Attische Seuche

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Die Attische Seuche
(Gemälde von Michiel Sweerts, um 1653)

Die Attische Seuche war eine Epidemie, die in den Jahren 430–426 v. Chr. in Athen während der Belagerung durch die Spartaner wütete und über deren Verlauf – zusammen mit den Ereignissen des Peloponnesischen Krieges – der griechische Historiker Thukydides (etwa 460 bis nach 400 v. Chr.) genaue Aufzeichnungen führte. Sie wird deshalb auch als Seuche oder Pest des Thukydides bezeichnet, im englischen Sprachraum als The Plague of Athens, The Epidemic of Athens oder auch Thucydides Syndrome. Zum Verständnis des Begriffs muss erwähnt werden, dass das lateinische pestis wie auch das griechische λοιμός loimós zwar für eine ansteckende Krankheit steht, doch das heutige Wissen um die Pathogenese von Infektionskrankheiten wie etwa der Pest noch nicht geschaffen war, und dass Seuchen als „Strafe eines Gottes“ gesehen wurden.

Der Attischen Seuche fiel etwa ein Viertel der Bevölkerung der von den Spartanern belagerten antiken Stadt Athen zum Opfer, darunter im Jahr 429 v. Chr. auch Perikles. Die Auswirkungen werden nicht nur für die Niederlage Athens, sondern ebenso für den Niedergang der klassischen Kultur Griechenlands insgesamt verantwortlich gemacht.

Thukydides war beim Ausbruch der Seuche etwa 31 Jahre alt und beschreibt deren Verlauf ausführlich im zweiten der acht Bücher über den Peloponnesischen Krieg (Kapitel 47 bis 54).[1] Er erkrankte selbst und bemerkte, dass keiner, der die Krankheit überstanden hatte, sie ein zweites Mal bekam, was als erster schriftlicher Hinweis auf ein immunologisches Gedächtnis gesehen werden kann.

Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Krankheit trat – dem Bericht des Thukydides zufolge – plötzlich bei Menschen auf, die vorher noch bei bester Gesundheit gewesen waren, und schritt von oben nach unten fort, indem es zu Beginn zu einem starken (inneren) Hitzegefühl im Kopf mit entzündeten und geröteten Augen kam und sich Schlund und Zunge wie roh anfühlten. Es folgten Niesen, Heiserkeit und Husten sowie grippale Anzeichen. Der Atem kam dabei übelriechend und unregelmäßig, die Erkrankung griff auf den gesamten Körper über, und wenn sie den Magen erreicht hatte, drehte es diesen förmlich um, sodass unter schrecklicher Übelkeit Galle in allen damals unterschiedenen Formen erbrochen wurde. Schließlich erfasste die Krankheit die Schamteile und Gliedmaßen bis in die Finger- und Zehenspitzen. Viele seien nur davongekommen, weil sie diese verloren hätten, während andere wiederum erblindet seien oder ihr Gedächtnis verloren hätten.

Der Körper habe sich nicht übermäßig heiß angefühlt, sei nur leicht gerötet und von Bläschen und Geschwüren übersät gewesen. Innerlich hätten die Erkrankten aber ein heftiges Feuer in sich brennen gespürt, sodass einige von unstillbarem Durst, Schlaflosigkeit und Unruhe getrieben in Brunnen gesprungen seien. Im häufigeren Fall sei man, ohne ganz entkräftet zu sein, nach sechs oder acht Tagen gestorben, seltener sei es nach einer vorübergehenden Erholung zu einem Übergreifen auf den Unterleib mit starker Geschwürbildung und Auftreten einer Diarrhoe gekommen, sodass diese Erkrankten an der daraus folgenden Erschöpfung starben.

Ein „hohler Schluckauf“ wurde als kennzeichnend bei den meisten Erkrankten beschrieben, wodurch heftige Krämpfe ausgelöst wurden und der bei den einen nach Abklingen der Symptome, bei den anderen noch sehr viel später aufgetreten sei.

Thukydides berichtet, dass die einen gestorben seien, weil sich niemand um sie gekümmert habe, während andere trotz aller denkbaren Pflege verstarben.[2] Auch Tiere seien von der Krankheit betroffen gewesen.

Hypothesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Versuch, die von Thukydides geschilderten Symptome mit einer heute bekannten Krankheit in Zusammenhang zu bringen, hat zu bislang mehr als 200 Veröffentlichungen zum Thema mit mindestens 29 „Verdachtsdiagnosen“ geführt.[3][4][5]

Als ursächlich wurden bislang u. a. folgende Krankheitserreger angegeben:

Als Möglichkeit in Erwägung gezogen werden muss auch, dass es sich um eine heute nicht mehr auftretende Seuche handelte. Ebenso wird eine Identifizierung dadurch erschwert, dass heute bekannte Krankheiten durchaus in der Zwischenzeit Veränderungen hinsichtlich ihrer geographischen Verbreitung, Symptomatik, Übertragung wie auch ihrer Virulenz durchgemacht haben können. Auch ein Zusammentreffen bzw. eine Überlagerung zweier Seuchen wurde als mögliche Erklärung diskutiert. Die früher geäußerte Hypothese, Ergotismus, eine Vergiftung mit Mutterkorn, könne bei der Epidemie (neben einer anderen Krankheit) zumindest mitbeteiligt gewesen sein, wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts als extrem unwahrscheinlich verworfen.

2005 wurde über die Ausgrabung eines Massengrabes mit 150 Leichen im antiken Friedhof von Kerameikos in Athen berichtet. Die Datierung des Grabes auf das 5. Jahrhundert v. Chr. und die Anordnung der Begrabenen sprechen für die Vermutung, dass es sich hier um Opfer der Seuche handeln kann. Von drei geborgenen Zähnen wurde die Zahnpulpa, die wegen ihrer Stabilität über die Jahrhunderte, ihrer (ehemals) guten Gefäßversorgung und ihrer primären Keimfreiheit als geeignetes Material erschien, mittels der Polymerase-Kettenreaktion auf DNA-Fragmente verschiedener Mikroben untersucht. Während die Suche nach sechs potentiellen anderen Erregern ergebnislos verlief, konnte Erbmaterial mit Ähnlichkeit eines Stammes von Salmonella enterica serovar typhi nachgewiesen werden.[4] Die Schlussfolgerung der Autoren, dass damit Typhus als wahrscheinliche Ursache der Attischen Seuche naheliege, wurde allerdings von kritischen Kommentatoren nicht geteilt.[7] So wurde insbesondere bemängelt, dass alleine die Tatsache, dass in den untersuchten Proben Salmonellen-DNA gefunden wurde, keineswegs Todesursächlichkeit bedingt. Auch die Möglichkeit, dass es sich bei diesem Befund um eine Kontamination durch Bodenbakterien handeln könnte, wird diskutiert. Zudem sind die durch Thukydides beschriebenen Symptome nur teilweise mit diesem Untersuchungsergebnis in Einklang zu bringen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Thukydides 2,47-55 (englisch) (Memento vom 16. Mai 2009 im Internet Archive)
  2. Projekt Pest: Geschichte (Memento vom 13. Februar 2008 im Internet Archive)
  3. Thomas E. Morgan: Plague or Poetry? Thucydides on the Epidemic at Athens. In: Transactions of the American Philological Association. Vol. 124, 1994, S. 197–209.
  4. a b Manolis J. Papagrigorakis, Christos Yapijakis, Philippos N. Synodinos, Effie Baziotopoulou-Valavani: DNA examination of ancient dental pulp incriminates typhoid fever as a probable cause of the Plague of Athens. In: International Journal of Infectious Diseases. Band 10, 2006, S. 206–214 PMID 16412683.
  5. Horst Habs: Die sogenannte Pest des Thukydides. Versuch einer epidemiologischen Analyse. Vorgetragen in der Sitzung vom 14. November 1981 (= Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse. Nr. 6, 1982). Springer Verlag, Berlin/Heidelberg 1982.
  6. P. E. Olson, C. S. Hames u. a.: The Thucydides Syndrome: Ebola Déjà Vu? (or Ebola Reemergent?) In: Emerging Infectious Diseases. Band 2, Nummer 2, 1996 doi:10.3201/eid0202.960220
  7. Beth Shapiro, Andrew Rambaut, M. Thomas P. Gilbert: No proof that typhoid caused the Plague of Athens. In: International Journal of Infectious Diseases. Band 10, 2006, S. 334–335 PMID 16730469.