Aura (Migräne)

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Klassifikation nach ICD-10
G43.1 Migräne mit Aura (Klassische Migräne)
G43.3 Komplizierte Migräne
G43.8 Sonstige Migräne
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die Aura ist ein häufiges, fokales neurologisches Symptom der Migräne, das der zumeist folgenden Kopfschmerzphase vorangeht. Sie tritt in etwa 15 bis 20 % der Migräneanfälle auf und ist das entscheidende diagnostische Kriterium zur Unterscheidung zwischen einer klassischen Migräne (Migräne mit Aura) und einer gewöhnlichen Migräne (Migräne ohne Aura). Charakteristisch sind dynamische, meist visuelle oder andere sensorische Wahrnehmungsstörungen. Die Aura kann auch ohne die typischen Migräne-Kopfschmerzen auftreten. Teilweise ist sie auch im Volksmund unter dem Wort Augenmigräne (ophthalmische Migräne) zu finden.

Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es können während der Migräneaura langsam einsetzende und wieder abklingende visuelle Störungen (zum Beispiel Skotome, als Fortifikationen bezeichnete Wahrnehmung gezackter Figuren, Verlust des räumlichen Sehens, Unschärfe bis hin zu einem halbseitigen Verlust des Sehens), Störungen des Geruchsempfindens, Sensibilitätsstörungen (zum Beispiel Verlust der Berührungsempfindung oder Kribbelempfindungen in den Armen, Beinen und im Gesicht), Gleichgewichtsstörungen, Sprachstörungen oder andere neurologische Ausfälle auftreten. Die Aura wird von Patient zu Patient anders wahrgenommen und beschrieben. Die visuellen Symptome einer Migräneaura werden als Bildstörung wahrgenommen, wobei es unabhängig ist, ob man durch beide Augen sieht oder ein Auge geschlossen hat. Die Bildstörung entsteht im Gehirn. Charakteristisch ist die Dynamik des Prozesses, das heißt zum Beispiel das „Wandern“ des Flimmerskotoms im Gesichtsfeld oder Wandern des Kribbelgefühls im Arm oder durch die einzelnen Finger. Auch eine Verschiebung der Aurasymptome, beispielsweise von Sehstörungen über Sensibilitätsstörungen bis hin zu Sprachstörungen und Lähmungserscheinungen, kann beobachtet werden. Diese Dynamik zeigt sich auch bei Messungen im Gehirn in Form einer wandernden Störungsfront (Streudepolarisierung). Die Dynamik der Symptome sowie deren langsames Einsetzen und Abklingen sind ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu anderen neurologischen Erkrankungen, insbesondere gegenüber dem Schlaganfall. Die Aura hat keinerlei schädigende Auswirkungen auf das Hirngewebe, ihre Anzeichen sind lediglich vorübergehend und dauern in der Regel bis zu 60 Minuten, in seltenen Fällen sogar bis zu einem halben oder ganzen Tag.

Therapie und Prophylaxe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine spezifische Behandlung der Migräneaura ist in der Regel nicht erforderlich. Die Meidung von Migränetriggern oder eine prophylaktische Behandlung der Grunderkrankung können die Häufigkeit von Migräneauren reduzieren. Hierbei hat sich unter anderem das Antiepileptikum Lamotrigin als wirksam erwiesen, ohne dabei Auswirkungen auf das Auftreten anderer Migränesymptome einschließlich des Migränekopfschmerzes zu haben.[1]

Therapeutische Maßnahmen zur Akutbehandlung einer Migräneaura sind bis heute nicht ausreichend validiert. In einer kleinen Studie konnte Ketamin als Nasenspray bei einigen Patienten die Aura unterbrechen.[2]

Bedeutung für die Kunst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vincent van Goghs „Sternennacht“ gilt als ein künstlerisches Werk, in das Inspirationen durch Wahrnehmungsstörungen einer Migräneaura einflossen.[3]

Inspirationen durch Migräneaura-bedingte visuelle Störungen und halluzinationsähnliche Veränderungen der Wahrnehmung spiegeln sich in den künstlerischen Werken namhafter Migränepatienten wie Vincent van Gogh,[3] Giorgio de Chirico,[4] Sarah Raphael[5] wider. Ein durchaus naheliegender Einfluss von Migräneauren auf die schöpferische Tätigkeit Pablo Picassos wird kontrovers diskutiert.[6]

Die Miniaturen, mit denen Hildegard von Bingen ihre Visionen illustriert hat, lassen Migräneauren vermuten.[7]

Durch Beschreibung von Wahrnehmungsstörungen des unter Migräne leidenden britischen Schriftstellers Lewis Carroll in seinem Werk „Alice im Wunderland“ wurden diese Migräneauren mit ausgeprägten visuellen Wahrnehmungsstörungen auch als Alice-im-Wunderland-Syndrom bezeichnet.[8] Außerdem erscheint die Gestalt der Grinsekatze, von der teilweise nur noch das Grinsen sichtbar ist, als Verkörperung der sichelförmigen Aura in obigen Bildern.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Migräneaura – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. J. Pascual, A. B. Caminero, V. Mateos u. a.: Preventing disturbing migraine aura with lamotrigine: an open study. In: Headache. Band 44, Nr. 10, 2004, S. 1024–1028, doi:10.1111/j.1526-4610.2004.04198.x, PMID 15546267.
  2. H. Kaube, J. Herzog, T. Käufer, M. Dichgans, H. C. Diener: Aura in some patients with familial hemiplegic migraine can be stopped by intranasal ketamine. In: Neurology. Band 55, Nr. 1, Juli 2000, S. 139–141, PMID 10891926.
  3. a b Richard Grossinger: Migraine Auras: When the Visual World Fails. North Atlantic Books, 2006, ISBN 1-55643-619-X, The Nature and Experience of Migraina Auras, S. 1–96.
  4. Matthias Bormuth, Klaus Podoll, Carsten Spitzer: Kunst und Krankheit: Studien zur Pathographie. Wallstein Verlag, 2007, ISBN 978-3-8353-0113-9.
  5. K. Podoll, D. Ayles: Inspired by migraine: Sarah Raphael's 'Strip!' paintings. In: J R Soc Med. Band 95, Nr. 8, August 2002, S. 417–419, PMID 12151496, PMC 1279971 (freier Volltext).
  6. K. Podoll, D. Robinson, U. Nicola: L'ipotesi di un'origine emicranica della pittura di Picasso: una rassegna critica. In: Confinia Cephalalgica. Band 12, 2003, S. 11–23.
  7. Oliver Sacks: Migraine: Understanding a Common Disorder. Berkeley 1985, S. 106–108.
  8. J. Todd: The syndrome of Alice in Wonderland. In: Can Med Assoc J. Band 73, Nr. 9, November 1955, S. 701–704, PMID 13304769, PMC 1826192 (freier Volltext).
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