Aus tiefer Not schrei ich zu dir

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Aus tiefer Not, vierstrophige Fassung,
Erfurter Enchiridion 1524
Aus tiefer Not, fünfstrophige Fassung,
Wittenbergisches Gesangbuch 1524 (Nachdruck WA 35)

Aus tiefer Not schrei ich zu dir ist ein Kirchenlied von Martin Luther.[1] Er schrieb es um die Jahreswende 1523/24 als Nachdichtung des Bußpsalms 130 (Ps 130 LUT). In den frühesten Drucken erscheint es teils in einer vier-, teils in einer fünfstrophigen Fassung. Die fünfstrophige ist, fast unverändert, die Fassung des Evangelischen Gesangbuchs (Nr. 299). Das katholische Gotteslob (2013) enthält die Strophen 1, 3, 4 und 5 mit geringfügigen sprachlichen Glättungen (Nr. 277). Das Mennonitische Gesangbuch enthält fünf Strophen mit ebenfalls geringfügigen sprachlichen Anpassungen (Nr. 387). Ebenfalls von Luther stammt die meistgebrauchte Melodie des Liedes.

Quellenproblem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die beiden 1524 im Druck erschienenen Fassungen unterscheiden sich in der Strophenzahl (4 bzw. 5) und in vielen textlichen Details. Über die Prioritätsfrage und die Gründe für die Doppelüberlieferung ist viel diskutiert worden. Lucke[2] macht glaubhaft, dass die vierstrophige Fassung des Achtliederbuchs, auf der die späteren vierstrophigen Textdrucke beruhen, eine nichtautorisierte, aus sekundären Quellen geschöpfte Version ist und eigenhändige Texteingriffe Luthers weder in der einen noch in der anderen Richtung erklärbar wären.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Beginn lutherischen Kirchenliedschaffens ist Aus tiefer Not, einem Briefzeugnis Luthers zufolge, als exemplarisches Psalmlied gedacht. Das biblische Bußgebet mit seinem Appell an die unverdienbare Vergebung Gottes wird von ihm im Sinn seiner Rechtfertigungslehre paraphrasiert und vertieft. Die Spitzenaussagen lauten „Es ist doch unser Tun umsonst, auch in dem besten Leben“[3] und „Darum auf Gott will hoffen ich […] und seiner Güte trauen, die mir zusagt sein wertes Wort“.[4]

Weitet der Beter des Psalms seinen Ruf zu Gott in einen Vertrauensruf an Israel aus, bezieht Luther diesen Namen Jakobs und des Bundesvolks nach altkirchlicher Auslegungstradition auf „Israel rechter Art, der aus dem Geist erzeuget ward“, d. h. auf alle, die durch Christus zum Erlösungsglauben gekommen sind.

Aus tiefer Not war in seiner frühesten gottesdienstlichen Verwendung vorzugsweise ein Begräbnislied. In der späteren lutherischen Tradition fand es einen festen Platz bei der allgemeinen Beichte und am Buß- und Bettag.

Melodien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dem Lied waren in den frühen Drucken unterschiedliche Melodien zugeordnet. Da der Text der siebenzeiligen jambischen Barform folgt, einem der meistverwendeten Strophenschemata des protestantischen Kirchenlieds, sind die möglichen Melodien zahlreich. Durchgesetzt hat sich die noch 1524 von Luther selbst für sein Psalmlied geschaffene „feierliche“[5] Audio-Datei / Hörbeispiel Melodie?/i mit ihrem charakteristischen doppelten Quintsprung zu Beginn – wobei auf den tiefen Ton in Strophe 1 das Motto-Wort „tief[er Not]“ fällt – und der folgenden „klagenden“ kleinen Sexte. Diese Melodie liegt auch den späteren Orgelbearbeitungen Johann Sebastian Bachs und seiner Kantate BWV 38 zugrunde.

Im oberdeutschen Raum (einschließlich Thüringen) war über lange Zeit die Audio-Datei / Hörbeispiel Melodie?/i von Wolfgang Dachstein aus dem Straßburger Gesangbuch von 1525 weiter verbreitet, die Johann Sebastian Bach auch in seiner frühen Choralbearbeitung BWV 1099 (aus der Neumeister-Sammlung) verwendet. Sie ist im EG als zweite Melodie abgedruckt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hansjakob Becker (Hrsg.): Aus tiefer Not schrei ich zu dir. In: Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder. München 2001, S. 124–134
  • Hans-Christian Drömann: 299 – Aus tiefer Not schrei ich zu dir. In: Wolfgang Herbst, Ilsabe Seibt (Hrsg.): Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch. Nr. 15. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-50339-3, S. 24–30 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Wilhelm Lucke: Aus tiefer Not schrei ich zu dir. In: D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Band 35, Weimar 1923, S. 97–109

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Aus tiefer Not schrei ich zu dir – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eine Zuschreibung an Heinrich Vogtherr d. Ä. (so Karl Schorbach: Heinrich Vogtherr der Aeltere in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 40, Leipzig 1896, S. 192–194 [1]; Alfred Kleinberg: Die deutsche Dichtung in ihren sozialen, zeit- und geistesgeschichtlichen Bedingungen, Berlin 1927, S. 98 [2]) fand keine wissenschaftliche Zustimmung.
  2. s. Lit; abweichend noch Becker, S. 126, 128
  3. Strophe 2, im Gotteslob ausgelassen
  4. Strophe 3
  5. Lucke