Atlas der deutschen Volkskunde

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Der Atlas der deutschen Volkskunde (ADV) ist das bedeutendste deutschsprachige Projekt zur Kulturraumforschung im Deutschen Reich, in Österreich sowie in einigen damals deutschsprachigen Gebieten Ost- und Süd(ost)europas. Das Projekt war stark von der „Bonner Schule“ der Kulturraumforschung beeinflusst, die ab 1920 mit dem interdisziplinären Institut für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande, IGL, Impulse gesetzt hatte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Vorbild der 1865 von Wilhelm Mannhardt durchgeführten Fragebogenaktion und des Deutschen Sprachatlas wurden zwischen 1930 und 1935 fünf in 243 Hauptfragen unterteilte Fragebögen an ca. 20.000 Gewährspersonen ausgeschickt. Um diese Fülle an Material bearbeiten zu können, wurden ab 1928 insgesamt 34 Landesstellen eingerichtet, die Zentralstelle befand sich in Berlin und wurde von Fritz Böhm geleitet.

Die Ergebnisse der Befragungen wurden bis 1939 in der ersten Folge in 120 unkommentierten Verbreitungskarten in sechs Lieferungen publiziert. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Atlasprojekt 1938 vom SS-Ahnenerbe vereinnahmt;[1] allerdings gingen daraus keine Publikationen hervor.

Während des Krieges wurde das gesamte Material der Zentralstelle des ADV nach Frankfurt in Sicherheit gebracht. Matthias Zender baute 1954 die „Arbeitsstelle Atlas der deutschen Volkskunde“ in Bonn auf und sorgte für den Transport des Materials (ca. 4,5 Mio. Karteikarten) nach dort. Ab 1958 wurden die Antworten neu ausgewertet und die Karten der Neuen Folge mit einem umfangreichen quellenkritischen Kommentar versehen. Eine größere Anzahl von Karten – vor allem zu Themen, die mit Tod, Begräbnis und Nachzehrerglauben zu tun hatten – wurden von Gerda Grober-Glück bearbeitet. 1984 lief die langjährige Förderung (seit 1928, mit Unterbrechungen) der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus. In Bonn befindet sich das Zentralarchiv, weitere Bestände liegen in ehemaligen Landesstellen oder deren Nachfolgeinstitutionen in Rostock, Münster, Marburg, München und Innsbruck. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden verschiedene weitere Atlasprojekte in ganz Europa durch den ADV angeregt, zudem ein „Ethnologischer Atlas Europas“, der aber rasch wieder eingestellt wurde.

Die Ergebniskarten dienten mehreren volkskundlichen Studien als Quelle, wie etwa die in der Nahrungsforschung vielbeachtete Studie „Alltags- und Festspeisen in Mitteleuropa“ von Günter Wiegelmann. Seit den 1990er-Jahren wird nach Möglichkeiten einer computergestützten Verarbeitung gesucht.[2] Bei 4,5 Mio. Karteikarten rechnet man mit Kosten von rund 1,00 € pro Karte.

Der ADV war eines der größten geisteswissenschaftlichen Vorhaben und trug wesentlich zur Profilierung der Volkskunde als Wissenschaft bei.

Befragungsbeispiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Beispiel sei hier die Frage 88 über die gebräuchliche Nahrung aufgeführt:
„Welche besonderen Speisen und Getränke erhalten
a) die bei der Getreideernte Beschäftigten?
b) die bei der Heuernte Beschäftigten?“

Als Erklärung und Orientierung für die fragenden Gewährspersonen wurde dazu erläutert:
„Es ist vielfach üblich, daß den in der Heu- oder Getreideernte Beschäftigten ein besonders gutes und reichliches Mahl zugedacht wird, da die anstrengende Arbeit erhöhte Kräfte verlangt. Mancherorts gibt es feststehende Gerichte, die zur Erntezeit verzehrt werden (Hefeklöße, Kartoffelfladen, Mehlsuppe u. a. m.). Auf diese besonderen, vom Alltäglichen abweichenden Speisen zielt unsere Frage ab, nicht aber auf die beim eigentlichen Erntefest üblichen Festspeisen. Wo ein Unterschied zwischen den zur Heuernte und den zur Getreideernte gegeben Speisen gemacht wird, bitten wir, darauf hinzuweisen.“ (Mitteilungen der Volkskundekommission der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaften (Fragetexte und Anleitungen für die Bearbeitung der ADV-Fragebogen) H. 2, 1931, S. 29.)

Kritik am Atlas der deutschen Volkskunde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kritik am ADV richtet sich einerseits gegen die Prämissen der Kulturraumforschung der 1920er sowie die Erhebungsmethoden durch Gewährsmänner. Da für jeden Belegort meist nur eine Person die Antworten gab, wurde damit eine differenzierte Beantwortung erschwert. Günter Wiegelmann, Gerda Grober-Glück, Michael Simon und weitere konnten aber zeigen, dass die Antworten mit einer modifizierten Lesart sehr gewinnbringend sind. Zum anderen wurde dem ADV eine ideologische Komponente unterstellt, insbesondere bei dem 5. Fragebogen von 1935. Diesen Vorwurf hat Michael Simon in seiner Habilitationsschrift entkräftet.[3] Eine Kritik unter postkolonialem Blickwinkel mit Lösungsansätzen für eine Neuaufbereitung des Materials wurde in Anlehnung an das Projekt WossiDiA[4] durch Helmut Groschwitz diskutiert.[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • H. L. Cox (Hrsg.): Kulturgrenzen und nationale Identität. Vorträge der Internationalen Europäischen Ethnokartographischen Arbeitsgruppe zum Symposium „Kulturgrenzen und nationale Identität“. 5. bis 7. April in Bad Honnef. Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 30 (1993/94).
  • Deutsche Forschungsgemeinschaft (Hrsg.): Verzeichnis der Belegorte des Atlas der deutschen Volkskunde. Ausgegeben für die Fragebogen 1–4. Berlin 1936.
  • Klaus Fehn: Volksgeschichte im Dritten Reich als fächerübergreifende Wissenschaftskonzeption am Beispiel von Adolf Helbok. Ein Beitrag zur interdisziplinären Wissenschaftsgeschichte vor allem der Fächer Volkskunde, Landesgeschichte und Historische Geographie. In: Gunther Hirschfelder, Dorothea Schell, Adelheid Schrutka-Rechtenstamm (Hrsg.): Kulturen – Sprachen – Übergänge. Festschrift für H. L. Cox zum 65. Geburtstag. Böhlau, Köln 2000, ISBN 3-412-11999-7, S. 567–580.
  • Heidi Gansohr-Meinel: „Fragen an das Volk“ Der Atlas der deutschen Volkskunde 1928–1945. Ein Beitrag zur Geschichte einer Institution. Würzburg 1993.
  • Gerda Grober-Glück: Zum Abschluß des Atlas der deutschen Volkskunde – Neue Folge. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte. In: Nils-Arvid Bringéus, Uwe Meiner, Ruth-E. Mohrmann, Dietmar Sauermann, Hinrich Siuts (Hrsg.): Wandel der Volkskultur in Europa. Festschrift für Günter Wiegelmann zum 60. Geburtstag. Band 1. Münster 1988, ISBN 3-88547-310-0, S. 53–70.
  • Helmut Groschwitz: Rewriting „Atlas der deutschen Volkskunde“ postkolonial. In: Beatrix Hoffmann; Steffen Mayer (Hrsg.): Objekt, Bild und Performance. Repräsentationen ethnographischen Wissens. In: Berliner Blätter, 67/2014 (2015), S. 29–40.
  • Georg Kehren: Automatisierte Arbeitsverfahren beim Erstellen von Verbreitungskarten des ADV. In: H. L. Cox (Hrsg.): Kulturgrenzen und nationale Identität. Vorträge der Internationalen Europäischen Ethnokartographischen Arbeitsgruppe zum Symposium „Kulturgrenzen und nationale Identität“. 5. bis 7. April in Bad Honnef. Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde 30 (1993/94), S. 229–240.
  • Friedemann Schmoll: Die Vermessung der Kultur. Der „Atlas der deutschen Volkskunde“ und die Deutsche Forschungsgemeinschaft 1928–1980. Franz Steiner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-515-09298-2.
  • Michael Simon: Der Atlas der deutschen Volkskunde – Kapitel oder Kapital des Faches? In: Christoph Schmitt (Hrsg.): Volkskundliche Großprojekte. Ihre Geschichte und Zukunft. (= Rostocker Beiträge zur Volkskunde und Kulturgeschichte. Band 2). Waxmann, München/Münster/Berlin 2005, ISBN 978-3830915621, S. 51–62.
  • Michael Simon, Thomas Schürmann: Ein Kapitel für sich – Der Atlas der deutschen Volkskunde. In: Zeitschrift für Volkskunde, Jg. 90, H. 2, 1994, S. 230–237.
  • Matthias Zender: Atlas der deutschen Volkskunde, Neue Folge. Auf Grund der von 1929 bis 1935 durchgeführten Sammlungen im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Erläuterungen zur 1. Lieferung, Karte NF 1–12. Elwert, Marburg 1959.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Michael Kater: Das „Ahnenerbe“ der SS. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches. Stuttgart 1974, S. 141.
  2. Balázs Borsos: Möglichkeiten und Grenzen der Bestimmung kultureller Regionen mittels elektronischer Verarbeitung der Daten des Atlas der deutschen Volkskunde am Beispiel des Rheinlandes. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde, 46 (2001), S. 9–66.
  3. Michael Michael: „Volksmedizin“ im frühen 20. Jahrhundert. Zum Quellenwert des Atlas der deutschen Volkskunde. Mainz 2003.
  4. Digitalisierungs- und Erschließungsprojekt WossiDiA
  5. Helmut Groschwitz: Rewriting „Atlas der deutschen Volkskunde“ postkolonial. In: Beatrix Hoffmann; Steffen Mayer (Hrsg.): Objekt, Bild und Performance. Repräsentationen ethnographischen Wissens. In: Berliner Blätter, 67/2014 (2015), S. 29–40.