Auschwitz-Album

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Auschwitz-Album werden zwei Fotoalben genannt, die Fotografien aus dem Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau vor seiner Befreiung am 27. Januar 1945 zeigen. Die Aufnahmen darin wurden von SS-Angehörigen gemacht und gesammelt. Die Fotoalben mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten sind auf verschiedenen Wegen überliefert worden.

Ein erstes Auschwitz-Album wurde 1945 von Lili Jacob am Ende ihrer Haft im Konzentrationslager Dora-Mittelbau als Zufallsfund entdeckt und 1980 der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem übergeben. Davor wurden bereits ab 1946 verschiedene Aufnahmen aus diesem Album veröffentlicht. Es zeigt die Abläufe im Inneren des Vernichtungslagers Ende Mai oder Anfang Juni 1944 (Ungarn-Aktion) aus der Sicht der SS-Männer.

Ein zweites Auschwitz-Album erwarb im Dezember 2006 das United States Holocaust Memorial Museum von einem anonym gebliebenen ehemaligen Oberst der United States Army, der es 1946 gefunden hatte, mit 116 Aufnahmen, die der SS-Obersturmführer Höcker als führender Offizier der Wachmannschaft gemacht hatte. Der Großteil des Fotoalbums zeigt Angehörige des Lagerpersonals bei Schießübungen und bei Freizeitaktivitäten.[1] Seine Aufnahmen waren bis 2006 in der Öffentlichkeit unbekannt geblieben.

Das von Lili Jacob überlieferte Album[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ankunft ungarischer Juden im KZ Auschwitz (20., 24. oder 26.[2] Mai 1944) – Aufnahme aus dem Auschwitz-Album

Die einzigen bis 2006 bekannten Fotos aus dem Konzentrationslager Auschwitz vor der Befreiung am 27. Januar 1945 waren die 193 Bilder des ersten Auschwitz-Albums. Sein deutscher Titel war: Umsiedlung der Juden aus Ungarn. Sie klebten auf 56 Kartonseiten, wie sie für Fotoalben gebräuchlich waren; einige Lücken weisen darauf hin, dass die Sammlung nicht vollständig ist. Die Fotos zeigen die Abläufe im Inneren des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Sie wurden Ende Mai oder Anfang Juni 1944 vermutlich entweder von Ernst Hofmann oder Bernhard Walter aufgenommen, zwei SS-Männern, die jene zehn bis sechzehn[2] Häftlinge beaufsichtigten – darunter der polnische Häftling Wilhelm Brasse[2] –, deren Aufgabe es war, Passfotos und Fingerabdrücke von den neu aufgenommenen Häftlingen zu machen, nicht aber von den Juden, die direkt in die Gaskammern geschickt wurden. Die Fotos zeigen den Ablauf der Ausbeutung und Ermordung der ungarischen Juden mit Ausnahme der eigentlichen Tötung: von der Selektion an den Gleisrampen über die Registrierung und Entlausung der Arbeitsfähigen, die Plünderung der Habseligkeiten bis hin zum Weg zu den Gaskammern, die im Hintergrund bleiben. Fast alle Aufnahmen stammen von einem Zugtransport. Viele Personen auf den Bildern wurden namentlich identifiziert. Als Herkunftsorte werden u. a. genannt: Tjatschiw (Técső/Tejtsch), Uschhorod (Ungvár), Dowhe (Dolgoje/Dolha), Bilky (Bilke/Bilki),[3] Chust (Huszt).

Lili Jacob,[4] die zunächst in Auschwitz Häftling war, hatte es nach ihrer Haft im Konzentrationslager Dora-Mittelbau in einer der verlassenen SS-Kasernen entdeckt, die damals nach der Befreiung als Lazarett für ehemalige KZ-Häftlinge benutzt wurden, und dabei auf den Fotos Familienangehörige und auch sich selbst identifizieren können.[5][6] Einige Fotos verschenkte sie an andere Überlebende, die ebenfalls Angehörige auf einem der Fotos erkannt hatten. Nach der Räumung von Auschwitz muss es der damalige Besitzer mit nach Nordhausen gebracht haben. Frau Jacob übergab es 1980 der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Es wurde von Serge Klarsfeld ab 1980 publiziert. Die Aufnahmen wurden 1999 in Israel digitalisiert.

1946 erstellte das Nationale Jüdische Museum in Prag Kopien der Fotos, und einige dieser Aufnahmen erschienen in dem 1949 in Bratislava von F. Steiner herausgegebenen Buch Die Tragödie der slowakischen Juden. 1956 übergab Erich Kulka, tschechischer Historiker und ehemaliger Häftling, einen Teil der Abzüge dem Staatlichen Museum in Oświęcim (Polen). Dort wurden sie seitdem in der Dauerausstellung über die Vernichtung der Juden verwendet. Im selben Jahr publizierte Kulka zusammen mit dem ehemaligen Häftling Ota Kraus das Buch Továrna na Smrt (Die Todesfabrik) u. a. mit Fotos aus dieser Quelle.

Auschwitz-Album des United States Holocaust Memorial Museum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein zweites Auschwitz-Album erwarb im Dezember 2006 das United States Holocaust Memorial Museum in Washington (USA) von einem anonym gebliebenen ehemaligen Lieutenant Colonel, einem ehemaligen Geheimdienstoffizier der U.S.-Armee. Das war ein 1946 von diesem in Frankfurt am Main gefundenes Fotoalbum mit 116 Aufnahmen auf 16 beidseitig beklebten Albumseiten. Der Offizier hatte seinen Fund in einem Brief als Geschenk an das Museum angekündigt. Diese Aufnahmen waren bis dahin in der Öffentlichkeit unbekannt geblieben. Es ist inzwischen auch unter dem englischen Namen Höcker Album oder Hoecker Album, nach dem mutmaßlichen Fotografen, bekannt.[7]

Sein Fotograf bzw. Besitzer wurde nur durch die Abbildung auf den verschiedenen Aufnahmen entschlüsselt: Es muss der Adjutant des Lagerkommandanten Richard Baer gewesen sein. Im Mai 1944 wurde Höcker vom KZ Majdanek ins Stammlager Auschwitz als Adjutant des gleichfalls neu eingesetzten Baer versetzt. Nach der Räumung von Auschwitz wurde im Januar 1945 Baer Kommandant des KZ Dora-Mittelbau in Nordhausen; Höcker blieb auch dort sein Adjutant. Der weitere Weg des Albums nach Frankfurt am Main ist ungeklärt. Höcker gelang es zunächst unterzutauchen. Er wurde 1963 im 1. Frankfurter Auschwitzprozess zu sieben Jahren Zuchthaus und 1989 vom Landgericht Bielefeld wegen seiner Taten in Majdanek zu vier Jahren Haft verurteilt.

Das Album trägt auf seiner ersten Seite den Eintrag: „Mit Kommandant SS Stubaf. Baer, Auschwitz 21.6.44“.

Die Fotos beginnen dort mit einer Studio-Aufnahme von Baer und Höcker in „Kleiner Ausgehuniform“ aus dem Frühsommer 1944. Der Großteil des Fotoalbums zeigt Angehörige des Lagerpersonals bei Schießübungen, bei der Übergabe des fertiggestellten SS-Lazaretts in Auschwitz und bei Freizeitaktivitäten in der nach dem Fluss genannten, rund 30 km entfernten Sola-Hütte im Tal der Soła. Zumindest einige Fotos tragen das Aufnahmedatum und können deshalb mit den Ereignissen in den Lagern verknüpft werden.

Abgebildet sind unter anderem die Lagerkommandanten Richard Baer und Rudolf Höß; des Weiteren auch Oswald Pohl, Josef Kramer, Enno Lolling, Franz Hößler, Karl Bischoff, Eduard Wirths und Otto Moll. Das Album enthält auch die einzigen acht bekannt gewordenen Fotos von Josef Mengele aus seiner Zeit als Lagerarzt in Auschwitz.

Gefangene sind nie abgebildet. Bei zwei Fotos, „Beisetzung von SS-Kameraden nach einem Terrorangriff“, handelt es sich um Bilder jenseits der „Idylle“. Hier wurden möglicherweise SS-Angehörige nach dem alliierten Luftangriff vom 13. September oder dem vom 26. Dezember 1944 bestattet. Höckers Album setzt mit dem 21. Juni 1944 ein;[8] einige der Aufnahmen sind zur Zeit der von den Nazis „Ungarn-Aktion“ genannten Vernichtung hunderttausender jüdischer Bürger Ungarns entstanden.

Weitere Sammlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

KZ Sachsenhausen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historisch vergleichbar sind beide Alben nur noch mit dem Album des Sachsenhausener Konzentrationslager-Kommandanten Karl Otto Koch mit 500 Aufnahmen, davon 200 säuberlich beschriftete Fotos von der Entstehung des Lagers 1936 und 1937 in Oranienburg; einem späten Fund im Moskauer Geheimdienst-Archiv.[9]

Vernichtungslager Belzec[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neun Fotos eines unbekannten Angehörigen des Lagerpersonals des Vernichtungslagers Belzec werden in der Gedenkstätte ausgestellt. Sie wurden nach Kriegsende von einem polnischen Fotografen, der die Fotos entwickeln sollte und Abzüge einbehielt, dem Arzt Janusz Peter übergeben und befinden sich im Regionalmuseum von Tomaszów Lubelski. Einige dieser Fotos sind über die Datenbank des United States Holocaust Memorial Museums (USHMM) und im Fotoarchiv von Yad Vashem im Internet auffindbar oder andernorts veröffentlicht.[10] Auf vier Fotos sind vor dem Hintergrund von Baracken bzw. eines Wachhäuschens SS-Männer in Uniform zu sehen; eine Person stellt vermutlich den SS-Scharführer Rudolf Kamm dar.

Vernichtungslager Treblinka[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus dem Vernichtungslager Treblinka sind 29 Fotografien in einem privaten Album erhalten, das der spätere Lagerkommandant Kurt Franz anfertigte. Es wurde im Dezember 1959 anlässlich seiner Verhaftung in seiner Wohnung sichergestellt. Bemerkenswert sind mehrere Aufnahmen von einem Bagger im Lager, Fotos des Mischlingshundes Barry, vom eingerichteten Tierpark und einem Munitionsbunker. Von den abgebildeten Personen ist lediglich eine durch die Beschriftung als „Kamerad Lambert“ identifizierbar.[11]

„Bilder trotz allem“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine andere Bewertung ist bei vier Aufnahmen notwendig, die Georges Didi-Huberman 2007 publizierte. Sie stammen von Häftlingen im Lager.[12] Mit einer eingeschmuggelten Kamera gelang es im August 1944 dem griechischen Häftling Alberto Errera, der zur Arbeit im Sonderkommando gezwungen worden war, ein Foto von einem Leichenverbrennungsgraben und 3 Aufnahmen von Frauen zu machen, die beim Krematorium V auf die Hinrichtung warten müssen. Der belichtete Film brauchte durch verschiedene Hände Wochen, bis er im September vom polnischen Widerstand im besetzten Krakau entwickelt werden konnte. Didi-Huberman fragt in seinem Buch nach der Wirkung dieser Bilder auf den Betrachter. Er nennt sie „Bilder trotz allem“ (frz. «images malgré tout»).

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alain Jaubert (Regie): Auschwitz, l’album de la mémoire, F, 1984.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilhelm Brasse (1917–2012), polnischer Fotograf, vier Jahre lang als Häftling Lagerfotograf, zur Tradierung vieler Auschwitzaufnahmen

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Cornelia Brink in: Fotogeschichte. Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie. Jonas-Verlag, Marburg, Heft 95 (2005, Vortragsreihe an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2004; online die Rezension von Waltraud Burger)
  • Georges Didi-Huberman: Bilder trotz allem. Übersetzt aus d. Französischen von Peter Geimer. Wilhelm Fink Verlag, München 2007, ISBN 978-3-7705-4020-4, 260 Seiten mit 30 Abb.
  • Israel Gutman, Bella Gutterman (Hrsg.): Das Auschwitz-Album. Die Geschichte eines Transportes. 2. überarb. Aufl. Göttingen 2015, ISBN 978-3-89244-911-9
  • Stefan Hördler, Christoph Kreutzmüller, Tal Bruttmann: Auschwitz im Bild. Zur kritischen Analyse der Auschwitz-Alben. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 63, 2015, H. 7/8, S. 609–632
  • Serge Klarsfeld (Hrsg.): L’Album d’Auschwitz; bzw. The Auschwitz Album. Lili Jacob’s Album. The Beate Klarsfeld Foundation, New York 1980; bzw. Random House, New York 1981, bzw. Das Arsenal, Berlin 1995 (Lili Meiers Album).
  • Ota Kraus, Erich Kulka: The Death Factory: Document on Auschwitz, New-York, 1966 (englisch). Auf dt. Die Todesfabrik bei Dietz, Berlin, ISBN 3-320-01636-9. 375 Seiten.
  • Bedrich Steiner: Tragédia slovenských Židov. Dokumenty a fotografie. (dt: Tragödie der slowak. Juden. Dokumente und Photographien). Bratislava 1949. (slowakisch)
  • Teresa Świebocka (Hrsg.): Auschwitz: A History in Photographs. Indiana University Press, Bloomington und Ksiazka i Wiedza, Warsaw 1993 (englisch).
  • Klaus Wiegrefe: Schöne Tage in Auschwitz. In: Der Spiegel. Nr. 39, 2007, S. 60 (online).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • zum Auschwitz-Album von Hofmann/Walter (Lilly Jacob, Yad Vashem)
 Commons: Auschwitz Album – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zum Freizeitprogramm der SS-Wächter vergleiche Ernst Klee: Heitere Stunden in Auschwitz. Wie deutsche Künstler ihre mordenden Landsleute im besetzten Polen bei Laune hielten. In: Die Zeit, Nr. 5/2007.
  2. a b c Das Geheimnis der Auschwitz-Alben – Fotos aus der Hölle. (Memento vom 31. Januar 2016 im Internet Archive) ZDF-History
  3. Bilke (Bilky - ukr. Білки - ung. Bilki; bei Berehowe)
  4. Lili oder Lilly Jacob-Zelmanovic Meier aus Bilke
  5. L’album d’Auschwitz ou le trésor de Lili Jacob, «La saga de l’album de Lili Jacob», Le Monde, 30. Mai 2005 (frz.).
  6. Christoph Schminck-Gustavus: Winter in Griechenland – Krieg-Besatzung-Shoah – 1940–1944. Wallstein Verlag, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8353-0591-5, S. 223
  7. Alec Wilkinson: Picturing Auschwitz. In: The New Yorker, 17. März 2008, S. 48 (englisch)
  8. Stefan Hördler, Christoph Kreutzmüller, Tal Bruttmann: Auschwitz im Bild – Zur kritischen Analyse der Auschwitz-Alben. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 63, 2015, H. 7/8, S. 623.
  9. Das DHM berichtet von einer Fotoreportage in der Zeitschrift Münchner Illustrierte Presse, am 16. Juli 1933, über eine propagandistische Fotoreportage der NSDAP, offenbar durch Himmler inspiriert, unter dem Titel Die Wahrheit über Dachau und den Untertitel Frühappell im Erziehungslager. Münchner Illustrierte Presse, Bericht vom 16. Juli 1933. Dieser Bericht bietet eine mögliche Erklärung zur offiziellen Anfertigung von Fotografien in KZs. Er ist allerdings nicht vergleichbar mit den hier genannten Fotografie-Serien.
  10. Annika Wienert: Das Lager vorstellen – Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Berlin 2015, ISBN 978-3-95808-013-3, S. 24–38. Jacek Lachendro (Hrsg.): Deutsche Vernichtungslager in Polen. Marki 2007, ISBN 978-83-7419-104-3
  11. Annika Wienert: Das Lager vorstellen – Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager. Berlin 2015, ISBN 978-3-95808-013-3, S. 39–50.
  12. Didi-Huberman, 2007 - Rezension, Geschichte der Aufnahmen siehe Literatur