Ausbildung von Journalisten in Deutschland

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Die Ausbildung im Journalismus in Deutschland verläuft auf sehr unterschiedlichen Wegen. Es gibt dazu neben Tarifverträgen und einigen Richtlinien keine verbindlichen gesetzlichen Regelungen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1916 richtete Karl Bücher an der Universität Leipzig das erste Institut für Zeitungskunde in Deutschland ein. Zum einen wollte er den angehenden Journalisten eine akademisch fundierte, berufsvorbereitende und journalistische Ausbildung ermöglichen, um das Niveau der Presse zu heben. Zum anderen sollte so für die Presse eine Stätte der wissenschaftlichen Forschung geschaffen werden.

Erste „zeitungsfachliche Fortbildungskurse“ für Redakteure fanden in der Weimarer Republik statt.[1]

In der Zeit des Nationalsozialismus dienten Einrichtungen wie die Reichspresseschule der Kommunikationskontrolle durch das Regime.[2]

Mit dem Werner-Friedmann-Institut, dem Vorläufer der Deutschen Journalistenschule, wurde 1949 eine der ersten Journalistenschulen der Bundesrepublik Deutschland gegründet.

Ein Hauptfachstudium in Publizistik, das sich aber nicht unbedingt als Berufsvorbereitung für Journalisten sah, boten zunächst nur die Universitäten in Berlin (FU), Münster und München; daneben gab es die Deutsche Journalistenschule in München. Da häufig die These vertreten wurde, Journalismus sei ein Begabungsberuf, der keine besondere Qualifikation brauche, legte man wenig Wert auf eine gezielte Aus- und Fortbildung. Im Gegensatz dazu war für die DDR das Studium der Journalistik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig ein wichtiger und staatlich reglementierter Zugang.

Während nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenige jüngere Menschen den Wunsch hatten, Journalistin oder Journalist zu werden, ist die Nachfrage seit einigen Jahren sehr hoch. Trotz mancher Probleme ist oft die Rede von einem „Traumberuf“, so zum Beispiel Jörg Sadrozinski, Leiter der Deutschen Journalistenschule.[3] Es bestehen dafür keine formalen Voraussetzungen, z. B. Abitur oder Studium. Der übliche Weg bestand früher in einem meist ein- bis zweijährigen Volontariat in einer Redaktion oder in einem (abgebrochenen oder abgeschlossenen) Studium. Lange Zeit sperrten sich die Verlegerverbände gegen verbindliche Festlegungen.

Wege zum Journalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute ist das Angebot wesentlich differenzierter als früher. Neben dem Einstieg (möglichst nach dem Abitur) meist

  • durch Praktika, Hospitanzen und freie Mitarbeit
  • und/oder einer Berufsausbildung auf einem anderen Gebiet sowie
  • einem Volontariat von unterschiedlicher Länge ist der Zugang mit unterschiedlichen Voraussetzungen (z. B. Numerus clausus, Aufnahmeprüfung mit Wissens- und Schreibtests, Nachweis von Praktika, Arbeitsproben) auch möglich durch
  • ein Studium an einer Fachhochschule oder Universität. Die Fachrichtung ist nicht vorgeschrieben. Grundsätzlich gibt es dabei die Wahl zwischen
    • themenverwandten, aber unterschiedlich praxisnah gestalteten Studiengängen (etwa Publizistik, Medienwissenschaft und Kommunikationswissenschaft versus Journalistik, Mediengestaltung u. ä.)
    • sowie sämtlichen anderen Fachrichtungen, beispielsweise Germanistik, Soziologie, Psychologie, Fremdsprachen, wirtschafts- und rechtswissenschaftliche Fächer, Agrarwissenschaft, Biologie usw. Aufgrund eines Studiums kann die Dauer des Volontariats je nach Absprache verkürzt werden.
  • Daneben bieten auch konzern- und verlagseigene sowie freie (auch kirchlich orientierte) Journalistenschulen eine Ausbildung an, zum Teil in Kooperation mit Hochschulen und in berufsbegleitender Form.
  • Möglich ist ferner eine Ausbildung im Fernstudium.

Neben der Grundausbildung gibt es zahlreiche Offerten zur Fort- und Weiterbildung.

In vielen Redaktionen ist eine Redakteurin oder ein Redakteur für die Ausbildung zuständig. Nicht selten führen Redaktionen Bewerbertests und Auswahlgespräche durch, die darüber entscheiden, ob ein Ausbildungsvertrag geschlossen wird.

Persönliche Anforderungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In journalistischen Berufen sind folgende Eigenschaften generell wichtig: Gutes Auftreten, ausgeprägte Kommunikations- und Teamfähigkeit, überdurchschnittliche Allgemeinbildung, Interesse für politische, soziale, kulturelle und andere Themen, rasche Auffassungsgabe, körperliche Belastungsfähigkeit, schnelles Einstellen auf neue Sachverhalte, Sinn für das Recherchieren, Schreiben und Sprechen, ebenso für visuelles und akustisches Gestalten, Gespür für nachgefragte Themen, Zuverlässigkeit, Geduld, Ausdauer, Kenntnisse im Englischen, Foto-, PC- und Internetkenntnisse, Führerschein.

In seinem Papier „Berufsbild des Journalisten“ formulierte der Deutsche Journalisten-Verband bereits am 25. September 1984: „Journalisten müssen je nach den Anforderungen ihrer unterschiedlichen Tätigkeitsbereiche über folgende Fähigkeiten und Eigenschaften verfügen: analytisches und logisches Denken, sprachliche Ausdrucksfähigkeit, Sinn für akustische und visuelle Gestaltungsmöglichkeiten, technische Kenntnisse über das Medium, Kontaktfähigkeit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit, Einfühlungsvermögen, Aktivität, Kreativität.“[4]

Inhalt der Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die unterschiedlichen Ausbildungswege vermitteln vor allem in Redaktionen, aber auch bei den einschlägigen Studiengängen und Kursen die Grundlagen journalistischer Arbeit. Dazu zählen vor allem das Auswählen von Themen, das Recherchieren, das Redigieren und das Schreiben von Texten etwa für Berichte, Kommentare, Glossen, Reportagen und Rezensionen sowie das Interviewen; dazu kommen Einblicke in das Gestalten von Seiten bzw. Sendungen, das Auswählen von Bildern und Grafiken, die Nutzung von Archiven, Fachliteratur und (im Rundfunk) von Originaltönen. Auch Grundkenntnisse im Medienrecht, zu den Medienstrukturen und z. B. zum Kommunal- und Haushaltsrecht sind Stoff der Ausbildung. Soweit die Ausbildung in einer Redaktion erfolgt, durchlaufen die Auszubildenden mehrere Abteilungen, darunter je nach Zuschnitt eines Hauses Ressorts wie Politik, Nachrichten, Wirtschaft, Sport, Kultur, Vermischtes, Wissenschaft und Magazin. Als Grundlage wird oft die Arbeit im Lokalen und Regionalen angesehen. Für die Ausbildung in Radio-, Fernseh- und Online-Redaktionen sind deren spezielle Strukturen und Bedürfnisse maßgebend.

Tarifverträge und Richtlinien zum Volontariat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb der abweichenden Ausbildungswege ist nur das Volontariat bei Tageszeitungen und Zeitschriften tarifvertraglich geregelt, doch gibt es im Gegensatz zur Lehre im gewerblichen und kaufmännischen Bereich keine im Detail festgelegten gesetzlichen Regelungen. Das Volontariat dauert je nach Vorbildung und/oder Eignung zwischen zwölf und höchstens 24 Monaten. Bei Tageszeitungen und Zeitschriften bestehen jedoch seit 1990 z. B. für die Mitgliedsverlage des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger Vorgaben über Mindestalter (18 Jahre), Dauer, Inhalte der Ausbildung und Gehalt; dazu gehört auch der Besuch berufsbegleitender Volontärskurse. Ein Programmvolontariat für Hörfunk und Fernsehen dauert meist 18 Monate, in denen die Volontäre zahlreiche Abteilungen durchlaufen. Private Sender bieten Volontariate zu sehr unterschiedlichen Bedingungen an.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Es ist legitim zu fragen, wieso der Journalist, dessen gesellschaftliche Relevanz in der modernen Massendemokratie anerkannt ist, oftmals ohne irgendeine Vorbildung wesentliche Positionen im Mediensystem besetzen darf.“

Medienrechtler Reinhart Ricker: Freiheit und Aufgabe der Presse. Freiburg 1983, S. 62

„(Im Publizistik- und Journalistikstudium) werden Journalistentypen gezüchtet, die glauben, sie müssten dem Rest der Welt das Leben erklären. Dabei können sie selber kaum mit einer Gemüsehändlerin reden.“

Journalist Helmut Markwort: zitiert nach Stefan Hupka u. a.: Unter Druck. Reinbek 1986, S. 11

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lehrbuchreihen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Publikationen vor 2000[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Günter Kieslich: Der journalistische Nachwuchs in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Forschungsbericht. Daten zur Volontärsausbildung in der Tagespresse. Bearbeitung: Eckart Klaus Roloff. Bund-Verlag, Köln 1974, ISBN 3-7663-0080-6.
  • Jörg Aufermann, Ernst Elitz (Hrsg.): Ausbildungswege zum Journalismus. Bestandsaufnahmen, Kritik und Alternativen der Journalistenausbildung. Westdeutscher Verlag, Opladen 1975, ISBN 3-531-21259-1.
  • Andreas Johannes Wiesand: Journalisten-Bericht Berufssituation – Mobilität – Publizistische Vielfalt. Volker Spiess, Berlin 1977, ISBN 3-920889-48-7.
  • Walter Hömberg (Hrsg.): Journalistenausbildung. Modelle, Erfahrungen, Analysen. Ölschläger, München 1978, ISBN 3-88295-004-8.
  • Georg Würtlein: Journalist/Journalistin. Blätter zur Berufskunde. Band 2, 7. Auflage. herausgegeben von der Bundesanstalt für Arbeit. 1980, DNB 811053520.
  • Volker Schulze (Hrsg.): Wege zum Journalismus. (BDZV-Schriftenreihe, Heft 17). 3. Auflage. 1986, DNB 944503292.
  • Lothar Manhart: Hörfunk- und Fernsehberufe mit Ausbildungswegen. TR-Verlagsunion, München 1986, ISBN 3-8058-1878-5.
  • Stefan Hupka u. a.: Unter Druck. Journalist werden - aber wie? Rowohlt, Reinbek 1986, ISBN 3-499-15625-3.
  • Ulrich P. Schäfer, Thomas Schiller, Georg Schütte (Hrsg.): Journalismus in Theorie und Praxis. Beiträge zur universitären Journalistenausbildung. Festschrift für Kurt Koszyk. UVK, Konstanz 1999, ISBN 3-89669-268-2.

Publikationen nach 2000[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernd Blöbaum: Zwischen Redaktion und Reflexion. Die Integration von Theorie und Praxis in der Journalistenausbildung. Lit, Münster 2000, ISBN 3-8258-4886-8.
  • Klaus-Dieter Altmeppen, Walter Hömberg (Hrsg.): Journalistenausbildung für eine veränderte Medienwelt. Diagnosen, Institutionen, Projekte. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2002, ISBN 3-531-13637-2.
  • Walter Hömberg, Renate Hackel-de Latour: Studienführer Journalismus, Medien, Kommunikation. 3. Auflage. UVK, Konstanz 2005, ISBN 3-8252-2711-1.
  • Lothar Hausmann u. a.: Wir müssen mehr experimentieren. Journalistenausbildung zwischen Wissenschaft und Praxis. QuaMedia, Dortmund 2008, ISBN 978-3-931981-99-0.
  • Marcus Bösch u. a. (Hrsg.): Kill Your Darlings. Handbuch für die Journalistenausbildung. Lit, Berlin u. a. 2012, ISBN 978-3-643-11895-0.
  • Beatrice Dernbach, Wiebke Loosen (Hrsg.): Didaktik der Journalistik. Konzepte, Methoden und Beispiele aus der Journalistenausbildung. VS/Springer, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-17460-0.
  • Wolf Schneider, Paul-Josef Raue: Das neue Handbuch des Journalismus und des Online-Journalismus. Rowohlt, Reinbek 2012, ISBN 978-3-499-62825-2.
  • Jan Philipp Burgard, Moritz-Marco Schröder (Hrsg.): Wege in den Traumberuf Journalismus. Solibro, Münster 2012, ISBN 978-3-932-927-15-7.
  • Gabriele Hooffacker, Klaus Meier: La Roches Einführung in den praktischen Journalismus: Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege Deutschland · Österreich · Schweiz, Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-16657-1 (= Journalistische Praxis)[5]
  • Wolfgang Streitbürger: Grundbegriffe für Journalistenausbildung. Theorie, Praxis und Techne als berufliche Techniken. Springer VS, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-03560-0. (Zugleich phil. Diss. TU Dortmund)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dietz Schwiesau: „Wer nicht immer noch besser werden will, verliert...“ Journalistische Fortbildung gestern und heute. In: Journalismus lehren (2009), S. 53–58, online, abgerufen 4. April 2015
  2. Eberwein, Tobias, and Pöttker, Horst: Journalismus und Öffentlichkeit. Eine Profession und ihr gesellschaftlicher Auftrag; Festschrift für Horst Pöttker. 1. Aufl. Wiesbaden: VS, Verl. für Sozialwiss., 2010, S. 285
  3. http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/journalistenberuf-in-der-krise-nur-30-prozent-mit-fester-stelle-12162566.html
  4. Deutscher Journalisten-Verband: Journalist werden? Ausbildungsgänge und Berufschancen im Journalismus. Schriftenreihe Nr. 11, Bonn 1988/89, S. 59.
  5. Website mit weiterführenden Informationen zu La Roches Einführung in den praktischen Journalismus

Weblinks und Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]