Börries von Münchhausen (Schriftsteller)

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Börries Albrecht Conon August Heinrich Freiherr von Münchhausen (* 20. März 1874 in Hildesheim; † 16. März 1945 in Windischleuba) war ein deutscher Schriftsteller und Lyriker.

Herkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schloss Windischleuba (von 1880 bis 1945 im Besitz der Familie Münchhausen)

Börries war der älteste Sohn des gleichnamigen Vaters Börries Freiherr von Münchhausen (1845–1931) und dessen Frau Clementine, geborene von der Gabelentz (1849–1913). Seine vier jüngeren Geschwister hießen Clementine, Hans Georg, Elisabeth und Anna Margarete. Zum Besitz der Eltern gehörten unter anderem das Rittergut Apelern, ein Gut in Moringen und das Schloss und Rittergut Windischleuba bei Altenburg (Thüringen). Bis 1878 wuchs Börries in einer von seinen Eltern gemieteten Stadtwohnung in Hildesheim auf. Das Haus gehörte dem jüdischen Kaufmann Magnus Meyerhof. Dessen Töchter, darunter die spätere Autorin und Frauenrechtlerin Leonie Meyerhof, kümmerten sich mit um Börries. Bis 1922 blieben beide Familien nach seinen Angaben befreundet.[1]

Schul- und Studienzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1878 wohnten die Münchhausens auf den genannten drei Gütern. Börries wurde zunächst privat von seiner Mutter unterrichtet und kam ab 1887 in die preußische königliche Klosterschule Ilfeld, ein protestantisches Eliteinternat. Ab Oktober 1888 besuchte er das Gymnasium in Altenburg, ab Frühjahr 1890 das spätere Goethegymnasium (Hannover) (damals Lyzeum II). Dort legte er 1895 sein Abitur ab.

In seiner autobiografischen Skizze von 1922 („Fröhliche Woche mit Freunden“) bezeichnete er sein Elternhaus als tolerant gegenüber Nichtadeligen, beschrieb jedoch fast nur Kontakte zu eigenen Verwandten und unterschied „Juden und Deutsche“. Er beschrieb sich als „sehr schlechten und faulen Schüler“, der zweimal ein Schuljahr wiederholen musste und sich vor allem für Sport und Dichtung interessierte. Er habe einen Leseverein gegründet und Mitschülern gelegentlich eigene Gedichte und Balladen vorgetragen. Im Lyzeum II hatte er Kontakt zu Sammy Gronemann, der als Sohn des hannoverschen Landesrabbiners Selig Gronemann starkem Antisemitismus ausgesetzt war. Mit ihm habe er sich „gut vertragen“. Doch „wahrlich befreundet“ habe er sich mit Ludwig Heynemann. Dieser nahm ihn 1891/92 öfter in die 1870 gebaute Neue Synagoge (Hannover) mit, lud ihn zum Pessachfest in sein Elternhaus ein und lieh ihm die Haggada. Durch diesen Einfluss habe er sich für das Alte Testament begeistert und sich zu seinen späteren „jüdischen Balladen“ anregen lassen. Durch die jüdischen Mitschüler sei ihm „zuerst der Unterschied der Rassen“ bewusst geworden. Woran, erläuterte er nicht. Gronemann berichtete später in seinen Memoiren: Börries „pflegte gegenüber antisemitischen Pöbeleien sehr energisch aufzutreten“, sei aber nicht sein Freund geworden.[2]

Göttinger Musenalmanach für 1898

Ab 1895 studierte Münchhausen an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Rechts- und Staatswissenschaften. Nach einem Semester an der Kunstakademie München setzte er das Jurastudium auf Geheiß seiner Eltern an der Georg-August-Universität Göttingen fort. Dort gründete und leitete er einen Studentenkreis für Literatur namens „Göttinger Akademie“. Der Name lehnte sich an die Akademie der Wissenschaften zu Göttingen als Teil der Universität Göttingen an, die sein Vorfahre Gerlach Adolph von Münchhausen 1734 gegründet hatte. In diesem Kreis versammelten sich nach seinen Angaben Burschenschafter, Corps-Studenten und junge Frauen zu Alkoholgenuss und Volksliedgesang. 1897 veröffentlichte Münchhausen seinen ersten Gedichtband und übernahm die Redaktion des Göttinger Musenalmanachs für die meisten Jahresausgaben bis 1905. Darin machte er sich konservativen Lesern als „Erneuerer der Ballade“ bekannt und nutzte dazu seinen Studentenkreis und seine Kontakte als Adeliger.[3] So stellte er im Vorwort zum Musenalmanach 1898 das „natürliche“ Kunstwerk des „gesunden und frischen Künstlers“ dem Werk des „seelisch krankhaft Differenzierten“ gegenüber.[4] Damit bezog er von vornherein gegen Autoren moderner Lyrik Stellung und verfolgte programmatisch „ein restauratives Bemühen […] im Geiste der Antimoderne“.[5] Er vertrat die Neuromantik gegen Naturalismus und moderne Kunstrichtungen, die auch die soziale Wirklichkeit unterprivilegierter Bevölkerungsteile aufgriffen.[6]

1897 legte Münchhausen in Göttingen sein erstes juristisches Staatsexamen ab. Er arbeitete nie als Jurist, nutzte seine Jurakenntnis aber für literaturpolitische Konflikte. So zeigte er ein erotisches Liebesgedicht des Lyrikers Richard Dehmel als angebliche Blasphemie und Unzucht an und erreichte, dass Dehmel verurteilt und sein Gedicht zensiert wurde. Münchhausen verlor dadurch erheblich an Sympathien. Zur mündlichen Examensprüfung traf er Gronemann, der von der Entrüstung vieler Gebildeter über Münchhausens Strafanzeige wusste. Nachdem beide die Prüfung bestanden hatten, unterschrieb Münchhausen für Gronemann, der als orthodoxer Jude am Sabbat nicht schreiben durfte, widerrechtlich die Prüfungsurkunde. Anders als Gronemann und zum Unwillen seines Vaters ging er nicht in den Staatsdienst als Jurist, sondern belegte die Fächer Philosophie und Literaturgeschichte an der späteren Humboldt-Universität zu Berlin, um Schriftsteller zu werden.[7]

Der Literaturkritiker Carl Hermann Busse machte Münchhausen 1897 auf Gedichte der jungen Agnes Miegel aufmerksam. Von 1898 bis 1900 war sie seine Geliebte. 1930 behauptete er, er habe ihr Genie entdeckt und viele ihrer Gedichte mitverfasst. Sie hätten sich einvernehmlich getrennt und seien Freunde geblieben. Seine neue Geliebte wurde 1901 Lulu von Strauß und Torney, die er mit Miegel bekannt machte. Er hatte viele Affären mit nichtadeligen Frauen und zeigte ihnen offen seinen Standesdünkel. Miegel schrieb 1899: Während er sein „Götterrecht“ genommen habe, in ihr Leben einzugreifen, habe er ihr dieses Recht abgesprochen. 1903 schrieb sie, er habe sie verachtet, gerade weil sie seine Geliebte gewesen sei. In ihrer Ballade La Furieuse (1904) verarbeitete sie ihren Zorn auf den Adel und ihren ehemaligen Geliebten. Jedoch warf sie sich selbst vor, sie habe Standesgrenzen verletzt.[8]

In Berlin lernte Münchhausen eine vielseitige Kulturszene kennen und erfuhr Kritik an seiner Herkunft und der altmodischen Themenwahl in seinen Balladen. Kurzzeitig erwog er, seinen Adelstitel abzulegen, zog aber vor, seinen Großgrundbesitz zu behalten und adelige Tradition weiterzugeben. Keine seiner Balladen behandelte gesellschaftliche Themen, etwa die Situation anderer sozialer Schichten. Gleichwohl vertrat er einen volkspädagogischen Anspruch. 1922 beschrieb er sich als vorurteilsfrei und wertete „Beschimpfungen des Junkertums“ als Sozialneid. 1899 schloss er seine juristische Ausbildung ab und wurde mit einer Arbeit „Über die Pflicht zur Anzeige“ in Leipzig zum Dr. iur. promoviert.[9]

Verhältnis zum Zionismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1899 befreundete sich Münchhausen mit dem jüdischen Künstler Ephraim Moses Lilien, der ihm anbot, seine Balladen zu Themen der Bibel zu illustrieren. Liliens Kreis von Rabbinern und Zionisten, so Münchhausen 1922, habe ihn zur Sonderausgabe Juda angeregt. Diese erschien im Dezember 1900. Martin Buber rezensierte das Buch in der zionistischen Zeitschrift Die Welt und beschrieb Münchhausen als deutschen Dichter, der durch Lilien Verständnis für die „jüdische Volksseele“ erlangt habe, die er für tot und „entartet“ gehalten habe. Münchhausens damaliger christlicher Zionismus deckte sich mit dem Interesse des deutschen Adels, Juden weiter Zugang zu Offiziersberufen und höheren Justizämtern zu verwehren und sie auszubürgern. Darum stellte Kaiser Wilhelm II. bei seiner Palästinareise 1898 dem Führer des politischen Zionismus Theodor Herzl ein deutsches Protektorat in Palästina für ausreisewillige deutsche Juden in Aussicht.[10]

Die Balladen von Juda behandeln biblische Figuren als Helden wie in germanischer oder griechischer Mythologie, nicht verfolgte, ermordete, sozial deklassierte Juden der Geschichte Europas. Das Buch erreichte bis 1922 mehrere Auflagen, wurde in viele Sprachen übersetzt und erschloss dem Autor neue Leserschichten. Die Welt warb fortan für seine Schriften. Im Gegenzug warb Münchhausen bei Lesungen für den Zionismus, den er als Beweis für eine mutige „Aristokratie der Juden“ ansah. Sein Werk wurde in vielen jüdischen Familien zur Bar Mitzwa verschenkt. Es verschaffte Lilien genug Einkommen, um den „Jüdischen Verlag“ und die Demokratisch-Zionistische Fraktion zu gründen, die jüdische Nationalkultur erneuern wollte.

Morris Rosenfelds Lieder des Ghetto, von Lilien illustriert, beschrieben den Arbeitsalltag verarmter Ostjuden. Münchhausen begriff das Werk als Konkurrenz zu seinem Buch Juda und schrieb 1902 einen Verriss: Dichter und Zeichner seien ihm „völlig fremd, wo sich die sozialen Gedanken demokratisieren“. Er kenne das Judentum nur als stolz und aristokratisch, nicht als proletarisch und sozialdemokratisch. Er unterstellte dem Autor „Unkenntnis“ und beschrieb ihn mit antisemitischen Klischees als „heimatlos“ und „geschlagen mit dem ganz großen Fluche seiner Rasse“. Im Gedicht Mein Kind fand er Geldgier schon bei jüdischen Kindern. Durch Liliens Zeichnungen zögen diese proletarischen Lieder wie „Fürstenkinder“ ins Land, um dem verarmten Autor Einkünfte zu verschaffen. Liliens Bilder von Arbeitsgeräten, ausgebeuteten und hungernden Menschen seien „verunglückt“ und „verfehlt“. Er empfahl das Werk nur gebildeten Juden, als es in Osteuropa schon auch andere Leser fand.

Münchhausens Sympathie für den Zionismus war rassistisch begründet: Er schätzte nur Juden, die wie er an eine „jüdische Rasse“ glaubten. Laut Gronemann beschrieb er diese als „ältesten Adel der Welt“ neben dem „Schwertadel“, zu dem er sich zählte, und dem „Kaufmannsadel“, etwa der Fugger. Besonders im Judentum habe eine Auslese der Stärksten und Widerstandsfähigsten stattgefunden, indem die jahrhundertelange Judenverfolgung die Schwachen „ausgemerzt“ habe. Laut der Welt nannte er Zionismus „das Erwachen eines stolzen Adelsbewusstseins eines Edelvolkes“, das allerdings durch die vielen (auch jüdischen) Plebejer keine Realisierungschance habe. 1904 lehnte er „die ihr Wesen und ihren Stamm verleugnenden Grossstadtjuden“ ab. Dagegen sei das ursprüngliche Judentum durch „Anwendung des rein aristokratischen Grundgedankens“ groß geworden: „Menschenzüchtung durch Reinhalten der Rasse, Züchtung von gewissen, erstrebten Eigenschaften durch Verbindung von zwei Familien, bei denen diese Eigenschaften schon länger lebendig sind“. Darin glichen Juden dem Adel. Das habe ihn „bei diesem Volke immer so besonders angezogen, das mutige Verfechten dieser seiner Eigenart“. Deshalb fand Gronemann Münchhausens „Werdegang vom Sänger jüdischer Kraft und jüdischer Helden zum deutschvölkischen Barden“ begreiflich: „Er schätzte das alte Judentum und die in der Tradition verwurzelten Abkommen der alten Makkabäer. Er verabscheute das Assimilantentum und begriff nicht, wie ein Jude etwa sich anders denn als Aristokrat fühlen konnte.“[11]

1904 erschien als Reaktion auf das Pogrom von Kischinjow seine Ballade „Die Hesped-Klage“, die unter dem Titel der traditionellen jüdischen Totenrede (Hesped) für die Opfer Partei ergriff. Seine Balladen behandeln fast ausschließlich historische Stoffe und nehmen traditionelle Formen auf. Sie waren im Kaiserreich und in der Weimarer Republik sehr populär. Vielfach wurden sie vertont und gehörten zum Kanon des Wandervogels.

Erster Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Ersten Weltkrieg war Münchhausen zunächst Oberleutnant im Königlich-Sächsischen Garde-Reiter-Regiment. Seit 1916 arbeitete er für die Auslandsabteilung der OHL und erhielt unter anderem ein Eisernes Kreuz 2. Klasse.

Im Ehrenamt leitete er von 1914 bis 1920 den Heimatbund Niedersachsen.[12]

Weimarer Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Kriegsende 1918 bewirtschaftete Münchhausen sein Gut in Windischleuba, publizierte aber auch in verschiedenen Zeitschriften. Ab 1925 war er bei der Zeitschrift Volk und Rasse Schriftleiter der Beilage Volk im Wort.[13]

Ab 1922 äußerte sich Münchhausen zunehmend negativ über Juden und Judentum. In einem Brief an seinen nichtjüdischen Freund Levin Ludwig Schücking vom 2. Dezember 1922 schrieb er: „Vielleicht liegen mir aber diese Wiener Juden alle nicht, auch Hoffmansthal ist mir ein Greuel. Ich fühle überall ein gewisses Minus und weiß nicht recht, ob es die sittliche Notwendigkeit der Werke oder der Charakter der Dichter ist. Jedenfalls wehrt sich mein Instinkt gegen sie, obwohl ich, wie Du weißt, gar kein praktischer Antisemit bin.“[14] Laut Gronemann erregte sich Münchhausen sehr darüber, dass der jüdische Schriftsteller A. Halbert es gewagt habe, seinen deutschen Stil zu verbessern, und schrieb dazu um 1930: „Sie sind Davidsternler, ich bin gewiß kein Hakenkreuzler, aber doch werden Sie begreifen, daß es mir als deutschem Schriftsteller peinlich ist, wenn in der deutschen Literatur Juden eine führende Stellung innehaben, aber das könnte noch angehen. Was für mich schlichthin unerträglich ist, ist daß sie diese Stellung zu Recht innehaben.“[15]

1924 schrieb er im Deutschen Adelsblatt: „Eine Ehe zwischen Arier und Juden ergibt immer einen Bastard“.[13] Im Sprachrohr der antisemitischen DNVP Deutsche Zeitung äußerte sich Münchhausen abfällig über jüdische Autoren wie Jakob Wassermann, Heinrich Heine und Emil Ludwig. In seinem Aufsatz Vom Sterbebett der deutschen Seele behauptete er, es gehe für Deutschland „längst nicht mehr darum, die Ausländer auszuschließen und die Juden ins Ghetto zu sperren! Wir sind ins ‚Christenviertel‘ gesperrt, das ist die Wahrheit!“[16]

Dabei verstand sich Münchhausen als Verteidiger des „Deutschtums“ gegen eine „Rassenmischung“, etwa 1929 gegenüber Ina Seidel: „Wie Sie wissen, bin ich nicht Antisemit, glaube aber allerdings das Deutschtum in seinem verzweifelten Abwehrkampfe gegen eine Überwucherung des jüdischen Geistes schützen zu müssen.“[17]

NS-Zeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach ihrer Machtübernahme am 30. Januar 1933 zwangen die Nationalsozialisten viele deutsche Autoren, die Deutsche Akademie der Dichtung zu verlassen. Münchhausen dagegen wurde im Mai 1933 in die „gesäuberte“ Akademie berufen und 1934 zu ihrem Senator ernannt. Im Oktober 1933 hatte er mit 87 weiteren Schriftstellern das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterschrieben. Im August 1934 unterzeichnete er nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg den Aufruf der Kulturschaffenden zur „Volksabstimmung über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs“ zugunsten einer Zusammenlegung des Reichspräsidenten- und Reichskanzleramts.[13]

In der NS-Zeit veröffentlichte Münchhausen fast nur noch Neuauflagen seiner früheren Bücher sowie Anthologien, verunglimpfte aber auch die moderne Kunst und Literatur und insbesondere den Expressionismus.[18] Er bekannte sich in einigen Texten zum Antisemitismus und behauptete unter anderem, dass der Anteil der Juden an den „Deserteuren, Verbrechern, Zuchthäuslern etwa hundert- bis zweihundertmal so stark wie der Anteil an der Bevölkerungszahl“ sei. Er machte energisch Front gegen moderne zeitgenössische Autoren und polemisierte gegen die in Deutschland verbliebenen. Er unterstellte Gottfried Benn öffentlich eine jüdische Abstammung.

Im Laufe der 1930er Jahre zog sich Münchhausen aus der Tagespolitik zurück, blieb jedoch einer der von der NS-Literaturpolitik am meisten geförderten Autoren. Seine Haltung zum NS-Staat war ambivalent. Zwar strich er in von ihm herausgegebenen Anthologien die Texte jüdischer und politisch unerwünschter Autoren, andererseits wurde er auch von Hardlinern kritisiert, als er sich 1937 für einige verfemte jüdische und nicht-jüdische Autoren einsetzte. 1933 erteilte er dem später als „entartet“ diffamierten Maler Conrad Felixmüller einen Porträtauftrag; Felixmüller weilte während der Arbeit bei Münchhausen auf Schloss Windischleuba und berichtete darüber anschließend in den Monatsheften von Velhagen & Klasing.

Gemeinsam mit seinem Cousin, dem Kunsthistoriker Hans von der Gabelentz (seit 1930 „Burghauptmann der Wartburg“), gründete er Anfang der 1930er Jahre die Deutsche Dichterakademie in Eisenach, die ihren Sitz auf der Wartburg hatte. Ab der „Reichs-Goethe-Feier“ 1932 bis 1937 trafen sich dort nationalistische Schriftsteller. Je einem Dichter wurde dabei die „silberne Wartburgrose“ verliehen. Unterstützung erhielt der Wartburgkreis vor allem von Hans Severus Ziegler. Zu seinen Treffen erschienen viele nationale Schriftsteller, darunter Hans Friedrich Blunck, Max Dreyer, Paul Ernst, Hanns Johst, Erwin Guido Kolbenheyer, Heinrich Lilienfein, Agnes Miegel, Jakob Schaffner, Wilhelm Schäfer und Hermann Stehr. Die Deutsche Dichterakademie bildete ein nationalistisches Pendant zur Dichtersektion der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Ab 1938 durfte das Wartburgtreffen nicht mehr stattfinden, da nun die Weimarer Dichtertreffen der Nationalsozialisten alle vorherigen Dichtertreffen zusammenfassten.

Im August 1944 ließ Hitler ihn in die Gottbegnadeten-Liste der wichtigsten deutschen Schriftsteller eintragen.[13]

Am 16. März 1945 beendete Münchhausen sein Leben durch Suizid. Motiv hierfür war neben der absehbaren Kriegsniederlage Deutschlands auch der Tod seiner Frau am 16. Januar 1945. Er ist auf dem Friedhof von Windischleuba begraben.

Rezeption nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da Münchhausens 1904 geborener einziger Sohn Börries 1934 bei einem Autounfall gestorben war, vererbte der Vater je eines seiner in Niedersachsen gelegenen Rittergüter Moringen und Parensen an seine Stiefkinder Charlotte von Katte, geborene Crusius, und deren Bruder. Schloss Windischleuba wurde bei der Bodenreform 1945 enteignet und wird seit 1977 als Jugendherberge genutzt.

Nach Kriegsende wurden einige Gedichte Münchhausens in Schullesebücher der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen, so in das Buch Deutsche Dichtung der Neuzeit. Für die Oberstufe höherer Schulen ausgewählt von Ernst Bender (Verlag G. Braun, Karlsruhe 1958). Münchhausens Balladen fanden seit den 1960er Jahren weniger Beachtung, aber Marcel Reich-Ranicki nahm 2005 zwei seiner Gedichte in seine Anthologie Der Kanon, Band 5 auf.

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1923 erhielt Münchhausen den Mejstrik-Preis der Deutschen Schillerstiftung.[19]

Er war Domherr vom Dom St. Marien zu Wurzen. Für dessen Innenraum schuf der Bildhauer Georg Wrba 1931/1932 einen bis heute bestehenden Zyklus spätexpressionistischer Bronzeguss-Werke, darunter auch Apostelköpfe mit den Gesichtszügen der damaligen Domherren einschließlich Münchhausens.

1944 machten die Städte Altenburg und Göttingen Münchhausen zu ihrem Ehrenbürger.[20] An seinem 70. Geburtstag, dem 20. März 1944, ernannte auch die Universität Göttingen ihn zum Ehrenbürger. Die Gründe dafür sind nicht dokumentiert; besondere Leistungen für Göttingen hatte er nicht vorzuweisen. Seine Ehrenurkunde würdigte den „deutschen Dichter, der […] eine altheimische Art dichterischen Gestaltens erneuert“ habe, und den „deutschen Mann, der durch den Klang zuchtvollen Sprechens ritterliche Gesinnung zu wecken“ wisse. Sie verwies auf die Göttinger Musen-Almanache und auf eine Verbindung seiner Adelsfamilie zur Universitätsgründung. Im Februar 2015 erkannte die Universität Göttingen ihm mit sieben weiteren Geehrten, darunter Hermann Göring, die Auszeichnung wieder ab, nachdem zwei Historiker seine Rolle in der NS-Zeit, seinen Antisemitismus und kontinuierliche Unterstützung des NS-Staates belegt hatten.[21]

Weiterführende Informationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (als Herausgeber) Göttinger Musenalmanach für 1898. L. Horstmann, Göttingen 1898
  • Gedichte, 1897
  • Juda: Gesänge (1900) Deutsche Verlags-Anstalt, 1922
  • Balladen, 1906
  • (mit Gustav Stölting, Hrsg.) Die Rittergüter der Fürstentümer Calenberg, Göttingen und Grubenhagen. Hannover 1912
  • Fröhliche Woche mit Freunden. Deutsche Verlags-Anstalt, 1922
  • Schloss in Wiesen: Balladen und Lieder des Freiherrn Börries von Münchhausen. Deutsche Verlags-Anstalt, 1922
  • Die Garbe: Ausgewählte Aufsätze. Deutsche Verlags-Anstalt, 1933
  • Geschichten aus der Geschichte einer alten Geschlechts-Historie nacherzählt. Philipp Reclam junior, Leipzig 1934
  • Münchhausen Beeren-Auslese: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk des Freiherrn Börries von Münchhausen. Deutsche Verlags-Anstalt, 1920 (bis 1941 oft wiederaufgelegt, unter anderem als „Soldatenbücherei Band 82“, herausgegeben vom Oberkommando der Wehrmacht.)[22]
  • Das dichterische Werk in zwei Bänden. Band 1: Das Balladenbuch. Band 2: Das Liederbuch. Deutsche Verlags-Anstalt, ab 1950 (letzte Auflage 1969)
  • Beate Schücking (Hrsg.): „Deine Augen über jedem Verse, den ich schrieb.“ Levin Ludwig Schücking - Börries von Münchhausen: Briefwechsel 1897–1945. Igel, Oldenburg 2001, ISBN 3-89621-127-7.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Biografien
Werkanalysen und Zeitgeschichte
  • Henning Gans: „Ich lass hier alles gehn und stehn …“ – Börries von Münchhausen, ein Psychopath unter drei Lobbyismokratien. Leipzig 2017, ISBN 978-3-86583-903-9.
  • Thomas F. Schneider: Ein „Beitrag zur Wesenserkenntnis des deutschen Volkes“: Die Instrumentalisierung der Ballade in der extremen politischen Rechten und im Nationalsozialismus 1900-1945. In: Srdan Bogosavljevic, Winfried Woesler (Hrsg.): Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, ISBN 3-03911-628-2, S. 125–150
  • Thomas F. Schneider: „Heldisches Geschehen“ und „reiner blaublonder Stamm“. Die Erneuerung der Ballade und ihre Instrumentalisierung durch Börries von Münchhausen seit 1898. In: Edward Białek, Manfred Durzak, Marek Zybura (Hrsg.): Literatur im Zeugenstand. Beiträge zur deutschsprachigen Literatur- und Kulturgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Hubert Orłowski. Peter Lang, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-631-39495-0, S. 541–561.
  • Werner Mittenzwei: Der Untergang einer Akademie, oder, Die Mentalität des ewigen Deutschen: der Einfluss der nationalkonservativen Dichter an der Preussischen Akademie der Künste, 1918 bis 1947. Aufbau, Berlin 1992, ISBN 3-351-02404-5
  • Karl Hoppe: Börries von Münchhausen und Raabe. In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft Band 8, 1967, ISSN 0075-2371, DOI:10.1515/9783110243567.105, S. 105–109

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 81–84
  2. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 85–98
  3. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 99–103
  4. Thomas F. Schneider: Ein „Beitrag zur Wesenserkenntnis des deutschen Volkes“, in: Srdan Bogosavljevic, Winfried Woesler (Hrsg.): Die deutsche Ballade im 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2009, S. 127 und Fn. 15
  5. Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900–1918: Von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Beck, München 2004, ISBN 3-406-52178-9, S. 598 f.
  6. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 104
  7. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 107–111
  8. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 112–121
  9. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 123–126
  10. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 126–154
  11. Jutta Ditfurth: Der Baron, die Juden und die Nazis. Hamburg 2015, S. 154–165
  12. Die Vorsitzenden des Heimatbundes Niedersachsen seit der Gründung. Heimatbund Niedersachsen e.V. (Archivlink)
  13. a b c d Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 423–425.
  14. Beate E. Schücking (Hrsg.): „Deine Augen über jedem Verse, den ich schrieb“, 2001, S. 229.
  15. Joachim Schlör (Hrsg.): Sammy Gronemann: Erinnerungen. Berlin / Wien 2002, S. 69 f.
  16. Hans-Albert Walter: Deutsche Exilliteratur 1933–1950. Band 1,1: Die Mentalität der Weimardeutschen / Die „Politisierung“ der Intellektuellen. Springer VS, Wiesbaden 2003, ISBN 978-3-476-00536-6, S. 261
  17. Werner Mittenzwei: Der Untergang einer Akademie, Berlin 1992, S. 155
  18. Reinhard Alter: Gottfried Benn und Börries Münchhausen. Ein Briefwechsel aus den Jahren 1933/34. Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft, Band 25, 1981, S. 139ff.
  19. Helga und Manfred Neumann: Agnes Miegel: Die Ehrendoktorwürde und ihre Vorgeschichte im Spiegel zeitgenössischer Literaturkritik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-1877-X, S. 112
  20. Hubert Höing: Schaumburger Profile: ein historisch-biographisches Handbuch, Band 1. Verlag für Regionalgeschichte, 2007, ISBN 3-89534-666-7, S. 230
  21. Ausgezeichnet in der NS-Zeit: Uni Göttingen distanziert sich von Hermann Göring. Spiegel, 16. Februar 2015; Dirk Schumann, Lena Elisa Freitag: Ehrungen der Universität Göttingen (Ehrenbürger und -doktoren) in der NS-Zeit und der Umgang mit ihnen nach 1945. (PDF-Download) Georg-August-Universität Göttingen, 26. August 2014
  22. Jörg Weigang: Frontlektüre: Lesestoff für und von Soldaten der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Niemeyer, 2010, ISBN 3827188334, S. 10