. Oktober 2014 im Webarchiv archive.today)
  7. Denise Artaud: La question des dettes interalliees et la reconstruction de l' Europe (1917–1929). 2 Bde., Champion honore, Paris 1978, S. 408ff und 438ff.
  8. London Gazette. Nr. 32691, HMSO, London, 5. Mai 1922, S. 3512 (PDF, englisch).
  9. Biographical Index: Former RSE Fellows 1783–2002. Royal Society of Edinburgh, abgerufen am 7. Oktober 2019.
VorgängerAmtNachfolger
Winston ChurchillErster Lord der Admiralität
1915–1916
Edward Carson
Titel neu geschaffenEarl of Balfour
1922–1930
Gerald Balfour