August Liebig

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August Liebig

August Liebig (voller Name: August Gustav Alexander Liebig; * 14. Februar 1836 in Bernstein, heute: Pełczyce in Polen; † 19. August 1914 in Pleasant Valley, North Dakota, USA) war ein gelernter Schlosser, baptistischer Handwerkermissionar und Geistlicher. Seine Wirkungsgebiete waren vor allem die damals zur Türkei gehörende Dobrudscha, Südrussland sowie das derzeit so genannte Russisch-Polen. Dabei wirkte er über die engen Grenzen seiner eigenen Konfession hinaus. Die letzten 20 Jahre seines Lebens arbeitete Liebig in den Vereinigten Staaten – sowohl unter Baptisten als auch unter Mitgliedern der Mennoniten-Brüdergemeinden.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

August Liebigs Geburtsort Bernstein um 1890
Hermann, Friedrich Wilhelm und August Liebig

August Liebig entstammte einer lutherischen Bernsteiner Familie. Seine Eltern waren der Färbermeister Friedrich Wilhelm Liebig und dessen Ehefrau Henriette.[1] Zur Familie gehörten acht Kinder, sieben Jungen und ein Mädchen.

August Liebig war das viertälteste Kind. Liebigs Vater verstarb 1843, 10 Jahre später – August war siebzehn Jahre alt – verschied seine Mutter. Friedrich Wilhelm, Ältester der verwaisten Kinder, übernahm die Vaterrolle.[2] Nach seiner Schulzeit erlernte August das Schlosserhandwerk.[3]

Anfänge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1834 hatten der gebürtige Vareler Johann Gerhard Oncken gemeinsam mit sechs weiteren Gläubigen die erste deutsche Baptistengemeinde in Hamburg gegründet. Sie war die Keimzelle einer rasch sich verbreitenden Gemeindegründungsbewegung, die über Stettin Anfang der 1850er Jahre auch die Kleinstadt Reetz in der Neumark erreichte.[4] Die Liebig-Kinder bekamen mit der Reetzer Gemeinde Kontakt und besuchten deren Gottesdienste. 1854 konvertierte Friedrich Wilhelm zu den Baptisten und ließ sich taufen. Zwei Jahre später folgten August Liebig und sechs weitere Geschwister der Familie. Nach einem weiteren Jahr waren alle Liebig-Kinder Mitglieder der Baptistengemeinde Preetz. Außer August wurden später vier weitere Liebig-Söhne Prediger und Missionare der Baptisten: Ludwig Liebig, Hermann Liebig, Friedrich Wilhelm Liebig und Helmut Liebig.[5]

Spätestens 1857 zog August Liebig nach Hamburg[6] und schloss sich der bereits erwähnten Hamburger Baptistengemeinde an.

Handwerkermissionar[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Oncken erkannte die Begabungen und Fähigkeiten des jungen Schlossergesellen aus Bernstein, ordinierte ihn nach einer kurzen Schulung und entsandte ihn 1863 als „Handwerkermissionar“[7] nach Bukarest (Rumänien), wo sich innerhalb der deutschsprachigen Bevölkerung ein Kreis von Baptisten gebildet hatte. Initiator dieser Gemeinschaft war der 1856 von Oncken ausgesandte Tischlergeselle Karl Scharschmidt.[8] Die Gemeinde, die sich nach Ankunft Liebigs konstituierte, war klein. Für das Jahr 1864 verzeichnete der Missionsbericht, den August Liebig nach Hamburg sandte, vier Täuflinge und insgesamt zwölf zugelassene Abendmahlsteilnehmer. Auch zehn später blieb das Wachstum der Gemeinde in Bukarest hinter den Erwartungen zurück. Die Versammlungen wurden durchschnittlich von 20, selten von mehr als 25 Personen besucht. Dennoch erhielt die Gemeinde die offizielle Anerkennung der staatlichen Behörden und wurde zu einer der Keimzellen des späteren rumänischen Baptistenbundes.[9]

August Liebig (7. von links)[10] als Teilnehmer des Missionskurses in Hamburg (1865)

Hilfsdienste innerhalb der Mennoniten-Brüdergemeinden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1865 kehrte Liebig nach Deutschland zurück und absolvierte an der inzwischen in Hamburg gegründeten Missionsschule, Keimzelle der heutigen Theologischen Hochschule Elstal, einen halbjährigen Intensivkurs.

Einlage am Dnjepr in der Kolonie Chortitza

Bereits während seiner ersten Jahre in Rumänien begegnete Liebig südrussischen Exulanten, unter den sich auch Mennoniten befanden. Auch in der Türkei, wohin er kurzzeitig verbannt worden war, traf er auf deutschstämmige Angehörige dieser reformatorischen Freikirche und taufte einige von ihnen durch Untertauchen. Nach seiner Rückkehr in den Schwarzmeerraum (Mai 1866) nahm Liebig – veranlasst durch Johann Gerhard Oncken – Kontakt mit der 1860 in Einlage (Kolonie Chortitza) gegründeten Mennoniten-Brüdergemeinde Kontakt auf. Liebig konnte bei der Erstellung einer Gemeindeordnung helfen und sorgte unter anderem für einen geordneten Ablauf von Geschäftsstunden innerhalb der Gemeinde. Fünf Jahre später kehrte er noch einmal nach Einlage zurück, um der Gemeinde Hilfestellung in praktisch-theologischen Fragen zu geben. Im Mai 1872 wurde der Baptistenprediger mit der Leitung eines mennonitischen Organisationskomitees betraut, das eine größere Konferenz der Mennoniten-Brüdergemeinden vorbereiten sollte. Der Erfolg der geleisteten Organisationsarbeit führte dazu, dass er in den folgenden Jahren auch die Konferenzen leitete und Bibelschulkurse durchführte.[11] Sein Dienst unter den damals noch jungen Mennoniten-Brüdergemeinden verschaffte der freikirchlichen Bewegung in Südrussland Struktur und gab ihr Ordnungen, die Auswirkungen auf die gesamte Bewegung hatten.[12]

Pastor in Odessa, Lodz und Stettin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

August Liebig wurde 1874 zum Pastor der deutschen Baptistengemeinde in Odessa berufen, wo er bis 1887 erfolgreich wirkte. Danach verbrachte er mehrere Jahre in Baptistengemeinden im damaligen Russisch-Polen, so zum Beispiel in Łódź, sowie in Stettin.

USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1892 wanderte die Familie Liebig nach Amerika aus, wo sie unter deutschen Baptisten und Mennonitenbrüdern arbeitete. Liebig wurde Pastor der Plum Creek Baptist Church in South Dakota und ließ sich in Bridgewater nieder. 1903 zogen die Familie nach Denhoff, North Dakota, wo Liebig die Denhoff First German Baptist Church gründete. Er nahm auch wieder Beziehungen zu den Mennonitenbrüdern wauf, die sich in verschiedenen Gemeinden in Nord- und Süddakota niedergelassen hatten. Vor allem waren es Predigtdienste und Bibelkurse, zu denen man ihn einlud.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während seiner Zeit an der Hamburger Missionsschule (1865) verehelichte sich August Liebig mit Sophia Ratzeburg (* 1844). Aus der Verbindung gingen 10 Kinder hervor. Fünf von ihnen starben noch vor dem Erreichen des Erwachsenenalters.[13]

Liebigs Tochter Martha (1873–1915) heiratete 1895 Peter Wedel. Die Beiden gingen als Missionsehepaar in die Kameruner Baptistenmission, wurden aber auch von Mitgliedern der Mennoniten-Brüdergemeinden unterstützt.

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Abe J. Dueck: August G.A. Liebig and his North American Legacy. In: Mennonite Historian, Nr. 38/3. Quartal 2012, S. 1; 6–7
  • Albert W. Wardin Jr.: August G. A. Liebig: German Baptist Missionary and Friend to the Mennonite Brethren. In: Journal of Mennonite Studies, Nr. 28/2010. S. 167–186
  • Ian M. Randall: Communities of Conviction. Baptist Beginnings in Europe. Neufeld Verlag: Schwarzenfeld 2009. ISBN 978-3-937896-78-6. S. 130f
  • J. Pritzkau: Geschichte der Baptisten in Südrussland (Hrsg. Historische Kommission des BTG). Logos Verlag: Lage 1999. ISBN 3-927767-52-2. S. 70–79 (Die Berufung des Br[uders] A. Liebig)
  • Heinrich Löwen: In Vergessenheit geratene Beziehungen. Frühe Begegnungen der Mennoniten-Brüdergemeinden mit dem Baptismus in Südrussland – ein Überblick. Band 1 in der Reihe Beiträge zur osteuropäischen Kirchengeschichte (Hrsg. Johannes Reimer, Heinrich Löwen). Logos Verlag: Bielefeld 1989. ISBN 3-927767-01-8. S. 17; 19–21; 55; 58
  • Rudolf Donat: Das wachsende Werk. Ausbreitung der deutschen Baptistengemeinden durch sechzig Jahre (1849–1909). J. G. Oncken Verlag: Kassel 1960. S. 40; 163; 174; 258; 383f; 390
  • Hermann Liebig: Von Stettin nach Berlinchen (Geschichte der Familie Liebig in sechs Fortsetzungen). Erschienen in der baptistischen Zeitschrift Der Wahrheitszeuge. J. G. Oncken Verlag: Kassel; Ausgaben vom 16. November bis zum 21. Dezember 1912.
  • Peter M. Friesen: Die Alt-Evangelische Mennonitische Brȕderschaft in Russland (1789–1910). Halbstadt: Raduga 1911

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Daten und Fakten dieses Abschnitts orientieren sich (sofern nicht anders angegeben) an Albert W. Wardin Jr.: August G. A. Liebig: German Baptist Missionary and Friend to the Mennonite Brethren. In: Journal of Mennonite Studies, Nr. 28/2010. S. 167–186
  2. Hermann Liebig: Von Stettin nach Berlinchen (Geschichte der Familie Liebig in sechs Fortsetzungen). Erschienen in der baptistischen Zeitschrift Der Wahrheitszeuge. J. G. Oncken Verlag: Kassel; hier: Der Wahrheitszeuge vom 7. Dezember 1912. S. 386
  3. Joseph Lehmann: Geschichte der deutschen Baptisten. Zweiter Teil von 1848 bis 1870 (Zweite völlig neu bearbeitete Ausgabe von F. W. Hermann). J. G. Oncken Nachf.: Cassel 1922. S. 137
  4. Zur Geschichte der Baptistengemeinde Reetz und deren zahlreiche Stationen im Umland siehe Rudolf Donat: Das wachsende Werk. Ausbreitung der deutschen Baptistengemeinden durch sechzig Jahre. 1849–1909. J. G. Oncken: Kassel 1960. S. 43f
  5. Kurzbiographien der genannten vier Liebig-Brüder finden sich bei Joseph Lehmann: Geschichte der deutschen Baptisten. Zweiter Teil von 1848 bis 1870 (Zweite völlig neu bearbeitete Ausgabe von F. W. Hermann). J. G. Oncken Nachf.: Cassel 1922. S. 293f
  6. Eduard Scheve: Dem Herrn vertrauen. Oncken Verlag: Wuppertal und Kassel 1979. S. 21; gegen J. Lehmann, der hier die Jahreszahl 1859 nennt. Siehe Joseph Lehmann: Geschichte der deutschen Baptisten. Zweiter Teil: Arbeiten, Kämpfe und Ausbreitung der Gemeinden in Deutschland und umliegenden Ländern von 1848 bis 1870. Verlagshaus der deutschen Baptisten J. G. Oncken Nachfolger: [o. O.] 1900. S. 318
  7. Sogenannte Handwerkermissionare waren im 19. Jahrhundert wesentlich an der Ausbreitung der baptistischen Bewegung beteiligt. Dabei finanzierten sie ihren Lebensunterhalt mit ihrem Handwerk. Siehe dazu Wilfried Bohlen: Zur Geschichte der Gemeindegründung im BEFG. In: GRÜNDER:ZEIT. Gemeindegründung im BEFG (Hrsg. Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland). Wustermark-Elstal 2014. S. 28–30; hier: S. 28
  8. Bukarest-Info.de: Baptistengemeinden in Bukarest; eingesehen am 28. Dezember 2017
  9. Albert W. Wardin Jr.: August G. A. Liebig: German Baptist Missionary and Friend to the Mennonite Brethren. In: Journal of Mennonite Studies, Nr. 28/2010. S. 168
  10. Rudolf Donat: Das wachsende Werk. Ausbreitung der deutschen Baptistengemeinden durch sechzig Jahr. 1849–1909. J. G. Oncken Verlag: Kassel 1960. Bildtafel vor S. 529: Studierende und Lehrer der Missionsschule im Jahre 1865
  11. GAMEO.org: Liebig, August G. A. (1836−1914); eingesehen am 30. Januar 2018
  12. Heinrich Löwen: In Vergessenheit geratene Beziehungen. Frühe Begegnungen der Mennoniten-Brüdergemeinden mit dem Baptismus in Südrussland – ein Überblick. Logos Verlag: Bielefeld 1989. S. 20
  13. Abe J. Dueck: More on August Liebig. In: Mennonite Historian. A Publication of the Mennonite Heritage Centre and the Centre for MB Studies in Canada (Hrsg. Alf Redekopp, Jon Isaak, Conrad Stoesz). Band 38 / Nr. 4. Winnipeg Dezember 2012. S. 3