Autonomous Sensory Meridian Response

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Audio-Beispiel für ASMR, bei dem in kurzer Abfolge 100 verschiedene Auslöser verwendet werden (etwa 2–3 Sekunden pro Auslöser)

Autonomous Sensory Meridian Response (abgekürzt ASMR; deutsch „Autonome sensorische Meridianreaktion“) bezeichnet das Wahrnehmen eines kribbelnden, angenehm empfundenen Gefühls auf der Haut (sogenannte Tingles); oft ähnlich erlebt wie sanfte elektrostatische Entladungen. Es beginnt typischerweise auf der Kopfhaut des Hinterkopfs und bewegt sich entlang des Nackens und der oberen Wirbelsäule bis in den Schulterbereich. Dieses Gefühl ist für die meisten Personen mit Entspannung, Beruhigung und Wohlbefinden verbunden. Vielen Menschen hilft ASMR beim Einschlafen.[1] Weil ASMR durch bestimmte akustische und optische Reize ausgelöst werden kann, wurde es 2021 zum drittmeistgenutzten Suchbegriff auf der Videoplattform YouTube.[2]

Auslöser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beispiel einer ASMR-Präsentation per Live-Streaming
Beispiel einer ASMR-Präsentation

ASMR wird häufig durch akustische, visuelle und taktile Sinnesreize (sogenannte Trigger, deutsch „Auslöser“) ausgelöst, seltener auch durch bloße persönliche Aufmerksamkeit und Zuwendung durch eine andere Person. Typische Auslöser dabei sind:

  • bestimmte Geräusche (z. B. das Reiben von Händen oder Lippengeräusche),
  • ruhige Stimmen und sanftes Flüstern,
  • beruhigende Handbewegungen oder
  • leichte Berührungen am Kopf (z. B. beim Haarewaschen oder beim Haarekämmen).

Das Phänomen ist noch kaum wissenschaftlich erforscht worden,[3] wurde jedoch mit Ton-Berührung-Synästhesie verglichen.[4][5]

Beispiel einer binauralen ASMR-Präsentation

Teilweise wird die Technik binauraler Akustik eingesetzt, um einen dreidimensionalen Höreindruck zu vermitteln.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „Autonomous Sensory Meridian Response“ breitete sich seit dem Jahr 2010 im anglo-amerikanischen Raum aus, um dieses Kopfkribbeln zu beschreiben. Auf YouTube entstand ein Trend mit Videoclips, die ASMR auslösen sollten. Die bekanntesten Clips wurden teilweise millionenfach angesehen. Im Frühjahr 2014 gab es mehr als zwei Millionen Videoclips zu diesem Phänomen. Der Trend breitet sich seit einiger Zeit auch im deutschsprachigen Raum aus. Im Jahr 2012 erschienen die ersten deutschsprachigen Medienberichte über diese Bewegung.[6][7] Zu den am häufigsten aufgerufenen ASMR-Kanälen auf YouTube gehört Gentle Whispering ASMR der Webvideoproduzentin Maria Viktorovna.

Wissenschaftliche Erforschung und Einschätzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Neurologe Steve Novella von der Yale University School of Medicine hält es für plausibel, dass nur manche Menschen ASMR aufweisen, da sich die Menschen neurologisch unterscheiden. Er schlägt vor, neurowissenschaftlich zu untersuchen, wie sich die Gehirne zwischen den Personen, die ASMR kennen, und einer typischen Kontrollgruppe unterscheiden.[8]

Tom Staford von der University of Sheffield betrachtet es als schwierig, ASMR wissenschaftlich zu erforschen, da es sich um Empfindungen handelt, die nicht von allen Personen erlebt werden. Er vergleicht ASMR mit der Synästhesie, die lange für einen Mythos gehalten wurde. Forscher fanden in den 1990er Jahren Methoden, um die Synästhesie wissenschaftlich zu messen.[9]

David Huron (Professor an der School of Music der Ohio State University) unterscheidet zwischen musikalischen Chills und ASMR. Er meint, dass ASMR mit der Wahrnehmung von Gefahrenlosigkeit und altruistischer Aufmerksamkeit zusammenhänge. Er glaubt, dass der ASMR-Effekt deutliche Ähnlichkeiten mit dem Grooming der Primaten aufweist. Bei dieser Form der sozialen Körperpflege erfahren die Tiere „einen an Euphorie grenzenden Lustgewinn aus der gegenseitigen Fellpflege“,[10] welcher aufgrund der geringeren Wahrscheinlichkeit parasitären Befalls sowie allen mit starker sozialer Bindung einhergehenden positiven Effekten wohl einen selektiven Vorteil bietet.

Eine Studie vom Juni 2018 zeigte, dass ASMR die Herzfrequenz senkt und gleichzeitig die Hautleitfähigkeit erhöht. Dies dient als Zeichen von Erregung (nicht sexueller Art). Jedoch zeigte sich, dass Menschen, die weder vor noch während der Studie ASMR verspüren, keine signifikanten körperlichen Reaktionen haben. Die Studie zeigt ebenfalls, dass ASMR kein sexuelles Gefühl ist, da zu keinem Zeitpunkt sexuelle Erregung bei den Teilnehmern zu erkennen war oder von diesen genannt wurde. ASMR wird, ebenso wie Nostalgie, als eine komplexe Emotion oder Wahrnehmung beschrieben, da auf den ersten Blick gegenteilig erscheinende Reaktionen auftreten: Entspannung und erhöhte Hautleitfähigkeit (vergleichbar zu Nostalgie: Glück und Traurigkeit).[11]

Abgrenzung zum „Gänsehaut-Effekt“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

ASMR wird von physisch induzierten Gänsehautgefühlen (den „Chills“) dadurch abgegrenzt, dass ASMR-Empfindungen recht lange anhalten können (so lange wie der Auslöser), während physische Chills nur wenige Sekunden lang andauern. Als ein weiterer Unterschied zwischen ASMR und physischen Chills wird beschrieben, dass ASMR im Gegensatz zu physischen Chills nicht von einem aufregenden Gefühl begleitet sei, sondern stattdessen entspannend wirke.[10]

Verhältnis zu Pornografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erotischer Charakter von ASMR-Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl es viele Aussagen über den Charakter von ASMR-Medien gibt, die den Zusammenhang mit Erotik ausschließen, sind dennoch Parallelen zwischen ASMR-Künstlerinnen und Sexarbeiterinnen gegeben. ASMR-Künstlerinnen verhalten sich in ihren Videos zartfühlend, hingebungsvoll und verführerisch. In ASMR-Medien stellen ASMR-Künstlerinnen eine sexualisierte, weibliche Persona dar und folgen dem Rollenschema der Sexarbeit, bei dem den Hörern eine intime Situation eröffnet wird, die sie den Stress des Alltags vergessen lässt.[12] Siehe auch Rollenspiel (Pädagogik).

ASMR als Pornografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den letzten Jahren hat sich das Phänomen auch auf die Pornografie ausgeweitet. Auf den weltweit größten Pornoseiten existiert mittlerweile eine Vielzahl von ASMR-Porno-Videos mit teilweise millionenfachen Klicks und häufig sogar eine eigene Kategorie „ASMR“. ASMR-Künstlerinnen, die ihren Inhalt auf Youtube monetarisieren, tendieren dazu – u. a. auf Anfrage ihrer Zuschauer – auch pornografische Inhalte auf der Plattform OnlyFans zu verbreiten.[13] 2010 sind Pornodarsteller auf ASMR aufmerksam geworden und wurden zu frühen Produzenten von nicht-pornografischen ASMR-Medien, die auf Plattformen wie Youtube veröffentlicht wurden; sie behielten öfters ihre Sexfilmdarstellernamen bei. 2019 wurde durch ein Handelsmagazin von einer Flut von pornografischen ASMR-Medien berichtet, die sowohl von kleineren Betrieben als auch von großen Studios, wie Brazzers, ausging.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Emma Barratt, Nick Davis: Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR): a flow-like mental state. In: PeerJ. Band 3, 2015, S. e851, doi:10.7717/peerj.851, PMC 4380153 (freier Volltext).
  2. Good vibrations: tapping in to ASMR. 23. Oktober 2021, abgerufen am 23. Oktober 2021 (englisch).
  3. Search results "autonomous sensory meridian response". In: National Center for Biotechnology Information. Abgerufen am 6. November 2017.Vorlage:Cite web/temporär
  4. Julia Simner, Catherine Mulvenna, Noam Sagiv, Elias Tsakanikos, Sarah A. Witherby, Christine Fraser, Kirsten Scott, Jamie Ward: Synaesthesia: the prevalence of atypical cross-modal experiences. In: Perception. 35. Jahrgang, Nr. 8, 2006, S. 1024–1033, doi:10.1068/p5469, PMID 17076063 (Online (Memento vom 29. August 2016) [abgerufen am 25. November 2016]).  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/pec.sagepub.com
  5. Michael J. Banissy, Clare Jonas, Roi Cohen Kadosh: Synesthesia: an introduction. In: Frontiers in Psychology. 5. Jahrgang, Nr. 1414, 15. Dezember 2014, doi:10.3389/fpsyg.2014.01414 (frontiersin.org [abgerufen am 25. November 2016]).
  6. V Wacker: Viral, ansteckend, angenehm: Kribbel-Videos auf Youtube. In: Schweizer Radio und Fernsehen. 9. August 2013. Abgerufen am 26. Mai 2014.Vorlage:Cite web/temporär
  7. P Denner: ASMR – das unbekannte Gefühl. In: Studentenfutter Universität Tübingen. 14. Februar 2013. Abgerufen am 26. Mai 2014.
  8. Steven Novella: ASMR. In: NeuroLogica. New England Skeptical Society. 12. März 2012. Abgerufen am 26. Mai 2014.Vorlage:Cite web/temporär
  9. Rhodri Marsden: 'Maria spends 20 minutes folding towels': Why millions are mesmerised by ASMR videos. In: The Independent, 21. Juli 2012. Abgerufen im 28. November 2012. Vorlage:Cite news/temporär
  10. a b Sean T Collins: Why Music Gives You The Chills. In: BuzzFeed. 10. September 2012. Abgerufen am 26. Mai 2014.Vorlage:Cite web/temporär
  11. Giulia Lara Poerio, Emma Blakey, Thomas J. Hostler, Theresa Veltri: More than a feeling: Autonomous sensory meridian response (ASMR) is characterized by reliable changes in affect and physiology. In: PLOS ONE. Band 13, Nr. 6, 20. Juni 2018, ISSN 1932-6203, S. e0196645, doi:10.1371/journal.pone.0196645, PMID 29924796, PMC 6010208 (freier Volltext) – (plos.org [abgerufen am 16. Oktober 2018]).
  12. Holger Schulze: Wie klingt ein Genital?. In: Zeit. 4. April 2018. Abgerufen am 17. August 2022.
  13. Gwen Farrell: The Disturbing Link Between ASMR And Porn. In: Evie. 16. Juni 2021. Abgerufen am 17. August 2022.Vorlage:Cite web/temporär
  14. Mark Hay: ASMR is supposedly nonsexual. So why is there so much ASMR porn?. In: Mashable. 4. Mai 2022. Abgerufen am 17. August 2022.Vorlage:Cite web/temporär