Axel Meyer (Biologe)

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Axel Meyer und Ernst Mayr in Konstanz (1998)

Axel Meyer (* 4. August 1960 in Mölln) ist Evolutionsbiologe an der Universität Konstanz.

Akademische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Besuch des Katharineums zu Lübeck absolvierte er von 1979 bis 1982 sein Grundstudium der Biologie an der Universität Marburg. Fürs Hauptstudium wechselte er 1982 zunächst an die Universität Kiel, im selben Jahr aber noch, gefördert durch ein Fulbright Stipendium an die University of Miami und 1983 an die University of California, Berkeley, wo er (nach einem Akademischen Jahr 1986–87 an der Harvard University im Labor von Prof. Karel Liem) sein PhD im Fachbereich Zoology an der University of California 1988 abschloss.

Im letzten Jahr seiner Doktorarbeit forschte er bei Allan C. Wilson (1934–1991) an der University of California at Berkeley im Fachbereich für Biochemie. Anschließend arbeitete er als Postdoc, gefördert durch ein Stipendium der Alfred P. Sloan Foundation in Molecular Evolution, bis 1990 bei Allan C. Wilson. 1990 wurde er Assistant Professor an der State University of New York at Stony Brook am Department für Ökologie und Evolution, die ihn 1993 zum Associate Professor ernannte. Die Universität Konstanz berief ihn 1997 als Nachfolger von Hubert Markl auf den Lehrstuhl für Zoologie und Evolutionsbiologie. Während der Zeit als Postdoc war er Teil eines Teams, mit u. a. Svante Pääbo, Thomas C. Kocher und Scott Edwards, die ein Protokoll zur direkten Sequenzierung von PCR Produkten entwickelte. Diese Publikation[1] wurde mit über 4000 Zitaten zu einem Zitationsklassiker, weil die Methodik und die entwickelten PCR-Primer zu einem Standard in der molekularen Systematik und molekularen Evolutionsbiologie geworden sind.

Meyer zählt zu den meistzitierten und einflussreichsten Evolutionsbiologen auf den Gebieten der evolutionären Genetik, vergleichenden Genomik und molekularen Evolution.[2][3]

Forschungsgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Tropheus spec. "Kiriza" und Tropheus moorii "Kachese" (unten), Buntbarsche aus dem Tanganjikasee

Axel Meyer befasst sich vor allem mit den Prozessen der Artbildung und genomischen Basis von Adaptationen. Die Evolutionsprozesse und Systematik vor allen von Buntbarsche der afrikanischen Seen wie dem Viktoriasee, dem Tanganjikasee und dem Malawisee wurden durch seine Forschung maßgeblich vorangetrieben. Er konnte zeigen, dass sich die Artengruppen der einzelnen Seen in ihren vielfältigen verhaltensbiologischen und morphologischen Anpassungen jeweils aus unterschiedlichen Stammarten entwickelt haben müssen und dabei einen sehr hohen Grad an Konvergenzen zeigen[4] Für die rapide Speziationsgeschwindigkeit sind nach Meyer mehrere aufeinanderfolgende Austrocknungsereignisse sowie andere Formen der zeitweiligen Separation der Fischpopulationen verantwortlich[5][6].

Meyers Forschung zeigte, entgegen einem alten Dogma seines Lehrers und Mentors Ernst Mayr, dass sympatrische Artbildung, das Entstehen neuer Arten ohne geographische Barrieren, durchaus möglich ist. Empirische Beispiele aus Meyers Forschung für sympatrische Artbildung sind die parallel evolvierten Artenschwärme von Buntbarschen der Kraterseen in Nicaragua[7]

In einer Reihe von Publikationen, basierend auf DNS-Sequenzanalysen (schon seit 1990[8]) konnte Meyer zeigen, dass Lungenfische und nicht die Quastenflosser (Latimeria) die nächsten lebenden Verwandten der Landwirbeltiere sind. Er war auch Teil des Konsortiums, das das komplette Genom des Quastenflossers sequenziert hat[9]

In der Genomik und molekularen Evolution hat Meyer wichtige Beiträge zum besseren Verständnis der Bedeutung von Gen- und Genomduplikationen geleistet. Sein Labor erkannte als erstes mit Jochen Wittbrodt und Manfred Schartl [10][11], dass der Vorfahre alle modernen Fische (Teleostier) eine komplette Genomduplikation durchmacht hat[12] und damit Teleostier ursprünglich doppelt so viele Gene hatten wie der Vorfahre der Landwirbeltiere, inklusive des Menschen[13]. Ferner zeigten mehrere Studien die unterschiedliche Evolution von duplizierten Genen bezüglich Evolutionsgeschwindigkeit[14] und Funktionswandlung paraloger Gene.[15] Zusammen mit Yves Van de Peer konnte er zeigen, welche wichtige Rolle Genomduplikationen insbesondere in der Evolution von Pflanzen hatten.

Einen wichtigen Aspekt seiner Forschung stellen molekularbiologische Untersuchungen dar, mit denen die Verwandtschaften der einzelnen Arten getestet werden[16][17] Zardoya und Meyer[18] waren die ersten, die mit molekularen Daten die nahe Verwandtschaft von Schildkröten mit den Archosauria (Vögeln und Krokodilen) zeigten[19]. Auch die Verwandtschaft unter den Amphibien wurde untersucht und dabei die Batrachia-Hypothese (ein Schwestergruppenverhältnis von Froschlurchen und Schwanzlurchen) unterstützt[20]

In Zusammenarbeit mit dem Labor von Thomas Elbert forscht Meyer auch zur Epigenetik, wie sich Auswirkungen von Stress und Trauma so von Müttern auf ihre Kinder vererben können[21] und konnte zeigen, dass Traumata und Stress während der Schwangerschaft noch bei mehr als achtzehnjährigen Kindern in epigenetischen Markern sichtbar sind.

Auszeichnungen und Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für seine wissenschaftliche Arbeit erhielt Axel Meyer eine Reihe von nationalen und internationalen Auszeichnungen.

  • 1982–84: Fulbright Fellowship (German and American Governments)
  • 1985: Margarete T. Kirby Award in Zoology, University of California, Berkeley
  • 1985: Excellence in Teaching Award in Zoology, University of California, Berkeley
  • 1986: University of California Presidential Fellowship
  • 1987: Raney Award, American Society of Ichthyologists and Herpetologists
  • 1988: Kofoid Award in Zoology, University of California, Berkeley
  • 1988: Alfred P. Sloan Postdoctoral Fellowship in Molecular Evolution.
  • 1990: Young Investigator Award, American Society of Naturalists
  • 1987: Ernst Mayr Award der Harvard University
  • 1996: John Simon Guggenheim Memorial Fellowship
  • 1996: Miller Fellowship - Visiting Research Professorship, Dept. of Integrative Biology and Dept. of Molecular and Cell Biology, University of California, Berkeley
  • 2000: Akademiepreis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
  • 2007: ISI Highly Cited - the World's 250 most cited researchers in Plant & Animal Sciences
  • 2007: "Hot 100" authors of BioMed Central journals
  • 2008: Mitglied der European Academy of Sciences and Arts
  • 2008: EMBO Communication Award in the life sciences für seine Bemühungen um die Kommunikation mit der Öffentlichkeit.[22]
  • 2009: Mitglied der Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.[23]
  • 2009: Mitglied der Leopoldina.[24]
  • 2009: Mitglied der European Molecular Biology Organisation.[25]
  • 2009: Carus-Medaille der Leopoldina
  • 2012: Mitglied der Academia Europaea.[26]
  • 2012: Hector Wissenschaftspreis[27]
  • 2013: Mitglied der Hector Fellow Academy.[28]
  • 2017: Die 500 wichtigsten Intellektuellen. Cicero Magazin für Politische Kultur.
  • 2017: Radcliffe Fellowship an der Harvard Universitys Radcliffe Institute for Advanced Study.[29]
  • 2018: Luigi Tartufari Int. Prize in Molecular, Cellular, Evolutionary Biology, of the Accademia Nazional Dei Lincei (the Italian Academy of Sicneces).
  • Mitglied einer Reihe von wissenschaftlichen Fachgesellschaften
  • Mitarbeit im Editorial Board mehrerer Fachzeitschriften der Zoologie, Evolutionsbiologie und Molekularbiologie.
  • Mitglied des Beirates der evolutionär-humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung.

Umstrittene Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Privilegierte Studierende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Axel Meyer bezeichnete die heutigen Studenten an deutschen Universitäten in einem Artikel der FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) als verwöhnt – sie zahlten anders als in den meisten Ländern keine Studiengebühren. Nachdem zwei Tage vor einer Klausur in sein Büro an der Universität Konstanz eingebrochen wurde und die herbeigerufene Polizei ihn davon informierte, dass gelegentlich in die Büros von Professoren eingebrochen werde, um Klausuren zu stehlen, wollte Meyer in dem Artikel die Möglichkeit nicht mehr ausschließen, dass dies auch bei ihm der Fall gewesen sei. Er wirft in seinem Artikel die Frage auf: „Würden Studenten ins Büro eines Professors einbrechen, um das Klausurthema zu stehlen?“ Und führt dann weiter aus: „Zumindest würde es mich nicht wundern, wenn dem so wäre.“[30] Der Rektor der Universität Konstanz, Ulrich Rüdiger, bezeichnete mehrere Stellen in Meyers Artikel „als diffamierend und beleidigend“ und ließ mögliche Konsequenzen gegenüber Meyer prüfen.[31] Es gab jedoch keinerlei dienstrechtlich Konsequenzen, trotz der öffentlichen Drohungen des Rektors gegen seinen Professor. In einem Rundbrief des Rektors an die Professoren der Universität sagte der Rektor aus, Meyer habe in der Öffentlichkeit mehrere „unwahre Tatsachenbehauptungen über die Gegebenheiten an der Universität Konstanz verbreitet“. Der Rektor verweigerte jedes Gespräch mit Meyer und sein Anschreiben selber enthielt mehrere faktisch falsche Aussagen. Dennoch entschuldigte sich Meyer für seine Wortwahl in der Glosse in der FAZ.[32]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Adams Apfel und Evas Erbe. Wie die Gene unser Leben bestimmen und warum Frauen anders sind als Männer. Mit einem Vorwort von Harald Martenstein. Bertelsmann, München 2015, ISBN 978-3-570-10204-6 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  • Algenraspler, Schneckenknacker, Schuppenfresser. Axel Meyer über den evolutionären Erfolg der Buntbarsche. Audio-CD, 79 Minuten und Booklet, 16 Seiten. Konzeption, Regie und Produktion: Klaus Sander. Erzähler: Axel Meyer. supposé, Berlin 2008, ISBN 978-3-932513-86-2.
  • Evolution ist überall. Gesammelte Kolumne „Quantensprung“ des Handelsblattes. Böhlau, Wien u. a. 2008, ISBN 978-3-205-77771-7.
  • Die Metamorphosen. In: Die Zeit. Nr. 14, vom 25. März 2004, (Rezension von Christiane Nüsslein-Volhards Das Werden des Lebens).
  • als Herausgeber mit Yves van de Peer: Genome Evolution. Gene and Genome Duplications and the Origin of Novel Gene Functions. Kluwer Academic Publishers, Dordrecht u. a. 2003, ISBN 1-4020-1021-4.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmut Plattner: Und Axel Meyer hat doch recht. In: Südkurier. 23. Oktober 2015, S. 31 (Online [abgerufen am 3. Januar 2018]).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. T D Kocher, W K Thomas, A Meyer, S V Edwards, S Pääbo, F X Villablanca, A C Wilson (1989): Dynamics of mitochondrial DNA evolution in animals: amplification and sequencing with conserved primers. PNAS Proceedings of the Academy of Sciences of the USA 86 (16): 6196-6200 doi:10.1073/pnas.86.16.6196
  2. Axel Meyer. Google Scholar Citations.
  3. Zitationsvergleich 2004 bis 2007: Evolutionsforschung von Lara Winckler, Laborjournal 6/2010
  4. A Meyer, TD Kocher, P Basasibwaki, AC Wilson (1990): Monophyletic origin of Lake Victoria cichlid fishes suggested by mitochondrial DNA sequences Nature 347 (6293), 550-553.
  5. C Sturmbauer, A Meyer (1992): Genetic divergence, speciation and morphological stasis in a lineage of African cichlid fishes. Nature 358, 578-5810.
  6. E Verheyen, W Salzburger, J Snoeks, A Meyer (2003): Origin of the superflock of cichlid fishes from Lake Victoria, East AfricaScience 300 (5617), 325-329. 2003. https://www.nature.com/articles/358578a0
  7. M Barluenga, KN Stölting, W Salzburger, M Muschick, A Meyer(2006): Sympatric speciation in Nicaraguan crater lake cichlid fish. Nature 439 (7077), 719-723.
  8. A Meyer, AC Wilson (1990): Origin of tetrapods inferred from their mitochondrial DNA affiliation to lungfish Journal of Molecular Evolution 31 (5), 359-364
  9. CT Amemiya, J Alföldi, AP Lee, S Fan, H Philippe, I MacCallum, I Braasch et al. (2013): The African coelacanth genome provides insights into tetrapod evolutionNature 496 (7445), 311.
  10. J Wittbrodt, A Meyer, M Schartl (1996): More genes in fish? BioEssays 20, 511-515.
  11. JS Taylor, I Braasch, T Frickey, A Meyer, Y Van de Peer (2003): Genome duplication, a trait shared by 22,000 species of ray-finned fish. Genome research 13 (3), 382-390.
  12. A Meyer, E Malaga-Trillo (1999): Vertebrate genomics: More fishy tales about Hox genes. Current biology 9, R210-R213
  13. S Hoegg, H Brinkmann, JS Taylor, A Meyer (2004): Phylogenetic timing of the fish-specific genome duplication correlates with the diversification of teleost fish. Journal of molecular evolution 59 (2), 190-203.
  14. Y Van de Peer, JS Taylor, I Braasch, A Meyer (2001): The ghost of selection past: rates of evolution and functional divergence of anciently duplicated genes. Journal of molecular evolution 53 (4-5), 436-446
  15. JS Taylor, Y Van de Peer, I Braasch, A Meyer (2001): Comparative genomics provides evidence for an ancient genome duplication event in fish. Philosophical Transactions of the Royal Society of London B: Biological Sciences 356 (1414): 1661–1679.
  16. A Meyer, R Zardoya (2004): Recent advances in the (molecular) phylogeny of vertebrates. Annual Review of Ecology, Evolution, and Systematics 34, 311-338.
  17. R Zardoya, A Meyer (1996): Phylogenetic performance of mitochondrial protein-coding genes in resolving relationships among vertebrates. Molecular biology and evolution 13 (7), 933-942
  18. R Zardoya, A Meyer(1998): Complete mitochondrial genome suggests diapsid affinities of turtles Proceedings of the National Academy of Sciences 95 (24), 14226-14231.
  19. R Zardoya, A Meyer (2001): The evolutionary position of turtles revised Naturwissenschaften 88 (5), 193-200.
  20. R Zardoya, A Meyer (2001): On the origin of and phylogenetic relationships among living amphibians. Proceedings of the National Academy of Sciences 98 (13), 7380-7383).
  21. KM Radtke, M Ruf, HM Gunter, K Dohrmann, M Schauer, A Meyer, ... (2011): Transgenerational impact of intimate partner violence on methylation in the promoter of the glucocorticoid receptor. Translational psychiatry 1 (7), e21.
  22. http://www.embo.org/news/press-releases/press-releases-2008/prominent-german-biologist-wins-embo-communication-award
  23. Preise, neue Mitglieder, neue Forschungsprojekte: Der Einsteintag der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Pressemeldung in: Informationsdienst Wissenschaft vom 13. November 2009, abgerufen am 19. November 2009
  24. Mitgliedseintrag von Prof. Ph. D. Axel Meyer (mit Bild und CV) bei der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, abgerufen am 19. Juli 2016.
  25. Axel Meyer ist neues Mitglied der European Molecular Biology Organization (EMBO) (Memento vom 14. Juli 2014 im Internet Archive)
  26. http://www.ae-info.org/ae/User/Meyer_Axel
  27. Verleihung des Hector Wissenschaftspreises
  28. Gründungszeremonie der Hector Fellow Academy
  29. https://www.radcliffe.harvard.edu/people/axel-meyer
  30. Axel Meyer: Ehre und Ehrlichkeit der Studenten. In: FAZ.net. 16. April 2015, abgerufen am 13. Oktober 2018.
  31. Stellungnahme der Universität Konstanz zum Artikel „Ehre und Ehrlichkeit der Studenten“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. April 2015, erschienen am 20.04.2015
  32. „Faule Studenten“ - Professor entschuldigt sich