Dieser Artikel existiert auch als Audiodatei.

Artikulation (Linguistik)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Mit Artikulation (lat. articulare = deutlich aussprechen) bezeichnet man im linguistischen bzw. phonetischen Sinne die Realisierung der Phoneme und Wörter menschlicher Sprachen durch die Artikulationsorgane, also den neuro-muskulären Vorgang des Sprechens (bei den Lautsprachen) bzw. des Gebärdens (mit Händen, bei den Gebärdensprachen). Im Rahmen der Spracherzeugung bei Lautsprachen ist die Artikulation im engeren Sinn definiert als die Sprechbewegungen der Artikulationsorgane, in Abgrenzung von Atmung und Phonation (Stimmgebung).[1]

Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Artikulation ist letztlich die Grundlage für die Unterscheidung der verschiedenen Sprachlaute (auch noch in ihrer abstrakten Beschreibung als Phoneme); die Artikulation bildet daher einen wichtigen Begriff der linguistischen Phonetik. Die Artikulationsvorgänge beruhen auf weitergehenden anatomisch-physiologischen Voraussetzungen, die in der Linguistik nur am Rande berücksichtigt werden müssen; diese werden hauptsächlich unter dem allgemeineren Stichwort „Spracherzeugung“ beschrieben.

Grundvoraussetzung für die lautsprachliche Artikulation ist die Atmung, die beim Ausatmen (Exspiration) den zum Sprechen benötigten Luftstrom[2] liefert. Der Luftstrom beim Einatmen (Inspiration) wird normalerweise nicht zur Erzeugung von Sprachlauten (inspiratorischer Laut) verwendet. Sofern der Luftstrom der Atmung zur Lautbildung dient, wird er auch als Phonationsstrom bezeichnet. Nur selten kommen in menschlichen Sprachen auch Sprachlaute vor, die, unabhängig von der Atmung, allein durch Druckerzeugung im Mundraum gebildet werden (sogenannte nicht-pulmonale Konsonanten, etwa die Klicklaute der Khoisansprachen). Insgesamt werden bei weitem nicht alle Laute, die mit den Sprachorganen bzw. Resonanzräumen prinzipiell erzeugt werden können, in einer gegebenen Lautsprache systematisch benutzt und sind somit linguistisch relevant.

Grundvoraussetzung für die manuelle Artikulation in Gebärdensprachen ist die Fähigkeit der Arme, Bewegungen auszuführen und Körperteile zu berühren, und der Hände, mit den Fingern Handkonfigurationen zu bilden. Man spricht in der Linguistik der Gebärdensprache von den vier Parametern in der Formation von Gebärden: Handkonfiguration, Handstellung, Bewegung und Bewegungsort. Nur eine Untermenge der möglichen Bewegungen der Arme und Handformen ist linguistisch relevant in einer gegebenen Gebärdensprache. Auch wird nur eine beschränkte Anzahl der Körperteile von der gebärdenden Hand bzw. Händen berührt.

Die folgenden Abschnitte stellen die lautsprachliche Seite der Artikulation näher dar. Einige Einzelheiten zur Artikulation in Gebärdensprache finden sich unter Deutsche Gebärdensprache#Phonologie.

Das Artikulationsorgan[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Menschliche Spracherzeugung

Das Artikulationsorgan ist der aktive Teil der Artikulation, der sich auf die Artikulationsstellen (den Artikulationsort) hinzubewegt oder ihn berührt:

Der Artikulationsort ist der relativ unbewegliche Teil des Ansatzrohrs und Ziel des Artikulators. Die Laute benennt man entsprechend:

Entstehung des Phonationsstroms[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch Volumen­vergrößerung des Brustkorbs mittels der Brustmuskulatur, der Rippen und des Zwerchfells kann sich die Lunge ausdehnen und es entsteht ein Unterdruck, so dass die Atemluft über die Atemwege in die Lunge strömen kann. Durch das Senken der Rippen und Heben des Zwerchfells zieht sich die Lunge andererseits wieder zusammen. Der dabei entstehende Überdruck wird als Exspirationsluftstrom wieder aus der Lunge über die Bronchien in die Luftröhre gepresst (Ventilation). Die Luftröhre ist elastisch und endet oben mit dem Kehlkopf. Erst dort, im Kehlkopf, entscheidet sich, ob der Exspirationsstrom zum Phonationsstrom wird oder nicht.

Der Phonations- und Artikulationsprozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schematische Darstellung der Stellknorpel in Atmungs­stellung; A: Schildknorpel, B: Ringknorpel, C: Stellknorpel, D: Stimmlippen

Während die Luft aus den Lungen ausströmt, passiert sie den Kehlkopf und die Stimmlippen. In entspanntem Zustand befinden sich die Stimmlippen in Atmungsstellung, d. h., die Glottis ist weit geöffnet, so dass die Atemluft ungehindert entströmen kann.

Um die Phonation, d. h. die Stimmerzeugung, zu initiieren, werden die Stimmlippen in die Phonationsstellung (Stimmstellung), gebracht, das heißt, sie liegen locker aneinander an und verschließen so die Glottis. Durch den Luftstrom werden die Stimmlippen in Schwingung versetzt, d. h., sie öffnen und schließen sich, sodass die Luft mit jeder Öffnung und Schließung stoßweise in den Artikulationsraum entlassen wird. Es entstehen komplizierte periodische aus Teiltönen bestehende Schwingungen, auch Klänge genannt. Die Frequenz (möglich sind ca. 70–1000 Hz) hängt dabei von der Länge und die Tonhöhe von der Spannung (selektive Muskelkontraktionen) der Stimmlippen ab, die durch Stellung der Stellknorpel bzw. die Kippbewegung zwischen Ring- und Schildknorpel reguliert werden.

Schema der verschiedenen Stellungen der Stellknorpel und Stimmlippen; A: Glottisverschluss, B: Phonationsstellung, C: Flüsterstellung, D: Hauchstellung; E: Atmungsstellung oder Ruhestellung; F:Tiefatmungstellung

Sobald in den Stimmlippen ein Primärklang erzeugt wurde, strömt dieser in das (aus Rachen-, Nasen- und Mundhöhle bestehende) Ansatzrohr. Das Ansatzrohr ist vergleichbar mit einem musikalischen Instrument, bei dem die einmal erzeugte Schwingung in einen Ton modifiziert wird. Das menschliche Ansatzrohr ist also schwingungsfähig und wirkt damit als sogenannter Resonanzraum. Die im Kehlkopf erzeugten Geräusche und Klänge werden im Ansatzrohr zu Sprechlauten moduliert.

Grundsätzlich muss man bei den Sprechlauten zwischen Klanglauten und Geräuschelauten unterscheiden. Bei der isolierten Artikulation eines „scharfen“ s wie in Maus beispielsweise, handelt es sich um ein Geräusch. Es entsteht, wenn sich die Stimmritze in Atemstellung (siehe Abbildung) befindet und zwischen dem Saum der Zunge und dem Alveolenrand eine Enge gebildet wird. Um einen Laut zu produzieren, ist es also nicht unbedingt notwendig, dass die Stimmlippen in Phonationsstellung (Stimmstellung, siehe Abbildung „B“) gehen. Es entsteht also auch bei Atmungsstellung ein stimmloser Konsonant. Bei der isolierten Artikulation eines „weichen“ s wie in Sonne dagegen, befindet sich die Stimmritze dagegen in Phonationsstellung (siehe Abbildung). Bei dieser sehr engen Annäherung der Stimmlippen entstehen Kräfte, die den Luftstrom in eine Folge periodischer Schwingungen versetzt (Bernoulli-Effekt). Es entsteht ein stimmhafter Konsonant, der durch Engebildung zwischen Zungensaum und Alveolenrand einen Laut erzeugt: das stimmhafte (weiche) s.

Prinzipiell unterscheidet man in der Phonetik zwischen dem Artikulationsorgan, dem Artikulationsort (Artikulationsstelle) und schließlich der Artikulationsart.

1. exolabial 2. endolabial 3. dental 4. alveolar 5. postalveolar 6. prepalatal 7. palatal 8. velar 9. uvular 10. pharyngal 11. glottal 12. epiglottal 13. radikal 14. posterodorsal 15. anterodorsal 16. laminal 17. apikal 18. sublaminal
Lautbezeichnungen nach Artikulationsorgan und -ort
Bezeichnung Artikulationsorgan Artikulationsort Beispiel
bilabial Unterlippe (Labium inferius) Oberlippe (Labium superius) ​[⁠p⁠]​ ​[⁠b⁠]​ ​[⁠m⁠]​
labiodental Unterlippe obere Schneidezähne ​[⁠f⁠]​ ​[⁠v⁠]​
dental Zungenblatt obere Schneidezähne ​[⁠⁠]​
alveolar Zungenspitze (Apex linguae) Zahndamm (Alveolus dentalis) ​[⁠d⁠]​
postalveolar Zungenblatt harter Gaumen (Palatum) ​[⁠ʃ⁠]​ ​[⁠ʒ⁠]​
retroflex Zungenspitze harter Gaumen ​[⁠ɻ⁠]​
palatal Zungenrücken (Dorsum linguae) harter Gaumen ​[⁠ç⁠]​
velar Zungenrücken weicher Gaumen, Gaumensegel (Velum) ​[⁠k⁠]​ ​[⁠ɡ⁠]​
uvular Zungenrücken Gaumenzäpfchen (Uvula) ​[⁠ʀ⁠]​
pharyngal Zungenwurzel (Radix linguae) Rachenwand (Pharynx) ​[⁠ħ⁠]​
glottal Stimmlippen Stimmritze (Glottis) ​[⁠h⁠]​

Die Artikulationsart ist schließlich die Art und Weise, wie sich der Kontakt zwischen Artikulator und Artikulationsort darstellt und wie der Luftstrom nach außen geleitet wird. Zum Beispiel können die Artikulationsorgane eine Verengung bilden, die zu unterschiedlich starkem Rauschen führen kann, wie bei [v] in „Wein“ oder stärker bei [f] in „fein“. Der Luftstrom kann auch kurzfristig blockiert werden (Obstruktion) bei [b] wie in „Bein“. Die Phonationsluft kann aber auch, ohne dass sie ein Hindernis überwinden muss, durch das Ansatzrohr fließen, wie das bei Vokalen und den Halbvokalen, einer Untergruppe der Approximanten, der Fall ist. Bei nasalen Konsonanten bleibt eine Obstruktion im Mundraum die ganze Zeit erhalten, während das Velum sich so stellt, dass es dem Luftstrom den Weg durch die Nasenhöhle freigibt. (Siehe die nebenstehende Grafik: Das Velum ist die weiche Struktur, die sich von Position „8“ bis „9“ erstreckt. Der Verschlussort „uvular“ (Nr. 9) ist somit der am weitesten hinten liegende Verschluss, für den es einen Nasallaut geben kann, d.h. vor dem der Luftstrom durch die Nase abgeleitet werden kann).

Vokale, Halbvokale und stimmhafte Konsonanten sind Klänge, die wir als Sprechlaute wahrnehmen. Lösung eines Verschlusses, Engebildung oder ungehindertes Ausströmen der Atmungsluft sind die drei einzigen Überwindungsmodi.

Wird ein Laut zugleich an unterschiedlichen Artikulationsorten erzeugt, so spricht man von komplexer oder zusammengesetzter Artikulation. Es werden bei diesen unterschieden:

  • die relativ seltene Doppelartikulation mit zwei oder mehr Artikulationsorten, aber gleicher Artikulationsart, und
  • die häufiger auftretende Sekundärartikulation, also eine von der Hauptartikulationsart abweichenden Artikulationsart.

Als Sekundärartikulation können auftreten:

Darstellung und Beschreibung von Sprachlauten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laute lassen sich durch Angabe der artikulierenden Organe und die Art, wie der Luftstrom beeinflusst wird, beschreiben. Mit Hilfe einer Lautschrift wie dem Internationalen Phonetischen Alphabet kann man die Laute der menschlichen Sprachen der Welt darstellen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • J. C. Catford: Fundamental Problems in Phonetics. Edinburgh University Press, Edinburgh 1977, ISBN 0-85224-437-1.
  • J. C. Catford: The articulatory possibilities of man. In: B. Malmberg (Hrsg.): Manual of Phonetics. North-Holland, Amsterdam 1968, S. 309–333, ISBN 0-7204-6029-8.
  • William J. Hardcastle: Physiology of Speech Production. An introduction for speech scientists. Academic Press, London u. a. 1976, ISBN 0-12-324950-3.
  • Bernd Pompino-Marschall: Einführung in die Phonetik. de Gruyter, Berlin u. a. 1995, ISBN 3-11-014763-7, (De-Gruyter-Studienbuch).
  • Hans-Heinrich Wängler: Physiologische Phonetik. Eine Einführung. Elwert, Marburg 1972, ISBN 3-7708-0435-X.

Video:

Manfred Spitzer: Sprechen und Singen, BR-alpha-Reihe „Geist und Gehirn“, Folge 46 (ca. 15 Minuten).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Pompino-Marschall (1995), S. 17.
  2. Strenggenommen und aus atem-physiologischer Sicht aber handelt es sich um ein Atemgasgemisch, welches eine veränderte Partialgaszusammensetzung aufweist, gemeinhin als Atemluft bezeichnet. Atemluft, ist als physikalisches Gasgemisch nicht mit der atmosphärischen Luft identisch.
Gesprochene Wikipedia Dieser Artikel ist als Audiodatei verfügbar:
Speichern | Informationen | 17:26 min (10,1 MB) Text der gesprochenen Version
Mehr Informationen zur gesprochenen Wikipedia