Axel Reitz

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Axel Reitz als Redner auf einer Kundgebung im April 2005 in Essen

Axel W. Reitz (* 10. Januar 1983 in Dormagen) war bis zu deren Verbot Führungskader der KölnerKameradschaft Walter Spangenberg“, Aktivist im Kampfbund Deutscher Sozialisten und Mitglied der NPD sowie ihrer Jugendorganisation Jungen Nationaldemokraten. In diesem Zusammenhang trat er häufig als Anmelder und Redner bei Demonstrationen auf.

Im Zuge des Prozesses um das Aktionsbüro Mittelrhein gab Reitz öffentlich seinen Rückzug aus der Szene und die Einstellung aller politischen Aktivitäten bekannt[1], außerdem wandte er sich an ein staatliches Aussteigerprogramm.[2] Seit November 2020 ist Reitz Referent beim Verein Extremislos e.V., der Aufklärungsarbeit gegen politischen sowie religiösen Extremismus betreibt.[3]

Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Axel Reitz (zweiter von rechts vorne)
Riehs, Reitz und Worch 2004 in Köln

Kindheit und Jugend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reitz wuchs in einem bürgerlichen Elternhaus in Fliesteden, einem Ortsteil von Bergheim, auf. Im Zuge eines Schulprojekts, bei dem er eine Präsentation über nicht im Bundestag vertretene Parteien hielt, kam es zu Meinungsverschiedenheiten mit seiner Politiklehrerin, die eine Diskussion über die Programme damals existierender Parteien des extrem rechten Spektrums (NPD, DVU, Die Republikaner) verweigerte.[4] Im Alter von 13 Jahren nahm Reitz, der eine kurze Zeit lang Mitglied der Jungen Union war,[5][6] schließlich Kontakt zur NPD auf und wurde einige Zeit darauf selbst Mitglied der Partei und ihrer Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten.[7] Zusammen mit Siegfried Lutz gründete er die Kameradschaft Köln, die später nach einem ermordeten SA-Mann in Kameradschaft Walter Spangenberg umbenannt wurde.[8] Nach dem Tod Lutz' im Jahr 1999 übernahm er im Alter von 16 Jahren die alleinige Führung der Organisation.[9][10]

Zeitgleich wurde Reitz im rechtsextremistischen Kampfbund Deutscher Sozialisten (KDS) aktiv, einer Vereinigung, die eine Querfront-Strategie vertrat. Der KDS baute über die irakische Botschaft Kontakte zum Regime Saddam Husseins auf, den Reitz lobend als „orientalische Variante Adolf Hitlers“ bezeichnete.[11] Laut dem Rechtsextremismusforscher Richard Gebhardt war Reitz zudem Mitinitiator des Aktionsbüros Westdeutschland.[12]

Reitz' Aktivitäten im rechtsextremen Milieu stieß auf starke Ablehnung seiner Eltern, die ihn im Alter von 16 Jahren aus dem Haus warfen. Er wohnte daraufhin in einer eigenen Wohnung und verließ die Realschule in der 10. Klasse mit einem Hauptschulabschluss. Nachdem er sich einige Zeit mit Gelegenheitsjobs finanzierte, lebte er schließlich von Arbeitslosengeld II. Gegenüber dem Kölner Stadt-Anzeiger äußerte sich Reitz dahingehend, er sei „arbeits-, aber nicht beschäftigungslos“ und bezeichnete sich selbst als „Berufsdemonstranten“.[11]

Politische Ansichten und Aktivitäten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reitz galt als Netzwerker und verfügte über Kontakte zu zahlreichen Funktionären der Szene.[11] Bei vielen Demonstrationen, die er häufig selbst organisiert und anmeldete, trat er gemeinsam mit dem bundesweit bekannten Aktivisten Christian Worch auf, der ihn protegierte.[13] Bei der Bundestagswahl 2009 wurde er im Bundestagswahlkreis Erftkreis I als parteiloser Kandidat von der NPD aufgestellt und erhielt 1,5 % der Erststimmen.[14][15]

Öffentlich trat Reitz meist in einem langen schwarzen Ledermantel auf, den er bei fast allen Demonstrationen trug und eine Anlehnung an die Uniform der SA in der Zeit des Nationalsozialismus darstellte. Dieser Kleidungsstil im Zusammenhang mit seinem Redestil, der ebenfalls von NS-Größen wie Joseph Goebbels beeinflusst war, führte ihn zu seinem Beinamen Hitler von Köln, den ihm Medienvertreter gaben. Reitz selbst lehnte diesen Titel jedoch ab.[2] Er sah sich selbst in der Tradition der Gebrüder Strasser und Ernst Röhm, dem Chef der SA bis 1934. Dieser „linke“ Flügel der NSDAP vertrat einen strengen Antikapitalismus und war sozialrevolutionär ausgerichtet.

Der seit 1989 für den nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz tätige V-Mann J.D.H. war auf Reitz angesetzt worden.[16]

Haft und Aussagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge des Prozesses gegen mutmaßliche Mitglieder und Unterstützer des Aktionsbüro Mittelrhein (AB Mittelrhein) wurde Reitz der Bildung einer kriminellen Vereinigung mitangeklagt, woraufhin er im März 2012 in Untersuchungshaft kam. Nach Ende der Haftzeit wurde im Mai 2012 die „Kameradschaft Walter Spangenberg“ durch den nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger verboten.[17] Anfang März 2013 ließ Reitz während des Prozesses durch seinen Anwalt mitteilen, dass er seine politischen Aktivitäten eingestellt habe und auch nicht wieder aufzunehmen beabsichtige, da er sich damit in eine „politische und persönliche Sackgasse“ begeben habe.[5] Er nahm Kontakt zum Aussteigerprogramm des nordrhein-westfälischen Innenministeriums auf.[2]

Nach seinem Ausstieg aus der Szene war Reitz aufgrund von Aussagen gegenüber den Behörden seinen Angaben nach Anfeindungen seitens der Neonaziszene ausgesetzt und werde als Verräter und, in Anlehnung an seinen früheren Beinamen, als „Judas von Köln“, bezeichnet.[18] Dies gipfelte in unterschwelligen Vergeltungsdrohungen gegen ihn.[19] Der AB-Mittelrhein-Prozess endete im Jahr 2019 nach mehrfacher Unterbrechung mit der Einstellung des Verfahrens.

Konflikte mit dem Gesetz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verurteilungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits als 14-Jähriger wurde Reitz von einem Richter wegen Verbreitens von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen verwarnt, nachdem er Aufkleber mit Hakenkreuzen verteilt hat.[20] Es folgten weitere Bestrafungen wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Diebstahl.

Durch Urteil des Landgerichts Bochum vom 9. September 2005 wurde Reitz wegen Volksverhetzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt, weil er auf einer Kundgebung antisemitisch gegen den Bau einer Synagoge agitiert hatte.[2][21] Da aufgrund des Schuldspruchs eine vorherige Bewährungsstrafe von einem Jahr wegen Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz (Uniformverbot) widerrufen wurde, erhöhte sich die Haftdauer auf insgesamt zwei Jahre und neun Monate. Nach Verbüßung von zwei Dritteln der Haft wurde der Strafrest zur Bewährung ausgesetzt und Reitz wurde im April 2008 aus der Haft entlassen.[22]

Am 13. März 2012 wurde Reitz erneut inhaftiert, da er das von der Staatsanwaltschaft Koblenz als kriminelle Vereinigung eingestufte Aktionsbüro Mittelrhein unterstützt haben soll.[23] Knapp zwei Monate später wurde er aus der Untersuchungshaft entlassen.[17]

Äußerungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reitz bekundete in seiner Jugend, auf dieser Erde alleine Adolf Hitler zu glauben, und zitierte den NSDAP-Funktionär Robert Ley (1937):

„Wir glauben, daß der Nationalsozialismus der allein seligmachende Glaube für unser Volk ist. Wir glauben, dass es einen Herrgott im Himmel gibt, der uns geschaffen hat […]. Und wir glauben, dass dieser Herrgott uns Adolf Hitler gesandt hat, damit Deutschland für alle Ewigkeit ein Fundament werde. Heil Hitler.“[24]

Als 16-Jähriger äußerte er im Rahmen eines Kampftags gegen die Reaktion:

„Diejenigen, die uns über Jahre hinweg bekämpft haben, uns aus der Arbeit gedrängt und ins Gefängnis gebracht haben, die werden eines Tages auf den Marktplatz gestellt und erschossen.“[11]

Aktivitäten seit 2016[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem am 16. Februar 2016 veröffentlichten Beitrag im neurechten Online-Magazin Blaue Narzisse berichtet Axel Reitz über seinen gescheiterten Versuch, der „gemäßigt rechten Partei“ Alternative für Deutschland beizutreten. Von seinen „totalitären, freiheitsfeindlichen und extremistischen Gedankengängen“ habe er sich hingegen „emanzipieren und letztlich lossagen“ können.[25] Reitz ergänzte 2020 seine Aussage zur AfD dahingehend, unter anderem auch in einem Interview mit dem Aussteiger Philip Schlaffer (Extremislos e.V), dass ihm die Partei und insbesondere Der Flügel zu weit nach rechts gerückt seien. Dies sagte Reitz auch in einem Interview mit der Rheinische Post.[26] Mittlerweile bezeichnet sich Reitz selbst als Liberal-Konservativ[27] und gibt über seinen Ausstieg aus der Szene Vorträge, so wird er auf einer Facebook-Seite der Jungen Liberalen Westfalen als Redner geführt.[28]

Reitz ist seit November 2020 Referent bei Extremislos e.V. Nebenbei betreibt er den YouTube-Kanal Der Reitz-Effekt, welcher sich der Aufklärungsarbeit gegen Extremismus widmet.[29]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Schran: Nebenan der braune Sumpf – Neonazis, ihre Mitläufer und Drahtzieher, 2005

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Brisante AfD-Kandidaturen | Blick nach Rechts. 10. August 2020, abgerufen am 12. August 2020.
  2. a b c d „Hitler war meine Lichtgestalt“. hs-galil.com, 28. Januar 2021, abgerufen am 22. März 2021.
  3. Extremislos e.V: Referenten. Abgerufen am 22. November 2020.
  4. Schwäbisches Tagblatt: Widerspruch stärkte das Weltbild. 21. November 2020, abgerufen am 22. November 2020.
  5. a b Der „Hitler von Köln“ steigt aus - 30-Jähriger sieht sein Leben in einer Sackgasse. Rhein-Zeitung, 1. März 2013, abgerufen am 2. März 2013.
  6. Ein Neonazi von nebenan. Kölner Stadt-Anzeiger, 24. September 2005, abgerufen am 7. April 2013.
  7. Redner mit dickem Vorstrafenregister. Soester Anzeiger, 9. Februar 2011, abgerufen am 2. März 2013.
  8. Freie Kameradschaft Köln. Soester Anzeiger, 28. Dezember 2007, archiviert vom Original am 27. September 2013; abgerufen am 2. März 2013.
  9. Michael Klarmann 2007: „Kameradschaften als Strategieelement“, Bundeszentrale für Politische Bildung
  10. Verfassungsschutzbericht des Landes Nordrhein-Westfalen 1999, S. 100
  11. a b c d Ein Neonazi von nebenan. Kölner Stadtanzeiger, 24. September 2005, abgerufen am 2. März 2013.
  12. Richard Gebhardt, Rosen auf den Weg gestreut: Deutschland und seine Neonazis, PapyRossa Verlag 2007, S. 77.
  13. Uwe Backes und Eckhard Jesse, Extremismus & Demokratie, Band 20, Bouvier Verlag 2008, S. 212
  14. Wahlergebnis Erftkreis I (Memento vom 23. September 2015 im Internet Archive)
  15. Johannes Radke (Der Tagesspiegel, 10. Oktober 2007): Extremismus: Links hören, rechts denken,
    Alexander Voelkel (derwesten.de, 1. Juni 2009): NPD-Landtagskandidat: "Hitler von Köln" kandidiert im Siegerland,
    Fabian Weissbarth (Die Zeit, 31. März 2010): Störungsmelder: Berliner wollen Naziaufmarsch am 1. Mai verhindern,
    Ulrich Hagmann, Birgit Kappel (Report München, Bayerischer Rundfunk, 26. Juli 2010): Region in Angst: Wie Rechtsextreme Bürger terrorisieren
  16. Geheimdienst-Informant soll in Mordserie verwickelt sein. Archiviert vom Original am 14. Juni 2015; abgerufen am 20. Oktober 2015.
  17. a b Razzia bei „Spangenberg“-Nazis. taz, 10. Mai 2012, abgerufen am 23. Februar 2013.
  18. Der „Hitler von Köln“ will raus aus der rechten Szene. Abgerufen am 12. August 2020.
  19. Rechte Szene spekuliert über Reitz. Kölner Stadtanzeiger, 10. Juli 2012, abgerufen am 2. März 2013.
  20. Der "Hitler von Köln" will raus aus der rechten Szene. Rhein-Zeitung, 3. August 2012, abgerufen am 2. März 2013.
  21. die tageszeitung: Axel Reitz im Knast, 29. Juli 2006
  22. Reitz, Axel. Netz gegen Nazis, abgerufen am 2. März 2013.
  23. 24 Neonazis bei Großrazzia verhaftet. Kölner Stadtanzeiger, 13. März 2012, abgerufen am 2. März 2013.
  24. ZDF-Sendung „Frontal21“ vom 8. Oktober 2002
  25. DIE GRENZEN DER FREIHEIT (Memento vom 7. Juli 2016 im Internet Archive) Blaue Narzisse Dienstag, 16 Februar 2016 14:34 von Axel Reitz
  26. Ex-„Hitler von Köln“: Der Prozess schuf rechtsextreme Märtyrer. Abgerufen am 12. August 2020.
  27. https://www.youtube.com/watch?v=vt6-g9EVJiU
  28. Ganz nach Rechts und wieder zurück: Talk mit einem Aussteiger. Abgerufen am 12. August 2020.
  29. https://www.youtube.com/channel/UC8npTgt1xlW5Hn0jvED0TbQ