Aufschrei

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#aufschrei (sprich: Hashtag Aufschrei) ist ein Hashtag, mit dem Anfang 2013 beim Mikroblogging-Dienst Twitter Nachrichten über sexistische Erfahrungen versehen wurden. Derartig gekennzeichnete Tweets waren Beiträge zu einer Debatte über Sexismus, die durch die Publikation einer als übergriffig beschriebenen Begegnung mit dem FDP-Politiker Rainer Brüderle ausgelöst wurde.

Entwicklung der Debatte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 24. Januar 2013 veröffentlichte die Illustrierte Stern einen Artikel der Journalistin Laura Himmelreich über den Spitzenkandidaten der FDP für die Bundestagswahl 2013 Rainer Brüderle, den sie darin sexuell übergriffigen Verhaltens ihr gegenüber bezichtigte.[1] Die Ankündigung dieses Artikels am 23. Januar 2013[2] markierte den Beginn einer Sexismus-Debatte in Deutschland. Vorangegangen war ein Artikel von Annett Meiritz, der im Spiegel erschien und Frauenfeindlichkeit in der Piratenpartei thematisierte.[3]

Nachdem die Twitternutzerin Nicole von Horst eigene Erlebnisse twitterte,[4] etablierte die Feministin Anne Wizorek am 24. Januar 2013[5][6] mit anderen jungen Frauen bei Twitter das Hashtag #aufschrei, was eine Lawine aus Tweets über Bemerkungen und Übergriffe auslöste, denen Frauen sich in ihrem alltäglichen Leben ausgesetzt sehen und die sie als sexistisch empfinden.[7] Vom 21. bis 27. Januar 2013 kam das Hashtag auf über 57.000 Twitter-Nachrichten, von denen aber nicht alle das Anliegen der Initiatorin unterstützten.[8][9][10] Die Sexismus-Debatte war danach auch Thema in Print-Medien und Fernsehsendungen wie den Talkshows Markus Lanz, Maybrit Illner[11] und Günther Jauch[12] sowie in der internationalen Presse[13] und „schwappte bis in die USA“.[14] So berichtete unter anderem die New York Times in mehreren Artikeln über die Ereignisse und kommentierte sie.[15]

Der Begriff Sexismus wurde in der anschließenden Debatte nicht einheitlich verwendet, sie ist auch zu einer Suche nach verbindlichen Regeln geworden.[16] Die Publizistin Birgit Kelle kritisierte in einer Kolumne sowie einem Buch, beide unter dem Titel „Dann mach doch die Bluse zu“, dass die Bewertung von männlichem Verhalten als heißer Flirt oder als Sexismus auch von persönlichen Befindlichkeiten abhängt und dadurch zur Beliebigkeit verkomme. Hätte nicht Rainer Brüderle, sondern George Clooney dieselben Worte mit Laura Himmelreich gewechselt, hätte das Gespräch vielleicht einen „ganz neuen Dreh“ bekommen. Auch die Thematik „Sexismus unter (bzw. gegenüber) Männern“ spielt in der Diskussion teilweise eine Rolle,[17][18][19][20][21][22] zudem werden Machtverhältnisse kritisch diskutiert.[23] Die Journalistin Margarita Tsomou kritisierte in der Zeitschrift analyse & kritik, dass in dem Diskurs die gesellschaftlichen Verhältnisse gegenüber homosexuellen, bisexuellen und transsexuellen Menschen und intersektionale Verstärkungen, etwa bei „nicht-weißen Frauen“, bisher ausgelassen worden seien.[24] Mehrere prominente Beteiligte an der Debatte, wie Anke Domscheit-Berg und Wolfgang Gründinger, forderten zu einer Diskussion über „neue Geschlechterleitbilder“ auf.[25][26] Ein Jahr später, nach Start der Kampagne, forderte Wizorek in einem Interview ein modernes Männerbild.[27] Im September 2014 arbeitete Anne Wizorek die Aufschrei-Kampagne in einem Buch auf, welches sich als eine Art „Kurzanleitung in Sachen Feminismus für Netzaffine“ [28] darstellt.

„Tugendfuror“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang März 2013 kommentierte Bundespräsident Joachim Gauck in einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel die Affäre mit den Worten: „Wenn so ein Tugendfuror herrscht, bin ich weniger moralisch, als man es von mir als ehemaligem Pfarrer vielleicht erwarten würde.“ Weiter erklärte er, dass es mit Sicherheit in der Frauenfrage noch einiges zu tun gebe. „Aber eine besonders gravierende, flächendeckende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen kann ich hierzulande nicht erkennen.“[29] Auf der Plattform alltagssexismus.de wurde daraufhin ein offener Brief zur Unterzeichnung veröffentlicht, in dem Gauck aufgefordert wurde, die Geschichten, die unter dem Hashtag #aufschrei dort sowie auf Twitter nachzulesen seien, zur Kenntnis zu nehmen. Auch gegen das Wort „Tugendfuror“ verwahrten sich die Unterzeichnerinnen des Aufrufs. Er werde „ähnlich wie ‚Hysterie‘ abwertend verwendet, um die Wut von Frauen lächerlich zu machen und als Überemotionalität zu deklassieren. Damit bedienen Sie jahrhundertealte Stereotype über Frauen – Stereotype, die sexistische Strukturen aufrecht erhalten und Geschlechtergerechtigkeit im Weg stehen“, heißt es in dem Text.[30]

Gaucks Pressesprecherin erklärte, der Bundespräsident beantworte grundsätzlich keine offenen Briefe, werde sich aber während seiner Amtszeit mit Geschlechtergerechtigkeit auseinandersetzen.[31] Später versuchte Gauck, den Konflikt zu entschärfen, und erklärte anlässlich des Weltfrauentages am 8. März, es gebe „noch Benachteiligung, auch Diskriminierung und alltäglichen Sexismus“.[32] Er begrüße es, wenn „Frauen wie Männer gleichermaßen – darüber eine ebenso engagierte wie ernsthafte Debatte führen“.[33]

Eine Bloggerin wünschte Gauck, „mal drei Monate lang als junge Frau nachts durch deutsche Städte laufen zu müssen“[31] und Christiane Jörges kommentierte in ihrer Kolumne seine Haltung mit der Bemerkung, er sei durch die Rede vom Tugendfuror „kenntlich“ geworden – „als alter Mann und Mann des Alten“.[34]

Grimme Online Award[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 21. Juni 2013 wurde #aufschrei mit dem Grimme Online Award in der Kategorie „Spezial“ ausgezeichnet. In der Begründung betonte die Jury, dass zuvor noch keine in einem sozialen Medium angestoßene Diskussion ein derart breites Echo in den traditionellen Medien und in der Politik gefunden habe. Der Hashtag habe die Wichtigkeit der sozialen Medien für die gesellschaftliche Debatte über virulente Themen gezeigt. Gleichzeitig drückte die Jury ihre Hoffnung auf eine neue, „verzahnte On- und Offline-Debattenkultur“ aus. Gewinner seien alle „Hashtag-Nutzer, die die Problematik des existierenden Alltagssexismus konstruktiv diskutiert“ hätten.[35]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aufschreien gegen Sexismus. Abgerufen am 30. Juni 2013 (von den #aufschrei-Initiatorinnen eingerichteter Blog über Alltagssexismus).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Laura Himmelreich: Der Herrenwitz. In: Stern 5/2013. Auf stern.de am 1. Februar 2013. Abgerufen am 24. Juni 2013.
  2. Franziska Reich, Andreas Hoidn-Borchers: Der spitze Kandidat. Auf: stern.de am 23. Januar 2013
  3. Debatte: "Man liest ja so einiges über Sie" spiegel.de vom 14. Januar 2013
  4. "Wir haben das Schweigen gebrochen" tagesschau.de vom 25. Januar 2014
  5. Screenshot vom 24. Januar 2013. Auf: twitter.com am 24. Januar 2013
  6. Hannah Beitzer: Netzfeministin Anne Wizorek. Männer, ihr habt doch ein Gehirn! Süddeutsche Zeitung 11. Februar 2013
  7. #Aufschrei auf Twitter: „Männer nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr“, Spiegel Online 25. Januar 2013
  8. Aufschrei führt zu Twitter-Rekord. Spiegel Online. 8. Februar 2012. Abgerufen am 24. Juni 2013.
  9. Mediamonitoring, zitiert u. a. in: Lena Jakat: TV-Kritik zu Günther Jauch. Mit flachen Witzen gegen den #aufschrei, Süddeutsche Zeitung 28. Januar 2013
  10. Sexismus-Debatte: Auf Twitter erschallte mehr als 49.000 Mal ein #aufschrei – STERN.DE, 8. Februar 2013
  11. Sexismus: Brüderle-Talk bei Illner mit Kubicki und Roth – SPIEGEL ONLINE, 1. Februar 2013
  12. Melanie Mühl: #Dirndl bei #Jauch, FAZ 28. Januar 2013
  13. Zum Beispiel: Frédéric Lemaître: Le déclin du mâle blanc allemand, Le Monde, 7. Februar 2013, Online
  14. Sexismus-Debatte bei Markus Lanz: „Brüderle ist auf sein Alter reduziert worden“ – „Ein eiskalter Vorgang“ – FOCUS Online
  15. Meliassa Eddy, Chris Cottrell: German Politician’s Remark Stirs Outcry Over Sexism, NYT 28. Januar 2013
  16. Nina Pauer (Kommentar): Im Knigge-Wahn, auf: Zeit online
  17. Faz.net: Ende des Patriarchats: Der Feminismus hat sich verirrt
  18. zeit.de: „Sexismus gibt’s auch unter Männern“
  19. Eventuell Sexismus freitag.de vom 31. Januar 2013
  20. "FDP-Minister: Niebel kritisiert Sexismus gegen Männer" spiegel.de vom 3. Februar 2013
  21. "Rollenklisches in Männermagazinen: Harte Stecher" taz.de vom 5. Juni 2013
  22. "Maskulinisten dominieren nur im Netz" taz.de vom 24. Juni 2013
  23. zeit.de: „Es gibt auch Sexismus von Frauen gegen Männer“
  24. Margarita Tsomou: „Der Aufschrei, der (nicht) gehört wurde“, In: ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 580 / 15. Februar 2013
  25. Gespräch auf heute.de: „Wie sollen Männer denn jetzt sein?“ (Memento vom 12. April 2013 im Webarchiv archive.is)
  26. Anke Domscheit-Berg beim taz.lab.: „Es geht anders“, taz.de 6. Februar 2013
  27. "Wir haben das Schweigen gebrochen" tagesschau.de vom 25. Januar 2014
  28. Heide Oesterreich: Buch „Weil ein #Aufschrei nicht reicht“. Feminismus? Fuck, yeah!, taz vom 3. Oktober 2014
  29. Sexismus-Debatte: Gauck beklagt „Tugendfuror“ im Fall Brüderle. In: Spiegel online. 3. März 2013. Abgerufen am 3. März 2013.
  30. Heide Oestreich: Offener Brief junger Feministinnen. Gauck kriegt Stress. In: taz.de. 6. März 2013. Abgerufen am 7. März 2013.
  31. a b Antonie Rietzschel: #Aufschrei wegen Gauck. Sexismus-Debatte als "Tugendfuror". In: Süddeutsche.de. 6. März 2013, abgerufen am 30. Juni 2013.
  32. Gauck geht auf seine Kritiker zu. Sexismus-Debatte. In: stern.de. 7. März 2013, abgerufen am 30. Juni 2013.
  33. Holger Schmale: Gauck fest an der Seite der Frauen. In: Frankfurter Rundschau. 7. März 2013, abgerufen am 30. Juni 2013.
  34. Christiane Jörges: Die Stille nach dem #Aufschrei. In: n24.de. N24 Gesellschaft für Nachrichten und Zeitgeschehen mbH, 24. Juni 2013, abgerufen am 30. Juni 2013.
  35. Preisträger des Grimme Online Award SPEZIAL. In: Grimme Preis. 21. Juni 2013, abgerufen am 21. Juni 2013.
  36. Der #Aufschrei wird zum Manifest, Rezension von Tina Groll in: Zeit Online, 29. September 2014
  37. Vera Kämper: Was wurde eigentlich aus dem #Aufschrei?, Spiegel Online, 23. September 2014
  38. Buch „Weil ein #Aufschrei nicht reicht“. Feminismus? Fuck, yeah!, Rezension von Heide Oestreich in: taz, 3. Oktober 2014