Ausgrabung der Republik Freies Wendland

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Bei der Ausgrabung der Republik Freies Wendland handelt es sich um die archäologische Untersuchung eines ehemaligen Hüttendorfes der Anti-Atomkraft-Bewegung bei Gorleben in Niedersachsen, in dem 1980 die Republik Freies Wendland ausgerufen wurde.

Standort des Hüttendorfes der Republik Freies Wendland, später die asphaltierte Tiefbohrstelle 1004 (2015)

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Republik Freies Wendland
Baustelleneinfahrt der Tiefbohrstelle 1004 kurz nach der Räumung des Hüttendorfes, 1980

Nach einer Platzbesetzung mit rund 5000 Personen am 3. Mai 1980 hatten Atomkraftgegner ein Hüttendorf als Protest gegen den Bau des Atommülllagers Gorleben errichtet. Es entstand am Standort der geplanten Tiefbohrstelle 1004, an der die Physikalisch-Technische Bundesanstalt den Salzstock Gorleben auf seine Eignung als kerntechnisches Endlager untersuchen sollte. Mit der Besetzung rief das „Untergrundamt Gorleben-Soll-leben“ aus den Reihen der Atomkraftgegner die Republik Freies Wendland als eigenen Staat aus. Zum Hüttendorf gehörten rund 120 Bauten aus Holz und Lehm sowie Holztürme. Es gab auch zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen, wie Großküche, Kirche, Krankenstation, Toilettenanlage und Mülldeponie. Der größte Bau war das achteckige „Freundschaftshaus“ mit einem Durchmesser von etwa 30 Metern, das rund 400 Personen Platz bot. Im Protestcamp herrschte bei etwa 500 bis 600 ständigen Besetzern, die an den Wochenenden Zulauf durch bis zu 5000 Besucher erhielten, ein reges Alltagsleben. Nach 33 Tagen räumte die Polizei am 4. Juni 1980 durch einen der bis dahin größten Polizeieinsätze der Nachkriegszeit das Camp mit rund 2000 anwesenden Besetzern.

Nach der Räumung wurde noch 1980 auf dem Areal des Protestcamps die Tiefbohrstelle 1004 eingerichtet und umzäunt. Wegen des schweren Geräts erhielt das Betriebsgelände, einschließlich der Zufahrtswege, eine Asphaltdecke. Seit der Aufgabe der Tiefbohrstelle in den 1980er Jahren ist das Areal wieder frei zugänglich und das Umfeld wurde aufgeforstet.

Koordinaten: 53° 0′ 46,4″ N, 11° 20′ 4,3″ O

Reliefkarte: Deutschland
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Ausgrabung der Republik Freies Wendland
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Deutschland
Archäologische Exkursion zum früheren Standort der Republik Freies Wendland, 2017

Geografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor den Ausgrabungen erfolgte eine archäologische Prospektion auf dem Areal des früheren Protestcamps der Republik Freies Wendland. Das Hüttendorf lag zwischen dem Ort Trebel und dem Atommülllager Gorleben auf einer großflächigen Lichtung im Trebeler Forst innerhalb des ausgedehnten Waldgebietes Gartower Tannen. Diese war im Sommer 1975 beim Brand in der Lüneburger Heide nach einer Brandstiftung entstanden. Das Protestcamp erstreckte sich auf einer Fläche von etwa 300 × 400 Meter auf der sandigen Brachfläche mit verbrannten Baumstümpfen.

Heute (2017) ist das Areal des früheren Protestcamps größtenteils renaturiert und mit jungem Nadelwald bestanden. Ein Teilbereich (etwa 5 %) ist von der Asphaltfläche der einstigen Tiefbohrstelle 1004 bedeckt, innerhalb derer sich Löschwasserbrunnen befinden, der heutzutage von der örtlichen Feuerwehr genutzt wird.

Forschungsprojekt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wissenschaftliche Erforschung des damaligen Protestcamps, unter anderem durch Ausgrabungen, führt der Archäologe Attila Dézsi vom Institut für Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie der Universität Hamburg durch. Sie ist als zweijähriges Promotionsprojekt angelegt und Grundlage seiner Dissertation, wofür ihm die Universität Hamburg ein Stipendium gewährt.[1] Das Forschungsprojekt trägt die Bezeichnung:[2]

„Zeitgeschichtliche Archäologie des 20. Jahrhunderts an Orten des Protests. Kritische Archäologie und Community Archäologie der Freien Republik Wendland.“

Die Forschungen des Archäologen begannen im Jahr 2016 und sollen 2018 abgeschlossen sein. Dabei kooperiert er mit dem in Lüchow ansässigen Gorleben Archiv, das die Geschichte des Protestes gegen das Atommülllager im Wendland dokumentiert.[3] Zu den Untersuchungen entsteht ein Dokumentarfilm der Wendländischen Filmkooperative.[4]

Ziele und Methoden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Präsentation von Ergebnissen der ersten Ausgrabung, links der Archäologe Attila Dézsi (2017)

Die Untersuchungen gelten den im Boden verbliebenen Resten der Anlage und den Hinterlassenschaften der Campbewohner. Sie erfolgen unter anderem durch Auswertungen von Bild-, Schrift und Tonquellen, durch geophysikalische Prospektionen sowie Ausgrabungen. Die Ergebnisse werden miteinander verglichen und gegenübergestellt. In den Forschungsprozess sind Anwohner und Zeitzeugen einbezogen.[5] Ziel ist die Rekonstruktion des Camps. Anhand von archäologisch untersuchten Gebäudestandorten will der Archäologe Dézsi Erkenntnisse über den Aufbau und die Funktion verschiedener Hütten gewinnen. Dies könne Einblicke in die Sozialstrukturen des Camps geben und der Erforschung des vierwöchigen Alltagslebens der Besetzer dienen.[6] Mittels Bodenbefunden und Artefakten sollen auch die Ereignisse der Platzbesetzung und der Platzräumung ergründet werden.[7] Bei der Erforschung sind in einem sechs Fußballfelder großen Bereich, den das Camp umfasste, einzelne kleinflächige Ausgrabungen vorgesehen. [8] Dadurch sollen tiefere Bodeneingriffe von größeren Hütten und Türmen gefunden werden. Ebenso dienen die Grabungen dem Auffinden von Hinterlassenschaften der Besetzer, beispielsweise in Form persönlicher Gegenstände und Dingen des täglichen Lebens.[9] Der Archäologe Attila Dézsi vermutete im Vorfeld der Ausgrabungen, auf eine materielle Kultur, wie „Kanister, Glasflaschen, Kleidung“, zu stoßen. Die Wahrscheinlichkeit hielt er für groß, denn bei der Räumung des Camps im Jahr 1980 zerstörten Polizei sowie Bundesgrenzschutz zwar die Hütten mit Planierraupen, ließen aber die Überreste liegen.

Archäologische Untersuchungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verfüllter Grabungsschnitt nach der ersten Ausgrabung vom Oktober 2017

Voruntersuchungen im Frühjahr 2017 dienten der Ermittlung des Standortes des ehemaligen Hüttendorfs.[10] Anhand von Luftbildern ließen sich die Standorte der früheren Hütten ermitteln. Bei Begehungen des Geländes unter Mitwirkung von Sondengängern wurden 450 Gegenstände gefunden, die zu etwa zwei Dritteln aus der Zeit um 1980 stammen. Dazu zählten vor allem Getränkedosen und Kochtöpfe, darunter ein vermutlich bei der Platzräumung platt gewalzter Topf.[11] Die erste Ausgrabungskampagne fand über zwei Wochen im Oktober 2017 an zwei Grabungsstellen statt. Die Grabungen nahmen Studierende der Universität Hamburg und tageweise einstige Bewohner des Hüttendorfes vor.[3] Zu den rund 700 Fundstücken zählen verschiedene Alltagsgegenstände, wie Löffel, Reste von Fensterglas, eine Tasse und Konservenbüchsen. Die gefundenen Dosen werden den Einsatzkräften der Polizei zugeordnet, da sie aus späteren Quartalen des Jahres 1980 und aus 1981 stammten. Zu Fundstücken, die von der Räumung zeugen, zählen Gasmaskenfilter und Kabelbinder.[12] Zu den entdeckten Befunden gehören die Fahrspur einer Planierraupe und eine Abfallgrube, die vermutlich von der Polizei angelegt wurde.[13]

Eine zweite Ausgrabungskampagne ist für das Frühjahr 2018 vorgesehen.[4] Die Grabungen werden durch einen Förderpreis für Nachwuchswissenschaftler der Society for Post-Medieval Archaeology unterstützt.[14]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Archäologe Attila Dézsi sieht im früheren Hüttendorf einen bedeutsamen Ort der Protest-, Demokratie- und Umweltgeschichte. Dessen Erforschung hält er für wichtig, um die gewonnenen Erkenntnisse an jüngere Generationen weiterzugeben.[15] Darüber hinaus sieht er den Ort als bedeutsam an, weil er für die Wende in der Energiepolitik stehe.[8] Das archäologische Eingreifen könne die Rolle der Archäologie in der modernen Gesellschaft reflektieren und dazu dienen, den Ereignisort als kulturelles Erbe zu diskutieren. [16]

Das Forschungsvorhaben ist das erste Projekt zeitgeschichtlicher Archäologie zur Alltagskultur des späten 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum.[17] Es knüpft an die aktuellen Entwicklungen der internationalen zeitgeschichtlichen Archäologie an.[2]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Forschungsprojekt, das ein Ereignis des späten 20. Jahrhunderts aufgreift, führte zu einer Diskussion über die Sinnhaftigkeit von Gegenwartsarchäologie und ihren Anliegen. Es herrsche Unverständnis darüber, dass ein Schauplatz der jüngsten Geschichte mit archäologischen Methoden erforscht wird.[18] Es stelle sich die Frage, ob „Reste von Hüttendächern oder eine Müllgrube der Polizei wirklich Auskunft geben über das, was diese Besetzung bedeutet hat“.[19]

Befürworter der Untersuchungen halten dem entgegen, dass das Gesamtbild zur Republik Freies Wendland noch lückenhaft sei trotz der Fülle von Quellenmaterial in Form von Bild-, Text- und Tondokumenten. Die genaue Topographie des Camps sei bis heute unklar und lasse sich aus dem vorliegenden Material nicht detailliert rekonstruieren. Archäologische Quellen könnten das Bild ergänzen. Darüber hinaus sei die Trennlinie zwischen „lange genug her“ und „grabungswürdig“ – gegenüber „noch nicht lange her“ und „nicht grabungswürdig“ - schwer zu ermitteln. In Deutschland stecke die „zeitgeschichtliche Archäologie“ noch in den Anfängen, es gebe aber Projekte wie Ausgrabungen in Konzentrationslagern oder die Erforschung von Fluchttunneln unter der Berliner Mauer. [18]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ausgrabung der Republik Freies Wendland – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Archäologen erforschen "Republik Freies Wendland" bei NDR.de vom 15. September 2016
  2. a b Beschreibung des Dissertationsprojektes von Attila Dézsi beim Doktorandenkolleg Geisteswissenschaften der Universität Hamburg
  3. a b Archäologische Erforschung der Freien Republik Wendland bei Gorleben-archiv.de
  4. a b Nordmedia Produktionsspiegel: Gorleben 7
  5. Reimar Paul: Was dort begraben liegt in taz vom 16. Oktober 2016
  6. Dietrich Mohaupt: Gewaltfreier Protest für eine atomfreie Zukunft bei Deutschlandfunk vom 3. November 2016
  7. Promotionsprojekt. Archäologische Ausgrabung des Protestcamps „Freie Republik Wendland“ bei Universität Hamburg vom 8. November 2017
  8. a b Archäologe gräbt „Republik Freies Wendland“ aus in Bild vom 17. Februar 2017
  9. Reimar Paul: „Republik Freies Wendland“ soll wissenschaftlich erforscht werden in Weser-Kurier vom 9. Oktober 2016
  10. Archäologische Ausgrabung des Protestcamps „Freie Republik Wendland“. bei focus.de vom 8. November 2017
  11. Jörg Römer: Archäologen erforschen Achtzigerjahre bei spiegel.de vom 21. September 2017
  12. Fundstücke aus dem Protestcamp in Weser-Kurier vom 18. November 2017
  13. Thomas Janssen: Was bleibt von 30 Tagen? Im Spannungsfeld von Forschung und Mythenbildung: Die Ausgrabung von 1004 bei Gorleben in Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 3. November 2017
  14. Pressegespräch: Promotionsprojekt Archäologische Ausgrabung des Protestcamps „Freie Republik Wendland“ bei Gorleben-archiv.de vom 9. November 2017
  15. Ann-Kristin Mennen: Archäologe gräbt "Freie Republik Wendland" aus bei ndr.de vom 18. Januar 2017
  16. 45. Herbsttagung am 23./24. September 2017 bei Heimatkundlicher Arbeitskreis Lüchow-Dannenberg (HALD)
  17. Graben nach den Resten der Freien Republik Wendland bei wendland.net vom 5. Dezember 2016
  18. a b Jutta Zerres: Der Kaugummi von Renate Künast - oder: Wann beginnt Archäologie? beim Wissenschaftsblog Archaeologik vom 9. Februar 2017
  19. Thomas Janssen: Nabelschau im Sand? in Elbe-Jeetzel-Zeitung vom 3. November 2017