Awangard (Hyperschallwaffe)

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Der Start von Awangard vom Stützpunkt Dombarowski am 26. Dezember 2018

Awangard (russisch Авангард, zu Deutsch Avantgarde) ist eine in Russland entwickelte Hyperschallwaffe, die erstmals im März 2018 von Wladimir Putin angekündigt wurde. Sie soll ab 2019 bei den Strategischen Raketentruppen Russlands in Dienst treten und sowohl nukleare als auch konventionelle Sprengköpfe tragen können[1].

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Awangard handelt es sich um einen Hyperschall-Gleiter,[2][3] ein Konzept, das in den 1930er Jahren von Eugen Sänger entwickelt wurde. Nach russischen Angaben kann Awangard eine Geschwindigkeit von bis zu Mach 27 (über 33.000 km/h) entwickeln.[4] Sie kann mit einer Trägerrakete, z. B. mit einer UR-100NU, auf mehrere Mach beschleunigt werden, bevor sie sich von ihr löst und eigene Antriebe zündet. Anschließend gleitet sie durch die oberen Atmosphärenschichten. Bei hohen Überschallgeschwindigkeiten erzeugt die Rakete um sich herum eine Plasma-Glocke, ihr Gehäuse erhitzt sich dabei auf 2000 bis 2500 Grad Celsius. Nach russischen Angaben war dafür die Entwicklung von speziellen Kompositwerkstoffen erforderlich, die diesen Temperaturen widerstehen können.[5] Gleichzeitig wird das Gefährt in diesem Zustand durch seine Emissionen extrem einfach verfolgbar, während es selber "blind" wird.[6]

Ein zentrales Merkmal von Awangard ist ihre Manövrierfähigkeit, die ihr einen Vorteil gegenüber herkömmlichen ballistischen Raketen verschaffen soll.[1] Sie kann in den oberen Atmosphärenschichten wellenförmige Kurven fliegen.[1] Dadurch ist ihre Flugbahn und ihr eigentliches Ziel für Raketenabwehrsysteme kaum kalkulierbar. Avangard soll nach der Beschreibung des Präsidenten Putin vor der Föderalen Versammlung im März 2018 potenzielle Raketenabwehrstellungen des Gegners weiträumig umkurven können. Die Manövrierfähigkeit geht, möglicherweise, im Moment der Antriebslosigkeit und Steuerlosigkeit verloren; dieser Punkt galt für alle herkömmlichen Waffen, mit welchen jedoch gerade wegen ihrer Vorausberechenbarkeit höchste Präzision erreicht wurde. Ein Experte gab an, dass mit einer andauernden Manövrierfähigkeit und ihrer ihr eigenen Komplexität jedoch die zu erreichende Präzision schlussendlich abnähme, was schwer wiege, sei doch das Ziel nicht ein Oberflächenziel, sondern zum Beispiel eine unterirdische Kommandostruktur. Zudem sei die Wahrscheinlichkeit, dass Awangard ihr Ziel erreiche, zwar nahe 100 Prozent, dies sei jedoch nur marginal mehr als bei konventionellen, jedoch zielgenaueren Waffen.[6]

Strategische Aufgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Awangard wurde von Putin zusammen mit fünf weiteren neuartigen Waffensystemen präsentiert, die er als technische Durchbrüche und als Garanten der Sicherheit Russlands auf mehrere Jahrzehnte hinaus bezeichnete. Sie sollen Russlands Zweitschlagfähigkeit sichern und das nukleare Gleichgewicht aufrechterhalten, das Russland seit dem Austritt der USA aus dem ABM-Vertrag und durch den globalen Ausbau der US-Raketenabwehrsysteme als bedroht sieht. Nach Angaben des russischen Militärs soll Awangard von keiner existierenden und in absehbarer Zukunft entwickelten Raketenabwehr abgefangen werden können. In den ersten Stellungnahmen aus den USA hieß es, man habe keine Verteidigung, die den Einsatz einer solchen Waffe verhindern könnte[7].

Die Hyperschall-Interkontinentalrakete mit nuklear bestückbaren Gefechtsköpfen soll möglicherweise ab 2019 den strategischen Raketentruppen zugeführt werden und nach russischen Angaben bestehende Raketenabwehrsysteme effektiv aushebeln. Zukünftig könnte auch die neue Interkontinentalrakete RS-26 Rubesch als Träger für den Hyperschall-Marschgleitkörper dienen.

Nach Angaben des Oberbefehlshaber des United States Strategic Command (USSTRATCOM), John E. Hyten, gebe es bislang keine Verteidigungsmöglichkeit gegen solche Waffensysteme.[8][9]

Tests[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wladimir Putin im Kontrollraum des Verteidigungsministeriums in Moskau, 26. Dezember 2018

Vom Raketenstützpunkt Dombarowski im südlichen Ural testete das russische Verteidigungsministerium im Beisein von Präsident Wladimir Putin im Kontrollraum das hypersonische Gleitfahrzeug Awangard vom Raketenstützpunkt Dombarowski mit der Interkontinentalrakete UR-100UTTKh (NATO-Codename: SS-19 Stiletto). Die modifizierte Rakete mit 20-facher Überschall-Geschwindigkeit in der Atmosphäre traf erfolgreich auf dem 6000 Kilometer entfernten Raketentestgelände Kura auf der Halbinsel Kamtschatka ein.[10][11]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Mit seiner neuen Hyperschallwaffe versetzt Putin die USA in Panik, Die Welt, 27. Dezember 2018
  2. Dirk Zimper: Hyperschall-Technologie - "Fragestellungen gibt es noch eine ganze Menge". In: deutschlandfunk.de. 2. März 2018, abgerufen am 17. Januar 2019.
  3. Putin testet seine neue Überschallwaffe „Avangard“, Die Welt, 26. Dezember 2018
  4. Neue russische Rakete soll 27-mal so schnell sein wie der Schall, Handelsblatt, 27. Dezember 2018
  5. Авангард мировой науки. На что способен новейший гиперзвуковой комплекс, Vesti.ru, 27. Dezember 2018
  6. a b "Wohin der Sprengkopf gefallen ist, wissen wir nicht", Nowaja Gaseta, 11. Januar 2019
  7. Why America Should Fear Russia’s New Avangard Hypersonic Weapon: “We Don’t Have Any Defense”, National Interest, 26. Dezember 2018
  8. Putins Avangard-Gleiter ist viel zu schnell für Trumps Raketenabwehr. In: stern.de. 27. Dezember 2018, abgerufen am 28. Dezember 2018.
  9. Aufrüstung in Russland: „Es ist schwierig, eine Hyperschallrakete abzuwehren“. In: Deutschlandfunk. 27. Dezember 2018, abgerufen am 28. Dezember 2018.
  10. Putin crows as he oversees Russian hypersonic weapons test. In: Daily Maildailymail.co.uk. 26. Dezember 2018, abgerufen am 26. Dezember 2018 (englisch).
  11. Russland testet Hyperschall-Rakete: "Avangard" 2019 einsatzbereit. In: de.euronews.com. 26. Dezember 2018, abgerufen am 26. Dezember 2018 (deutsch).