Avianca-Flug 052

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Avianca-Flug 052
Boeing 707-359B, Avianca AN0945038.jpg

Eine baugleiche Boeing 707 der Avianca.

Unfall-Zusammenfassung
Unfallart Treibstoffmangel
Ort Cove Neck, New York
Datum 25. Januar 1990
Todesopfer 73
Überlebende 85
Schwerverletzte 85
Luftfahrzeug
Luftfahrzeugtyp Boeing 707-321B
Betreiber Avianca (AV)
Kennzeichen HK-2016
Passagiere 149
Besatzung 9
Liste von Katastrophen der Luftfahrt

Avianca-Flug 052 war ein Linienflug der kolumbianischen Fluggesellschaft Avianca vom El Dorado International Airport in Bogotá zum John F. Kennedy International Airport in New York City. Die Boeing 707-321B stürzte am 25. Januar 1990 wegen Treibstoffmangels ab.

Die Katastrophe[Bearbeiten]

Wetterbedingungen[Bearbeiten]

Am Unglückstag herrschten in New York sehr schlechte Wetterbedingungen, die große Auswirkungen auf den Flugbetrieb hatten. Hervorgerufen durch ein Tiefdruckgebiet verringerte dichter Nebel die Sichtweiten auf unter 500 m. Bedingt durch diese schlechten Bedingungen war an der gesamten Ostküste der USA nur ein eingeschränkter Flugbetrieb möglich. Allein am Flughafen Boston waren an diesem Tag 53 Flüge verspätet, der JFK-Airport meldete 99 Flüge als verspätet und am Flughafen Newark waren es sogar mehr als 200.[1]

Verzögerungen durch Warteschleifen[Bearbeiten]

Flug AV 052 war kurz nach 15 Uhr mit etwa 41 Tonnen Treibstoff (81.000 lb) nach einer Zwischenlandung in Medellin in Richtung New York gestartet. Das Flugzeug der Avianca war eine 23 Jahre alte Boeing vom Typ 707-321B mit dem Kennzeichen HK-2016.

Nachdem AV 052 Kuba überflogen hatte, gelangte sie in den US-amerikanischen Luftraum, wo sie ihren Flug entlang der Ostküste fortsetzte. Bei Erreichen des Luftraumes von Leesburg (Virginia) teilte man der Besatzung mit, dass AV 052 zunächst einige Warteschleifen zu fliegen hätte. Vor dem Eintritt in die erste Warteschleife bei Norfolk waren noch etwa 8,5 Tonnen (17.000 lb) Treibstoff in den Tanks, was exakt der vorher kalkulierten Menge für diesen Flugabschnitt entsprach.[1] Die Maschine kreiste etwa 16 Minuten lang in der Nähe von Norfolk (Virginia), bis sie ihren eigentlichen Kurs fortsetzen konnte. Die Crew erfragte die zu erwartenden weiteren Verspätungen bis New York, die von der Flugsicherung mit voraussichtlich 30 Minuten angegeben wurden.

Nahe Atlantic City musste AV 052 erneut 27 Minuten lang Warteschleifen fliegen sowie 40 Meilen südlich des Flughafens John-F.-Kennedy zwischen 29[2] und 46[1] Minuten über der Intersection CAMRN.

Insgesamt ergaben sich durch die Warteschleifen fast 1 1/2 Stunden zusätzliche Flugzeit (89 Minuten[1]). Um 20:44 Uhr, während der Warteschleife über CAMRN, teilte die Avianca-Crew der Flugsicherung mit, dass das Ausweichziel Boston wegen der geringen Menge an vorhandenem Treibstoff als Alternativziel nicht mehr in Frage käme.[2]

Fehlanflug[Bearbeiten]

Der erste Offizier Mauricio Klotz meldete der Flugsicherung wiederholt, dass die Maschine keinen Treibstoff mehr habe, erklärte jedoch nicht ausdrücklich, dass es sich um einen Notfall handele. Um 20:47 Uhr beendete AV 052 die Warteschleifen und begann den ILS-Landeanflug auf Landebahn 22L des JFK-Airport in New York, für die sie um 21:15 Uhr vom Tower die Landeerlaubnis bekamen. Im Endanflug geriet die Maschine in schwere Scherwinde und fiel auf eine Flughöhe von weniger als 500 Fuß (150 Meter), weit unterhalb des vorgesehenen Gleitweges. Die Maschine entging nur knapp einem Aufschlag auf dem Boden, woraufhin der Anflug abgebrochen werden musste (21:23 Uhr) und erneut voller Schub gegeben wurde. Die Flugsicherung wies AV 052 den Kurs für einen neuen Anflug, jedoch war der Besatzung in diesem Moment bereits klar, dass ein erneuter Anflug mit der verbleibenden Treibstoffmenge nicht mehr möglich war.

Der Absturz[Bearbeiten]

Sitzplatzübersicht

Um 21:32 Uhr, wenige Minuten nach dem Fehlanflug, fiel zunächst Triebwerk 4 aus – Triebwerk 3 kurze Zeit danach. Letztlich versagten infolge des Treibstoffmangels auch die übrigen Triebwerke ihren Dienst, woraufhin die Maschine in den Gleitflug überging. Das Flugzeug schlug in Cove Neck auf den Boden auf, in einer hügeligen Gegend etwa 25 Kilometer vom Flughafen entfernt. Infolge des starken Aufpralls wurde das Cockpit vom Rumpf der Maschine getrennt und 30 Meter durch die Luft geschleudert, wo es mit einem Gebäude kollidierte. Aufgrund der leeren Tanks ging das Wrack nicht in Flammen auf, was sich positiv auf die Überlebenschancen der Passagiere auswirkte. Das Fahrwerk der Boeing war zum Zeitpunkt des Aufpralls nicht ausgefahren.[2]

Von den 149 Passagieren sowie 9 Besatzungsmitgliedern überlebten 85 Personen, davon nur ein Fluggast aus der Ersten Klasse. Alle Insassen im Cockpit wurden durch den Aufprall getötet.[1]

Aufgrund der hohen Beschleunigungskräfte beim Aufprall wiesen die meisten Opfer schwere innere Verletzungen auf. Zum Tod kam es durch Kopfverletzungen sowie Verletzungen am Oberkörper.[3]

Untersuchungen zum Unglück[Bearbeiten]

Bei der Untersuchung des Flugdatenschreibers durch das National Transportation Safety Board (NTSB) stellte sich heraus, dass das Speichermedium, eine nur einmal beschreibbare Metallfolie, bereits vor dem Flug aufgebraucht war und vorschriftswidrig durch einen Klebestreifen fixiert wurde. Der Flugdatenschreiber war so nicht funktionsfähig und es konnten keine Daten gewonnen werden. Vom Band des Cockpit-Voice-Recorders konnte eine etwa 40 Minuten dauernde Aufnahme rekonstruiert werden, die wichtige Informationen zur Kommunikation zwischen Besatzung und der Flugsicherung enthielt.[4]

Der Abschlussbericht des NTSB kam zu den folgenden Schlußfolgerungen:[4]

  • Ursache des Absturzes war der Ausfall aller vier Triebwerke wegen Treibstoffmangels. Es gab keine Hinweise auf andere Fehlfunktionen der Triebwerke oder anderer Systemkomponenten
  • Die Besatzung verfügte weder für den Ziel- noch für den Ausweichflughafen über einen aktuellen Wetterbericht. Sie forderte diesen auch zu keinem Zeitpunkt an, auch nicht während des Fluges.
  • Der gewählte Ausweichflughafen war aufgrund der Wetterbedingungen schon zum Zeitpunkt des Starts nicht geeignet.
  • Der Flugplan berücksichtigte nicht die aktuellsten Daten und ging beim Start in Medellin von einem falschen Gesamtgewicht aus.
  • Die Besatzung war ausreichend ausgebildet und verfügte über ausreichende Erfahrung. Der Erster Offizier, über den die gesamte Kommunikation mit den Fluglotsen lief, sprach ausreichend Englisch.
  • Es gab nach dem Start in Medellin keinen Kontakt zwischen der Besatzung und dem Dispatcher der Avianca, der allerdings auch nicht vorgeschrieben sei.
  • Der Treibstoffmangel wurde von der Besatzung nicht angemessen an die Fluglotsen kommuniziert. Der Erste Offizier ging irrtümlich davon aus, dass seine Bitte nach „Priorität“ (priority) als „Notfall“-Meldung (emergency) verstanden wurde, das Wort „emergency“ wurde von ihm zu keinem Zeitpunkt verwendet. Der Kapitän hatte Schwierigkeiten, die Gespräche zwischen dem Ersten Offizier und den Lotsen zu verstehen.
  • Die Reaktion der Lotsen war einer priority-Situation angemessen.
  • Der Landeanflug wurde vom Kapitän nicht korrekt ausgeführt, was teilweise auf die Wetterbedingungen bei der Landung zurückzufahren war, die schlechter waren als vorausgesagt. Anderen Piloten gelang unter den gleichen Windbedingungen erfolgreiche Landungen.
  • Das Flugverkehrsmanagement der Bundesluftfahrtbehörde FAA war nicht in der Lage, den Verkehr am Flughafen JFK effektiv zu verwalten, was zu extremen Verspätungen und Warteschleifen führte. Insbesondere wurden Ankünfte von außerhalb der USA und die Möglichkeit von Fehlanflügen nicht ausreichend berücksichtigt.
  • Die Kabinenbesatzung und die Passagiere wurden nicht vor dem bevorstehenden Absturz gewarnt. Ursache der schweren und tödlichen Verletzungen waren stumpfe Gewalteinwirkungen während des Aufschlags. Die Notrutschen waren wegen fehlender Notrutschenschienen nicht einsetzbar.

Bedeutung der Kommunikation[Bearbeiten]

Die Kommunikation der Besatzung mit der Flugsicherung im Vorfeld des Absturzes wurde als Beispiel für kulturelle Unterschiede angeführt. So sei es aufgrund einer subjektiven Hierarchieunterordnung der Besatzung der Maschine unterlassen worden, einen ausdrücklichen Notfall zu erklären. Dies wurde in Malcolm Gladwells Buch Outliers im Kontext mit anderen Flugzeugabstürzen, welche auf Kommunikationsprobleme zurückzuführen sind, ausführlich analysiert.

Die Katastrophe in den Medien[Bearbeiten]

Die Katastrophe von Avianca-Flug 052 wurde in der kanadischen Fernsehserie Mayday – Alarm im Cockpit mit dem englischen Titel Deadly Delay und dem deutschen Titel Tödliche Verspätung gezeigt. In nachgestellten Szenen, Animationen sowie Interviews mit Hinterbliebenen und Ermittlern wurde über die Vorbereitungen, den Ablauf und die Hintergründe des Fluges berichtet.

Quellen[Bearbeiten]

  • Deadly Delay, Dokumentation der Reihe AIR CRASH INVESTIGATION, National Geographic, 2005 (USA)
  • Malcolm Gladwell: Outliers. 2008, ISBN 978-3-593-38838-0

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e Avianca Flight 52: The Delays That Ended in Disaster – New-York Times, von John H. Cushmann Jr., New York Times, 5. Februar 1990
  2. a b c 25 January 1990 - Avianca 52 – tailstrike.com – Auswertung des Cockpit-Voice-Recorders
  3. Analysis of injuries following the crash of Avianca Flight 52. – ncbi.nlm.nih.gov – Analyse der Verletzung durch den Absturz von Avianca 052 (Department of Surgery, Division of Trauma, State University of New York, Stony Brook)
  4. a b 1990-1-25Aircraft Accident Report (Englisch) National Transportation Safety Board. Abgerufen am 6. August 2015.

Weblinks[Bearbeiten]

40.88-73.495277777778Koordinaten: 40° 52′ 48″ N, 73° 29′ 43″ W