Atlas zur Geschichte (DDR)

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Atlas zur Geschichte heißt der zweibändige Geschichtsatlas, der 1976 in der DDR veröffentlicht und unter kommunistischen Historikern maßgeblich wurde. Herausgeber war das Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR zusammen mit dem VEB Hermann Haack. Leiter der Redaktionskommission war Lothar Berthold.

Allgemeines[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Atlas wurde mit beträchtlichem fachlichem Aufwand hergestellt, wenngleich auf – aus westlicher Sicht – relativ schlechtem Papier (vor allem die Registerteile) gedruckt. Nach eigenen Angaben hat der erste Band (für die Zeit bis 1917) 275 Karten und der zweite (für 1917 bis 1976) 174 Karten. In der DDR kostete ein Band jeweils 29,– M, im Ausland 39,– DM.

Entsprechend den ideologischen Vorgaben nehmen die Wirtschaftsgeschichte und vor allem soziale Aufstände und die linken Bewegungen einen großen Raum ein. In der „Vorbemerkung“ (S. XV) zum zweiten Band schreibt die Redaktionskommission, dass die Karten „die Hauptlinien des Klassenkampfes“ darstellen, „vor allem die großen Klassenschlachten, in erster Linie die Revolution, und in untrennbarer Verbindung damit die Wirtschaft, die politisch-territorialen Veränderungen, aber auch geistig-kulturelle Prozesse“. Im zweiten Band solle „das Hauptgewicht auf die Herausbildung und Entwicklung der drei machtvollen revolutionären Ströme gelegt“ werden, „die den Fortschritt der Menschheit vorantreiben: das sozialistische Weltsystem, die internationale Arbeiterbewegung und die nationale Befreiungsbewegung der Völker.“

Die ideologisch einengende und propagandistische Darstellung führt teilweise zu überlangen Kartentiteln, wie „Die Eroberungskriege des römischen Sklavenhalterstaates und der Freiheitskampf der Germanen“ (Bd. 1, S. 14) oder „Aufbau und Entwicklung der Stadt Rostock unter den Bedingungen der Arbeiter- und Bauern-Macht 1945-1970“ (Bd. 2, S. 78).

Beispiele für das Geschichtsbild des Atlas[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine der Karten beschäftigt sich mit folgendem Thema: „Die Novemberrevolution in Deutschland. Die revolutionären Kämpfe in Berlin vom November 1918 bis zum März 1919“ (Bd. 2, S. 9). Erwähnt wird ausdrücklich: „Karl Liebknecht verkündet vom Balkon des Schlosses die freie sozialistische Republik“, während die Rede Philipp Scheidemanns fehlt.

Ein Problem für die DDR-Geschichtsschreibung und die Atlas-Herausgeber war die Tatsache, dass die Sowjetunion 1939 mit dem Deutschen Reich unter Adolf Hitler einen Pakt zur Aufteilung Osteuropas geschlossen hatte („Hitler-Stalin-Pakt“), mit der anschließenden Besetzung und Annexion Ostpolens, Bessarabiens, der Nordbukowina, der baltischen Staaten und von Teilen Finnlands durch die Sowjetunion. Daher erscheint die 1939/40 veränderte sowjetische Westgrenze ziemlich unvermittelt, und zwar auf einer dem Zweiten Weltkrieg vorangehenden Karte: „Der Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse in der UdSSR und die Wirtschaftsentwicklung bis zum faschistischen Überfall am 22. Juni 1941“ (Bd. 2, S. 34, I). Dort spricht man von der „Staatsgrenze der UdSSR am 22. 6. 1941“. Die annektierten Gebiete Ostpolens werden als mit der Sowjet-Ukraine und Sowjet-Weißrussland zwischen dem 17. September und 2. November 1939 „wiedervereinigt“ bezeichnet, die baltischen Staaten waren „in die UdSSR aufgenommen“ worden.

Auf dieser Karte werden in Klammern die alten Namen von dann sowjetisch benannten Städten genannt, z. B. „Kirow (bis 1934 Wjatka)“. Stalinisierungen im Ausland, wie etwa in Rumänien bis nach Stalins Tod, sind hingegen nicht dokumentiert. Der Leser erfährt auch nicht, dass es in der DDR eine „Stalinstadt“ gegeben hat. Zu allen Zeiten heißt die Stadt im Atlas bereits Eisenhüttenstadt.

Eine Karte über die erste Phase des Zweiten Weltkriegs (Bd. 2, S. 39) gibt die sowjetisch annektierten Gebiete in einem helleren Rotton wieder, mit Jahreszahlen (außer bei Ostpolen), aber ohne weitere Erklärung. Pfeile, die militärisches Vorgehen bezeichnen, hat die Karte nur für das nationalsozialistische Deutschland übrig. Katyn, ein Ort, in dem die Sowjetunion beim Massaker von Katyn zehntausende polnische Offiziere ermordet und anschließend in mehreren Massengräbern bestattet hatte, kommt dem Register zufolge im gesamten Atlas zur Geschichte nicht vor.

Der Holocaust spielt im Atlas keine Rolle: Auf der Karte „Faschistische Konzentrationslager von 1939 1945“ (Bd. 2, S. 38) wird eine Gesamtopferzahl von elf Millionen erwähnt. Das Wort „Jude“ kommt auf der ganzen Seite nicht vor, nur ein Kartensymbol namens „großes Ghetto in Polen“. Im Allgemeinen spricht der Atlas von „Häftlingen“ oder „KZ-Häftlingen“, unter Herausstellung des wirtschaftlichen Aspektes des KZ-Systems. „Jüdische Bürger“ werden als Opfer kurz auf einer anderen Karte (Bd. 2, S. 48, I) zum „antifaschistischen Widerstand“ erwähnt, aber von einer angegebenen Opferzahl ausgeschlossen.

Die deutsche Wehrmacht unterzeichnete die Kapitulation am 8. Mai 1945 in Reims, gegenüber den Westmächten, und einen Tag später in Berlin-Karlshorst gegenüber der Sowjetunion. Der Atlas aber nennt nur den 8. Mai als Datum, das in der Nähe von Berlin erscheint (Bd. 2, S. 44).

Im Atlas fehlt jeglicher Hinweis auf die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches und deutschen Siedlungsgebieten in osteuropäischen Ländern. In „Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg / Das Potsdamer Abkommen“ (Bd. 2, S. 63) fallen die Ostgebiete unter „ehemaliges preußisches Gebiet“, während die zeitweilige Abtrennung des Saarlandes durch Frankreich und dessen Eingliederung in den französischen Staatsverband als „nicht im Potsdamer Abkommen vorgesehene Gebietsabtrennung“ dokumentiert wird. Allenfalls für das nördliche Ostpreußen, die heutige Kaliningrader Oblast, ist eine Karteninschrift eingezeichnet. Auch bei der Behandlung Polens nach 1945 (Bd. 2, S. 83) gibt es keine Erklärung für die Westverschiebung des Landes.

Bevölkerungstransfers als Folgen des Ausgangs des Zweiten Weltkriegs oder schon durch die Vereinbarungen von Hitler und Stalin vor 1941 werden nicht dargestellt, dafür betonen die Autoren die „Ausplünderung zeitweilig besetzter Gebiete“ durch angloamerikanische Truppen in Thüringen und Westsachsen, unterschlagen jedoch die Ausplünderung zeitweilig besetzter West-Sektoren Berlins durch sowjetische Truppen.

Bezüglich des Korea-Krieges findet man eine direkte Falschbehauptung: Nicht nordkoreanische, sondern amerikanische Truppen sollen den 38. Breitengrad überschritten haben, wie fünf blaue Pfeile angeben. Die Vereinten Nationen werden auf der Karte nicht erwähnt, die UN-Truppen heißen „Verstärkung der US-Aggression“ (Bd. 2, S. 89, I).

Suggestive Darstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus der Kartenlegende über den „Luft- und Seekrieg 1939-45“ (Band 2, S. 45) lässt sich entnehmen, dass die „faschistische Luftwaffe“ – der Nationalsozialismus wird durchgehend als Faschismus und das nationalsozialistische Regime als Hitlerdeutschland bezeichnet – „Terrorangriffe“ geflogen habe, die „sowjetischen Fernfliegerkräfte“ allerdings nur „Schläge […] zur Untergrabung der militär-ökonomischen Macht des faschistischen Hinterlandes“. Die anglo-amerikanischen Luftstreitkräfte flogen hingegen „vorwiegend Flächenangriffe auf Wohngebiete“, denn dieses Symbol wird auf der Karte am häufigsten verwendet. Eine Unterkarte zeigt mit Kreisdiagrammen, wie viel Prozent des Wohnraums in ausgewählten Städten zerstört wurde, allerdings beschränkt sich diese Unterkarte nur auf „das als sowjetische Besatzungszone vorgesehene[/] Gebiet“, so als sei dieses Gebiet – im Gegensatz zu den „eigenen“ späteren Westzonen – besonderes Ziel der britischen und US-amerikanischen Luftwaffe gewesen.

Unter den „sozialistischen Hauptstädten“ (Bd. 2, S. 88) stellt der Atlas unter anderem „Berlin – Hauptstadt der DDR“ vor. Die Gebäude von West-Berlin erscheinen nicht in Orange, das der Legende nach für „bebaute Fläche“ steht, sondern in Grün, das eigentlich für „Grünland“ steht.

Auf einer Karte über „Die bilateralen Freundschaftsverträge der sozialistischen Staaten und der Warschauer Vertrag bis 1970“ (Bd. 2, S. 81) wird zwar in der Legende erwähnt, dass Albanien 1968 aus dem Warschauer Pakt ausgetreten ist, die Karte selbst verschweigt dies und zeigt Albanien im selben Rot wie die anderen Länder des Paktes. Der Prager Frühling bzw. dessen Niederschlagung findet auf der Karte nur dadurch Erwähnung, dass eine rote Flagge mit dem Datum „16.10.1968“ ein „Abkommen über den zeitweiligen Aufenthalt von Streitkräften der Sowjetunion auf dem Territorium eines sozialistischen Bruderstaates“ verzeichnet. Da eine solche Flagge aber auch bei anderen Staaten vorkommt, unter Zusammenfassung mehrerer Daten, fällt ein Zusammenhang mit dem Niederschlagen einer Freiheitsbewegung nicht auf. Bei Ungarn wird sowohl das Jahr 1947 als auch 1957 bei der Flagge erwähnt.

Bibliografische Angabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Atlas zur Geschichte, Band 1: Von den Anfängen der menschlichen Gesellschaft bis zum Vorabend der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917, herausgegeben vom Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, 4. Auflage, Gotha: VEB Hermann Haack Geographisch-Kartographische Anstalt, 1989. ISBN 3-7301-0040-8. 256 Seiten (Eigenangabe: 272 Seiten), 27 cm.
  • Atlas zur Geschichte, Band 2: Von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution 1917 bis 1976, herausgegeben vom Zentralinstitut für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, 3. Auflage, Gotha: VEB Hermann Haack Geographisch-Kartographische Anstalt, 1982. ISBN 3-7301-0041-6. 323 Seiten (Eigenangabe: 248), 27 cm.