Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gedruckter Vorabzug mit handschriftlichen Notizen von À la recherche du temps perdu: Du côté de chez Swann

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (frz. Originaltitel: À la recherche du temps perdu, erschienen zwischen 1913 und 1927) ist ein siebenteiliger Roman von Marcel Proust. Er erzählt die Geschichte von Prousts eigenem Leben als allegorische Suche nach der Wahrheit und ist das Hauptwerk der französischen Romanliteratur des frühen 20. Jahrhunderts.[1]

Als Proust im Januar 1909 einen Zwieback (welcher im Roman zu einer Madeleine wird) in seinen Tee taucht, wird er unwillkürlich in seine Kindheit zurückversetzt. Im Juli zieht er sich von der Welt zurück, um seinen Roman zu schreiben, von dem der erste Entwurf im September 1912 fertig wird. Der erste Band Du côté de chez Swann (1913; deutsch: In Swanns Welt, auch: Auf dem Weg zu Swann) wurde von Verlagshäusern aus verschiedenen Gründen abgelehnt und erschien auf eigene Kosten im November 1913. Zu diesem Zeitpunkt waren von Proust nur drei Bände geplant.

Während der Kriegsjahre überarbeitete Proust den Rest seines Werkes, vertiefte seine Empfindungen, Struktur und Interpretation, entwickelte die realen und satirischen Elemente weiter und verdreifachte seine Länge. Auf diese Weise verwandelte er es zu einer der tiefgründigsten Leistungen der menschlichen Vorstellungskraft. Im Juni 1919 erschien À l'ombre des jeunes filles en fleurs (1919; Im Schatten junger Mädchenblüte) zeitgleich mit einer Neuauflage von Swann. Im Dezember 1919 erhielt À l'ombre den Prix Goncourt und machte Proust auf einen Schlag berühmt. Zwei weitere Bände wurden noch zu Lebzeiten veröffentlicht und profitierten von seiner letzten Überarbeitung: Le Côté de Guermantes (1920/1921; Die Welt der Guermantes) und Sodome et Gomorrhe (1921/1922; Sodom und Gomorra). Die letzten drei Teile von À la recherche erschienen posthum in einer fortgeschrittenen aber noch nicht fertigen Bearbeitung: La Prisonnière (1923; Die Gefangene), Albertine disparue (1925; Die Entflohene) und Le Temps retrouvé (1927; Die wiedergefundene Zeit). Die erste zuverlässige Gesamtausgabe erschien erst 1954.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Ich-Erzähler berichtet von seinem Leben und vom Vorgang des Sich-Erinnerns.

Der Roman spielt im Frankreich des Fin de siècle in der gehobenen Gesellschaft. Der Ich-Erzähler stammt aus einer Familie des Pariser Bürgertums, die den Sommer üblicherweise bei Verwandten auf dem Land verbringt. Hier erlebt er eine glückliche Kindheit und lernt Personen kennen, die in seinem weiteren Leben eine Rolle spielen werden, etwa den Kunstliebhaber Swann, dessen Tochter Gilberte, oder die lokale Adelsfamilie, die Guermantes.

Cabourg (Balbec) Grand Hotel

Als er alt genug ist, einen Beruf zu wählen, weckt ein Theaterbesuch in ihm das Interesse für Kunst und er will Schriftsteller werden. Allerdings hindern ihn seine schwache Gesundheit und seine Trägheit daran, ein literarisches Werk zu schaffen. Er erlebt bei der genauen Beobachtung der Natur aber immer wieder Augenblicke höchster Konzentration, die er gerne verarbeiten würde, nur kommt er niemals dazu.

Der Erzähler verbringt die Sommerfrische in dem fiktiven Badeort Balbec, ein Großteil der Handlung spielt im dortigen Grandhotel. Vorbild für Balbec ist der Badeort Cabourg an der Küste der Normandie, in dessen Grandhotel Proust häufig an seinem Roman arbeitete. Hier verliebt sich der Ich-Erzähler erstmals in die junge Albertine. Er freundet sich auch mit dem Marquis de Saint-Loup an, der mit der Familie Guermantes verwandt ist.

In der Folge steigt der Ich-Erzähler in der Welt des Adels auf und besucht die Salons. Hier macht er sich über das leere Geplauder der Menschen lustig, aber er ist auch fasziniert und kann sich nicht von ihnen trennen, um sein Werk zu schaffen. Die politischen Affären seiner Zeit interessieren ihn kaum. Er bekommt nur mit, dass die Dreyfus-Affäre es manchen Personen erlaubt, gesellschaftlich aufzusteigen, während sie andere zum Abstieg zwingt.

Nach einer ersten Liebe zu Gilberte wird er schließlich der Geliebte Albertines, wobei er aber kein Glück findet, sondern wegen seiner Eifersucht sehr leidet und auch ihr das Leben zur Hölle macht. Die Entwicklung seiner Gefühle schildert er minutiös. Albertine verlässt ihn am Ende und stirbt bei einem Reitunfall, weswegen er sich Vorwürfe macht.

Während des Ersten Weltkrieges bleibt er wegen Wehruntauglichkeit in Paris. Sein Freund Saint-Loup fällt im Krieg. Lange nach dem Krieg besucht er ein letztes Mal eine Gesellschaft. Er ist jetzt alt und krank und merkt, dass er die Personen, die er einst kannte, kaum wiedererkennt, so sehr haben sie sich verändert. Außerdem scheinen sie völlig vergessen zu haben, wer früher angesehen war und wer nicht. Die Guermantes wurden vergessen, und früher verachtete Neureiche werden gefeiert.

Der Ich-Erzähler bemerkt, dass die Vergangenheit einzig in seiner Erinnerung existiert. Er erkennt am Ende seines Lebens, dass er über seinen Liebesaffären und Kontakten zu belanglosen Menschen nie die Zeit und die Mühe aufbrachte, das Kunstwerk zu schaffen, das er sich vorgenommen hatte. Die letzte Möglichkeit ist, den Roman seiner Erinnerungen zu schreiben, die mit seinem Tod sonst unwiederbringlich verloren gingen. Und so endet der Roman, indem der Autor beginnt, ihn zu schreiben.

Dieser Artikel oder nachfolgende Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (beispielsweise Einzelnachweisen) ausgestattet. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst entfernt. Bitte hilf der Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und gute Belege einfügst.
Wer deutet das so?

„Verlorene Zeit“ kann damit mehrdeutig verstanden werden:

  • als Zeit, die als vergeudet scheint;
  • als Zeit, die unwiederbringlich verloren scheint, wenn sie nicht in der Erinnerung oder in einem Kunstwerk konserviert wird;
  • als Erinnerung oder Imaginationen, die Namen oder Gegenstände hervorrufen.

„Die verlorene Zeit ist die Zeit, die uns unwiederbringlich verloren erscheint. Das ist ja der Sinn des Romans. Wir haben dort jemanden, der auf der Suche nach etwas ist, nach einer Wahrheit im Leben, nach einem Sinn im Leben, der gerne Schriftsteller werden will, aber gar kein Thema hat und nicht so recht weiß, wo es lang läuft. Und diese unwillkürlichen Erinnerungserlebnisse zeigen ihm, was Materie eines Buches sein könnte, seines Buches dann wird. Insofern ist es dann eine wiedergefundene Zeit, denn der letzte Band heißt ja „Le temps retrouvé“, die wiedergefundene Zeit.“[2]

Charles Haas, Vorbild für die Figur des Charles Swann

Eine Liebe Swanns[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Un amour de Swann ist der Mittelteil des ersten Bandes und fällt formal aus dem Rahmen der Recherche, denn diese in sich abgeschlossene Erzählung ist aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers in der Er-Form geschrieben, während der sonstige Roman ausschließlich eine Ich-Erzählung ist.

Sandro Botticellis Bildnis das für Odette steht

Eine Liebe von Swann schildert minutiös die Entwicklung der Liebe des Lebemanns Swann zu der Kurtisane Odette de Crécy. Swann interessiert sich anfangs kaum für sie, allmählich kommen sich die beiden dennoch näher. Seine Zuneigung findet neue Nahrung, als er in ihr das Ebenbild Sephoras, einer der Töchter Jethros, erkennt, wie sie auf Botticellis Fresko in der Sixtinischen Kapelle dargestellt ist. Als sich ihre Beziehung einspielt, beginnt Odette, Swann gegenüber anderen Kontakten – vor allem dem Zirkel um Madame Verdurin, die ihre Entsprechung in Madame de Caivallet findet – zurückzustellen, und entfacht damit seine Eifersucht. Swanns Eifersucht steigert in einer Art von Rückkopplung wiederum seine Liebe zu Odette. Dieser Kreislauf endet erst, als sie ihm wieder gleichgültig wird. Ungeachtet dessen begegnet Odette dem Leser später als Swanns Frau und Mutter von Gilberte.

In der Erzählung werden viele Motive vorweggenommen, die in der „Suche“ dann ausführlicher ausgebreitet werden. Kunst spielt bereits hier eine wichtige Rolle; die eifersüchtige Liebe Swanns entspricht der Liebe des Ich-Erzählers zu Gilberte und Albertine. Swann wird durch die Liebe und das mondäne Salonleben daran gehindert, ein bleibendes Werk zu schaffen – ähnlich wie der Ich-Erzähler, dem das im letzten Moment allerdings doch noch gelingt. Nicht zuletzt wird in der „kleinen Phrase“, einer Melodie, die Swann gemeinsam mit Odette hört und die beim erneuten Hören seine Erinnerungen weckt, bereits die unwillkürliche Erinnerung angedeutet.

Strukturen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inhaltlich ist der Roman wie ein großes Labyrinth, in dem Personen und Themen immer wieder auftauchen, um dann wieder vergessen zu werden. Es gibt aber einige Prinzipien, die den Roman strukturieren.

Erinnerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist ein Roman der Erinnerungen. Dabei unterscheidet der Autor zwischen bewusster Erinnerung, die immer unvollständig und oft beängstigend ist, und unwillkürlicher Erinnerung. Berühmtestes Beispiel ist dabei die Madeleine (ein jakobsmuschelförmiges Gebäck), die der Hauptperson als Erwachsenem von seiner Mutter serviert wird und deren Geschmack ihm die Fülle seiner Kindheitserlebnisse mit allen Bildern, Klängen, Geschmäckern und Gerüchen wieder vergegenwärtigt. Diese so genannte unwillkürliche Erinnerung ist dabei einerseits psychisches Erlebnis (im Sinne von Déjà-vu-Erlebnissen), andererseits ein literarischer Kniff, der es dem Erzähler erlaubt, Assoziationsketten zu beginnen.

„Er misstraut der willentlichen Erinnerung, das ist die große Entdeckung Prousts gewesen: Man kann sich willentlich an etwas erinnern, aber alles das, was willentlich geschieht, ist im Grunde genommen nur eine verfälschte Erinnerung. Die wahre Erinnerung, die wahre Empfindung, so, wie es wirklich war, das ist die Offenbarung durch die berühmte unwillkürliche Erinnerung, die mémoires involontaires, das sind so Déjà-vu-Erlebnisse, die man hat.“[3]

Leitmotive[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das auffälligste Strukturprinzip ist das Stilmittel Leitmotiv durch Wiederholungen und Abwandlungen von Themen und literarischen Motiven. Liebesbeziehungen des Erzählers, die immer nach dem gleichen Schema ablaufen, werden sehr häufig beschrieben. Ein anderes Beispiel ist eine bestimmte Eisenbahnstrecke. Als Kind liest die Hauptperson im Fahrplan die Namen der Städte an dieser Strecke und macht sich Vorstellungen anhand dieser Ortsnamen. Später fährt er tatsächlich mit diesem Zug, und ein Bekannter macht etymologische Bemerkungen über die Namen der Orte, wobei die scheinbar wissenschaftliche Exaktheit kaum kaschiert, dass es sich auch hierbei um reine Phantasie handelt.

Das Menschenbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jean Firges fasst das Werk 2010 in anthropologischer Sicht zusammen.[4] Die diesbezüglichen Voraussetzungen des Weltbilds sind nach Firges bei Proust:

  • Das Subjekt ist in einer Monadenstruktur, ohne ein Fenster nach draußen, eingeschlossen;
  • das Ich ist zergliedert in vielfache Bewusstseinszustände, die sich ständig verändern;
  • die Zeit verläuft nicht linear, sondern diskontinuierlich.

Der Roman schildert die obere Gesellschaft der Dritten Republik, die deren menschlichen Bedingungen unterworfen ist, als eine Welt der Lüge, der Verstellung und der Dekadenz.

Prosagedichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besonders die Naturschilderungen sind oft so ausgearbeitet, dass sie sich fast zu Prosagedichten entwickelt haben. Den sog. Martinville-Aufsatz aus Band I bezeichnet Proust selbst in Band II als ein "poème en prose". Die Satzgliederungen, insbesondere die chaotisch erscheinende Kommasetzung, geben deutlich zu erkennen, dass Proust die Prosodie als Gestaltungselement sehr ernst genommen hat.

Pastiches[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur eigenen Stilfindung hatte Proust mehrere sogenannte Pastiches geschrieben, z. B. zu Gustave Flaubert und Ernest Renan.[5] Gegen den Literaturkritiker Charles-Augustin Sainte-Beuve argumentierte Proust, dass sich ein literarisches Werk nicht in erster Linie über den Autor erklären lasse und dass Sainte-Beuve Stilfragen sträflich vernachlässige.[6] Aus einem 1908 dazu begonnenen Essay ergaben sich dann Prousts umfangreiche Recherchen zum Stil verschiedener Künstler, deren Ergebnisse in fiktiven Gestalten (wie dem Musiker Vinteuil, dem Maler Elstir oder dem Schriftsteller Bergotte) wieder auftauchen, wobei diese Figuren absichtlich so dargestellt werden, dass der Leser zwar nur erahnen kann, aber eben doch erahnen kann, welche realen Figuren dahinter stehen, insbesondere, als meist mehrere Maler / Musiker / Schriftsteller Prousts Figuren Züge geliehen haben. So dürfte ein gebildeter Zeitgenosse Prousts hinter Legrandins Eloge auf die Opalbucht in Balbec unschwer den Anatole France des Père Goriot erkannt haben, [7], ähnlich wie dem deutschen Leser bei der Bad-Kreuznach-Skizze in Bd. III ein Verdacht auf Wilhelm Meister kommen dürfte.[8] Der wesentlichste Pastiche der Suche nach der verlorenen Zeit ist aber zweifellos der Goncourt-Pastiche zu Anfang des 7. Bandes, ein Bravourstück, bei dem Proust die Tagebücher der Brüder Goncourt imitiert und einen oder beide Goncourts (die ja stets von sich und allen anderen als Einheit wahrgenommen wurden) seinen Romanfiguren begegnen lässt, so dass der Leser z. B. Prousts Verdurin oder Swann durch die Stimme von Prousts Goncourt zu hören bekommt.[9] Im 5. Band lässt Proust in einer ähnlichen Selbstpersiflage Albertine ("sie ist mein Werk") Prousts Stil nachahmen ("so würde ich nie reden").[10] [11]

Beschreibungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Proust widmet seinen präzisen Beschreibungen besondere Aufmerksamkeit. Er kann sich seitenlang über die Kleider einer Frau oder über eine Blüte auslassen. Sein Ziel ist es dabei, Vergangenheit im Kunstwerk zu bewahren. Die Beschreibungen können auch als Schule für den Leser verstanden werden, selbst durch genauestes Beobachten Schönheit in ihrem scheinbar grauen Alltag zu entdecken.

Stil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Proust ist bekannt für seine langen Sätze, die die Neigung von Tagträumerei, vom Hölzchen aufs Stöckchen zu kommen, nachvollziehen und damit den Leser in ein Zwischenreich des Halbbewußtseins entführen, sowie für die exzessive Verwendung des Konjunktivs, der ja ebenfalls aus der platten Realität hinausführt in ein reiches Spektrum möglicher (oder alternativer) Welten. Ein Netz von Selbst-Anspielungen und Motivwiederholungen, das Proust spinnt, sorgt dafür, dass der Leser das Erinnern des Erzählers als ein eigenes Erinnern nacherleben kann. Insgesamt könnte man also sagen, dass Prousts eigenwilliger Stil die Funktion hat, die Grenzen zwischen innerem Wirklichkeitsbild und äußerer Tatsächlichkeit zu verwischen.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

A. In Frankreich

B. In Deutschland

Der »Entdecker« Prousts für Deutschland war sicherlich Rainer Maria Rilke, der bereits in einem Brief vom 21. Januar 1914 der Prinzessin Marie-Auguste von Thurn und Taxis die Lektüre empfahl und in einem Brief vom 3. Februar 1914 den Verleger Anton Kippenberg aufforderte, unverzüglich die Übersetzungs-Rechte für den Insel-Verlag zu sichern. Die erste öffentliche Stellungnahme zu Proust in Deutschland war aber wohl eine Studie des eminenten Romanisten Ernst Robert Curtius (1886–1956), die im Februar 1922 in der Zeitschrift Der Neue Merkur S. 745–761 erschien und von der Proust begeistert war (s. Prousts Brief an Curtius in Kolb (Hrsg.): Correspondance, Bd. XXI, S. 81, und dessen Antwort S. 128f). Fast zeitgleich (1923, aber Vorwort von Oktober 1922) erschien Victor Klemperers Die moderne französische Prosa, ein Studientext, in dem er Proust mit einem Ausschnitt aus Swann vorstellt (der letzte Abschnitt von Combray I) und die Passage vom »ungeheuren Bauwerk der Erinnerung« (WS, S. 70) mit den Worten kommentiert: »Man könnte die Formel aufstellen: Baudelaire + Bergson, doch ohne Bergsons Religiosität« (S. 301). Prousts literarische Bedeutung hat er offenbar nicht erkannt, obwohl er ihm die »Schluss- und Gipfelstellung« gibt: »Man wird in Marcel Prousts reichem und lockerem Skizzenbuch der modernen Seele kaum die große moderne französische Dichtung schlechthin sehen dürfen. Zu viel kühles und beklemmendes Spiel, zu viel bloßes Anschauen der Welt ohne den Versuch, einen Höhenweg in ihr zu finden, zu viel Religionslosigkeit der Haltung befremden mehr als der Verzicht auf Komposition eines Ganzen, als die Neuheit des Technischen. Aber ein Zeugnis fùr die Möglichkeiten der Verschmelzung von Romantik und Klassik ist das vielbändige und vielfältige Werk und weiter ein Zeugnis für den unversieglichen Reichtum und das ständig strömende Werden der französischen Dichtung« (S. 71f).

Einem breiteren deutschen Publikum wurde À la recherche du temps perdu eigentlich erst 1925 durch Curtius’ umfangreichen Essay Marcel Proust bekannt gemacht, der die ersten fünf Bände zum Gegenstand hat und als Teil seiner Monographie Französischer Geist im neuen Europa erschien (Einzeldruck 1955 bei Suhrkamp). Die Verzögerung lag freilich ebenfalls an Curtius, der es verstand, sein Territorium zu verteidigen und Proust dazu zu bewegen, allen Übersetzungsversuchen, so 1922 für die Tägliche Rundschau, eine Absage zu erteilen, weil sie nicht Curtius’ Beifall fanden (s. Briefwechsel Proust-Gallimard, S. 517, 519, 525). Auf Anfrage des Berliner Verlages Die Schmiede, ob denn nicht Curtius selbst eine Gesamtübersetzung erstellen wolle, lehnte dieser jedoch ab. Nach diesem »Korb« betraute der Verlag den Philologen Rudolf Schottlaender (1900–1988) mit der Übersetzung und publizierte 1926 den erster Band der SvZ unter dem Titel Der Weg zu Swann in zwei Teilbänden. Diese Ausgabe wurde – man ist versucht zu sagen: erwartungsgemäß – von Curtius so unmäßig verrissen, dass auf Druck von Gallimard der deutsche Verlag die Fortführung des Vorhabens an Walter Benjamin (1882–1940) und Franz Hessel (1880–1941) übertrug. Deren Band II, Im Schatten der jungen Mädchen, erschien 1927. Nachdem der Berliner Verlag 1929 den Betrieb einstellen musste, übernahm der Piper-Verlag München das Proust-Projekt; hier erschien 1930 in der Benjamin/Hessel-Übersetzung (in zwei Teilbänden) der dritte Band, Die Herzogin von Guermantes. Der heraufziehende Faschismus setzte dem Versuch, einen ausländischen und zudem halbjüdischen Autor in Deutschland zu publizieren, ein Ende; das Manuskript zur Übersetzung von Sodome et Gomorrhe, das Notizen Benjamins zufolge bereits 1926 fertig gewesen sein soll, ist verschollen.

1953 verkaufte der Verleger Peter Suhrkamp sein Haus in Kampen auf Sylt an das Verlegerehepaar Axel und Rosemarie Springer, um liquide genug zu sein, die Rechte an der deutschen Übersetzung vom Piper-Verlag erwerben zu können. Hier war wohl auch der Suhrkamp-Autor Hermann Hesse ein moralischer Motor, der schon seit 1925 gedrängt hatte, die »Gespinste dieses zarten Dichters«  endlich vollständig ins Deutsche zu übertragen. Noch im gleichen Jahr stellte Suhrkamp die Literaturwissenschaftlerin Eva Rechel-Mertens (1895–1981), die bei Ernst-Robert Curtius promoviert hatte, in seinem Verlag ein mit dem ausschließlichen Auftrag, eine Neu- bzw. Erstübersetzung von À la recherche du temps perdu zu erstellen; diese wurde 1957 abgeschlossen. Die Hilfsmittel, die ihr als Angestellte in einem Verlag zur Verfügung standen, erklären das erstaunliche Tempo, mit dem sie sich ihrer Aufgabe entledigte. Doch noch während Rechel-Mertens mit dem ersten Band beschäftigt war, erschien in Frankreich in Gallimards Reihe La Pléiade eine von Pierre Clarac und André Ferré überarbeitete, textkritisch kommentierte Neuausgabe der Recherche, die Rechel-Mertens dann ihrer Übersetzung zugrunde legte, notgedrungen erst nach dem ersten Band; dass der erste Band noch auf der Erstausgabe beruht, ist jedoch nicht weiter problematisch, da bei diesem Band die Unterschiede zwischen dem Text der Erstausgabe und der Clarac/Ferré-Fassung ohnehin marginal sind. Die erneute umfassende Revision des französischen Textes durch Jean-Yves Tadié in den 1980er Jahren, die sich vor allem durch Neufassungen in den Texten der postumen Bände auszeichnete, machte allerdings auch eine Überarbeitung der deutschen Übersetzung erforderlich. Diese Aufgabe übernahmen Luzius Keller und Sybilla Laemmel 1994–2004 im Rahmen einer Gesamtausgabe der Werke Prousts bei Suhrkamp, die zudem mit Editionsberichten, Anmerkungsapparat, Namenverzeichnis und Bibliographie ausgestattet wurde.

1996 und 2001 erschienen bei dtv Hanno Helblings Übersetzungen der Vorabdrucke aus der SvZ unter den Titeln Der gewendete Tag bzw. Albertine. 2002 legte der Autor Michael Kleeberg mit Combray eine Übersetzung der ersten Hälfte des ersten Bandes vor, der 2004 die zweite Hälfte unter dem Titel Eine Liebe Swanns folgte.

2013 bis 2017 erschien eine umfangreich kommentierte Neuübersetzung durch Bernd-Jürgen Fischer in sieben Bänden bei Reclam.

Einen detaillierten, katalogartigen Überblick über die Proust-Rezeption in Deutschland bis leider nur 2002 liefert Pistorius: Proust in Deutschland.[12]

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Originalausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Band erschien 1913 bei Grasset und 1919 in leicht veränderter Fassung bei Gallimard. Die übrigen Bände erschienen bei Gallimard. Die letzten drei Bände erschienen postum, wobei Proust aber Band fünf noch selbst korrigiert hatte. Band sieben hatte schon länger vollständig vorgelegen. Band sechs ("Albertine disparue") wurde von Proust Bruder, dem Arzt Robert Proust, zusammen mit Gallimards Redakteur Jacques Rivière aus dem Nachlass zusammengestellt. 1986 wurde das sog. "Mauriac-Typoskript", eine vor allem kürzende Überarbeitung des sechsten Bandes von Prousts Hand, unter dem Titel "La Fugitive" publiziert.

Übersetzung/Gesamtausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die erste deutsche Gesamtübersetzung stammt von Eva Rechel-Mertens aus den 1950er Jahren. Diese wurde im Rahmen der Frankfurter Ausgabe von Luzius Keller überarbeitet. Beide erschienen in Frankfurt/M.: Suhrkamp, hatten mehrere Auflagen, auch als Lizenzausgaben in anderen Verlagen.

  • 1953–1961: Ausgabe in sieben Bänden:
    • In Swanns Welt
    • Im Schatten junger Mädchenblüte
    • Die Welt der Guermantes
    • Sodom und Gomorra
    • Die Gefangene
    • Die Entflohene
    • Die wiedergefundene Zeit
  • 1964: Werkausgabe in 13 Bänden (1.–5. und 7. Band als je zwei Teilbde.).
  • 1979: Ausgabe in zehn Bänden, suhrkamp taschenbuch sowie gebunden (2.–4. Band als je zwei Teilbde.).
  • 1980: Ausgabe in drei Bänden, erneut 2000 Jubiläumsausgabe.
  • 1994–2002.: Frankfurter Ausgabe mit überarbeiteten Titeln, hg. v. Luzius Keller, ISBN 3-518-41385-6:

Teilausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörbuch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Teil 1–7 Ungekürzte Gesamtausgabe auf 135 CDs (Lengfeld’schen Buchhandlung, Köln). Sprecher: Bernt Hahn und Peter Lieck, basierend auf der von Eva Rechel-Mertens übersetzten und von Luzius Keller revidierten Frankfurter Ausgabe des Suhrkamp Verlags.[13]
  • Auf der Suche nach der verlorenen Zeit Teil 1–7 Gesamtausgabe. CD und MP3-CD bei der Hörverlag als ungekürzte Lesung von Peter Matić, ISBN 978-3-86717-682-8. Das Werk wurde zum „Hörbuch des Jahres 2010“ der Hörbuchbestenliste gekürt und basiert auf der von Eva Rechel-Mertens übersetzten unrevidierten Ausgabe.

Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz der Komplexität des Romans gab es inzwischen Versuche, zumindest Teile des Zyklus zu verfilmen: Volker Schlöndorffs Eine Liebe von Swann (1983) mit Jeremy Irons und Ornella Muti sowie Die wiedergefundene Zeit von Raúl Ruiz mit Catherine Deneuve, Emmanuelle Béart und John Malkovich wie auch Die Gefangene von Chantal Akerman.

Der Versuch einer Verfilmung des gesamten Werks: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (A la recherche du temps perdu) entstand 2011 in Frankreich unter der Regie von Nina Companéez in 2 Teilen mit 113 und 119 Min. Der Fernsehfilm wurde 2012 im deutschen Fernsehen gezeigt.

Comic[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1998 arbeitet der französische Comic-Zeichner Stéphane Heuet an einer Comic-Adaption des Zyklus.

Beispiele für Rezeption durch deutsche Künstler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Autor Jochen Schmidt veröffentlichte 2008 eine 600-Seiten-Zusammenfassung, „Schmidt liest Proust“, nachdem er ein halbes Jahr jeden Tag 20 Seiten von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ gelesen hatte. Dabei fasst er Handlungsläufe zusammen und kombiniert diese Zusammenfassung mit einer eigenen Lese- und Lebenschronik.[14]

Hannah Arendt beschreibt in ihrem Essay Faubourg Saint-Germain[15] Prousts Figuren in Sodom und Gomorrha als ein Beispiel für die Wurzellosigkeit des assimilierten Judentums in Frankreich. Seine Verbindung mit dem Adel vermochte den Antisemitismus im Lande nicht zu mäßigen, im Gegenteil.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bibliographien
  • Victor E. Graham: Bibliographie des études sur Marcel Proust et son œuvre. Genf: Droz 1976.
  • Marie und George Pistorius: Marcel Proust und Deutschland: Eine internationale Bibliographie. Mit einem Vorwort von Reiner Speck. 2., neu bearb. u. erw. Aufl. 2002.
Nachschlagewerke
  • Ulrike Sprenger: Proust-ABC. Leipzig: Reclam 1997. ISBN 3-379-01601-2.
  • Philippe Michel-Thiriet: Das Marcel Proust Lexikon. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999. ISBN 978-3-518-39549-3.
  • Luzius Keller (Hrsg.): Marcel Proust Enzyklopädie. Hamburg: Hoffmann und Campe 2009. ISBN 978-3-455-09561-6.
  • Bernd-Jürgen Fischer: Handbuch zu Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit". Ditzingen: Reclam 2017. ISBN 978-3-15-010982-3.
Einzeldarstellungen
  • Angelika Corbineau-Hoffmann: Marcel Proust: „A la recherche du temps perdu“. Einführung und Kommentar. Francke, Tübingen 1993. ISBN 3-8252-1755-8.
  • Meindert Evers: Proust und die ästhetische Perspektive. Eine Studie über „A la recherche du temps perdu“. Königshausen & Neumann, Würzburg 2004. ISBN 3-8260-2853-8.
  • Jean Firges: Marcel Proust. Die verlorene Zeit. Die wiedergefundene Zeit. Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie, 28. Sonnenberg, Annweiler 2009. ISBN 978-3-933264-57-2 (mit wissenschaftl. Bibliographie).
  • Hanno Helbling: Erinnertes Leben. Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“. Suhrkamp, Frankfurt 1988, ISBN 3-518-38047-8.
  • Hans Robert Jauß: Zeit und Erinnerung in Marcel Prousts „A la recherche du temps perdu“. Ein Beitrag zur Theorie des Romans. Suhrkamp, Frankfurt 1986, ISBN 3-518-28187-9.
  • Georges Poulet: Marcel Proust: „A la Recherche du Temps perdu“. in Walter Pabst (Hg.): Der moderne französische Roman. Interpretationen. Ernst Schmidt, Berlin 1968, S. 120–133.
  • Philipp Reuter: Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Piper, München 1999, ISBN 3-492-22890-9.
  • Henning Teschke: Marcel Proust, „A la recherche du temps perdu“ 1913–1927. in Wolfgang Asholt (Hg.): Interpretationen. Französische Literatur, 20. Jahrhundert: Roman. Stauffenburg, Tübingen 2007, ISBN 978-3-86057-909-1.
  • Eric Karpeles: Marcel Proust und die Gemälde aus der verlorenen Zeit. Dt. Erstausgabe: DuMont Buchverlag 2010, ISBN 978-3-8321-9276-1. Der Maler Eric Karpeles stellt Prousts Roman den Bildern der europäischen Kunstgeschichte gegenüber, die seine Figuren inspiriert und beeinflusst haben.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: À la recherche du temps perdu – Quellen und Volltexte (französisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. In Search of Lost Time. In: Encyclopædia Britannica.
  2. Der Literaturwissenschaftler und Vizevorsitzende der Proust-Gesellschaft in Deutschland Jürgen Ritte im Interview über den literarischen Meister Marcel Proust: [1]
  3. Jürgen Ritte im Interview über Marcel Proust: [2]
  4. Firges, Jean (2009): Margel Proust: Die verlorene Zeit - Die wiedergefundene Zeit. Sonnenberg Verlag Annweiler.
  5. Siehe dt. insbes. "Die Lemoine-Affäre" in Proust: "Nachgeahmtes und Vermischtes", Suhrkamp 1989, S. 11–85.
  6. Siehe dt. die Sammlung von Entwurfstexten in "Gegen Sainte-Beuve", Suhrkamp 1997.
  7. Siehe dt. Proust: "Auf dem Weg zu Swann", Reclam 2013, S. 183.
  8. Siehe dt. Proust: "Der Weg nach Guermantes", Reclam 2015, S. 344f.
  9. Siehe dt. Proust: "Die wiedergefundene Zeit", Reclam 2017, S. 24–35.
  10. Siehe dt. Proust: "Die Gefangene", Reclam 2015, S. 166–169.
  11. Siehe dazu umfangreich insbesondere in: Milly, Jean (1970): Les Pastiches de Proust. Librairie Armand Colin; sowie Milly, Jean (1970): Proust et le style. Slatkine Genève.
  12. Bernd-Jürgen Fischer: Handbuch zu Marcel Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit", Ditzingen: Reclam 2018. S. 137–140.
  13. Webseite der Edition der Lengfeld’schen Buchhandlung
  14. Schmidt, Jochen (2008): Schmidt liest Proust. Verlag Voland & Quist, Dresden und Leipzig: [3]
  15. [Arendt, Hanna (1986): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft], München: Piper, S. 190–211; Wiederabdruck in: Essays berühmter Frauen. Hg. Marlis Gerhardt. Insel, Frankfurt 1997 ISBN 3-458-33641-9, S. 54–71
  16. Eine Interpretation von Arendts Essay sowie "Zur Funktion und Gestaltung des 'imaginaire social' in Marcel Prousts Werk" insgesamt erschien als Dissertation von Anette Weber an der FU Berlin 2002: Online