Artikulation (Musik)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Unter Artikulation in der Musik wird erstens die Art verstanden, wie ein einzelner Ton stimmlich oder instrumental erzeugt und gebildet wird; zweitens, wie aufeinander folgende Töne miteinander verbunden werden, das heißt, ob diese dicht und ohne Pause verbunden sind (legato) oder kurz erklingend mit Klanglücken zwischen den Tönen (wie beim staccato). Im Kern geht es beim musikalischen Gestaltungsmittel Artikulation um die Frage, wie lange ein gegebener Ton — ohne dabei Rhythmik und Metrum zu tangieren — erklingt, wobei es zwischen den Polen "kurz" und "lang" zahlreiche Nuancen gibt.

Die Tonverbindungsarten sind ein starkes Ausdrucksmittel zur Charakterisierung der Melodiebewegung, ihres schreitenden, hüpfenden, springenden, tänzelnden Ganges.

Tonverbindung[Bearbeiten]

Die grundlegenden Tonverbindungsarten werden mit legatissimo (sehr gebunden), legato (gebunden), non legato (gebunden mit minimaler Pause), tenuto (gehalten), portato (getragen), staccato (abgesetzt, 'abgestoßen') und staccatissimo (stark abgesetzt, äußerst kurz) bezeichnet und mit den Schriftsymbolen Bogen, Querstrich, Punkt und Keil wie folgt notiert. Auch das senkrechte Strichlein (|) wird benutzt.[1] Hugo Riemann nennt in seiner Klavierschule noch mezzolegato und mezzostaccato (leggiero).

Artikulation-01.png

Die nicht gebundenen Artikulationsarten können auch mit Hilfe von Pausen, sog. Luftpausen, geschrieben werden, z. B.

Artikulation-02.png

Die exakte Bedeutung der Namen und Zeichen für die musikalische Artikulation kann nicht definiert werden. Sie variiert je nach Instrument, Spieltechnik und Musikstil. Ihre Ausführung ist stark vom Tempo abhängig.

Beispiele[Bearbeiten]

Artikulation kann an exemplarischen Vorbildern studiert werden, z. B. ist in der folgenden Melodie aus der Violinsonate B-Dur KV 378 von W. A. Mozart (erster Satz, allegro moderato, Takt 26-30), das Legato, Non Legato (im 5.Takt), Staccato, Portato und das Strichlein (im 2. Takt) angewandt. - Dem Beispiel kann auch entnommen werden, dass das Staccatozeichen keine akzentuierende Bedeutung hat.

Art MoVlSonB.tif

Wenn die Artikulation vom Komponisten nur rudimentär oder gar nicht vorgeschrieben ist, muss der Spieler eine eigene finden, die den Stilkriterien der Zeit folgen sollte. Er kann sie aus Werken gewinnen, die vom Komponisten sorgfältig bezeichnet wurden. Das Kleine Präludium E-Moll von J. S. Bach, BWV 941, kann z. B. wie folgt artikuliert werden.

Ba KlPräl.png

Differenzierung des Begriffs[Bearbeiten]

  • Mit dem Artikulationsbegriff ist die Vorstellung einer sinnlichen Tonqualität wie laut–leise, hart–weich, spitz–rund verbunden. Das sollte aber nicht dazu verführen, ein Artikulationszeichen zu einem stimm- oder instrumentaltechnischen Ausführunszeichen umzudeuten, z. B. das Staccatissimo als Akzent aufzufassen. Die Akzentuation eines Tones gehört zur Dynamik und in einem Tonverbund zur Metrik.
  • Die sprachliche Lautbildung (it. articolare = aussprechen) und die instrumentale Tonbildung (Ansatz, Anschlag, Bogenstrich) beziehen sich auf die technisch-physiologische Erzeugung der einzelnen Laute bzw. Töne. Hier nimmt der Artikulationsbegriff seinen Anfang. Im Gesang, wo sowohl Laute wie Töne erzeugt werden (Phonation), wird der Artikulationsbegriff auch auf die Klarheit und Deutlichkeit der erzeugten Laute und Töne bezogen (it. articolare = deutlich aussprechen). Diese Laut- und Tonbildung muss von der künstlerischen Artikulation im Rezitieren und Musizieren unterschieden werden. Es ist bezeichnend, dass Gesangsnoten nur sehr selten Artikulationszeichen tragen.
  • Der Bogen, der das artikulatorische Binden und Absetzen der Töne anzeigt, wird seit der Frühromantik auch zur Bezeichnung der Phrase und sogar des Motivs verwendet, er wird dann zum ‚Phrasierungsbogen’, so dass der Spieler seitdem gezwungen ist, jeden Bogen auf seine jeweilige Funktion zu untersuchen.

Artikulation und Phrasierung[Bearbeiten]

Die immer noch häufig vertretene Auffassung, die Artikulation diene der Phrasierung, dürfte auf die weitere Bedeutung von articulus = Glied, Satzteil, Abschnitt zurückzuführen sein. Diese Begriffe sind eindeutig solche der formalen Gliederung, für die in der Musik die Begriffe Figur, Motiv, Phrase, Thema, Periode, Satz, u. a. zur Verfügung stehen. Die Elementarformen, die wegen ihrer individuellen Geschlossenheit ‚Gestalten‘ genannt werden, sind das Motiv und die aus Motiven gebildete Phrase. Diese ‚musikalischen Gedanken‘ bilden den Sinngehalt der Musik, der kein begrifflicher sondern ein tonkünstlerischer ist.

Wie die formalen Melodieglieder aus dem Notenbild herauszulesen und wie sie zu definieren sind, wie sie sich zu größeren Formen zusammenschließen, usw. wäre Sache der Formenlehre, wenn diese sich nicht vorwiegend mit der Bestimmung der äußeren, messbaren Formgrößen (‚Formate‘) und der Beschreibung der Formgattungen (z. B. der Fuge) begnügen würde.

Da Mozart den Phrasierungsbogen noch nicht kennt, kann seine folgende, sehr sorgfältig artikulierte Melodie herangezogen werden, um auch ihre Formbildungen aufzuzeigen. Für diese gibt es in der Notenschrift keine allgemein gültigen Zeichen. Zu Lehrzwecken werden eckige Klammern, Kommata oder Gliederungsstriche benutzt, allerdings ohne nähere, etwa metrische Bestimmung. Man kann damit deutlich machen, dass Artikulation und Phrasierung ein gemeinsames Objekt haben, die Melodie, aber ihren je eigenen Aspekt bewahren: den der Charakterisierung und den der Formgestaltung. „Nur wenn sich die praktische Ausführung der Phrasierung mit der Artikulation nicht berührt, können beide nebeneinander bestehen und unabhängig von einander durchgeführt werden.“[2]

ArtPhrMo r.tif

Die Ausführung der Phrasierung setzt eine formale und metrische Analyse voraus. Eine Einführung in die theoretische und praktische Metrik findet man unter dem Lemma Metrum (Musik). Der Versuch, die Motive und Phrasen mit Hilfe des Bogens zu notieren, führt zur Korruption der subtilen Artikulation Mozarts:

ArtPhrMo2 r.tif

Die Lehre von der Artikulation ist Bestandteil der Allgemeinen Musiklehre (Hermann Grabner u. a.). Auch in kommentierten Urtextausgaben findet man hilfreiche Hinweise.

Literatur[Bearbeiten]

  • Hermann Keller: Phrasierung und Artikulation. Kassel 1955.
  • Gotthold Frotscher: Aufführungspraxis alter Musik. Wilhelmshaven 1963. Seite 74-80
  • Nikolaus Harnoncourt: Musik als Klangrede. Kassel 1982. Seite 48-63
  • Egon Sarabèr: Methode und Praxis der Musikgestaltung. Clausthal-Zellerfeld 2011. Seite 201-264

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. siehe dazu: Paul Mies, Die Artikulationszeichen Strich und Punkt bei Wolfgang Amadeus Mozart, in: Die Musikforschung 1958, S. 428–455
  2. Riemann, Musiklexikon, Art. ‚Phrasierung‘