Zerfall der Sowjetunion

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Nach der Auflösung der Sowjetunion wurde das Staatswappen der Sowjetunion mit der Aufschrift „СССР“ (oben) an der Fassade des Großen Kremlpalasts durch fünf Doppeladler mit dem Wappen Russlands (unten) ersetzt.

Der Zerfall der Sowjetunion war ein mehrjähriger Prozess der Desintegration der föderalen politischen Strukturen sowie der Zentralregierung der Sowjetunion (UdSSR), der mit der Unabhängigkeit der 15 sowjetischen Unionsrepubliken zwischen dem 11. März 1990 und dem 25. Dezember 1991 seinen Abschluss fand. Nach dem gescheiterten Augustputsch in Moskau 1991 wurde die Tätigkeit der bis dahin allein regierenden KPdSU auf dem Gebiet der RSFSR verboten.

Am 8. Dezember 1991 unterzeichneten die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands, das heißt Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislau Schuschkewitsch, im Nationalpark Beloweschskaja den sogenannten Vertrag von Minsk bzw. die Vereinbarungen von Beloweschskaja Puschtscha,[1] worauf Schuschkewitsch dem sowjetischen Präsidenten Gorbatschow die Vertragsunterzeichnung telefonisch mitteilte. In diesen Vereinbarungen wurde die offizielle Auflösung der Sowjetunion festgehalten, der Vertrag zur Schaffung der UdSSR von 1922[2] außer Kraft gesetzt und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten gegründet, die am 21. Dezember 1991 mit der Alma-Ata-Erklärung bestätigt wurde. Die Auflösung des weltgrößten kommunistischen Staates markierte zugleich das Ende des Kalten Krieges.

Erste Anzeichen[Bearbeiten]

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begann sich die Sowjetische Intervention in Afghanistan als Fiasko abzuzeichnen. Die Nuklearkatastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986, verursacht durch inkompetenten Umgang mit Hochtechnologie, wurde zu einem Symbol für das Versagen des kommunistischen Systems.[3] Anstatt die Bürger aufzuklären, ordnete die sowjetische Regierung an, das Ausmaß der Reaktor-Explosion geheim zu halten.[4]

Gorbatschows Konzepte von Perestroika („Umgestaltung“) und Glasnost („Offenheit“) konkretisierten sich erstmals öffentlich wahrnehmbar, als er im Dezember 1986 die Verbannung des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow und seiner Frau Jelena Bonner aufhob. Die in diesen Jahren neu belebte freie Meinungsäußerung richtete sich zunächst gegen den Stalinismus und führte zu einer Neubewertung Stalins in der Geschichte der Sowjetunion.[5]

Die Revolutionen im Jahr 1989 in verschiedenen Staaten des Ostblocks beschleunigten den Zerfallsprozess in der Sowjetunion. Im Oktober 1989 verkündete Präsident Michail Gorbatschow bei einem Staatsbesuch in Helsinki die sogenannte Sinatra-Doktrin, die den Staaten des Warschauer Pakts erlaubte, ihre inneren Angelegenheiten souverän zu regeln.

Folgen und Bewertung[Bearbeiten]

Nach der Auflösung der Sowjetunion und dem Zusammenbruch der Planwirtschaft Ende der 1980er Jahre ging die gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland von 1990 bis 1996 Jahr für Jahr zurück. In diesem Zeitraum verringerte sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Russland insgesamt um etwa 40 % und nahm dann ab 1999 jährlich zwischen 5 und 10 % zu. Noch im Jahr 2010 lag die russische Industrieproduktion laut Statistikamt bei nur 83,8 Prozent des Niveaus von 1991 – im Fahrzeugbau lag der Ausstoß sogar nur bei 49,6 Prozent.[6]

In Kirgisistan sprechen vorsichtige Schätzungen von einem Anstieg der Armut auf über 75 % im Jahr 1993 bei einem Rückgang des BIP von 21 %. Auch 1997 lebten noch 50 % der kirgisischen Bevölkerung in Armut.[7]

In Kuba wurde der Zerfall der Sowjetunion zum Auslöser einer Wirtschaftskrise unter der Bezeichnung Sonderperiode.

Die Lebenserwartung in Russland sank zwischen 1991 und 1994 von 69 auf weniger als 64 Jahre und trug entscheidend zu den Sterbeüberschüssen bei. Besonders der Gesundheitszustand von Männern verschlechterte sich – sie konnten Mitte der 1990er Jahre lediglich mit einer durchschnittlichen Lebenszeit von 58 Jahren rechnen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts lag die Lebenserwartung mit 62,8 Jahren noch immer niedriger als in Bangladesch.[8]

Zudem kam es nach dem endgültigen Zerfall der Sowjetunion in zahlreichen Regionen zu bewaffneten Konflikten. Beispiele dafür sind der Erste (1994–1996) und der Zweite Tschetschenienkrieg (1999–2009), der Tadschikische Bürgerkrieg 1992–1997, der Dagestankrieg 1999, der Bergkarabachkonflikt 1988–1994, der Georgisch-Abchasische Krieg 1992–1993, der Kaukasuskrieg 2008, die Unruhen in Südkirgisistan 2010, der Transnistrien-Konflikt mit dem Höhepunkt 1992, die Krimkrise und der Krieg in der Ukraine seit 2014 sowie die Russische Verfassungskrise 1993 in Moskau.

In seiner Rede zur Lage der Nation im April 2005 bezeichnete der russische Präsident Wladimir Putin den Zerfall der Sowjetunion 1991 als „die größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts.[9]

„Vielen war klar, dass die UdSSR nach dem Putschversuch im August 1991 bereits zerfallen war, sie fürchteten sich jedoch davor, das auch auszusprechen.“

Stanislau Schuschkewitsch[10]

Chronologie der Unabhängkeitserklärungen auf dem Gebiet der UdSSR[Bearbeiten]

Gebiete, die nur teilweise als Staaten anerkannt werden, sind kursiv gesetzt.

Vor dem Augustputsch[Bearbeiten]

Die provisorischen Unabhängigkeitserklärungen Estlands und Lettlands traten während des Augustputsches am 20. bzw. 21. August 1991 endgültig in Kraft.

Nach dem Augustputsch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Беловежские соглашения
  2. Договор об образовании СССР
  3. D. A. Wolkogonow: Die Sieben Führer. Aufstieg und Untergang des Sowjetreichs. Übersetzt von Udo Rennert. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2001. S. 471.
  4. DW, 20. April 2006
  5. Harold Shukman in: D. A. Wolkogonow: Die Sieben Führer. Aufstieg und Untergang des Sowjetreichs. Übersetzt von Udo Rennert. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2001. S. I.
  6. Wirtschaftsblatt.at, 23. August 2011
  7. Sozialpolitik in Entwicklungsländern Markus Porsche-Ludwig. LIT Verlag Münster, 2013
  8. Berlin-Institut: Die schrumpfende Weltmacht
  9. Die Zeit, 27. April 2005
  10. M. Malek und A. Schor-Tschudnowskaja, Hrsg.: Der Zerfall der Sowjetunion. Ursachen – Begleiterscheinungen – Hintergründe. Nomos Verlag. Baden-Baden 2013, ISBN 978-383-296-3200, S. 12.