Aufbahrung der Märzgefallenen

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Aufbahrung der Märzgefallenen (Adolph Menzel)
Aufbahrung der Märzgefallenen
Adolph Menzel, 1848
Öl auf Leinwand
45 × 63 cm
Hamburger Kunsthalle

Aufbahrung der Märzgefallenen ist ein unvollendetes Ölgemälde des Malers Adolph Menzel aus dem Jahr 1848. Das Ereignisbild zeigt die Aufbahrung von 183 Särgen der Gefallenen der Märzrevolution in Berlin, die auch Märzgefallene genannt werden, auf den Stufen des Deutschen Domes am Berliner Gendarmenmarkt. Mehrere hundert Menschen waren bei Barrikadenkämpfen am 18. und 19. März 1848 in Berlin gefallen.

Historischer Kontext[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

→ siehe Hauptartikel zur Märzrevolution 1848 in Berlin

Im Zuge der europaweiten Revolution von 1848 kam es am 18./19. März auch in Berlin zu einer gewaltsamen Konfrontation zwischen Zivilisten und königlichen Soldaten. Adolph Menzel hielt sich zu diesem Zeitpunkt jedoch noch in Kassel auf, sodass er kein Augenzeuge der Kampfhandlungen war. Erst am Abend des 21. März 1848 kehrte er nach mehrmonatiger Abwesenheit in die preußische Hauptstadt zurück. Am Morgen des 22. März 1848 nahm er wahrscheinlich an der Trauerfeier teil. Die Zeremonie nahm ihren Anfang auf dem Gendarmenmarkt: Auf den Stufen des Deutschen Doms wurden die mit Kränzen und Schleifen verzierten Särge der Märzgefallenen aufgebahrt. Menzel beobachtete diese Szene aller Wahrscheinlichkeit nach von den Stufen des Französischen Doms aus. Eben jene Perspektive sollte später bei dem Gemälde wieder auftauchen. Ziel des Trauerzuges war der eigens angelegte Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain.[1] Seinem Freund und Förderer, dem Tapetenfabrikant Carl Heinrich Arnold schilderte Menzel seine Eindrücke wie folgt:

„Das war ein traurig feierlicher Tag, dergleichen in Berlin zu erleben, man nicht gedacht hätte. (...) Über den Verlauf des großartigen Leichenbegängnisses sehen Sie die Berliner Zeitungen nach.“[2]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die schwarzen Särge sind auf dem Gemälde nur verschwommen angedeutet. Sie scheinen direkt übereinander zu liegen. Die Menschenmenge wird in der Mitte geteilt dargestellt, da ein weiterer Sarg zum Deutschen Dom getragen wird. Am rechten Bildrand sind die Treppenmauern des Schauspielhauses zu sehen, auf denen sich mehrere Personen niedergelassen haben. Die Menschen blicken zu den Särgen, aber auch auf ihre Gesprächsteilnehmer. Ihre Körperhaltungen wirken "erregt" und "lebhaft". Dabei hält Menzel auch die soziale Heterogenität der Menge fest; Bürger, Handwerker, Studenten und Angehörige der Bürgerwehr. Auch einige Frauen, Kinder und ein Arbeiter sind dargestellt.[3]

Das Gemälde ist zum Teil verschwommen, geradezu ein Vorgriff auf den Impressionismus. Menzel, der eigentlich für seine Detailtreue bekannt war, ließ Menschen aus der abgebildeten Menge auf dem Gendarmenmarkt sowie Einzelheiten des Deutschen Domes wie die Statuen und Reliefs im Dreiecksgiebel teilweise vage. Das Bild, das Jost Hermand eine „Ölskizze“ genannt hat,[4] ist erkennbar unvollendet; so ist die linke untere Ecke nicht ausgemalt, sondern noch im Entwurfsstadium. Seine Größe von lediglich 63 × 45 cm spricht dafür, dass es sich um eine Vorstudie zu einem geplanten Gemälde handelt, das nie realisiert wurde. Gleichwohl hat Menzel es signiert; die Signatur befindet sich links im unvollendeten Teil des Bildes.

Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Kunstgeschichte wird kontrovers darüber gestritten, ob Menzels Gemälde tatsächlich Partei für die Revolution von 1848 ergriff. In diesem Zusammenhang wird häufig die Frage gestellt, warum Menzel das Gemälde unvollendet ließ. Der Kunsthistoriker Gisold Lammel macht "Menzels Enttäuschung über den Ausgang der Revolution" für den unfertigen Zustand verantwortlich: Nach Lammel hätte Menzel zum liberalen Lager gehört. Menzel habe dementsprechend die gewaltsame "Revolution von unten" bzw. den Berliner Barrikadenkampf zwar abgelehnt, aber als Reaktion darauf, die politische Umgestaltung Preußens zu einer konstitutionellen Monarchie erwartet. Tatsächlich blieben dem bald schon entstehenden preußischen Verfassungsstaat jedoch auch langfristig autoritäre Elemente erhalten. Ebenso sei, so Lammel, die von Menzel befürwortete Gründung eines deutschen Nationalstaates unter preußischer Führung vorerst noch gescheitert. Diese Enttäuschungen hätten dazu geführt, dass der Künstler sich 1849 verstärkt Friedrich dem Großen als Bildmotiv zu wandte und seine Arbeit an dem Revolutionsgemälde einstellte. In dem längst verstorbenen preußischen Herrscher habe Menzel einen Monarchen sehen wollen, der den Wünschen des Volkes entgegengekommen sei. Eine vom Volk angestoßene Reformierung der Staatsordnung wurde unrealistischer, womit die "Aufbahrung der Märzgefallenen" die Aufmerksamkeit des Künstlers verloren hätte.[5]

Das Bild gilt als Novum in der deutschen Malerei, da es mit dem Sujet indirekt eine Kritik an den bestehenden Machtverhältnissen übt. Der Feuilletonist Bernhard Schulz bezeichnete das Gemälde im Tagesspiegel als eines der „herausragenden Gemälde des Jahrhunderts“.[6] Der Kunsthistoriker Hubertus Kohle hat das Gemälde als Anzeichen innerhalb des Werks Menzels gesehen, dass die intensive Beschäftigung mit der Geschichte Preußens – etwa in berühmten Gemälden zu Friedrich II. – zeitlebens ambivalent blieb; er habe in König Friedrich Wilhelm IV., der als Monarch für die Eskalation der Gewalt im März 1848 verantwortlich war, einen schwachen Herrscher gesehen und dem das Ideal des heroischen Königs der Aufklärungszeit gegenübergestellt. So zeige sich Menzel „nahezu“ als „Schwärmer für die demokratischen Ideale der Bürgerlichen Revolution“.[7] Gemäß Christopher B. With zeigte Menzel allerdings eine zwiespältige Haltung zur Revolution, zumal im Lauf des Jahres 1848 seine Haltung deutlich konservativer wurde. Albert Boime dagegen sieht Menzel als vollständig der Perspektive der bisherigen Eliten verpflichtet.[8]

Provenienz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das erste Zeugnis über das Bild gab Alexander von Ungern-Sternberg, der 1848 oder kurze Zeit später Menzel in Berlin kennenlernte und sein Atelier besuchte. Er erwähnte eine „Skizze, die die Ausstellung der zahllosen Särge der Gefallenen auf dem Gendarmenmarkte darstellte“ und die ihm Menzel nähergebracht habe.[9] Erstmals ausgestellt wurde das Gemälde bei einer Retrospektive seiner Gemälde aus Anlass seines 80. Geburtstags 1895 in der Berliner Akademie der Künste. 1896 wurde das Gemälde in der Menzel-Ausstellung der Hamburger Kunsthalle gezeigt[10] und im Jahr 1902 von ihr erworben. Der damalige Direktor Alfred Lichtwark hatte die Gelegenheit, den Maler über das Bild zu befragen. Dieser antwortete ihm, er

„wäre mit Herzklopfen und hoher Begeisterung für die Ideen, in deren Dienst die Opfer gefallen [sind] an die Arbeit gegangen, aber ehe es fertig gewesen wäre, hätte er gesehen, dass alles Lüge oder dummes Zeug gewesen wäre. Daraufhin hätte er das Bild mit dem Gesicht gegen die Wand gestellt und in seinem Ekel keine Hand mehr daran legen mögen …“.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Françoise Forster-Hahn: „Die Aufbahrung der Märzgefallenen“. Menzel’s Unfinished Painting as a Parable of the Aborted Revolution of 1848. In: Christian Beutler, Peter-Klaus Schuster, Martin Warnke (Hrsg.): Kunst um 1800 und die Folgen. Prestel, München 1988, S. 221–232 (englisch).
  • Karin Gludovatz: Nicht zu übersehen. Der Künstler als Figur der Peripherie in Adolph Menzels „Aufbahrung der Märzgefallenen in Berlin“ (1848). In: Edith Futscher u. a. (Hrsg.): Was aus dem Bild gefällt. Figuren des Details in Kunst und Literatur. München u. a. 2007, S. 237–263.
  • Françoise Forster-Hahn: Das unfertige Bild und sein fehlendes Publikum. Adolph Menzels „Aufbahrung der Märzgefallenen“ als visuelle Verdichtung politischen Wandels. In: Uwe Fleckner (Hrsg.): Bilder machen Geschichte: Historische Ereignisse im Gedächtnis der Kunst. De Gruyter, Berlin 2014, S. 267–279.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ulrike Ruttmann: Die Tradition der Märzrevolution. In: Lothar Gall (Hrsg.) Aufbruch zur Freiheit. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums und der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Nicolai, Berlin 1998, S. 164.
  2. Gisold Lammel, Adolph Menzel: Bildwelt und Bildregie, Verlag der Kunst, Dresden 1993. S. 60.
  3. Ulrike Ruttmann: Die Tradition der Märzrevolution. In: Lothar Gall (Hrsg.) Aufbruch zur Freiheit. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums und der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Nicolai, Berlin 1998, S. 164.
  4. Jost Hermand: Politische Denkbilder. Von Caspar David Friedrich bis Neo Rauch. Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2011, ISBN 978-3-412-20703-8, S. 56.
  5. Gisold Lammel: Adolph Menzel. Frideriziana und Wilhelmiana. Verlag der Kunst, Dresden 1988. S. 32–33.
  6. Bernhard Schulz: 200. Geburtstag von Adolph Menzel: Genie durch Fleiß. In: Der Tagesspiegel, 4. Dezember 2015.
  7. Rainer Berthold Schossig: Adolph Menzel: Der einsame Beobachter. In: Deutschlandfunk, 8. Dezember 2015.
  8. Christopher B. With: Adolph von Menzel and the German Revolution of 1848. In: Zeitschrift für Kunstgeschichte. Band 42, 1979, S. 195–214; Albert Boime: Social Identity and Political Authority in the Response of two Prussian Painters to the Revolution of 1848. In: Art History. Band 13, 1990, S. 344–387.
  9. Alexander von Sternberg: Erinnerungsblätter. Band 5. Brockhaus, Leipzig 1859, S. 29.
  10. Françoise Forster-Hahn: Das unfertige Bild und sein fehlendes Publikum. Adolph Menzels „Aufbahrung der Märzgefallenen“ als visuelle Verdichtung politischen Wandels. In: Uwe Fleckner (Hrsg.): Bilder machen Geschichte: Historische Ereignisse im Gedächtnis der Kunst. De Gruyter, Berlin 2014, S. 267–279, hier S. 499 (Endnote 7).
  11. Gisela Hopp: Hamburger Kunsthalle. Meisterwerke. Hrsg. von Uwe Schneede, H. R. Leppien. Edition Braus, Heidelberg 1994, ISBN 3-89466-105-4, S. 251.