Bügelfibel von Nordendorf

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Die Schauseite der Bügelfibel von Nordendorf I
Bügelfibel Nordendorf II

Die Bügelfibel von Nordendorf ist die allgemeine Bezeichnung von zwei germanischen Gewandspangen aus dem frühen 7. Jahrhundert, die 1843 bei Nordendorf in Bayern gefunden wurden. Für die Herkunft der Fibeln wird ein alamannischer Hintergrund vermutet.

Nordendorf I[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auffindung und Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fibel stammt wahrscheinlich aus einem Frauengrab, welches Teil eines 448 Bestattungen umfassenden Reihengräberfeldes war. Genaueres wurde bei den Ausgrabungen nicht oder nur unzulänglich dokumentiert. Die Gräber lassen auf fränkische, alemannische und langobardische Besiedlung schließen. Die Siedlung in der Nähe des Gräberfeldes gewann ihren Wohlstand durch ihre unmittelbare Lage an der Via Claudia Augusta, der wichtigsten Straße nach Italien in der Antike.

Inschrift und Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Runeninschrift

Die rechtsläufige, zweizeilige Inschrift im älteren Futhark ist auf der Rückseite der Kopfplatte angebracht und ist klar lesbar als:

I: ᛚᛟᚷᚨᚦᛟᚱᛖ ᚹᛟᛞᚨᚾ ᚹᛁᚷᛁᚦᛟᚾᚨᚱ
logaþore wodan wigiþonar
II: ᚨᚹᚨ ᛚᛖᚢᛒᚹᛁᚾᛁ
awa (l)eubwini


Zeile A

Die erste Zeile bot seit der Entdeckung der Fibel den meisten Anlass zur Diskussion. Die Wörter wodan und wigiþonar wurden und werden einstimmig als die Götternamen von Wodan und Donar angesehen. Donar ist dabei entweder als Weihe-Donar (mit wigi- zu germ. *wīgian 'weihen') oder als Kampf-Donar (mit wigi- zu germ. *wīgan 'kämpfen') aufzufassen. Dazu stellte man einen dritten Gott – logaþore, den man als den nordischen Loðurr bzw. Loki identifizierte, was sprachlich sehr waghalsig ist. Die dreifache Nennung von Göttern (Trias) kommt allerdings im germanischen Heidentum wie auch in anderen Kulturkreisen sehr häufig vor.

Klaus Düwel deutet logaþore als „arglistig“ oder „Zauberer“. Diese Deutung resultierte aus dem Fund zweier altenglischer Glossen in denen die lateinischen Wörter cacomicanos und marsius mit logþer und logeþer übersetzt worden waren. Die Bedeutung der Inschrift wandelte sich damit von der heidnischen Göttertrias zur christlichen Aussage „Zauberer (oder: lügnerisch) [sind] Wodan und Weihe-Donar.“[1]

Gegen diese Deutung werden unter anderen durch Edgar C. Polomé weiterhin Argumente angeführt:[2]

  • linguistisch ist das -e in logaþore ungewöhnlich
  • stilistisch passt eine Göttertrias besser
  • historisch ist die Mitte des 6. Jahrhunderts zu früh für eine christliche Runeninschrift
  • zu erwartende, beziehungsweise fehlende christliche Symbolik
  • mythologisch lässt sich zwar Odin aber nicht Thor als Zauberer bezeichnen
  • spricht die stabende Langzeile durch den Beinamen („Prunknamen“) Donars gegen eine Abschwörungsformel

Trotz dieser Argumente ist Düwels Deutung heute weitgehend akzeptiert. Englische Glossen übersetzen allerdings lateinisch marsius/marsi auch als wyrmgalera (Schlangenzauberer) was wiederum ein Hinweis auf Loki und die Göttertrias wäre. Sogar eine Verwechselung von Marsius mit dem Gott Mars und damit Tyr wäre möglich.[3] Tyr würde von allen Göttern am besten in eine Göttertrias passen.

Zeile B

Bei der zweiten Zeile der Fibel handelt es sich nach allgemeiner Ansicht um die Personennamen Awa (Diminutiv zu Awila) und Leubwini (Lieb-Freund). Die L-Rune am Anfang des Wortes wird jedoch angenommen da sie so gut wie abgerieben ist.

Nordendorf II[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Darstellung der Inschrift des ausgehenden 19.Jahrhunderts in der Lesung mit den heute als unsicher geltenden Runen als birlnioelk (G. Stephens: Handbook of the Old-Northern Runic Monuments of Scandinavia and England. 1884)

Im gleichen Gräberfeld wurde 1844 noch eine weitere feuervergoldete Fibel aus Silber mit einer Runeninschrift gefunden. Die Inschrift ist einzeilig ausgelegt und wurde auf der Rückseite der halbrunden Kopfplatte angebracht.

(/)ᛁᚱᛚ(?)ᛁᛟᛖᛚ(?)
(b/a)irl(?)ioel(?)

Eine klare Deutung der Inschrift ist bedingt durch Sonderzeichen/Runen für den Korpus der südgermanischen Runeninschriften (Positionen 5, 10), sowie die Lesung der Rune Nr. 1 als b- oder a-Rune, bisher nicht erfolgt. Ute Schwab deutete die für das Germanische ungewöhnliche und unbelegte Voklareihe ioe als eine mögliche Wiedergabe synkretischer, magischer Verbalisationen des hebräischen Theonyms Jehova/Jahwe nach der griechischen Form Ιαώ (und Varianten) aus den sogenannten spätantiken „Zauberpapyri“.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Düwel: Runenkunde. 3. Auflage. Metzler, Stuttgart Weimar 2001, ISBN 3-476-13072-X.
  • Wolfgang Krause, Herbert Jankuhn: Die Runeninschriften im älteren Futhark. (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philosophisch-Historische Klasse; Folge 3, Nr. 65,1 (Text), Nr. 65,2 (Tafeln)). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1966.
  • Tineke Looijenga: Runes around the North Sea and on the Continent AD 150-700. S. 144-145. (Vollversion)
  • Robert Nedoma: Personennamen in den südgermanischen Runeninschriften. Studien zur altgermanischen Namenkunde I, 1, 1. (= Indogermanische Bibliothek. 3. Reihe: Untersuchungen). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2002, ISBN 978-3-8253-1646-4.
  • Ute Schwab: Runen der Merowingerzeit als Quelle für das Weiterleben der spätantiken christlichen und nichtchristlichen Schriftmagie? In: Klaus Düwel, Sean Nowak (Hrsg.): Runeninschriften als Quellen interdisziplinärer Forschung. (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Ergänzungsbände, 15). Walter de Gruyter, Berlin/New York 1998, ISBN 3-11-015455-2, S. 376–433.
  • Marcus Trier, Klaus Düwel: Nordendorf. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA). 2. Auflage. Band 21, Walter de Gruyter, Berlin/New York 2002, ISBN 3-11-017272-0, S. 273–277.
  • Norbert Wagner: Zu den Runeninschriften von Pforzen und Nordendorf. In: Historische Sprachforschung 108 (1995), S. 104-112.
  • Michelle Waldispühl: Schreibpraktiken und Schriftwissen in südgermanischen Runeninschriften. Zur Funktionalität epigraphischer Schriftverwendung. Chronos Verlag, Zürich 2013, ISBN 978-3-0340-1026-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Düwel: Runenkunde, S. 64.
  2. Edgar C. Polomé: Essays on Germanic Religion. (= Journal of Indo-European Studies Monograph Series, Band 6). Washington/DC 1989, ISBN 0-941694-34-8, S. 140 ff.
  3. Tineke Looijenga: Runes around the North Sea and on the Continent AD 150-700. S. 145.