Asklepios Fachklinikum Göttingen

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Blick auf die zum Leinetal gerichtete Hauptfassade des ehemaligen Landeskrankenhauses. Lithographie von Robert Geißler, 1880.

Das Asklepios Fachklinikum für Psychiatrie und Psychotherapie Göttingen ist das vormalige Niedersächsische Landeskrankenhaus Göttingen und seit dem 1. November 2007 Teil der Asklepios-Kliniken-Gruppe, eines Hamburger Klinikbetreibers. Zusammen mit der Psychiatrie der Universitätsmedizin Göttingen stellt das Krankenhaus die vollstationäre psychiatrische Behandlung für die Landkreise Göttingen und Northeim sowie die südwestlichen Teile des Landkreises Goslar sicher. Eine geronto-psychiatrische Tagesklinik auf dem Krankenhausgelände, eine Institutsambulanz, eine Suchtambulanz sowie eine Tagesklinik in der Stadt Göttingen ergänzen das vollstationäre Angebot. Die Einrichtung verfügt über 510 Betten im gesamten Krankenhaus und 595 Vollkräfte als Mitarbeiter (Stand 2019).[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1866 wurde das Krankenhaus für nervenkranke Patienten als Königliche Landesirrenanstalt zu Göttingen in Betrieb genommen. Es diente unter anderem auch als Universitätsklinik, um angehende Ärzte im Fachgebiet der Nervenheilkunde auszubilden. Erst 1954 wurden die Universitätsklinik Göttingen und das damalige Niedersächsische Landeskrankenhaus (LKH) getrennt. Die Klinik ist akademisches Lehrkrankenhaus der Georg-August-Universität.

Architektur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ab 1862 geplante „Irrenanstalt zu Göttingen“ entstand damals weit außerhalb der Stadt, oberhalb der Leine am Südosthang des Leinebergs (Adresse heute: Rosdorfer Weg 70) und war seinerzeit das größte Bauprojekt[2] am Ort. Die Architekten des Baukomplexes waren die hannoverschen Baubeamten Adolf Funk und Julius Rasch,[3] unter deren Leitung etwa gleichzeitig auch andere große Anstaltsbauten in Osnabrück (Provinzial-Irrenanstalt) und Hannover (Hebammen-Lehranstalt) entstanden.

Der ausgedehnte Altbaukomplex besteht aus mehreren teilweise freistehenden, symmetrisch angeordneten Gebäuden um einen zentralen großen Hof („Irrengarten“). Der Hauptbaukörper ist eine über 150 Meter breit gelagerte und reich mit Werksteinfassaden, Risaliten und neugotischer Bauzier versehene Dreiflügelanlage. Deren ehemalige Haupt- und Eingangsfront orientiert sich mit einem erhöhten Mittelrisalit und einem Dachreiter sowie einer repräsentativen Vorfahrt nach Südosten zum Leinetal, was heute durch die Bewaldung des Hangs nur noch eingeschränkt erlebbar ist. Die beiden nach Nordwesten gestreckten Enden der Seitenflügel werden von einem Laubengang verbunden, welcher den Hof umschließt und eine zweigeschossige Anstalts-Kapelle St. Lukas[4] einspannt. Seitlich weitere Pavillonbauten sowie die Direktorenvilla (Rosdorfer Weg 70N) runden das historische Gebäudeensemble in einer parkartigen Umgebung ab.

Ab Ende der 1970er Jahre entstand nordwestlich des Altbaus ein umfangreicher neuer Kranken- und Bettenhauskomplex, der 1981 bezogen wurde.[5]

Privatisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. November 2007 übernahm die Asklepios Klinikgruppe das Krankenhaus sowie das Landeskrankenhaus Tiefenbrunn. Die Privatisierung stieß auf erheblichen Widerstand. Die Landtagsfraktionen von SPD[6] und Bündnis 90/Die Grünen beantragten ein Normenkontrollverfahren beim Staatsgerichtshof in Bückeburg. Sie waren der Meinung, dass der Verkauf fast aller Landeskrankenhäuser auf verfassungswidrigen Gesetzen basierte und stützten sich auf ein Expertengutachten.[7] Auch der niedrige Kaufpreis sorgte für Proteste und eine heftige öffentliche Debatte.

Durch die Privatisierung wurde das – ehemals organisatorisch in Form der Stationen 14.1, 14.2, 15, 16.1, 16.2 und 17 zum LKH gehörende und auf dem LKH Klinikgelände angestammte – Ludwig-Meyer-Institut für forensische Psychiatrie, in dem der Maßregelvollzug nach den § 63 und § 64 des StGB vollzogen wird, dem naheliegenden Maßregelvollzugszentrum Moringen, welches als Forensik und ehemaliges LKH weiterhin vollständig vom Land Niedersachsen als Träger betrieben wird, angegliedert.

Das Ludwig-Meyer-Institut für forensische Psychiatrie und Psychotherapie verbindet einzigartig in Deutschland eine universitäre Professur (Georg-August-Universität Göttingen, Bereich Humanmedizin) mit der Leitung des Asklepios Fachklinikums für forensische Psychiatrie, da ein privater Träger nicht die hoheitlichen Aufgaben des Landes in Form von freiheitsentziehenden Maßnahmen aus dem Bereich des Strafvollzugs und des Maßregelvollzugs wahrnehmen darf. So sind außer privat Angestellten auch rund ein Dutzend Landesbedienstete auf vier Stationen im Funktionsbereich VII – Forensische Psychiatrie des Asklepios Fachklinikums Göttingen eingesetzt.

Angebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Behandelt werden Patienten in den Bereichen der Akutpsychiatrie, der Suchtbehandlung, der Sozialpsychiatrie, der Gerontopsychiatrie, der Psychotherapie, der forensischen Psychiatrie, tagesklinischer Behandlung und ambulanter Behandlung.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Julius Rasch, Adolf Funk: Pläne der neuen Irrenanstalten zu Göttingen und Osnabrück. Im Auftrage des Ministeriums des Innern entworfen, erläutert und begründet. Mit 10 Blatt Zeichnungen und 52 in den Text gedruckten Holzschnitten. Carl Rümpler, Hannover 1862.
  • Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 70–72. (Digitalisat, abgerufen am 23. August 2021)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gesetzlicher Qualitätsbericht Asklepios Fachklinikum Göttingen (2019) mit Link zum PDF-Dokument; PDF-Seite 10 und S. 11 ff, abgerufen am 24. August 2021.
  2. Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 71.
  3. Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland, Baudenkmale in Niedersachsen, Bd. 5.1 Stadt Göttingen. Bearbeitet von Ilse Rüttgerodt-Riechmann. Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig / Wiesbaden 1982, ISBN 3-528-06203-7, S. 70. - Der dort auf S. 71 gezeigte Plan der Gesamtanlage (Grundriss, Ansicht) zeigt ein so nicht in allen Details realisiertes frühes „Gründungsprojekt“ von 1862.
  4. Jörn Barke: Besuch in der Lukaskirche. Kirche auf dem Gelände eines Fachklinikums. In: goettinger-tageblatt.de. Göttinger Tageblatt (Online-Ausgabe), 1. Januar 2012, abgerufen am 24. August 2021.
  5. Unser Klinikum. In: asklepios.com. Asklepios Psychiatrie Niedersachsen GmbH, Asklepios Fachklinikum Göttingen, abgerufen am 24. August 2021.
  6. Kleine Anfrage - Bestand des festen Hauses nicht gesichert? 31. Juli 2007
  7. Dürfen private Träger psychisch kranke Straftäter betreuen? Ärzte Zeitung vom 21. Oktober 2008

Koordinaten: 51° 31′ 27,6″ N, 9° 54′ 59,8″ O