Böhmische Harfe

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moderne „Böhmische Harfe“ der Klangwerkstatt, Markt Wald
Anna-Maria Hefele spielt beim Black Forrest Voices Festival in der Kirchzartener Kirch St. Gallus (Kirchzarten) am 30. Juni 2019 eine selbstgebaute böhmische Hakenharfe. Das andere Instrument ist eine Nyckelharpa

Die böhmische Harfe ist eine mitteleuropäische Variante des „kontinentalen“ Harfentyps mit gerader Stange und eingezapftem Hals. Bekanntgeworden ist sie als das Instrument böhmischer Wandermusikanten, die im 19. Jahrhundert durch Europa und Asien zogen, zum Teil in organisierten Musikantenkapellen. Dementsprechend war sie sehr leicht gebaut, um als „Wanderinstrument“ über weite Strecken getragen werden zu können – verglichen mit dem eher schweren, robusten Bau anderer europäischer Harfen, die vielmehr als stationäres „Hofinstrument“ Verwendung fanden.

Die böhmische Harfe war zeit ihrer Geschichte ein „einfaches“ Instrument, das von Schreinern gebaut wurde. Als Baumaterial ist für Hals und Stange meistens Fichte, für die Decke ausschließlich Fichte zur Anwendung gekommen. Bei den älteren Exemplaren ist die Resonanzdecke längs gemasert, später in Fischgrät oder schräg gemasert (ein äußerst seltenes Konstruktionsmerkmal). Es sind auch vereinzelt Exemplare mit quer gemaserten Decken erhalten. Das Saitenmaterial bestand aus Naturdarm. Moderne Nachbauten verwenden Nylon oder Saiten aus Polyvinylidenfluorid (sog. „Carbonsaiten“).

Einige der erhaltenen historischen Museumsexemplare aus dem 19. Jahrhundert haben an einigen Saiten Metallhaken. Diese hatten die Funktion, durch Druck auf die Saite deren Frequenz um einen Halbton zu erhöhen. Dies war der Vorläufer der späteren Halbtonmechanik, wie sie heute in den unterschiedlichsten Arten auf modernen Harfen zu finden ist. Diese Harfen heißen Hakenharfen.

In Böhmen selbst ist die böhmische Harfe im Verlauf des 20. Jahrhunderts ausgestorben. In zahlreichen böhmischen Museen können aber noch historische Exemplare besichtigt werden (Musikmuseum in Prag; Kreismuseum in Sokolov; Museum stredniho Pootavi in Strakonice; Heimatkundliches Museum in Boží Dar (Gottesgab); Böhmerwaldmuseum in Kašperské Hory (Bergreichenstein)). Seit etwa 2002 werden von vereinzelten Instrumentenbauern in Prag, Pilsen und Příbram diese Harfen anhand von Museumsexemplaren oder Exemplaren aus Privatsammlungen wieder rekonstruiert.

Böhmische Harfe in Deutschland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nancy Thym hat sich dem Spiel der Hakenharfe in der Tradition der „Preßnitzer Harfenmädchen“ (Wandermusikerinnen) verschrieben.[1] Sie forscht im Archiv und Museum für Harfengeschichte, Freising, über die Geschichte der deutschsprachigen böhmischen Harfnerinnen und hat in ihrem Konzertprogramm deren Schicksale und das anderer Harfenmädchen wie der Hildesheimer Nachtigall oder der Berliner Harfenjule eingearbeitet.

Bei den heute gespielten Instrumenten, die in Deutschland vielfach als „böhmische Harfe“ bezeichnet werden (siehe Bild), handelt es sich meist um modifizierte Harfen böhmischen Bautyps, wie sie von der Firma Klangwerkstatt Markt Wald produziert werden. Diese sind von Christoph Löcherbach auf der Basis der historischen böhmischen Harfen entwickelt worden, sind jedoch etwas kleiner und kompakter, besitzen Schalllöcher auf der Hinterseite des Korpus (ein Merkmal, das die historischen böhmischen Harfen nicht hatten) und moderne Halbtonklappen. Das geringe Gewicht der Harfe und die kompakten Abmessungen, aber auch die Perfektion der Entwicklung durch den Instrumentenmacher Andre Schubert bei der Möglichkeit, das Instrument äußerst preisgünstig in Baukursen unter Anleitung selbst zusammenzubauen, machten die Harfe zu einer der meistverkauften in Deutschland.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jiří Kleňha: Das Harfenspiel in Böhmen: die Geschichte der Wandermusikanten aus Nechanitz. Übersetzt aus dem Tschechischen von Gisela Rusá. 1. Auflage. Granit Verlag, Prag 2002.
  • Nancy Thym-Hochrein: Wanderharfner und Harfenjule. Die Hakenharfe im deutschsprachigen Raum. In: Folk-Michel, 1992, 3, S. 18–22.
  • Elvira Werner: Fahrende Musikanten – eine böhmisch-sächsische Erfahrung. In: Heike Müns (Hrsg.): Musik und Migration in Ostmitteleuropa. R. Oldenbourg Verlag, München 2005, S. 153–166.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. verschiedene Autoren (u. a. Stanislav Ded): Přísečnice-zatopena, ale nezapomenuta / Preßnitz-versunken aber nicht vergessen. Sbornik/Sammelband. Regionalmuseum Chomutov, Tschechien 2004 (tschechisch, deutsch). Musik-Ethnologin Nancy-Thym-Hochrein S. 113–114