Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa

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Filmdaten
Originaltitel Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa
Produktionsland Deutschland
Länge 90 Minuten
Stab
Regie Joachim Schroeder
Sophie Hafner
Produktion Joachim Schroeder
Kamera Matthias Benzing
Schnitt Sophie Hafner

Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa ist ein 90-minütiger Dokumentarfilm der Autoren Joachim Schroeder und Sophie Hafner aus dem Jahr 2016 über Antisemitismus in Deutschland, Frankreich, im Gazastreifen und im Westjordanland – darunter wird auch der Judenhass von Muslimen thematisiert. Mediale Beachtung fand der Film innerhalb und außerhalb des deutschsprachigen Raums, nachdem der Fernsehsender Arte im Sommer 2017 eine Ausstrahlung zunächst abgelehnt hatte. Der WDR, der den Film in Auftrag gegeben und vorher redaktionell abgenommen hatte,[1] äußerte daraufhin „Zweifel an der journalistischen Qualität der Dokumentation“.[2][3]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrales Thema des Films ist der Antizionismus, auf den sich Rechte, Linke und arabisch-muslimische Kreise als aktuelle Form des Antisemitismus einigen können. Zudem werden konventionelle Spielarten des Antisemitismus, wie körperliche Angriffe auf jüdische Schüler und Straßenschlachten vor Synagogen dargestellt, die Rolle von Hamas und Fatah im Gazastreifen beleuchtet sowie palästinensische Studenten und offizielle Vertreter der Hamas interviewt. Juden aus Europa und dem Nahen Osten berichten von antisemitischen Übergriffen. Breiten Raum nimmt die Darstellung der Boycott, Divestment and Sanctions-Bewegung (BDS) und diese unterstützende internationalen Organisationen und kirchlichen Kreise ein. Die Zitate und Berichte werden von Experten eingeordnet. Die Dokumentation beschäftigt sich primär mit mitteleuropäischem Antisemitismus, spannt aber den Bogen in den Nahen Osten. Drehorte waren unter anderem Brüssel, Berlin, Stuttgart, Frankfurt am Main, Jerusalem, Ramallah, Gaza, Ariel im Westjordanland, Paris und Sarcelles. Inhaltlich fokussiert der Film auf antijüdische Vorurteile, die vordergründig auf Israel übertragen werden und so antisemitische Ressentiments zum Ausdruck bringen können, ohne das Wort Jude explizit zu nennen.[4]

Ausstrahlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem zunächst seitens Arte eine Ausstrahlung abgelehnt wurde, teilte der WDR am 16. Juni 2017 mit den Film sowie eine daran angeschlossene Diskussionssendung (Maischberger) am 21. Juni im Ersten auszustrahlen.[5] Auch Arte beschloss am 20. Juni, den Dokumentarfilm am selben Tag wie „Das Erste“ zu senden.[6] Die fast zeitgleichen Ausstrahlungen wurden nach Angaben des WDR zuvor seitens des Produzenten an acht Stellen bearbeitet und seitens des WDR „mit rechtlich notwendigen zusätzlichen Anmerkungen“ versehen, womit Rechte Dritter geschützt werden sollen, „die im Film angegriffen, aber nicht – wie auch journalistisch geboten – angehört werden.“[7] Zuvor war der Dokumentarfilm auch per Youtube und bild.de im Internet für 24 Stunden abrufbar, der nach eigenen Angaben von 200.000 Usern gesehen wurde.[8]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, forderte Arte in einem offenen Brief auf, den Film zu zeigen. Schuster erklärte, der Film sei vor dem zunehmenden, auf Israel bezogenen Antisemitismus höchst relevant. Ihn zu zeigen, entspreche dem Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender.[9] Dieser Forderung schloss sich Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde in Bayern, an. Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour hatte die Autoren bei der Produktion beraten und die Relevanz des Projekts hervorgehoben.[10] Arte-Programmdirektor Alain Le Diberder entgegnete, der Film habe nicht dem genehmigten Projekt entsprochen. Er habe nicht wie vereinbart das „aktuelle Erstarken des Antisemitismus in verschiedenen Ländern Europas“ beleuchtet, sondern den Nahen Osten in den Fokus gerückt und sei daher „unausgewogen“. Die Bild-Zeitung und andere Medien deuteten an, der Film thematisiere, dass die Hilfsorganisationen „Brot für die Welt“ und „Misereor“ Boykott-Kampagnen gegen Israel mitfinanzierten und dass die Europäische Union und die Kirchen zusammen mit der UNO jährlich 100 Millionen Euro Steuergelder für Organisationen bereit stellen sollen, die teilweise israel-feindliche Kampagnen betrieben.[11]

Die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel schrieb in ihrem Gutachten: „Aus Sicht der empirischen Antisemitismusforschung spiegeln die in diesem Film präsentierten Fakten zur aktuellen Judenfeindschaft sehr genau die Lage wider“.[12] Auch der Historiker Götz Aly sprach sich für eine Ausstrahlung aus[13] und warf sowohl Arte als auch WDR Zensur vor.[14]

Am 13. Juni 2017 veröffentlichte das News- und Entertainment-Portal Bild.de den Film für die Dauer von 24 Stunden.[15] Der Chefredakteur der Online-Ausgabe begründete diesen Schritt mit der Vermutung, der Film habe nicht gezeigt werden dürfen, weil er mit Blick auf die gezeigten Sachverhalten „politisch nicht genehm“ sei. Es sei jedoch die „historische Verantwortung“, den gesellschaftlichen Zuständen mit der Veröffentlichungen „entgegenzutreten“.[16]

Am selben Tag reagierte Arte mit einer Pressemitteilung, in der erklärt wurde, dass Arte zur Kenntnis genommen habe, dass Bild.de die Dokumentation in eigener Verantwortung online gestellt habe. „Auch wenn diese Vorgehensweise befremdlich ist, hat ARTE keinen Einwand, dass die Öffentlichkeit sich ein eigenes Urteil über den Film bilden kann.“ Weiterhin heißt es darin: „ARTE kann und will den Film jedoch nicht durch eine eigene Ausstrahlung nachträglich legitimieren, da er, ohne dass ARTE darüber informiert wurde, gravierend von dem verabredeten Sendungskonzept abweicht. Eine solche Vorgehensweise kann ARTE in diesem wie in jedem anderen Fall nicht akzeptieren. Die Unterstellung, der Film passe aus politischen Gründen nicht ins Programm ist schlichtweg absurd: Der ursprünglich von der Programmkonferenz genehmigte Programmvorschlag sah ausdrücklich das Thema des unter dem Deckmantel der Israelkritik versteckten Antisemitismus vor – entsprechend der editorialen Linie von ARTE als europäischer Sender aber nicht im Nahen Osten, sondern in Europa.“[17]

Rezensionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Christian Bommarius urteilte in der Berliner Zeitung, der Film sei „ein anspruchsvoller, wichtiger Beitrag zur Aufklärung über den grassierenden Antisemitismus“. Die Dokumentation sei „unausgewogen im besten Sinne. Sie ist unausgewogen, weil sie entschieden gegen den Antisemitismus Partei ergreift. Sie ist unausgewogen im besten Sinne, weil sie linke und rechte, arabische und europäische Antisemiten zu Wort kommen lässt, die sich damit selbst als Antisemiten überführen.“[18]

Arno Frank auf Spiegel Online sah in der Dokumentation klare handwerkliche Mängel. „So tadellos manche Aspekte recherchiert sind, so leichtfertig werden andere Aspekte abgehandelt.“ Er kritisierte Bild.de für die Veröffentlichung eines unfertigen Werkes und wies die Zensurkritik gegenüber Arte zurück.[19] Mirna Funk kritisierte den Film in Die Zeit als „schlecht gemacht und propagandistisch aufgebaut“.[20] Peter Ullrich vom Zentrum für Antisemitismusforschung bewertete den Film als „trotz aller spannenden Details schlecht gemacht und irreführend“.[21] Der Israel-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung Ulrich Schmid bezeichnete den Film als Ärgernis; er sei „einseitig, unintellektuell und anwaltschaftlich“.[22] Jan Grossarth zitiert in der FAZ aus den Gutachten, die der Filmautor Joachim Schroeder einholen ließ. So schrieb der Münchner Historiker Michael Wolffsohn: „Das ist die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich leider hochaktuelle und wahre Doku zu diesem Thema.“ Der Historiker Götz Aly nennt den Film eine „beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung“, und „die Intensität der Recherche verleiht dem Film eine ungewöhnliche Kraft.“ [23]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Video der Dokumentation. WDR, verfügbar bis 28. Juni 2017.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. WDR Presse und Information: FAQ zur ARTE-Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“. In: wdr.de. 8. Juni 2017, abgerufen am 13. Juni 2017.
  2. Arte und WDR. Streit um Antisemitismus-Doku, In: Deutschlandfunk online. 6. Juni 2017, abgerufen am 11. Juni 2017.
  3. Bojan Pancevski: TV film on migrant Muslims’ hate of Europe’s Jews axed, In: The Times online. 11. Juni 2017, abgerufen am 12. Juni 2017 (englisch).
  4. Elisa Makowski: Sensibles Thema. In: epd.de. 19. Mai 2017, abgerufen am 15. Juni 2017.
  5. „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“: Das Erste zeigt ARTE-Doku über Antisemitismus am Mittwoch, 21. Juni 2017. In: presseportal.de. Presse und Information Das Erste, 16. Juni 2017, abgerufen am 17. Juni 2017.
  6. ARTE übernimmt Programm von „Das Erste“ zur Dokumentation AUSERWÄHLT UND AUSGEGRENZT – DER HASS AUF JUDEN IN EUROPA mit anschließender Diskussionssendung – zeitversetzte Ausstrahlung am 21. Juni ab 23 Uhr. In: arte.tv. ARTE, 20. Juni 2017, archiviert vom Original am 20. Juni 2017, abgerufen am 20. Juni 2017 (PDF).
  7. Redaktionelle Infos zur Dokumentation "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa", WDR.de, abgerufen am 21. Juni 2017
  8. 200.000 sehen umstrittene Antisemitismus-Doku, tagesspiegel.de vom 14. Juni 2017, abgerufen am 22. Juni 2017
  9. Gesperrte Antisemitismus-Doku – Zentralrat der Juden fordert Freigabe von ARD und ZDF. In: Spiegel Online. 7. Juni 2017, abgerufen am 13. Juni 2017.
  10. Arte – Antwort vom Intendanten. In: Jüdische Allgemeine online. 8. Juni 2017, abgerufen am 13. Juni 2017.
  11. Kein ausgewogener Film In: Bayernkurier online. 9. Juni 2017, abgerufen am 11. Juni 2017.
  12. Philipp Peyman Engel: Zensur oder Wurstigkeit? In: Jüdische Allgemeine online. 15. Juni 2017, abgerufen am 15. Juni 2017.
  13. Umstrittene Produktion des WDR. Warum Arte die Antisemitismus-Doku unbedingt senden sollte. In: Tagesspiegel online. 9. Juni 2017, abgerufen am 11. Juni 2017.
  14. Götz Aly: Arte verhindert Doku zu Antisemitismus. In: Berliner Zeitung online. 2. Mai 2017, abgerufen am 13. Juni 2017.
  15. Julian Reichelt: BILD zeigt die Doku, die ARTE nicht zeigen will. In: Bild.de. 13. Juni 2017, abgerufen am 13. Juni 2017.
  16. Markus Ehrenberg, Joachim Huber: 200.000 sehen umstrittene Antisemitismus-Doku. In: Tagesspiegel online. 14. Juni 2017, abgerufen am 14. Juni 2017.
  17. Pressestatement zur Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“. In: presseportal.de. ARTE G.E.I.E., 13. Juni 2017, abgerufen am 13. Juni 2017.
  18. Christian Bommarius: Eine Doku über Antisemitismus muss provozieren. In: Berliner Zeitung online. 13. Juni 2017, abgerufen am 15. Juni 2017.
  19. Arno Frank: TV-Dokumentation zu Antisemitismus: Mit Elan ins Minenfeld. In: Spiegel Online. Abgerufen am 15. Juni 2017.
  20. Mirna Funk: Antisemitismus? Gibt es nicht! In: zeit.de. 14. Juni 2017, abgerufen am 15. Juni 2017.
  21. Peter Ullrich: Ein kaum zu überbietendes Zerrbild vom Nahostkonflikt. In: Neues Deutschland online. Neues Deutschland, 15. Juni 2017, abgerufen am 20. Juni 2017.
  22. Ulrich Schmid: Ein problematischer Film – Klischees dienen der Sache nicht. In: NZZ online. NZZ, 20. Juni 2017, abgerufen am 20. Juni 2017.
  23. Jan Grossarth: Arte und WDR kneifen - Wie soll man über Judenhass berichten? In: Frankfuter Allgemeine Zeitung online. 3. Juni 2017, abgerufen am 21. Juni 2071.