Assisen von Jerusalem

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Bei den Assisen von Jerusalem handelt es sich um eine Sammlung privater Rechtstexte aus dem Königreich Jerusalem, die zwischen 1197 und 1291 entstanden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte der Rechtstexte des Königreichs Jerusalem ist besonders für die Jahre nach der Gründung des Königreichs bis in das Jahr 1187 schwer nachzuweisen. Dies liegt daran, dass es keine heute existierenden Rechtstexte für diese Zeit gibt. Aufgrund der Überlieferung und einzelner Assisen kann man heute nur bruchstückhaft die Gesetze aus dieser Zeit rekonstruieren. Die Assisen waren in dieser Periode in den "Lettres dou Sepulcre" zusammengefasst. Deren Existenz ist aber umstritten. Auch ihr konkreter Inhalt ist unbekannt. Im 13. Jahrhundert setzte ein regelrechter Schub von privaten Rechtstexten ein, die vornehmlich durch Adelige entstanden. Diese versuchten ihre Rechte gegenüber dem schwachen König in ihren Werken durchzusetzen. Diese Werke spiegeln aus diesem Grund nicht unbedingt die wahren Verhältnisse wider, sondern stellen häufig die "Wünsche" der feudalen Barone dar. Aus diesem Grund sind die Werke mit Vorbehalt zu betrachten. Überlebt haben die Werke ausschließlich im Königreich Zypern, wo sie kopiert und verwendet wurden. Die meisten Kopien entstammen dem 14. Jahrhundert. Dies stellt ein Problem dar, weil nicht auszuschließen ist, das gewisse Artikel aus Zypern interpoliert wurden.

Kurzer rechtsgeschichtlicher Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1099
Eroberung Jerusalems durch die Kreuzfahrer; Gründung der Haute Cour und der Cour des Bourgeoise durch Gottfried von Bouillon
1100
Entstehung des Königreichs Jerusalem; Entstehung der Lettres dou Sepulcre
1120
Synode und Assisen von Nablus; Gründung der Tempelritter
1170
Assise sur la Ligece (König Amalrich I.)
1187
Verlust Jerusalems, Akkon wird neue Hauptstadt
1200–1291
Entstehung der Rechtsbücher des Königreichs
1229–1244
Jerusalem im Besitz der Kreuzfahrer
1291
Verlust aller Kreuzfahrerbesitzungen auf dem nahöstlichen Festland

Die Rechtssammlungen des Königreiches Jerusalem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Les Lettres du Sepulcre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hierbei handelt es sich um eine historisch nicht mehr fassbare Assisensammlung aus dem 12. Jahrhundert. Wissenschaftlich umstritten ist, ob sie überhaupt existent war. Gelagert wurde sie in der Grabeskirche zu Jerusalem. Bei Entscheidungen musste sie hervorgeholt werden. Die Lettern der Schrift waren aus Gold. Verschwunden ist sie, als Saladin Jerusalem 1187 eroberte.

Le Livre au Roi[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Werk bestand aus 52 Artikeln und befasste sich ausschließlich mit den Rechten des Königs. Es entstand ca. 1197–1203 unter König Amalrich II.

Le livre des assises des bourgeois[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses Werk beinhaltet die Rechte der fränkischen Bourgeois und besteht aus 297 bzw. 298 Artikeln. Es ist das einzige Werk, welches sich im Königreich Jerusalem fast ausschließlich der fränkischen Bürgern widmet. Zu einem Teil basiert es auf dem altfranzösischen Text des Lo Codi, aus dem Süden Frankreichs. Beugnot glaubte es entstand im 12. Jahrhundert, wogegen Maurice Grandclaude glaubte, dass es um 1240 in Akkon entstand. Marwan Nader geht davon aus, dass es phasenweise entstand, so dass es Teile aus dem 12. und 13. Jahrhundert beinhaltet und bis ca. 1250 fortgesetzt wurde. Venedig ließ den Text 1531 offiziell ins italienische übersetzen. Er trat 1534 offiziell in Kraft.

Le livre de Philippe de Novare (Le livre de forme de plait)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses private Werk entstand durch Philipp von Novara um 1252–1257. Es beinhaltet 94 Artikel. Er war ein Gefolgsmann von Jean d'Ibelin, dem größten Feudaljuristen im Königreich Jerusalem.

Le livre de Jean d’Ibelin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses private Werk beinhaltet 239 Artikel und entstand zwischen 1264 und 1266. Geschrieben wurde es von Jean d'Ibelin, dem Grafen von Jaffa und Ascalon, dem mächtigsten Feudalherren seiner Zeit. Es handelt sich bei dem Werk um das größte, welches im Nahen Osten und Europa zu dieser Zeit verfasst wurde. Es wurde von Venedig 1531 offiziell ins Italienische übersetzt.

Le livre de Jacques d’Ibelin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Sohn von Jean d'Ibelin, Jacques d’Ibelin, schrieb dieses Werk. Es umfasst 69 Artikel und entstand zwischen 1270 und 1291.

Le livre de Geoffrey le Tort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch umfasst "nur" 32 Artikel und entstand zwischen 1269 und 1288 durch Geoffrey le Tort.

La clef des assises[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Werk umfasst 290 kurze Artikel und entstand 1286–1291. Der Verfasser ist unbekannt. Es handelt sich hierbei um ein Prozessbuch.

Les livres du plédeant et du plaidoyer (Abrége du livre des Assises des bourgeois)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dieses Buch umfasst ca. 55 Artikel und entstand um die Mitte des 14. Jahrhunderts in Zypern. Es handelt sich hierbei um eine Zusammenfassung bzw. gekürzte Version des "Le livre des assises des bourgeois". Wobei das herrschende zypriotische Gesetz dort niedergeschrieben worden ist und nicht das von Jerusalem.

Weitere fränkische Rechtstexte aus dem Nahen Osten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Assises d'Antioche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es handelt sich hierbei um die einzige Rechtsquelle, die von einem weiteren fränkischen Staat (Fürstentum Antiochien) im Nahen Osten zur Kreuzzugszeit erhalten ist, der nicht aus dem Königreich Jerusalem stammt. Der Text ist eine armenische Übersetzung der Assisen von Antiochien aus dem Jahr 1265. Er beinhaltet das Recht der Adeligen und der Bourgeois. Verfasst hat ihn Sempad. Er war der Bruder König Hethums I. des armenischen Königreichs von Kilikien. Es handelt sich hierbei allem Anschein nach um eine gekürzte Version der Assisen von Antiochien. Dieser Rechtstext wird nicht offiziell zu den Assisen von Jerusalem gerechnet, weil er nicht im Königreich von Jerusalem entstand und erst nach Beugnots Werk wissenschaftlich zugänglich war.

Wichtige Editionen vom 19. bis 20. Jh.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellenlage im 19. Jh.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beugnot
Es ist eine Gesamtausgabe aller Werke (ohne die Assises d'Antioche), bei der aber das Werk von Jean d’Ibelin und der Le livre des assises des bourgeois nicht richtig nachrecherchiert wurden.
Kausler (München CG 51)
Es gilt heute als die authentischste Version des "Le livre des assises des bourgeois".
Foucher (Venedig)
Gilt allgemein als zu verwässert. Es beinhaltet die italienische Übersetzung des Le livre des assises des bourgeois

Quellenlage im 20. Jh.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Greilsammer
Edition des Livre au Roi

Quellenlage im 21. Jh.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Edbury
  • Gesamtausgabe von Jean d’Ibelins Werk
  • Le livre de forme de plait, eine Neuausgabe des Buches von Philippe de Novarra von Peter Edbury.

Nicholas Coureas
Es ist die Übersetzung des Le livre des assises des bourgeois auf englisch, basierend auf zwei griechischen Texten.

Editionentexte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • M. Le Comte Beugnot, ed., Recueil des Historiens des Croisades. Lois, tome premier. Paris: Académie Royal des Inscriptions et Belles-Lettres, 1841.
  • M. Le Comte Beugnot, ed., Recueil des Historiens des Croisades. Lois, tome deuxième. Paris: Académie Royal des Inscriptions et Belles-Lettres, 1843.
  • Eduard Heinrich von Kausler, Les Livres des Assises et des Usages dou Reaume de Jerusalem: sive leges et instituta regni Hierosolymitani : primum integra ex genuinis depromta codicibus mss. adjecta lectionum varietate cum glossarin et indicibus, 1839.
  • Victor Voucher, Assises du royaume de Jérusalem : (textes français et italien) conférées entre-elles, ainsi qu’avec les lois des Francs, les capitulaires, les établissements de St. Louis et le droit romain, suivies d’un précis historique et d’un glossaire / publiées sur un manuscr. tiré de la Bibliothèque de Saint-Marc de Venise par Victor Foucher, Rennes, 1839-1841.
  • Nicholas Coureas, trans., The Assizes of the Lusignan Kingdom of Cyprus. Nicosia: Cyprus Research Centre, 2002.
  • Philip of Novara, Le Livre de forme de plait, ed. and trans. Peter W. Edbury. Nicosia: Cyprus Research Centre, 2009.
  • John of Ibelin, Le Livre des Assises, ed. Peter W. Edbury. Leiden: Brill, 2003.
  • Myriam Greilsammer, ed., Le Livre au Roi. Paris: Académie des Inscriptions et Belles-Lettres, 1995.
  • Assises d'Antioche: réproduites en français et publiées au sixième centenaire de la mort de Sempad le connétable, leur ancien traducteur arménien : dédiées à l'Académie des inscriptions et belles-lettres de France par la Société mekhithariste de Saint-Lazare, Impr. arménienne médaillée, 1876.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter W. Edbury: Law and Custom in the Latin East: Les Letres dou Sepulcre. Mediterranean Historical Review 10 (1995).
  • Maurice Grandclaude: Liste des assises remontant au premier royaume de Jérusalem (1099-1187). in Mélanges Paul Fournier. Paris: Société d'Histoire du Droit, 1929.
  • Joshua Prawer: Crusader Institutions.Clarendon Press, Oxford 1980.
  • Marwan Nader: Burgesses and Burgess law in the Latin Kingdoms of Jerusalem and Cyprus (1099–1325). Hampshire, 2006.