Artikel 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland

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Der Artikel 2 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland gehört zum ersten Abschnitt (Grundrechte). Dieser garantiert das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, auf Leben, auf körperliche Unversehrtheit und schützt die Freiheit der Person.

Artikel 2 des Grundgesetzes - eine Arbeit von Dani Karavan an den Glasscheiben zur Spreeseite beim Jakob-Kaiser-Haus des Bundestages in Berlin

Wortlaut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Erläuterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Art. 2 GG steht nicht unter dem Schutz der Ewigkeitsklausel des Art. 79 GG. Da das Freiheitsgrundrecht wie das Recht auf Leben ein Menschenrecht ist, das durch Art. 1 Abs. 2 GG gedeckt ist, gilt Art. 2 GG inhaltlich als unveränderliches Recht.

Absatz 1[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Freiheitsgrundrecht garantiert Handlungsfreiheit und in Verbindung mit Art. 1 GG das allgemeine Persönlichkeitsrecht. Die Handlungsfreiheit umfasst zum Beispiel die Vertragsfreiheit oder die Wettbewerbsfreiheit, die Auswanderungsfreiheit oder auch das Selbstbestimmungsrecht. Eine Einschränkung erfahren diese Grundrechte durch die Rechte anderer, das Sittengesetz und die verfassungsmäßige Ordnung. Unter verfassungsmäßiger Ordnung versteht man alle Rechtsvorschriften die in einem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren verfasst und Verfassungskonform sind. Der Begriff Sittengesetz ist kein Gesetz im klassischen Sinne, sondern umfasst Regelungen, die der jeweiligen Moral- und Wertvorstellung entsprechen.

Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst zum Beispiel den Schutz der persönlichen Ehre und das Recht am eigenen Wort und Bild oder die Darstellung der eigenen Person, zum Beispiel in einem Zeitungsartikel. In allen diesen Bereichen hat jeder die Möglichkeit mitzubestimmen, wie weit Informationen über ihn an die Öffentlichkeit gehen dürfen.

Absatz 2[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Leben ist eine notwendige Bedingung für die Menschenwürde. Somit ergänzt Art. 2 Abs. 2 GG die unverletzlichen Vorschriften des Art. 1 GG. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit schützt vor Eingriffen, welche die Gesundheit beeinträchtigen. Umstritten ist aber wie weit diese körperliche Unversehrtheit garantiert ist. Die sogenannte „Freiheit der Person“ gewährleistet die körperliche Bewegungsfreiheit jedes Einzelnen. Umfasst werden sowohl das positive Recht, jeden beliebigen Ort aufzusuchen als auch das negative Recht, jeden beliebigen Ort zu meiden.[1] Darin enthalten ist demnach etwa auch das Recht, Deutschland für den Urlaub zu verlassen. Einschränkungen können durch Gesetzesvorbehalt gegeben sein.

Anwendung in der Rechtsprechung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grundrechte des Art. 2 GG gehören zu den Rechten, die häufig in der Rechtsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland Gegenstand von Verhandlungen vor dem Bundesverfassungsgericht (BVerfG) waren. Besonders das Persönlichkeitsrecht sogenannter „Personen des öffentlichen Lebens“ kollidiert häufig mit dem in Art. 5 GG garantierten Recht auf Information bzw. der Pressefreiheit.

Eine besondere juristische Bedeutung bekam der Prozess vor dem Bundesverfassungsgericht von Prinzessin Caroline von Monaco gegen den Burda Verlag.[2] Bis zu einer Verurteilung der Bundesrepublik Deutschland durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte im Jahre 2004 galt dieses Urteil als richtungsweisend, da es das Recht aus Art. 2 GG und das Recht aus Art. 5 GG definiert hat. Hierbei ging es um die Veröffentlichung von Bildern aus dem Privatleben.[3]

Definitionen der Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu einer Kontroverse um das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit kam es infolge der Terroranschläge am 11. September 2001. Gegenstand der Diskussion war die Frage, ob ein Passagierflugzeug, das von Terroristen mit dem Ziel, ein Gebäude zu zerstören, entführt wurde, präventiv abgeschossen werden dürfe. Hierbei stand nicht die Frage im Vordergrund, ob die Terroristen zwecks Vereitelung eines Anschlags getötet werden dürfen (wie z. B. bei der Diskussion um den finalen Rettungsschuss), sondern die Frage nach den Rechten der Passagiere, die durch die Entführung ihrer Freiheit beraubt, aber (noch) nicht durch den eigentlichen Anschlag getötet wurden. Der damalige Verteidigungsminister Jung berief sich bei der Befürwortung eines solchen Abschusses auf einen „übergesetzlichen Notstand“, der Art. 2 Abs. 2 GG aufgrund eines nicht durch das Gesetz geregelten Notstands faktisch außer Kraft setzen würde. Dieser Argumentation wurde entgegengesetzt, dass den Passagieren das Recht auf Leben bis zu ihrem Tode nicht genommen werden könne, zumal den betroffenen Personen auch die Möglichkeit eigenen Handelns im Sinne Art. 2 Abs. 1 GG genommen würde. Vor allem die Ereignisse im sogenannten 4. Flugzeug, das die Passagiere durch ihre Handlungen vor Vollendung des Terroranschlages zum Absturz gebracht hatten, wurden als Argument einer unabwendbaren Entscheidung zum Wohle Dritter entgegengesetzt. Eine gesetzliche Regelung wurde bis heute (Stand 2012) nicht getroffen. Das Luftsicherheitsgesetz wurde zwar angepasst, um die Möglichkeit eines Abschusses durch die Bundeswehr zu ermöglichen (§ 14 Abs. 3 LuftSiG), allerdings ist dieses Gesetz 2005 schon aus formell-verfassungsrechtlichen Gründen vom Bundesverfassungsgericht für nichtig erklärt worden, da der bewaffnete Einsatz der Bundeswehr im Inneren durch Art. 35 Abs. 2 Satz 2 und Abs. 3 Satz 1 GG nicht gedeckt ist.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Kahl et al.: Bonner Kommentar zum Grundgesetz. 158. Aktualisierung, Müller Verlag, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-8114-1053-4, 1. Abschnitt.
  • Theodor Maunz (Begr.), Günter Dürig (Begr.): Grundgesetz. Kommentar. Beck Verlag, München 2012, ISBN 978-3-406-63690-5, Teil B.
  • Detlef Merten (Hrsg.), Hans-Jürgen Papier (Hrsg.): Handbuch der Grundrechte. In Deutschland und Europa. (Band 4). Müller Verlag, Heidelberg 2011, ISBN 978-3-8114-4443-0, S. 137–289.
  • Hermann von Mangoldt (Begr.), Friedrich Klein (Hrsg.), Christian Stark (Hrsg.): Kommentar zum Grundgesetz. (Band 1). 5. Auflage, Vahlen Verlag, München 2005, ISBN 3-8006-3187-3, S. 173–280.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bodo Pieroth, Bernhard Schlink: Staatsrecht II. Grundrechte.28. Auflage. Müller Verlag, Heidelberg 2012, ISBN 978-3-8114-9851-8, S. 103 f.
  2. BVerfGE 101, 361, Urteil vom 15. Dezember 1999 – 1 BvR 653/96.
  3. Lexetius Urteil des BVerfG im Prozess von Caroline von Monaco gegen den Burda Verlag
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