Arznei-Engelwurz

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Rosommer (Diskussion) 23:54, 6. Jul. 2014 (CEST)

Arznei-Engelwurz
AngelicaArchangelica1.jpg

Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica)

Systematik
Euasteriden II
Ordnung: Doldenblütlerartige (Apiales)
Familie: Doldenblütler (Apiaceae)
Unterfamilie: Apioideae
Gattung: Engelwurzen (Angelica)
Art: Arznei-Engelwurz
Wissenschaftlicher Name
Angelica archangelica
L.

Die Arznei-Engelwurz oder Echte Engelwurz (Angelica archangelica) ist eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Doldenblütler (Apiaceae). Sie ist in den gemäßigten Breiten auf der Nordhalbkugel weitverbreitet und wird in der Volksmedizin verwendet.

Beschreibung und Ökologie[Bearbeiten]

Illustration aus Köhler's Medizinalpflanzen.
Gestielte Laubblätter

Erscheinungsbild und Blätter[Bearbeiten]

Die Arznei-Engelwurz ist eine sommergrüne[1], zwei- bis vierjährige, nur einmal blühende Pflanze (hapaxanth) und erreicht Wuchshöhen von 1,2 bis 3 Meter, selten nur 50 Zentimeter. Sie besitzt ein dickes Rhizom, das bei Wildpflanzen rübenförmig ausgebildet ist, bei Kulturpflanzen meist kurz und mit vielen Adventivwurzeln besetzt ist. Der aufrechte Stängel ist zumindest an seiner Basis stielrund, schwach gerillt, innen markig-hohl, oben verzweigt und schmeckt sowie riecht würzig.

Die grundständigen Laubblätter sind lang gestielt, die oberen Stängelblätter sitzen auf den Blattscheiden und haben eine weniger stark zerteilte Spreite. Die meisten Blätter sind zwei- bis dreifach gefiedert, ihre Spreite ist hellgrün und oft 60 bis 90 Zentimeter lang. Die einzelnen Fiederabschnitte sind 5 bis 8 Zentimeter lang, eiförmig sowie am Rand grob und unregelmäßig gezähnt. Die Endfieder an der Blattspitze ist dreispaltig – im Gegensatz zur Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris). Die Blattstiele sind rund und hohl. Die Blattscheiden sind fast ganz krautig (Angelica archangelica subsp. archangelica) bzw. häutig (Unterart Angelica archangelica subsp. litoralis).

Doppeldoldiger Blütenstand mit vielen Insekten von oben

Blütenstand, Blüte und Frucht[Bearbeiten]

Die endständigen, halbkugeligen, doppeldoldigen Blütenstände enthalten viele Blüten. Die Doldenstiele sind nur in den obersten Bereichen behaart. Es gibt 20 bis 40 Doldenstrahlen, sie sind mindestens an den Innenseiten rau-flaumig. Eine Doldenhülle ist meist nicht vorhanden. Die Hüllchenblätter sind zahlreich, von lineal-pfriemlicher Form und kürzer als bis gleich lang wie das Döldchen.

Die zwittrigen Blüten sind fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die fünf Kelchzähne sind undeutlich ausgebildet. Die fünf grünlich-weißen bis gelblichen Kronblätter sind nicht genagelt und bei einer Länge von 1 bis 1,5 Millimeter sowie einer Breite von 0,75 bis 1,25 Millimeter elliptisch und oben in eine eingebogene Spitze verschmälert. Die Griffel sind währender der Anthese kurz. Die Blüten duften nach Honig und werden durch Insekten bestäubt. Die Blütezeit reicht von Juni bis August.

Die blassgelbe Spaltfrucht, in dieser Familie auch Doppelachäne genannt, ist bei einer Länge von 5 bis 8 Millimeter sowie einer Breite von 3,5 bis 5 Millimeter breit-elliptisch. Die rückenständigen Hauptrippen sind fädlich bis leicht gekielt und leicht vorspringend. Die Randrippen sind flügelig ausgebildet und relativ dick. Die Ölstriemen sind zahlreich, klein und umgeben das Nährgewebe ringförmig. Die Griffel sind zur Fruchtreife zurückgebogen, bis 2 Millimeter lang, dabei doppelt so lang wie das Griffelpolster.

Vorkommen[Bearbeiten]

Angelica archangelica subsp. litoralis

Die Arznei-Engelwurz ist in Nord- und Osteuropa sowie Sibirien, Himalaya und Nordamerika verbreitet. Sie kommt in Mitteleuropa an feuchten Standorten vor. Die Arznei-Engelwurz wird auch kultiviert.

Die Arznei-Engelwurz wächst in feuchten Wiesen, an Ufern. Sie kommt bevorzugt auf nassen, zeitweise überschwemmten, nährstoffreichen Tonböden vor.

Systematik[Bearbeiten]

Die Erstveröffentlichung von Angelica archangelica erfolgte 1753 durch Carl von Linné in Species Plantarum 1, S. 250–251[2]. Synonyme für Angelica archangelica L. sind: Archangelica norvegica Rupr., Archangelica officinalis Hoffm..[3]

Innerhalb der Art Angelica archangelica werden zwei Unterarten unterschieden:

  • Angelica archangelica subsp. archangelica, die Nominatform, besitzt linealische Hüllchenblättchen, die gleich lang wie die Döldchen sind. Der Stängel ist weich und saftig, schmeckt und riecht würzig. Sie wird als Gewürz- und Heilpflanze angebaut, ihre Heimat ist Nord- und Osteuropa, die Sudeten und Karpaten. In vielen Teilen Europas kommt sie verwildert vor.[4]
  • Küsten-Engelwurz (Angelica archangelica subsp. litoralis) mit pfriemlichen Hüllchenblättern, die etwa halb so lang sind wie das Döldchen. Der Stängel ist hart, schmeckt und riecht scharf und stechend. Die Unterart ist an den Küsten Nordeuropas verbreitet, ansonsten sehr selten. An den Donauufern flussabwärts bis etwa Wien tritt sie als Neophyt auf, wobei die Zugehörigkeit der Populationen zu dieser Unterart nicht vollständig geklärt ist.[4] Sie wächst an feuchten Ufern und in Gebüschen und ist salzertragend.

Für Norddeutschland wird diskutiert, welche der beiden Unterarten im Gebiet vorkommen. Für Mecklenburg-Vorpommern und auch Niedersachsen wird angenommen, dass die vorherrschende Unterart entlang von Flussläufen und Kanälen Angelica archangelica ssp. litoralis ist, während die Nominatform im Gebiet wohl nur in wenigen Einzelexemplaren auftritt.[5][6]

Umstritten ist auch die Zuordnung der Populationen in Süddeutschland, da die Pflanzen in ihren Merkmalen vermitteln. So wurden die Vorkommen in Verlandungsröhrichten und -rieden der Donau-Altwässer 2011 als autochthon eingestuft und zu Angelica archangelica subsp. archangelica gestellt.[7]

Arznei-Engelwurz in Form der Wurzeldroge (Angelicae radix)
Fadno, das einzige traditionelle Blasinstrument der Samen, aus dem grünen Stängel geschnitten.

Giftigkeit und Inhaltsstoffe[Bearbeiten]

Die Arznei-Engelwurz gilt als nur schwach giftig.[8][9]

Inhaltsstoffe[Bearbeiten]

Hauptwirkstoff im frischen Rhizom und in den getrockneten Wurzeln ist 0,1-0,37 % 15-Oxypentadecenlacton. Weitere Inhaltsstoffe und Wirkstoffe: 0,35-1% ätherisches Öl ebenfalls mit 15-Oxypentadecenlacton als Hauptkomponente. Ferner die Cumarine: Angelicin, Bergapten, Imperatorin Osthol, Osthenol, Xanthotoxin, Xanthotoxol und Umbelliprenin.[8][9]

Das Rhizom enthält 0,35 bis 1,3 % ätherisches Öl, das sich vorwiegend aus Monoterpenen zusammensetzt. Die wichtigsten Bestandteile sind β-Phellandren (13 bis 28 %), α-Phellandren (2 bis 14 %) und α-Pinen (14 bis 31 %). Daneben wurden über 60 weitere Komponenten identifiziert. Ein kleiner Teil des ätherischen Öls besteht aus Sesquiterpenen, etwa β-Bisabolen, Bisabolol, β-Caryophyllen, und aus makrocyclischen Lactonen. Weitere Bestandteile sind rund 20 photosensibilisierende Furanocumarine, darunter Bergapten, Imperatorin, Xanthotoxin, Angelicin, Archangelicin, oder die C-prenylierten Cumarine Osthenol und Osthol, Umbelliferon.[10] Außerdem enthalten die Wurzeln Angelica- und Fumarsäure, Chlorogen- und Kaffeesäure, Harze und Flavanone.[11]

Wirkungen beim Menschen[Bearbeiten]

Wirkungen auf die Haut: Die fluoreszierenden Furocumarine als phototoxische Substanzen können auf der Haut eine Dermatitis bewirken, die schwere Störungen des Allgemeinbefindens zur Folge haben kann. Auf frisch gemähten Wiesen kann die Berührung mit dem Saft der Pflanze die sogenannte „Badedermatitis“ hervorrufen, ähnlich wie bei „Heracleum sphondylium“.[8][9] Sehr empfindliche Menschen können bei Hautkontakt mit frischem Pflanzensaft gegen Sonnenlicht sensibilisiert werden (Angelicadermitis).[12]

Pharmakologische Wirkung: Es sind Vergiftungen bei der Anwendung größere Dosen von Radix- bzw. Oleum Angelicae zur Abtreibung bekannt.[8][9]

Nutzung[Bearbeiten]

Verwendung finden vor allem die unterirdischen Pflanzenteile (als Droge Angelicae radix), die Bitterstoffe und ätherische Öle enthält, also zu den Amara-Drogen gehört. Alkoholische Auszüge oder Tees werden gegen Appetitlosigkeit, leichte Magen- und Darmkrämpfe, Völlegefühl und Blähungen eingesetzt. Engelwurz wirkt karminativ, antimikrobiell und regt die Magensaft- und Bauchspeicheldrüsen-Sekretion an.[13]

In der Volksmedizin wird das ätherische Öl (als Droge Angelicae aetheroleum) aus den Wurzeln innerlich gegen Schlaflosigkeit und äußerlich gegen Rheuma und Neuralgien angewendet. In größeren Mengen ist das ätherische Öl toxisch.[10]

Das Öl aus Wurzeln und Samen ist Bestandteil von Kräuterlikören und Bitterschnäpsen, wie Boonekamp, Bénédictine und Chartreuse.[10] Kandierte Stängel werden als Süßigkeit und als Verzierung für Backwaren angeboten. Engelwurz ist auch Bestandteil des Schneeberger Schnupftabaks.[14]

Mit den Früchten werden Wermutwein, Gin und Chartreuse aromatisiert.[14]

Bei Wildsammlungen besteht eine Gefahr der Verwechslung mit anderen Doldenblütlern, etwa dem giftigen Gefleckten Schierling (Conium maculatum). Der kommerzielle Anbau erfolgt vorwiegend in Polen, den Niederlanden und Deutschland, in geringerem Ausmaß auch in Belgien, Frankreich, Italien, Schweiz und Tschechien. Angebaut werden vornehmlich Landrassen, die der Varietät sativa der Unterart archangelica zugerechnet werden und die manchmal als eigene Art Angelica sativa bezeichnet wird. Die Ernte erfolgt in der Regel im Oktober und November des zweiten Anbaujahres nach Eintritt der Vegetationsruhe. Die Erträge liegen zwischen 2,5 und 4 Tonnen pro Hektar.[14]

Pharmazie- und Botanikgeschichte[Bearbeiten]

Abbildung der Arzneiengelwurz im Kräuterbuch des Otto Brunfels, Straßburg 1532.

Die Arznei-Engelwurz wurde erstmals im Galgant-Gewürz-Traktat aus dem 13./14. Jh. erwähnt.[15] Eine südwestdeutsche Handschrift aus der Mitte des 15. Jh. enthält folgende Version in alemannischer Sprache:

„Angelica ist ein edle wurcz wann wer sÿ peÿ im trät oder neusset dem mag kain zaubernuß nit geschaden / Si ist auch güt für alle vergift wenn man si nüsset mit wein Si rainiget auch die prust von aller pösen stinckenten fäwthikait vnd hailt der wüdenten hunt pis wenn man sy mit hönig stösset vnd vber den pÿß leget Si macht lustig cze essen vnd vertreibt die vndäung.“ [16]

Gedruckt gab es eine Abhandlung über die Arznei-Engelwurz zuerst in dem im Jahre 1500 in Straßburg erschienenen Kleinen Destillierbuch des Hieronymus Brunschwig. Da er aus den davor erschienenen Kräuterbüchern keinen Druckstock mit einer Abbildung der Engelwurz übernehmen konnte, bediente er sich ersatzweise eines Druckstocks mit der Abbildung von Astrens uel Meu(m) Meister wortz (Meisterwurz) aus der Gart-Hortus-Tradition (Gart der Gesundheit). Seine Beschreibung der Arznei-Engelwurz zeugt davon, dass er mit dieser Arzneipflanze auch aus seiner Praxis vertraut war:

„Angelica wasser vom krut keyn alter philo(so)phus schriben ist / darumb syn latinscher namen von den tütschen in übung ist angelica. aber in tütscher zungen genant des heilgen geists wurtzlen von vilen brust wurtz / darumb dz es überflüssig d brust bequem ist / vnd ist ein gschlecht d meister würtz von den latinschen genant ostrici. Aber angelica gschlecht ist zweyerley / wild (Angelica sylvestris) vnd zam (Angelica archangelica)/ krut vnd stengel in d leng .ii. ellenbogen hoch. dz wild von den tütschen bůchalter genant. sin wurtzel hat kein geschmack / vnd werden die lüt offt betrogen dz in etlich falsch würtzler wilden angelica für die recht angelica verkoffen. aber die recht angelica an wilden enden weßt / als in gebirgen in gerten do sie in gepflanzt würt. zemercken ist an allen krütern vnd wurtzlen. Ein yedes krut dz von im selber wachset / ist stercker vnd edler in krafft vnd geschmack wan dz man vff pflanzt. des glichen ein krut dz im gebirg wechßt wed dz in den delern od in füchten matten weßt. Dz beste teil vnd zeit syner distillierung ist die wurtzel an dem end des zweyten iars im herbst gehackt / gestossen vnd gedistilliert mit grossem flyß.“

In Bezug auf die Anwendung der Arznei-Engelwurz folgte er dem Galgant-Gewürz-Traktat: A Als schweißtreibendes Mittel zur Abwehr der „Pestilentz“ B Gegen Enge und Verschleimung der Brust. C Gegen Verdauungsschwäche. D Zur Stärkung des ganzen Leibs und gegen „Vergifft“.

Die Väter der Botanik Otto Brunfels und Hieronymus Bock knüpften an Brunschwigs Ausführungen an und diskutierten weitschweifig, zu welcher Heilpflanze der „Materia medica“ des Pedanios Dioscurides die Arznei-Engelwurz wohl passen würde.

Bis zur Mitte des 19. Jh. wurde Arznei-Engelwurz zur Bereitung des Theriak und des „Spiritus theriacalis“ verwendet:

„Electuarium Theriaca. Theriak. Nimm: abgeschaumten Honig sechs Pfund (2160 g). Nachdem er etwas erwärmt worden mische hinzu gepulvertes, in einer hinreichenden Menge Malagawein aufgelöstes Opium eine Unze (30 g). Dann setze hinzu: gepulverte Angelikawurzel sechs Unzen (180 g), virginische Schlangenwurzel (Aristolochia serpentaria) vier Unzen (120 g), Baldrianwurzel (Echter Baldrian), Meerzwiebel (Weiße Meerzwiebel), Zittwerwurzel (Zitwerwurzel), Zimmtcassia (Zimtkassie), von jedem zwei Unzen (60 g). Kleine Kardamomen, Myrrhe, Gewürznelken, krystallisirtes schwefelsaures Eisen, die in Pulver gebracht worden, von jedem eine Unze (30 g). Es werde eine braune Latwerge, welche an einem kühlen Orte vorsichtig aufbewahre. Anmerkung: Eine Unze (30 g) dieser Latwerge enthält ungefähr fünf Gran (0,3 g) gepulvertes Opium.“ [17]
„Spiritus Angelicae compositus. Zusammengesetzter Angelicageist. Statt des Spiritus theriacalis. Nimm: Angelicawurzel ein Pfund (360 g), Baldrianwurzel, Wacholderbeeren, von jedem drei Unzen (90 g). Nachdem sie zerschnitten, zerstossen und in die Destillierblase gebracht sind, füge hinzu rectifizierten Weingeist sechs Pfund (2160 g), gemeines Wasser, soviel als hinreichend. Nach einer Maceration von 24 Stunden sollen sechs Pfund überdestillieren, in welchen eine und eine halbe Unze Campher gelöst werden. Filtriere. Er sei farblos und klar.“ [18]

In den Jahren 1842/43 entdeckte der Münchner Pharmakologe Ludwig Andreas Buchner die Angelicasäure und stellt durch Verseifen des Angelikabalsams das Angelicin dar.

Seit der 2. Hälfte des 19. Jh. wurde die Engelwurz in Deutschland nur noch als aromatisches Stimulans und magenstärkendes Mittel verschrieben.

Im Jahre 1990 veröffentlichte die Kommission E des ehemaligen Bundegesundheitsamtes eine (Negativ-)Monographie über Engelwurz-Früchte und -Kraut sowie eine (Positiv-)Monographie über Engelwurz-Wurzeln.

Chinesische Paralleldrogen[Bearbeiten]

In der Chinesischen Medizin werden im Wesentlichen zwei Angelica-Arten verwendet:

  • Angelica dahurica (Fisch. ex Hoffm.) Benth. et Hook f. ex Franch et Sav. (白芷 Bái zhĭ) mit den Indikationen: Erkältungskopfschmerz, Schmerz am Knochen über der Augenbraue, Nasenverstopfung, Nasenbluten, Zahnschmerz, Ausfluss, schmerzhafte Geschwüre.[19] und
  • Angelica sinensis (Oliv.) Diels. (当归 Dāng guī) mit den Indikationen: welk gelbe Gesichtsfarbe bei „Xuè 血“ (Blut) Leere, Schwindel und Herzklopfen, Dysmenorrhoe, Amenorrhoe, Leere Kälte Bauchschmerz, Darm-Trockenheits Stuhlverstopfung, Wind-Feuchtigkeits-Rheuma, Unfallverletzungen, Geschwüre.[20]

Die Angelica sinensis (Dang gui) wurde im 18. Jh. durch den Jesuitenmissionar und Sinologen Jean-Baptiste Du Halde in seiner „Description géographique … de la Chine …“ in Europa bekannt gemacht. Er schreibt:

„Über Dang gui. Diese Wurzel ist sehr aromatisch und sie verdient eine besondere Aufmerksamheit. Die chinesischen Aerzte, die sich ihrer bedienen, kennen nicht alle ihre Anwendungsmöglichkeiten, denn sie können von ihr keine chemische Analyse machen. Sie nennen sie Dang gui: sie ist immer feucht, denn sie ist ölig. Ihre Tugend ist, so sagen sie, das Blut zu nähren, die Zirkulation zu fördern, zu kräftigen usw. Es ist leicht, sie in großen Mengen billig zu erwerben. Man kann sie auch transportieren ohne befürchten zu müssen, dass sie verdirbt, vorausgesetzt man trifft dieselben Vorkehrungen wie die Chinesen, welche unverletzte Wurzeln aus der Provinz Sichuan in andere Provinzen transportieren, wo sie in Magazinen aufgehoben werden. Dort decken sich die kleinen Händler für ihre kleinen Läden damit ein: sie schneiden diese Wurzel, wie alle anderen, in sehr kleine Stücke, welche sie in kleinen Mengen verkaufen. Daher sollten europäische Händler, welche chinesische Drogen in Canton einkaufen wollen, diese nur in großen Magazinen erstehen und nicht in den kleinen Läden, wo man sie in dünne Scheiben zerschnitten verkauft.“[21]

Unter dem Namen „Eumenol“ vertrieb die Darmstädter Firma E. Merck von 1904 bis 1962 Zubereitungen aus der Wurzeldroge der Angelica sinensis als „ungiftiges Emmenagogum“.[22] Nach 1960 wurden zur Behandlung der Indikationen des „Eumenol“ oral applizierbare Hormone vermarktet.[23]

In einem Merck-Prospekt aus dem Jahre 1955 stehen folgende Angaben zum „Eumenol“:
Fluidextrakt aus Radix Dang Gui. Ungiftiges Emmenagogum. E. Merck, Darmstadt.
Indikationen: Oligomenorrhoe, Hypomenorrhoe, Amenorrhoe, namentlich solche ohne besondere anatomische Befunde. Gravidität und Klimakterium sind natürlich auszuschließen. Zur Linderung von dysmenorrhoeischen Beschwerden.
Dosierung: 3 × täglich 1 Kaffeelöffel oder 3 x täglich 2 - 4 Tbl. 1 Tablette enthält 0,3 g getrockneten Extrakt und entspricht 0,6 g flüssigem Eumenol.[24]

Trivialnamen[Bearbeiten]

Für die Arznei-Engelwurz gibt es, zum Teil nur regional, auch die Trivialnamen Angelika, Norwegisch Angelik, Zam Angelik, Angilje, Angolkenwörtel (Altmark), Argelkleinwurzel (Rendsburger Apotheke), Artelkleewurzel (Rendsburger Apotheke), Brustwurz, Brustwurzel, Dreieinigkeitswurzel, Engelwurtz (mittelhochdeutsch), Gartenangelik (Schweiz), Geilwurzel (Rendsburger Apotheke), Geistwurzel (Schlesien), Giftwürze (Schweiz), Gölk (Altmark), Glückenwurzel (Rendsburger Apotheke), Glüthenwurzel (Rendsburger Apotheke), Heiligengeistwurzel (St. Gallen), Lidtpfeiffenkraut und Luftwurzel (Schlesien).[25]

Quellen[Bearbeiten]

  • Siegmund Seybold (Hrsg.): Schmeil-Fitschen interaktiv. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2001. ISBN 3-494-01327-6 CD-ROM (Abschnitte Beschreibung und Vorkommen)
  • Henning Haeupler, Thomas Muer: Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Ulmer, Stuttgart 2000, ISBN 3-8001-3364-4 (Abschnitt Beschreibung)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arznei-Engelwurz. In: FloraWeb.de.
  2. Erstveröffentlichung eingescannt bei biodiversitylibrary.org.
  3. Angelica archangelica bei Tropicos.org. Missouri Botanical Garden, St. Louis. Abgerufen am 17. September 2013.
  4. a b M. A. Fischer, K. Oswald, W. Adler: Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol. 3. Auflage. OÖ Landesmuseen, Linz 2008, ISBN 978-3-85474-187-9.
  5. Eckhard Garve: Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen in Niedersachsen und Bremen. In: Landschaftspflege und Naturschutz in Niedersachsen. 43, 2007, S. 35, ISSN 0933-1247
  6. H. Henker, H. Kiesewetter: Erstnachweise kritischer Pflanzensippen für Mecklenburg-Vorpommern.In: Botanischer Rundbrief für Mecklenburg-Vorpommern. 41, 2006, S. 5–20 (zitiert in Garve 2007).
  7. Martin Scheuerer, Wolfgang Diewald, Wolfgang Ahlmer, Franz Leibl & Carsten Rüther: Liste der Gefäßpflanzen im Landkreis Straubing-Bogen. In: Der Bayerische Wald, 23. Jahrgang (Neue Folge) Heft 1+2 / Februar 2011
  8. a b c d Lutz Roth, Max Daunderer, Kurt Kormann: Giftpflanzen – Pflanzengifte. Vorkommen, Wirkung, Therapie, allergische und phototoxische Reaktionen. Mit Sonderteil über Gifttiere. 6., überarbeitete Auflage, Sonderausgabe. Nikol, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86820-009-6.
  9. a b c d Ingrid Schönfelder, Peter Schönfelder: Das neue Handbuch der Heilpflanzen. Sonderausgabe. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-440-12932-6. Andreas Alberts, Peter Mullen: Giftpflanzen in Natur und Garten. Bestimmung, Giftwirkung, Erste Hilfe. Extra: Giftige Zimmerpflanzen. Franckh-Kosmos, Stuttgart 2003, ISBN 3-440-09550-9.
  10. a b c Max Wichtl (Hrsg.): Teedrogen und Phytopharmaka. 4. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2002 ISBN 3-8047-1854-X, S. 38–41.
  11. .Angelica archangelica. In: awl.ch. (abgerufen 29. Juli 2008).
  12. Walther Kern, Paul Heinz List, Ludwig Hörhammer: Chemikalien und Drogen (AM–CH). 4. Auflage. Springer 1972 (Hagers Handbuch der Pharmazeutischen Praxis. Band 3).
  13. Hans-Peter Dörfler, Gerhard Roselt: Heilpflanzen. Urania Verlag, Leipzig, September 1984, ISBN 3-432-94291-5 (Enke), ISBN 3-423-03269-3 (dtv)
  14. a b c Klaus-Ulrich Heyland, Herbert Hanus, Ernst Robert Keller: Ölfrüchte, Faserpflanzen, Arzneipflanzen und Sonderkulturen. Ulmer, Stuttgart 2006 ISBN 978-3-8001-3203-4 (Handbuch des Pflanzenbaus. Band 4), S. 595–599.
  15. Zur komplizierten Entstehungs- und Überlieferungs-Geschichte siehe: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. III, Sp. 476-479: G. Keil. Henrik Harpestraeng und Bd. VI, Sp. 988-990: W.C. Crossgrove. Niederdeutscher Gewürztraktat.
  16. Heidelberg, Cod. Pal. germ. 620, Südwestdeutschland, 15. Jh., S. 92v-93r 620 digi.ub.uni-heidelberg.de
  17. M. Raab. Pharmakopoea borussica mit Commentar(4. Aufl. 1827), S. 242.
  18. F. Mohr. Commentar zur preussischen Pharmakopoe (6. Aufl.), Braunschweig 1854, Bd. II, S. 289.
  19. Zitiert und übersetzt nach: Pharmakopoe der VR China 1985. Band I, S. 83.
  20. Zitiert und übersetzt nach: Pharmakopoe der VR China 1985. Band I, S. 105.
  21. Zitiert und übersetzt nach der Ausgabe Den Haag 1736, Bd. 3, S. 612.
  22. 1904-1959 als Eumenol-Flüssigkeit, 1914-1962 als Eumenol-Tabletten.
  23. Erika Hickel: Die Arzneimittel in der Geschichte. Nordhausen : Bautz 2008, S. 527.
  24. Quellen: Prospekt (Januar 1955) und schriftliche Auskunft (Mai 1984) der Firma E. Merck, Darmstadt.
  25. Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, Seite 38, online.

Weiterführende Literatur[Bearbeiten]

  • Erich Fürchtegott Heeger: Handbuch des Arznei- und Gewürzpflanzenanbaues. 2. Auflage. VEB Deutscher Landwirtschaftsverlag, Berlin 1989, ISBN 3-331-00191-0.
  • Paul Seitz: Die Gartenapotheke. Franckh-Kosmos, Stuttgart 1992, ISBN 3-440-06175-2.
  • Rainer Schunk: Heilkraft aus Heilpflanzen. Kaulfuss, Abtswind 1994, ISBN 3-922019-04-8.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Arznei-Engelwurz (Angelica archangelica) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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